Was die Unschuld wert ist Vor einem Jahr begann für die Berliner Ballettmeisterin Barbara Schroeder vom Staatsballett Berlin ein realer Alp: Sie wurde im „Spiegel“ des Rassismus beschuldigt. Heute steht fest: Keiner der konkreten Anwürfe ist haltbar

Onegin ist einfach toll

Ballett ist eine internationale Kunst – und Ballettmeisterin Barbara Schroeder vom Staatsballett Berlin (hier rechts außen in der Rolle der Madame Larina in „Onegin“) ist keine Rassistin. Das Magazin „Der Spiegel“ erschien im Oktober 2021 allerdings nicht zur Gerichtsverhandlung. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Rassismus ist eine schlimme Sache, und man kann gar nicht genug dagegen tun. Gerade für  Journalist:innen gilt das. Aber Eines darf man nicht: Rassistische Vorwürfe erfinden – oder erfundene Vorwürfe ohne ausreichende Überprüfung zur Skandal-Schlagzeile machen. Auch das gilt gerade für seriöse Journalist:innen. Ist es trotzdem denkbar, dass ein Fake, also eine Lügengeschichte, mal eben so weltweit die Runde macht? Vor fast einem Jahr, am 21. November 2021, erschien das Magazin „Der Spiegel“ mit einem Aufsehen erregenden Bericht seiner Autorin Elisa von Hof über die damalige Berliner Tänzerin Chloé Lopes Gomes, die im Ballettsaal angeblich jahrelang rassistisch diskriminiert worden war. Das Staatsballett Berlin sei rassistisch, so der Tenor des Beitrags. Davon, dass es auch damals schon seit Jahren einen schwarzhäutigen Ballerino im Staatsballett Berlin gab und eine nicht-weiße Tänzerin dort als Starballerina tanzte, stand im „Spiegel“-Artikel aber nichts. Es war darin auch nicht zu lesen, dass die beschuldigte Ballettmeisterin Barbara Schroeder seit 2006 ohne jede Beanstandung die Damengruppen beim Staatsballett trainiert und beprobt – und als ausgesprochen liebevoll im Umgang mit ihren Untergebenen bekannt war. Ihre Tänzerinnen wiederum kamen und kommen vorwiegend aus dem Ausland: aus Dutzenden unterschiedlicher Staaten verschiedener Kontinente, und sie haben entsprechend diverse Hautfarben. Es geht im Ballett allerdings nicht wie in der Mode und in der Werbung darum, möglichst viele verschiedene Hautfarben vorzuzeigen, denn im Ballett geht es ums Tanzen, nicht ums Hautvorzeigen. Aber: Ballett ist – und das sogar traditionell – eine Domäne der Internationalität.

Gerade darum fanden es wohl viele Journalist:innen so schick, im Hort einer weltläufigen Hochkulturbranche, die sich auf Schönheit und Leistung konzentriert, so etwas wie kläglich hässlichen, bösartigen Rassismus zu orten.

Die Story bescherte jedem Medium, das sie brachte, eine Menge Punkte.

Der grausame Tod von George Floyd, der von rassistischen Polizisten in den USA zu verantworten war, und über den auch das Ballett-Journal berichtete, war erst wenige Monate her. Die Welt war damals bereit, in Sachen Rassismus fast alles zu glauben. Das ließ sich gut ausnutzen. Und zwar weltweit. Dass nun ausgerechnet im Ballett so stark gelogen wurde, dass sich die Ballettstangen bogen, war ein möglicherweise schlau geplanter Coup.

Denn gerade hier, in der vornehmen Hochkultur, wurde Rassismus – zurecht – nicht unbedingt erwartet.

Tödliche Polizeigewalt – hier verübt an George Floyd in Minnesota, USA, 2020. Foto: Facebook / anonym

Der Name des Opfers, der betroffenen Berliner Ballettmeisterin, Barbara Schroeder (ihr bürgerlicher Nachname: Schroeder-Kozianka), stand allerdings bis heute nicht im „Spiegel“ – und auch nicht in den vielen weiteren entsprechenden Medien.

Die Beschuldigte tat sich darum auch so schwer damit, sich juristisch gegen die öffentlichen Anschuldigungen zu wehren. Die sie beschuldigenden Medien hätten immer behaupten können, sie hätten Schroeder-Kozianka durch die Anonymisierung schützen wollen. Es ist eine Ermessensfrage, ob medienrechtliche Abmahnungen und Klagen Barbara Schroeder geholfen hätten. Immerhin wurde sie stark in ihrem Ruf beschädigt.

Wer mal gemobbt wurde, weiß, wie schwierig es ist, trotzdem ganz normal und gut seine Arbeit zu verrichten. Schroeder ließ sich weder darum krank schreiben noch gab sie sonst nach. Aber ganz einfach war es nicht.

Weil mit Barbara Schroeder nur diese Ballettmeisterin beim Staatsballett Berlin stetig für die Damengruppen zuständig ist, wussten nicht nur die Insider über ihre Identität Bescheid.

Das mehrere tausend Besucher:innen umfassende Berliner Ballettpublikum, das mal eine öffentliche Probe oder Lecture-Veranstaltung beim Staatsballett Berlin gesehen hat, konnte sofort wissen, dass eben diese energische Blondine – die mit den tollen langen Beinen und dem ostdeutschen Spracheinschlag – gemeint war. Denn Schroeder, gebürtige Rostockerin, erklärt seit Jahren bei öffentlichen Proben dem Publikum stets geduldig und mit dem Mikrofon in der Hand, wie sie es macht, dass eine Mädchenreihe beim Synchrontanz schön anzusehen ist.

Früher hatte sie selbst in Berlin getanzt, erst in der Gruppe, dann, ab 1993, als Solistin. Dass in „ihrem“ Staatsballett etwas anderes als Leistung und Leistungsbereitschaft zählt, kann und will sie sich gar nicht vorstellen.

Für Schroeder, heute 53, war die Anschuldigung, rassistisch zu sein, ein Schock. „So etwas liegt mir absolut fern“, sagt sie heute, zugleich mit flehendem und resolutem Unterton, und sie ist erleichtert, dass sie endlich darüber reden darf. Denn seit dem 25. Oktober 2021 steht auch gerichtlich fest, dass sie keine Rassistin ist.

Barbara Schroeder vom Staatsballett Berlin als Klägerin

Das Bezirks-Bühnenschiedsgericht Berlin am 25.10.21 unter Obmann Dr. Gerhard Binkert. Foto: Gisela Sonnenburg

An diesem Tag wurde vor dem Bezirks-Bühnenschiedsgericht Berlin unter dem Obman Dr. Gerhard Binkert, der zugleich Präsident des Landesarbeitsgerichts Berlin ist, zwischen Barbara Schroeder und ihrer Arbeitgeberin, der Stiftung Oper in Berlin, ein rechtsgültiger Vergleich geschlossen. Demnach werden, wie im Ballett-Journal bereits berichtet, die drei Abmahnungen, die Schroeder aufgrund der Rassismus-Vorwürfe erhielt, in den kommenden Monaten nach und nach aus ihrer Personalakte genommen.

Für Barbara Schroeder ist das ein Sieg nach Punkten: lang und zäh erkämpft und heiß ersehnt.

Vor einem Jahr sah es noch ganz anders aus. Damals schwappten Wellen aus Hass über ihr zusammen: „Es war zwar schön zu sehen, wer zu einem hielt, aber es war auch entsetzlich, zu fühlen, wie viele Menschen den falschen Berichten über mich Glauben schenkten.“

Schroeder schwieg öffentlich, traute sich auch später nicht, medienrechtliche Hilfe gegen die Journaille in Anspruch zu nehmen. Lediglich arbeitsrechtlich suchte sie Rat. Und, so naiv es klingen mag, sie sagt: „Ich wollte das Staatsballett Berlin nicht mit noch mehr Schmutz bewerfen.“ Sie hoffte, die ganze Sache werde sich ebenso schnell, wie sie hochgekocht worden war, auch wieder abkühlen.

Das war weit gefehlt. Rufmord kann eine Eigendynamik entwickeln, sogar wenn er sein Opfer anonymisiert bejagd. Der schlechte Ruf vom Staatsballett Berlin mit dieser offenbar rassistischen Ballettmeisterin ging zügig um die Welt. Sogar in Japan erschienen entsprechende Presseberichte, eher schlecht als gut recherchiert.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Chloé Lopes Gomes (links außen) bei einer öffentlichen Bühnenprobe in der Deutschen Oper Berlin als Mitglied der Sylphiden-Schar mit Daniil Simkin vorn und dem Staatsballett Berlin im romantischen Ballett  „La Sylphide“. Foto: Gisela Sonnenburg

Der Name der schwarzen Französin aber, also der angeblich diskriminierten Ballerina Chloé Lopes Gomes, war bald mit Hochachtung in aller Munde. Zwar nicht wegen tänzerisch-künstlerischer Leistungen, wohl aber wegen der hinreißend skandalösen Vorwürfe, die die junge Dame dem Staatsballett Berlin gemacht hat.

Rassismus in einem deutschen Staatsballett, und zwar ausgerechnet im sich sonst so divers und tolerant gebenden Berlin – was für ein Ereignis.

Die Vorgeschichte: Chloé Lopes Gomes, ein hübsches, selbstbewusstes Mädchen mit lockigem, dichtem Afro-Haar, war zwei Monate, bevor ihre Anschuldigungen gegen das Staatsballett Berlin im „Spiegel“ zu lesen waren, fristgemäß gekündigt worden. Grund: ihre mangelhaften Leistungen, die auch manchen Zuschauer:innen aufgefallen waren.

Es gelang Lopes Gomes nämlich nicht, sich ausreichend gleichmäßig mit den anderen Corps-de-ballet-Mädchen im klassischen Tanz zu bewegen. Ihr Bein schaffte es auch nicht immer auf die nötige 90-Grad-Höhe, wenn sie es hinten auszustrecken hatte. Ihre Hand- und Armhaltung war oft entweder zu steif oder zu lasch, wenn man die objektiven Regeln zur Beurteilung von Ballett anwendet. Und Lopes Gomes blieb im romantischen Mädchenreigen nicht immer im Takt.

Sowas fällt im klassischen Ballett höchst negativ auf, zumal sich der Rest des hauptstädtischen Ensembles um bestmögliche Qualität bemüht. Schließlich gelten die Berliner:innen als eine der weltbesten Balletttruppen.

"From Berlin with Love II"

Der Berliner „Schwanensee“ von Patrice Bart brillierte mit seinen Tutu-Damen im Ensemble und den Ersten Solisten als Märchenpaar – hier Iana Salenko und Marian Walter – auch im Gala-Programm „From Berlin with Love II“ 2020 in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Yan Revazov

Für Kenner:innen war offensichtlich, dass Lopes Gomes den Anforderungen des klassischen Balletts in Berlin nicht gewachsen war – wenn man sie denn überhaupt auf der Bühne zu sehen bekam. Eine Premiere hat sie nie getanzt. Und das nun nicht, weil sie schwarz war – die schwarze Hautfarbe wurde spätestens seit dem Tod von George Floyd sogar eine Trendhautfarbe in der Kultur – sondern weil Chloé Lopes Gomes einfach nicht gut genug für ein anspruchsvolles klassisches Weltballett tanzt.

Die meisten Journalist:innen, die Lopes Gomes hinsichtlich ihrer angeblichen Diskriminierung interviewten, haben sie denn auch nie live tanzen sehen. Ihr eigentlicher Kündigungsgrund war schlicht nie Thema der Artikel.

Dass das Staatsballett Berlin relativ gut bezahlt, deutlich besser als viele andere Balletttruppen (und in den USA werden ihnen zum Beispiel nur zehn statt zwölf Monate bezahlt), steht in all diesen Artikeln, die um Mitleid für Chloé Lopes Gomes barmen, auch nicht.

Kritische Fragen beantwortete Lopes Gomes übrigens auch nicht, jedenfalls nicht die der Autorin dieses Beitrags. Lopes Gomes ist eher der Typ Informantin, der mit einer fertigen Story ankommt und erwartet, dass man diese so übernimmt: ganz oder gar nicht. Skeptische Gegenrecherchen von Journalist:innen fanden – außer von mir – zunächst überhaupt nicht statt.

Die Sache ist durchaus beängstigend. Ist es heutzutage so leicht, den guten Ruf einer Person zu beschädigen? Journalist:innen angesehener Medien wiederholten, was im „Spiegel“ stand, sprachen aber überhaupt nicht mit jenen Zeug:innen, die für die Beschuldigte eintraten. Man glaubte Chloé Lopes Gomes und einigen ihrer Freund:innen, die sie unterstützten, aber nicht die relevanten Vorwürfe bestätigten, weil man die Geschichte vom Rassismus im Staatsballett eben haben wollten.

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Die Story „Harter Rassismus im zarten Ballett“ war im Corona-beherrschten Pandemiezeitalter eine zu verlockende, zudem quotenträchtige, also geldwerte Ablenkung. Die Unschuld einer einzelnen Person ist in einer solchen Situation nicht viel wert.

Dem „Spiegel“-Artikel folgten denn auch flugs weitere, Schlag auf Schlag. Am 23.11.2020  erschien die „Berliner Zeitung“ mit der angeblichen Sensation vom Rassismus im Ballettsaal. Zuletzt änderte dieses Blatt zwar seinen Kurs und ergriff – nach dem Gerichtstermin im Oktober 2021 – für die Ballettmeisterin Partei. Damals aber heulte auch die Berliner Zeitung, die sich gelegentlich ausdrücklich für Ostdeutsche stark macht, mit den Wölfen in der Medienwelt.

Es folgten prompt am 26.11.2020 die „taz – die tageszeitung“, am 28.11.2020 der Berliner „Tagesspiegel“, später auch die „Zeit“, die „BZ“, die „Berliner Morgenpost“, letztere am 9.12.2020. Und sogar die „New York Times“ in den USA und vor allem auch das Fachmagazin „pointemagazine“, ebenfalls in den USA angesiedelt, widmeten Chloé Lopes Gomes langatmige Beiträge über angeblichen Rassismus im Staatsballett Berlin. Radio- und Fernsehsender zogen nach. Alle stützten sich nur auf die letztlich haltlosen Angaben von Lopes Gomes.

Sie war schwarz, das war ihr Hauptargument gegen eine blonde Ostdeutsche, die Ballettmeisterin. Mehr Schwarzweißdenken geht nur umgekehrt, also in den Denkschablonen des Rechtsextremismus. Vorurteile können so oder so fröhliche Urständ feiern. Eine wirklich traurige Sachlage.

Nadja Saidakova nahm mit "Onegin" ihren Bühnenabschied

Dr. Christiane Theobald (hier rechts) mit ihrem damaligen Chef und Intendanten Nacho Duato auf dem Empfang zu Ehren der heutigen Ballettmeisterin Nadja Saidakova (hier links), nach deren letzter „Onegin“-Vorstellung im Schiller Theater in Berlin. Foto von 2017: Gisela Sonnenburg

Dass die kommissarische Intendantin vom Staatsballett Berlin, eine ehrgeizige und langjährige dortige Mitarbeiterin namens Dr. Christiane Theobald, sich keineswegs schützend vor ihre langjährige Ballettmeisterin Schroeder stellte, sondern im Gegenteil schwammige Bekenntnisse verlautbaren ließ in der Art, Rassismus könne es überall in unserer Gesellschaft geben, auch beim Staatsballett, war der Wahrheitsfindung nicht eben dienlich.

Der Karriere von Theobald schadete dies nicht, denn ihre Haltung fand das Wohlgefallen von Berlins Kultur- und Europasenator Dr. Klaus Lederer. Er hatte schon 2017 Vereine gründen und finanzieren lassen, die sich der Diversität in der Kultur widmen sollten. Jetzt gab es für deren oft wenig gebildete Vereinsmitarbeiter:innen endlich Interessantes zu tun: Sie durften Schulungen beim Berliner Staatsballett zum Thema Rassismus und Diversität durchführen. Laut mehreren Tänzer:innen verliefen diese Seminarstunden eher dümmlich als aufklärend. Sie wurden von manchen, die selbst schon ganz gut wussten, was Rassismus ist, als pure Zeitverschwendung empfunden.

Es wurde oftmals kolportiert, die Kündigung von Chloé Lopes Gomes sei im Oktober 2020 erfolgt. Das stimmt aber nicht. Das Mitarbeitergespräch, in dem ihr die Kündigung ausgesprochen wurde, fand bereits im September 2020 statt. Das ist insofern interessant, als die internationalen Abläufe in diesem Zeitraum einen weiteren Hintergrund der Sache enthüllen.

Als Chloé Lopes Gomes im September 2020 die Kündigung erhielt, hatte sie vielleicht schon einen Plan. Sie übergab ihrer Noch-Arbeitsgeberin zunächst einen Brief, in dem sie die Ballettmeisterin Barbara Schroeder erstmals stark belastete: Schroeder habe Lopes Gomes, die seit 2018 in Berlin tanzte, in diesen beiden Jahren mehrfach rassistisch diskriminiert.

Nun spricht Schroeder, wie so viele gebürtige DDRler:innen, zwar ganz gut Russisch, aber kaum Englisch. Lopes Gomes wiederum stammt aus Frankreich und spricht Französisch und Englisch, aber kein Deutsch oder Russisch.

Man nahm daher zunächst Missverständnisse an, und es wurden Gespräche anberaumt. Die Kündigung wurde aber aufrecht erhalten. Sie war ja sachlich begründet.

An diesem Punkt muss Chloé Lopes Gomes gemerkt haben, dass es nicht ganz leicht sein würde, mit ihrer Version der Geschichte durchzukommen. Aber sie bekam – was zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch niemand wusste – familiären Rückenwind.

Isaac Lopes Gomes, der Bruder von Chloé Lopes Gomes, tanzt im Ballett der Pariser Opéra und zettelte dort im Oktober 2020 eine Debatte über Rassismus im Ballett an – und zwar ohne konkrete Vorwürfe. Faksimile: Gisela Sonnenburg

In Paris zettelte nämlich ihr Bruder Isaac Lopes Gomes, der ebenfalls im Ballett tanzt, und zwar im renommierten Ballett der Pariser Opéra, flugs eine mediale Debatte über Rassismus im Ballett an. Allerdings verschwieg er sein familiäres Eigeninteresse und das Schicksal seiner Schwester in Berlin.

Stattdessen publizierte er zusammen mit vier anderen dunkelhäutigen Pariser Tänzer:innen ein allgemein gehaltenes „Manifeste“, in dem behauptet wurde, das Ballett in Paris sei rassistisch, man müsse endlich darüber reden.

Konkrete Vorwürfe gegenüber Kolleg:innen oder Vorgesetzte machte die Gruppe um Lopes Gomes in Paris nicht. Aber es gab früher einen Ballettsaal in Paris, der nach so genannten „negrillons“ („Negerlein“) benannt war. Dieser Saal war allerdings schon vor Jahren umbenannt worden.

Die in heutigen Ohren respektlos klingende Vokabel „negrillons“ bezog sich auf Folgendes: Im Ballettmärchenklassiker „La Bayadère“ treten Kinder auf, die als „kleine Mohren“ schwarz geschminkt sind. Das Wort „negrillons“ ist, ähnlich wie das deutsche Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“, nach neuerem Verständnis natürlich diskriminierend.

Aber den Auftritt der afrikanischen Kinder fand man nicht nur im 19., sondern auch im 20. und 21. Jahrhundert niedlich. Denn die angemalten Kids wirken auf der Bühne hübsch und adrett – von Diskriminierung, also Herabsetzung oder Benachteiligung im engeren Sinn, kann eigentlich nicht die Rede sein.

Krasina Pavlova verleiht der Clara im "nussknacker" eine geheimnisvolle Note.

Asiatische Exotik gehört zum Ballett „Der Nussknacker“: Hier Vladislav Marinov und Marina Kanno nach der chinesischen Tanz-Einlage beim Schlussapplaus vom „Nussknacker“, in der Version von Nacho Duato beim Staatsballett Berlin. Ist so etwas nun neuerdings als rassistisch anzusehen, weil es  eher fantasievoll als ethnologisch museumsreif einherkommt? Das wäre wohl – mit Verlaub – eine falsche und sogar verrückte Wertung, die auf selektiver Wahrnehmung beruht. Foto: Gisela Sonnenburg

Allen Eltern stellt sich übrigens in letzter Zeit oftmals eine entsprechende Frage: Soll man Kindern verbieten, sich im Karneval als Mensch einer anderen Ethnie zu verkleiden? Sind Indianer- und Chinesenkostüme rassistisch? Oder nur afrikanische Kostüme mit Anmalen?

Die tanzenden Kinder aus „La Bayadère“ vermitteln zumindest kein irgendwie negatives Bild von Schwarzhäutigen. Sie werden auch nicht als unterjochte Sklavenkinder dargestellt, sondern als fröhliche, ausgelassene Kinderschar afrikanischer Herkunft. Nur die Vokabel ihrer Bezeichnung sollte man natürlich ändern. Wie wäre es mit „kleine Afrikaner“?

Dennoch nahm das Staatsballett Berlin die so teure wie erfolgreiche Inszenierung „La Bayadère“ in der historischen Rekonstruktion durch den berühmten Choreografen Alexei Ratmansky vom Spielplan. Auch ohne, dass Chloé Lopes Gomes das gefordert hätte. Ihr ging es in ihren Interviews auffallend nur um sich selbst.

Bei Ratmansky gab es übrigens keine schwarz geschminkten Kinder, wohl aber jede Menge indische Tanzanklänge. Dafür hatte der Choreograf sogar eine Expertin namens Rajika Puri einfliegen lassen. Was man bei der Premiere 2019 noch als authentisches Flair feierte, wurde später vom Berliner Spielplan verbannt.

In Paris stieß derweil – ähnlich wie in Deutschland die Bezeichnung „Negerkuss“ für einen Schokokuss –  das Wort „negrillons“ auch Jahre nach seiner Entfernung aus dem Opernhaus noch immer als rückschrittlich und diskriminierend auf.

In Ballettdingen eher wenig bewanderte Journalist:innen griffen daher begierig auf, was die dunkelhäutigen Tanzkünstler:innen um Isaac Lopes Gomes in Paris zu sagen hatten, und „L’Humanité“ veröffentlichte das sprachlich auffallend professionell durchgestylte „Manifeste“.

Stammte es wirklich von Tänzer:innen? Es liest sich vielmehr, als hätten Werbetexter dramatische Metaphern für das lange Schweigen über angeblichen Rassismus im Ballett gefunden. Rund 400 Angestellte der Pariser Oper, überwiegend mit Migrantenhintergrund ausgestattet, hatten das unterzeichnet. Konkrete Beschuldigungen gab es in Paris aber tatsächlich gar nicht.

Dennoch drehte man die Medienmaschine in Frankreich voll auf – und der Intendant der Pariser Oper musste eine Beauftragtenstelle für rassistische Diskriminierung einrichten. Sozusagen vorsorglich. Man feierte das in den Medien. Durch die Corona-Pandemie waren viele Journalist:innen für eine noch so weiche Skandalgeschichte jenseits des Virus äußerst dankbar.

Erst nach diesem ersten Medienerfolg des Themas „Rassismus im Ballett“ im Oktober 2020 startete auch Chloé Lopes Gomes – im November 2020 – von Deutschland aus ihre eigene Mediencampagne.

Rassismus beim Staatsballett Berlin

Chloé Lopes Gomes, fotografiert von Steffen Jänicke für den „Spiegel“ (Ausschnitt): Sie hat hier eine nicht wirklich gute Handhaltung für Ballett. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Den Startschuss gab sie bekanntermaßen im „Spiegel“, und der Titel der Story dort suggeriert, dass im Ballett generell eine unangenehme Art der Gleichmacherei vorherrsche: „Gleich groß, gleich schlank, gleich weiß“ stand da in fetten Lettern in der Überschrift.

Dabei stimmt nicht eines dieser drei Diktate: Beim Staatsballett Berlin tanzten schon immer, also seit seiner Gründung 2004, zugleich Mädchen von unterschiedlicher Größe, unterschiedlichem Gewicht und unterschiedlichen Hautfarben. Das ist nachweislich.

Aber wer interessiert sich schon für die langweilige Wahrheit, wenn man einen Knüller haben kann?

Schon einen Tag zuvor, am 20. November 2020, hatte der „Spiegel“ diesbezüglich vorgelegt. In einem ähnlichen Bericht von derselben Autorin Elisa von Hof stand in der Online-Ausgabe des Magazins unter der scheinbar brutal ehrlichen Überschrift „Für Schwanensee war sie nicht weiß genug“, die gekündigte Gruppentänzerin Chloé Lopes Gomes sei ein Opfer des Rassismus beim Staatsballett Berlin. Aber stimmte das?

Tatsächlich tanzte Chloé Lopes Gomes manchmal in der Damengruppe vom „Schwanensee“ in der Deutschen Oper Berlin. Aber sie war auch hier so auffallend schlecht, dass sie trotz reichlich Probenarbeit nur selten für die Auftritte eingeteilt wurde. Das entschied die gesamte Leitung vom Staatsballett Berlin und keineswegs nur Barbara Schroeder.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Große Verbeugung nach einer fantastischen Vorstellung: Yuka Matsumoto (links) und Cécile Kaltenbach (rechts) als Novizinnen der Wilis mit dem nicht kalkweiß, sondern in Naturfarben  geschminkten Staatsballett Berlin nach „Giselle“. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Das von Lopes Gomes im „Spiegel“ und in anderen Medien nun angeprangerte „Whitefacing“, also das angeblich vorgeschriebene Benutzen von weißer Schminke für schwarze Gesichter und Körper, war zudem bereits seit 2018 beim Staatsballett Berlin verboten und wurde seither auch nicht mehr praktiziert.

Das ist in der Tat Chloé Lopes Gomes zu verdanken. Sie, die damals neu in der Truppe war, hatte sich über das Weißschminken aller Tänzerinnen für die Schwanensee-Szenen empört. Woraufhin der damalige Intendant vom Staatsballett Berlin, Johannes Öhman, kurzerhand entschied, es werde beim Aufmarsch der weiß gekleideten Mädchen auf kalkweiße Schminke verzichtet.

Anzumerken ist, dass sich zuvor wirklich alle Corps-Mädchen für die entsprechenden Ballettszenen knallweiß schminken mussten: nicht nur die asiatischen und nicht-weißen Girls, sondern auch die europäischen Blondinen mit naturheller Haut. Denn es geht beim Weißschminken im „Schwanensee“ nicht um die Herkunft der dargestellten Schwäne, sondern um den Effekt gespenstisch fahler Haut bei Mondenschein.

Wer sich im Ballett nicht ganz so gut auskennt, braucht eine Erkläung: Das Weißschminken der Frauen für die „ballets blanc“, die „weißen Ballette“, welche innerhalb von klassischen Stücken wie „Schwanensee“, „La Bayadère“, „La Sylphide“ und „Giselle“ ein Highlight bilden, wird für die Verkörperung von Zaubergestalten angewandt.

Es geht dabei meist um verzauberte Mädchen oder um Geisterfrauen. Es geht keineswegs um die Betonung europäischer Haut. Als die entsprechenden Ballette uraufgeführt wurden – im 19. Jahrhundert – gab es sowieso kaum geborene Dunkelhäutige in der europäischen Bevölkerung und auch nicht auf den Ballettbühnen.

Die Mädchen, die sich nun seither weltweit für den „Schwanensee“ kalkweiß schminkten – und zwar nicht nur im Gesicht, sondern eben auch am Oberkörper, an den Armen und den Händen, weshalb die Bezeichnung „Whitefacing“ ungenau ist – stellen dadurch geisterhafte Erscheinungen dar, die meistens aus dem Grab auferstanden sein sollen.

"La Bayadère" mit Elisa Carrillo Cabrera in der Hauptrolle

Ein Blick auf die Applausreihen nach „La Bayadère“ von Alexei Ratmansky mit dem nicht geweißelten Staatsballett Berlin, mittig rechts Elisa Carrillo Cabrera mit Blumen. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Insgesamt gibt es im klassischen Ballett verschiedene Arten solcher weiblichen Gespenster: die zu Schwänen verzauberten Mädchen in Tschaikowskys „Schwanensee“ von 1877; die tanzenden Untoten  aus dem Jenseits in der Schmonzette „La Bayadère“ (ebenfalls von 1877); zudem weibliche Luftgeister im noch älteren romantischen Ballett „La Sylphide“ von 1832 sowie höchst lebendig wirkende weibliche Vampire, die die Geister verstorbener Mädchen namens Wilis darstellen, und zwar im Ballett „Giselle“ von 1841. Letztere, die Wilis, sind nachgerade feministisch agierende Rachegeister, den antiken Furien nachempfunden.

Wer nun professionelle Bühnenkünstlerin ist, muss damit rechnen, sich für die Vorstellungen kostümieren und auch schminken zu müssen. Für Tänzer:innen bedeutet das Weißschminken natürlich einen hohen Aufwand. Aber im blauen Licht der Scheinwerfer, die das Mondlicht bei Nacht simulieren, wirkt die kalkweiße Gesichts- und Körperfarbe wundersam geisterhaft – der Aufwand lohnt sich daher aus der Sicht vieler Zuschauer:innen.

An Rassismus hat zumindest in Europa zunächst niemand dabei gedacht. Nun muss man zum „Whitefacing“ aber auch Folgendes sagen: Die ballettinterne Debatte darüber kommt aus den USA, wo ein Großteil der Bevölkerung dunkelhäutig ist und das Weißschminken, wenn es um eine große Gruppe von Mädchen geht, einem Teil des Publikums befremdlich und eben auch diskriminierend vorkam. Man verstand das angestrebte Weiß der Haut als Bevorzugung von weißer Haut, nicht als Teil des Kostüms. Darum sieht man es in den USA  als moderne Erneuerung, wenn dunkelhäutige Damen in den Rollen als weiße Schwäne oder fahle Geister erkennbar dunkelhäutig bleiben.

Die Diskussion, wie man es nun am besten machen sollte, hat sich international ausgebreitet, und je nach Geschmack entscheiden weltweit die Ballettchefs, ob ihre Damen mit Make-up geweißelt werden oder nicht. Die Russen neigen zum Weißeln, die Amerikaner zum Make-up in Naturfarben. Da man in Berlin dank Chloé Lopes Gomes seit 2018 nicht mehr weißelt, kann von Diskriminierung kaum die Rede sein.

Spitzenklasse: Berlins Starballerino Dinu Tamazlacaru kehrt mit Liudmila Konovalova aus Wien in „Schwanensee“ von Patrice Bart beim Staatsballett Berlin auf die Bühne zurück

Die Schwäne sind verzaubert – und harren ihrer Erlösung am See. Was für eine poetische Geschichte! Hier die nicht geweißelten Schwäninnen vom Staatsballett Berlin nach der „Schwanensee“-Vorstellung am 21.10.18. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Zahlreiche Fotos belegen, dass die weißen Corps de ballet vom Berliner Staatsballett seit der Spielzeit 2018/19 zwar weiße Kostüme und entsprechenden Kopfschmuck tragen, die Hautfarben der Tänzerinnen aber nicht mehr hell geschminkt werden.

Trotzdem behauptete Chloé Lopes Gomes immer wieder, sie sei von Barbara Schroeder, ihrer Ballettmeisterin und Vorgesetzten, auch nach dem Verbot des Weißschminkens dazu angehalten worden, sich weiß zu schminken. Das wäre in der Tat ein starkes Stück gewesen und hätte rassistisch motiviert sein können.

Chloés Gesprächspartner:innen aus der Medienwelt – ob Boulevