
Jubel für die Künstlerinnen und Künstler beim Applaus: Regisseur Kirill Serebrennikov (zweiter von links vorn), Startänzer David Motta Soares (zweiter von rechts vorn) und Dirigent Dominic Limburg (rechts außen) mit dem Staatsballett Berlin nach der Premiere von „Nurejew“ am 21.03.26 in der Deutschen Oper Berlin. Schlussapplausfoto: Gisela Sonnenburg
Hier gibt es nur einen Rat: Hingehen und auf ein Ticket hoffen! Und außerdem mal bei arte.tv vorbeischauen, wo der Live-Stream der jüngsten Premiere vom Staatsballett Berlin (SBB) in der Mediathek steht. Denn es ist ein wahres Spektakel, das einen erwartet, und die Emotionen darin sind haarscharf kalkuliert. Aber es lohnt sich: Eine Sensation ist allein schon der Hauptdarsteller David Soares Motta, der entgegen seiner Physiognomie viel von der Aura des Titelhelden „Nurejew“ transportiert. Yeah! Der Name ist Programm – und steht zudem für die größten Erfolge, aber auch für die traurigste Tragik, die man im Ballett nur haben kann: Rudolf Nurejew, Jahrgang 1938, bezauberte mit seiner Hingabe und Leidenschaft, mit seiner persönlichen Ausstrahlung, mit seiner auch schöpferisch genialen Kunst, sogar mit seinem guten Geschmack – und das Publikum in aller Welt lag ihm zu Füßen. Im Westen stand er für die höchste Qualität des russischen Balletts, im Osten zeitweise für einen gefährlichen Geflüchteten, der schließlich doch wieder heimfand und gefeiert wurde. Viel zu früh erkrankte „Rudi“ – so sein Spitzname im Westen, im Osten wurde er „Rudik“ genannt – an Aids und verstarb im Januar 1993, Jahre vor der Marktreife hilfreicher Medikamente. Das Stück „Nurejew“, das der Regisseur Kirill Serebrennikov und der Choreograf Yuri Possokhov 2017 in Moskau fürs Bolschoi Theater schufen – beide sind, wie Nurejew selbst, russischer Herkunft – spießt sowohl Rudiks Leben als auch seine Obsessionen, seine Kunst wie auch deren Wirkung auf. In der Deutschen Oper Berlin funkelt und glänzt das SBB jetzt mit diesem rundum gelungenen Abend. Eine Auktion mit Rudis Nachlass bildet szenisch den Rahmen und Leitfaden, und in tänzerisch ausgefeilten Szenen spult sich Nurejews Werdegang wie im Zeitraffer von knapp zweieinhalb Stunden ab. Martin ten Kortenaar (auch er eine Nurejew-Besetzung) tanzte bei der Premiere mit Lyrik im Herzen hinreißend Rudis Liebsten, den Bravourballerino Erik Bruhn. Polina Semionova tanzt die Solitärballerina Natalia Makarova („Die Diva“) in einem ergreifenden Solo: als einsame Tanzprobe mit einem Stuhl. Und Iana Salenko schafft es, in einer Pas-de-deux-Replik auf „Marguerite and Armand“ (von Frederick Ashton) eine Illusion von Margot Fonteyn, der legendären Bühnenpartnerin Nurejews, zu schaffen. Heiter wie ein Film mit Audrey Hepburn kommt der erste Teil daher, düster wie „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze der zweite: Nurejew verstummt schließlich mit dem Taktstock in der Hand.
Denn am Ende wirkte der stark geschwächte Superstar Rudi auch noch als Dirigent. Mit vornehmer Gebrechlichkeit stellt David Motta Soares ihn so zuletzt dar, ganz real ein paar Takte lang das Orchester dirigierend.
Zuvor aber reihen sich sinnliche, im zweiten Teil auch makabre Konstellationen aneinander. Besonders gelungen ist da die Umsetzung der Dark Rooms, in denen sich Nurejew infizierte, mit Corps ästhetischer Bilderbuchschwuler in schwarzen Lederhosen, oben ohne und von Matrosenmützen gekrönt. Diese Schar füllt zunächst ein Käfiggestänge, in dem eigentlich Nurejew selbst als „Pierrot Lunaire“ tanzen könnte (die ursprüngliche Choreografie von Glen Tetley zur Musik von Arnold Schönberg ist weltberühmt), während er hier als weißer Pierrot kostümiert brillant davor herumzappelt, kullert und tänzerisch tiriliert.
Wie ahnungslos er war, wie arglos er das Leben und seine sexuellen Abgründe genoss – und wie hilflos ihn dann die Krankheit machte, davon erzählt Possokhovs Choreo herzergreifend.

David Motta Soares als „Nurejew“ – beim Schlussapplaus noch ganz in der Rolle. Yeah! Foto: Gisela Sonnenburg
Die absolute Spezialität von Yuri Possokhov – wer ihn als Choreograf schon kennt, weiß das – sind allerdings Pas de deux. Und so bilden zwei Liebestänze die Höhepunkte des Miteinanders.
Zum Einen: das Duett von Rudi mit Erik Bruhn, das sich von der harten Arbeit im Ballettsaal bis zum zartesten Gefühl zwischen zwei Menschen erstreckt. Martin ten Kortenaar und David (Motta) Soares – der außerhalb Berlins stets unter seinem vollen Namen tanzt – bilden ein Paar, ohne damit plakativ zu wirken, und sie zeigen ihr innerstes Verständnis füreinander, ohne dieses als Skandal auszustellen. Wahre Liebe, getanzt mit Hingabe und ohne Allüren!
Der zweite Pas de deux „assoluta“ gebührt Rudi und Margot Fonteyn: Zu den Klängen von Hector Berlioz findet sich ein Bühnenpaar voller Charme und Synchronizität, mit männlich-starker und feminin-eleganter Kraft. Tatsächlich bilden David Motta Soares und Iana Salenko hier ein Traumpaar, und am liebsten möchte man sie sofort in der kompletten Choreografie von Ashton sehen, als „Marguerite and Armand“: sie mit kitschigen Volants am Gewand als Luxuskurtisane und er als naiver High-Society-Jungspund alles gebend, in kapriziösen Hebefiguren wie in passionierten Posen.
Der Abend muss halt vieles ausgleichen, weil man als Ballettfan in Berlin doch oftmals darbt. William Forsythe und Sharon Eyal hin oder her – das Glück, das eine wirklich geniale Choreografie schenkt, können diese zeitgenössischen Trendtanzmacher nicht ersetzen.
Auch die hier mit Jungs durchsetzten Serpentinen der weißen Schatten aus „La Bayadère“ (einst war das Stück als „Die Bajadere“ ein Glanzstück in der Berliner Ära von Vladimir Malakhov) lassen das Publikum hörbar den Atem anhalten – Marius Petipa und Lew Iwanow waren eben nicht umsonst die prägendsten Choreografen des 19. Jahrhunderts. Und ihre Schatten-Fantasie mit bildschönen jungen Tänzern zu ergänzen, ist ein vorzüglicher Einfall. In Berlin ist man aber mittlerweile nach dieser Form der Grandezza förmlich ausgehungert.
Das zeigt, welche Defizite man durch den sonstigen Spielplan vom Staatsballett Berlin mittlerweile hat. Die großen traditionellen Klassiker von Petipa und Iwanow kennt man hier nur noch in den Versionen von Patrice Bart – und das seit über 25 Jahren, was sie nicht besser werden lässt. Wo bleibt mal ein „Schwanensee“ in einer der Versionen von Rudolf Nurejew? Wo bleibt Nurejews „Don Quixote“, den man in Wien, Paris und Hamburg mit Erfolg ohne Ende getanzt hat?

Iana Salenko als Margot Fonteyn und David Motta Soares als „Nurejew“ – innig und harmonisch als traumhaftes Bühnenpaar „Marguerite and Armand“. So zu sehen in „Nurejew“ beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada
Vielleicht, so hofft man, wird die „Nurejew“-Produktion dazu führen, dass auch mal wieder ein Hochkarat aus dem ganz klassischen Bereich in das Repertoire vom Staatsballett Berlin aufgenommen wird. Das Publikum will so etwas immer sehen, und in welchem Kontext man es zeigt, ist durchaus eine Diskussion wert. Aber:
Die Klassik ist ja nicht tot, solange man sie lebendig erhält. Sie ist nur tot, wenn man sie schlecht oder gar nicht mehr präsentiert.
Selbiges gilt für die Klassik der Moderne.
Die großen modernen Klassiker etwa von Glen Tetley, Frederick Ashton, John Neumeier, John Cranko, Kenneth MacMillan und vor allem auch von Jerome Robbins und Maurice Béjart, aber auch Martha Graham und Pina Bausch fehlen in Berlin mittlerweile komplett, man muss sie sich – wohl auch langfristig – woanders ansehen. Berlins Ballettchef Christian Spuck empfindet die erwiesen bedeutenden modernen Stücke vielleicht als Konkurrenz zu seinem eigenen choreografischen Stil. Jedenfalls hat er sie – auch für die kommende Spielzeit – bis auf ein Stück von George Balanchine von den Berliner Ballettbühnen verbannt.
Aber wäre ein Triple-Abend mit dem vollen „Pierrot Lunaire“, mit der kompletten „Marguerite and Armand“ und zum Beispiel mit „In the Night“ (zu Chopin-Musik) von Robbins jetzt nicht die logische Fortsetzung, um tiefer in die in „Nurejew“ nur angetippten Tanzthemen einzusteigen? Das wäre so wunderbar!
Dann noch den „Nussknacker“ von Nurejew oder seinen „Don Quixote“ dazu – und das Staatsballett Berlin könnte wieder eine Truppe von Weltrang sein.
Das altersmäßig schön gemischte Publikum reagierte bei der Premiere von „Nurejew“ denn auch sofort jubelnd auf die wenigen Brocken echter klassischer Grandezza – und mit lautem Johlen nach einer famosen klassischen Pirouettenserie von David Motta Soares – als auch auf die tänzerischen Zitate von Frederick Ashton.
Selbst wenn man den glatten, neoklassisch-zeitgenössischen Stil von Christian Spuck mag, so muss man doch eingestehen, dass er nicht an die ganz Großen herankommt. Sprich: Er berührt nicht so stark, er reißt nicht so stark mit, er erweitert nicht so stark den emotionalen und auch intellektuellen Horizont.

Fantastisch: Odin Lund Biron als Auktionator in „Nurejew“ von Serebrennikov und Possokhov, zu sehen beim Staatsballett Berlin in „Nurejew“. Foto: Carlos Quezada
Es wäre einfach prima, wenn er selbst das öfter mal einsehen würde und seine eigenen Choreografien ein wenig zurückstellen könnte, um echte Weltkunst zu zeigen. Mit „Nurejew“ hat er das getan, und es ist ihm nicht genug dafür zu danken. Er hat Berlin damit eine neue Welt des Tanzes eröffnet.
Ich darf bei der Gelegenheit mal daran erinnern, dass ich schon vor dem Amtsantritt von Christian Spuck in Berlin hier im BALLETT-JOURNAL darauf verwies, dass Yuri Possokhov einer der bedeutendsten choreografischen Könner der Gegenwart ist und unbedingt in Berlin zu sehen sein sollte. Aber jenseits von Rechthaberei:
Zu danken ist auch den Tänzerinnen und Tänzern vom SBB, die sich mit viel Tanzfreude, aber auch mit Disziplin in den spezifischen Stil von Possokhov – mit vielen gesprungenen Développés, mit blitzschnellen Gleitschritten und mit aufregenden, exaltierten Hebungen – eingelassen haben. Aber nicht nur Tanzende geben hier ihr Bestes: 141 Darsteller gibt es, Chor und Statisterie inbegriffen.
Das Corps erfüllt alle Anforderungen, vom spielerischen Training in den Ballettstudios der Vaganova Akademie in Leningrad zu Rudis Jugendzeit über „typischen“ sowjetischen Schautanz bis zum Schattenreich aus „La Bayadère“.
Die zweite Spezialität von Yuri Possokhov (der im ersten Berufsleben Erster Solist war, am Bolschoi ebenso wie in San Francisco) ist aber nicht der Ensembletanz, sondern das Solo. Die anrührenden, posenreichen, oft sprungstarken Soli, die Yuri Possokhov hier kreierte, haben das Zeug, einzeln auf Galas gezeigt zu werden.
Natalia Makarovas Tanz mit dem Stuhl ist dabei, ebenso die intensive solistische Charakterisierung von Erik Bruhn. Er tanzt mit der Zigarette in der Hand, ganz in existenzialistisches Schwarz gehüllt. Elegant, souverän, dennoch melancholisch – exzellent macht Martin ten Kortenaar das!

Absolut ergreifende wahre Liebe: Martin ten Kortenaar als Erik Bruhn mit David Motta Soares als „Nurejew“. Nur beim Staatsballett Berlin zu sehen! Und Martin ten Kortenaar ist sogar auch noch die nächste Besetzung der Titelfigur „Nurejew“. Foto: Carlos Quezada
Man schmilzt in beiden Fällen dahin, weil die jeweilige Situation der Künstlerin, des Künstlers, so vielschichtig deutlich wird. Vor allem aber begeistert auch das „Freiheitssolo“ von Nurejew selbst, der mit einem developpierten Grand jeté über die Absperrungen springt. Das ist kongenial gemacht! Da ist erst das Zögern bei ihm zu sehen, aber dann ist die Angst größer, vom KGB für „ungebührliches“ Verhalten und für Kontakte unter anderem zu Homosexuellen bestraft zu werden. Nurejew wird regelrecht in den Westen getrieben, das ist tänzerisch großartig realisiert.
Die russische Homophobie – damit sind wir beim Thema, über das „Nurejew“ in vielen Mainstream-Medien angepriesen wurde, als ginge es hier nicht auch um Kunst, sondern nur um Politik. Es wird nämlich – vor allem von Kirill Serebrennikov und dann auch ohne Quellenangabe – immer wieder behauptet, „Nurejew“ sei in Moskau aus politischen Gründen sprich aus Schwulenfeindlichkeit „abgesetzt“ oder gar „verboten“ worden.
Ganz so einfach ist das aber nicht. Um Russland zu kritisieren, sollte man es kennen.
Zunächst wurde das Stück „Nurejew“ von Wladimir Urin, damals Intendant vom Bolschoi, als Auftragswerk bestellt. Die Brisanz der Materie war Urin selbstredend klar. Brisant war sie, weil Nurejew nach seiner Flucht in den Westen in Russland gefemt wurde, und der KGB erwog sogar, ihm die Beine brechen zu lassen. Jedenfalls war er wegen seiner Flucht während eines Gastspiels in Paris lange Zeit in der Sowjetunion eine persona non grata.
Allerdings: Als seine Mutter tödlich erkrankte, durfte Rudi mit einem Sondervisum 1987 in die SU einreisen und sie noch einmal sehen. Nach der Auflösung des Eisernen Vorhangs reiste er dann öfters nach Russland, trat dort auch noch einige Male auf versöhnte sich mit seinem „Vaterland“. Davon schweigt Serebrennikovs Libretto für „Nurejew“.
Im Russischen hat der Begriff „Vaterland“ derweil tatsächlich deshalb eine Bedeutung, weil verschiedene regionale Nationalitäten zu einem Staat, zu einem „Vaterland“, zusammengefasst werden, was auch ein Gefühl der Verbundenheit einschließt. Die „Heimat“ (ein anderes russisches Wort als das für „Vaterland“) war für Rudi hingegen nicht Russland, sondern Tatarstan, denn er stammte aus Ufa, war also gebürtiger Tatar.

Freuen sich über den großen Jubel bei der Berliner Premiere: Yuri Possokhov, Choreograf, mittig, mit Iana Salenko, die in „Nurejew“ die Partie von Margot Fonteyn tanzt, direkt vor sich. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg
Die Uraufführung von „Nurejew“ wurde wiederum – was auch Yuri Possokhov bei der Matinee, die das SBB dankenswerterweise abhielt, betonte – nicht nach der Generalprobe „abgesetzt“, sondern sie wurde terminlich verschoben, und das schon vor der Generalprobe. Begründung, so Possokhov: Die Inszenierung sei „noch nicht fertig“. Dennoch durfte eine Generalprobe der ersten Version stattfinden, und diese durfte auch auf Video aufgezeichnet werden. Urin sorgte also dafür, dass hier kein Arbeitsmaterial, genau genommen: kein kulturelles Erbe, verloren ging.
Grund für die verlangte „Nachbesserung“ waren wohl eindeutig den schwulen Geschmack bedienende Nacktfotos und Nacktszenen. Dazu muss etwas gesagt werden:
In Russland ist nicht die Homosexualität an sich verboten, sondern das öffentliche homosexuelle Verhalten. Man macht von staatlicher Seite aus keine denunzierende Jagd auf Menschen, um herauszufinden, ob sie schwul sind (was die Nazis taten und was einem auch in der Bundesrepublik bis 1994 noch passieren konnte). Sondern man will in Russland Menschen daran hindern, ihre Homosexualität anderen zu zeigen. Privat und vor dem öffentlichen Auge verborgen dürfen Schwule auch heute noch in Russland zumindest offiziell ihre Sexualität ausleben. Sie dürfen das eben nur nicht öffentlich mitteilen.
Was uns im Westen als Heuchelei und unbotmäßige Einschränkung der persönlichen Freiheit erscheint, ist im Grunde ein Kompromiss mit rigiden, falschen Moralvorstellungen. Wer nun provozierend sprich öffentich sichtbar dem Transgender-Dasein frönt oder öffentlich schwul-lesbisch knutscht, lebt in Russland gefährlich. Man könnte ebensogut als Frau in einem streng islamischen Staat die Haare offen und unbedeckt zeigen, dazu ein nabelfreies Top tragen oder gleich als „Flitzer“ durch die Straßen rennen. Verhaftungen wären die Folgen. Fürs „Flitzen“ außerhalb von FKK-Zonen zahlt man übrigens auch im heutigen Deutschland eine Geldstrafe. Man geht nämlich davon aus, dass das ein öffentliches Ärgernis ist.

Auch mal erfrischend: Chor und Tanz im nachgefühlten sowjetischen Stil. Zu sehen in „Nurejew“ von Serebrennikov und Possokhov beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada
Ähnlich argumentiert man in Russland, wo tatsächlich ein Großteil der Bevölkerung nicht genügend über Homosexualität aufgeklärt ist. Die Bestrafungen öffentlichen homosexuellen Verhaltens haben in Russland gesetzliche Grundlagen, was wie ein Teufelskreis wirkt und weitere Aufklärung verhindert. Dennoch wurde in bestimmten Räumen – und dazu zählten die Kunst und das Theater – in den letzten Jahrzehnten auch mal von einer Strafverfolgung abgesehen. Man durfte sich also nicht schwul-lesbisch öffentlich küssen, aber Inszenierungen mit Hinweisen auf Homosexualität waren in Maßen geduldet. So reüssierte ein Ausschnitt aus dem Ballett „Tod in Venedig“ von John Neumeier bei der Gastspiel-Gala „Neumeier without Borders“ vom Hamburg Ballett in Sankt Petersburg, obwohl darin reichlich sichtbare Verweise auf homosexuelle Liebe vorkamen.
Sowie die Grenze zur „öffentlichen Propaganda homosexuellen Verhaltens“ als überschritten gilt, greift allerdings das, was wir Zensur nennen, was in Russland aber als „Gelegenheit zur Nachbesserung“ verstanden sein will.
Natürlich ist das nicht das, was wir im Westen unter künstlerischer oder individueller Freiheit verstehen. Aber Wladimir Urin war mit „Nurejew“ immerhin so mutig, die Grenzen auszureizen.
Weil sie in der ersten Version von „Nurejew“ für das damalige russische Empfinden offenbar überschritten war, sollte die Inszenierung überarbeitet werden. Dann aber konnte die Uraufführung kurze Zeit später stattfinden und lief von 2017 bis 2023, also fünf Jahre. Was für eine neue Uraufführung an Opernhäusern weltweit eine unüblich lange Zeitspanne ist.
Dass der Regisseur Kirill Serebrennikov am Tag der Premiere von „Nurejew“ in Moskau unter Hausarrest stand, lag an einem Urteil wegen angeblicher Unterschlagung von Etatgeldern. Später wurde der Künstler und Theaterleiter unter anderem zu einem langjährigen Ausreiseverbot vergattert. Im März 2022 soll dieses Urteil aber von einem Moskauer Gericht getilgt worden sein. Serebrennikov lebt seither in Deutschland.
Mit den Sanktionen, die der Westen gegen Russland wegen des Ukraine-Kriegs erließ, verschärfte sich allerdings die russische Abwehr so genannter westlicher Einflüsse, und dazu zählen nun mal leider auch die öffentlichen queeren Bestrebungen. Eine Schwulendemo ist in Russland ein verbotener Akt, das ist traurig, aber wahr.
Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass auch im Westen – in den USA wie in Europa, in Deutschland bis 2006, als endlich das Allgemeine Antidiskriminierungsgesetz in Kraft trat – Schwule oft und hart diskriminiert werden konnten.

Und noch mehr Stars! Polina Semionova (als Diva Makarova) mit David Motta Soares als „Nurejew“, dem Dirigenten Dominic Limburg (rechts) und dem Staatsballett Berlin beim Premierenapplaus. Foto: Gisela Sonnenburg
Nun einfach zu sagen, das Ballett „Nurejew“ sei in Russland „verboten“ oder „abgesetzt“ worden, greift zu kurz. Es wurde nicht mitten in der Spielzeit abgesetzt, sondern die Uraufführung wurde um einige Wochen verschoben, und danach kam es erst nach fünf Spielzeiten nicht wieder auf den Spielplan.
Ein Zusammenhang mit dem Thema „Homophobie“ ist wahrscheinlich, aber wohl nicht nachweislich. Dass Wladimir Urin – der ein hervorragender Bolschoi-Boss war, mit vorzüglichem Geschmack – sich insgesamt zunehmend unwohl in seinem Posten fühlte, führte dazu, dass er zum Jahresende 2023 seinen Rücktritt verkündete.
Sein Nachfolger wurde der Dirigent Valery Gergiev, ein begnadeter Künstler (kein umtriebiger Kulturmanager wie Urin) und zugleich ein langjähriger Freund von Wladimir Putin. Gergiev sprach sich, was damals zu Protesten gegen ihn im Westen führte, schon früher für die Untersagung von „homosexueller Propaganda im öffentlichen Leben“ aus.
Seit Sanktionen Russland für seinen Angriffskrieg auf die Ukraine bestrafen, während die USA einen Krieg nach dem anderen völkerrechtswidrig beginnen, ohne sanktioniert zu werden, ist das kulturelle Klima in Russland allerdings nicht gerade aufgeschlossener für westliche Ideen von Freiheit geworden. Die Gesetzeslage gegen homosexuelle Aktionen in der Öffentlichkeit wurde daher mehr oder weniger durch die Sanktionen nochmals verschärft. Für „Nurejew“ wird also in Russland wohl erst wieder Platz sein, wenn die Feindseligkeiten zwischen Ost und West abnehmen.
Im übrigen – daran sei mal erinnert – wurden Lockerungen bei der Schwulendiskriminierung im Westen keineswegs durch pure Provokationen erreicht, sondern durch Aufklärung und juristisch geprägte Verhandlungen.

Die Schwäne aus „Schwanensee“ sind hier vor allem schwarz – sie stehen für Melancholie und Todesahnung. So zu sehen in „Nurejew“ von Kirill Serebrennikov und Yuri Possokhov beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada
Zurück zu Rudi. Die starke Beziehung, die Rudolf Nurejew zu seiner Mutter hatte, ist etwas, das im „Nurejew“-Ballett komplett fehlt, ebenso wie seine Liaisons mit Frauen, die der nicht nur schwule, sondern bisexuelle Rudolf Nurejew nicht ganz selten hatte. Von der Gattin seines verehrten Ballettlehrers Alexander Puschkin (bei dem er auch wohnte) bis zu einer Schwester von Jacqueline Kennedy konnten ihm viele Frauen nicht widerstehen – und er nicht ihnen. Ein wenig bedauert man es, dass dieser Aspekt von Serebrennikov und Possokhov so ganz ausgeklammert wurde. Ist das nicht eine Diskriminierung von Frauen?
Dafür gibt es viele männliche Nacktfotos und auch nackigen Tanz von Rudi in „Nurejew“. Sie entwickelt sich szenisch aus einer Fotosession mit dem Starfotografen Richard „Dick“ Avedon, vom Schauspieler Odin Lund Biron fabelhaft verkörpert. Als Avedon quasselt er auf sein fast stummes, aber schönes Modell Rudi pausenlos ein, versucht Rudi zu Posen und Looks zu bewegen – und lässt ihn sich schließlich ausziehen, weil es „so warm“ sei.
Rudi, von Berufs wegen ein Stück weit exhibitionistisch, zeigt nicht nur nackte Haut, die wir vor allem an seiner Rückenseite sehen, sondern gerät auch in Bewegung. Erst tanzt er – wie schon Makarova – mit dem Stuhl, auf dem er eben noch saß, dann benutzt er diesen als Lendenschurz, um einer Meute von Fotografen zu entkommen.
Jemand wirft ihm einen Pelzmantel zu – und nackt im Pelz tanzt Nurejew auf einem Tisch während einer High-Society-Party. Der Jetset-Star Nurejew ist geboren. David Motta Soares ist anzumerken, dass er hier nicht ganz so gern so weit geht wie Rudi. Aber er schlägt sich tapfer.
Rudis rastloses Jagen um die Welt, um zu arbeiten, wird ebenfalls plastisch vorgeführt. Überall wird plötzlich Rudis „Schwanensee“ getanzt, mal mit ihm in der Hauptrolle als Prinz Siegfried, mal mit anderen Ballerinos. Nurejew probt, wirft sich ins Kostüm, tanzt, schwitzt, lässt sich am Garderobentisch abtrocknen und massieren – und hechtet zur nächsten Probe, ins nächste Kostüm. Toll.
David Motta Soares zeigt dies umso eindringlicher, als er schon in Moskau für die Rolle besetzt war, dort allerdings nie zum Einsatz darin kam. Christian Spuck, der 2021 am Bolschoi sein wirklich viel en travestie besetztes Stück „Orlando“ kreierte, kennt David übrigens aus dieser Zeit.
Spuck zog seine Lizenzen für „Orlando“ übrigens 2022 vom Bolschoi zurück. Ob Brückenabbruch der richtige Weg ist? Oder ob die Kultur nicht vielmehr immer versuchen sollte, eine Brücke zu schlagen?

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In „Nurejew“ wird das nicht direkt diskutiert. Aber die Auktion bei „Christie’s“, die den Rahmen der Szenen bildet und die immer mal wieder mit einzelnen Lots in den Vordergrund gerückt wird, weist darauf hin, dass im globalen wirtschaftlichen System nur noch das Geld und der Profit zählen. Exponate, die vielleicht auch in Museen wirkungsvoll wären, wandern eines nach dem anderen in private Hände.
Als Anregung mag hier übrigens „Die Kameliendame“ von John Neumeier gewirkt haben, denn auch dieses führende Handlungsballett beginnt mit den Umständen einer Auktion des Nachlasses der Titelfigur. 2014 wurde „Die Kameliendame“ – übrigens auch unter Wladimir Urin – ins Repertoire vom Bolschoi Ballett übernommen. Vielleicht hat Serebrennikov sie dort gesehen und ließ sich inspirieren.
Possokhov lässt nun die reichen Interessentinnen und Interessenten, die auf den Stühlen sitzend bieten, ab und an während der Auktion tanzen – rührend wirkt das. Es soll zeigen, dass auch Reiche noch Menschen sind, die Träume haben.
Ein Los bezeichnet dann eine von Rudi handgeschriebene Notiz auf Briefpapier eines Krankenhauses in Toronto. Dort starb Erik Bruhn an Lungenkrebs, 1986. Rudi besuchte ihn dort ein letztes Mal. Der Auktionator – auch er wird hervorragend von Odin Lund Biron gespielt – hält den Inhalt der Notiz geheim.
Andere Lose bezeichnen Gemälde, zumeist aus dem 19. Jahrhundert, die häufig männliche Nacktheit thematisierten. Auch die Kelim-Teppiche, die Rudi in Erinnerung an seine „Heimat“ (nicht ans „Vaterland“), sammelte, werden genannt.
Und während Makarova tanzt, wird ein Brief von ihr an Rudi vorgelesen. Auch der Ausnahmetänzer Charles Jude und andere haben Dankes- und Lobreden auf Nurejew als Vorbild und Idol, als Kollegen und Meister verfasst.
Dass Rudi dennoch ein schwieriger, exzentrischer und egomaner Charakter war, der urplötzlich Wutausbrüche oder ungerechtes Verhalten an den Tag legte, ist bekannt. Im Tanzstück macht er vor allem Tänzerinnen und Tänzer lautstark runter, wenn die seinen hohen Ansprüchen im Ballett nicht entsprechen.
Wie ein Star ein ganzes Ensemble mal eben abqualifiziert, wie die Stimmung mit ihm hoch und runter geht – das zeigt „Nurejew“ ganz deutlich.

Rudi Nurejew alias David Motta Soares in der Allmachtsfantasie vom Sonnenkönig: so zu sehen in „Nurejew“ von Serebrennikov und Possokhov beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada
Aber auch karnevaleske Szenen gelingen, wenn im zweiten Teil etwa Rudis Fantasie mit ihm durchgeht und er sich selbst als schräg-barocken Sonnenkönig inszeniert. Hier folgt ihm, wie schon bei Vaganova, ein Chor. Auch Gesangssolisten gibt es – in echt aufbrezelnden Kostümen.
Elena Zaytseva hat insgesamt eine tolle Arbeit mit dem Kostümdesign hingelegt, und Serebrennikov selbst hat, zusammen mit der Assistentin Olga Pavluk, Bühnenkulissen dazu gebaut, die stets das Wichtige der Szene atmosphärisch transportieren.
Das Licht von Daniil Moskovich ist genau richtig.
Die Musik von Ilya Demutsky – im Dirigat von Dominic Limburg vom Orchester der Deutschen Oper Berlin akkurat vorgetragen – imponiert mit einer schräg durchkreuzten Zitatmenge klassischer Ballettmusiken. Sie wirkt allerdings eher begleitend und wiederholt abgenutzte Effekte. Von Tschaikowskys „Schwanensee“ über Ludwig Minkus‘ „La Bayadère“ bis zu Gustav Mahler benutzt die Collage die schwelgerische Kraft der Romantik, um sie dann punktgenau zu brechen: mal in Jazzige, dann wieder ins Dissonante.
Ein Harfenist und eine Pianistin finden sich manchmal auf der Bühne wieder, ebenso Gesangssolisten und der Chor Vocalconsort Berlin. Das Miteinander von Tanz und Musik wird ausdrücklich gezeigt in dieser Produktion.
Die wurde denn auch gebührend gefeiert, mit stehenden Ovationen und einem lang anhaltenden, begeisterten Applaus. Eine solche Atmosphäre hat man seit 2014, als die Ära Malakhov endete, in Berlin nicht mehr im Ballett erlebt!
Man könnte sagen: Die Russen haben’s halt drauf.

Russische Könnerschaft in Berlin: Polina Semionova als Ballerina Makarova in „Nurejew“ von Serebrennikov und Possokhov beim Staatsballett. Foto: Carlos Quezada
Erfreulich war denn auch, dass viele Russinnen und Russen die Premiere genossen. Sie brachten hohes Interesse und gute Laune mit. Und sie haben in den letzten Jahren doch gefehlt, als zunehmend Touristen sprich Besserverdienende aus der internationalen Clubszene die Berliner Opernhäuser besiedelten.
Ins Berghain muss nach einem so tollen Abend jedenfalls niemand mehr flüchten. Lieber mal wieder ein gutes Buch lesen. Wie wäre es mit Ivan Turgenjevs „Väter und Söhne“? Vielleicht findet sich dafür auch mal ein Ballettlibrettist? Yuri Possokhov kreierte jüngst seinen eigenen „Onegin“ nach Puschkins Versroman in San Francisco, wo er seit Jahren lebt. Guten Flug, wenn Sie – was absolut zu verstehen wäre – jetzt totaler Possokhov-Fan geworden sind und seine Arbeiten in Übersee sehen wollen!
Gisela Sonnenburg

Ein letzter Jubel, während der Vorhang fällt… die Stars von „Nurejew“ in der Deutschen Oper Berlin am 021.03.26. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg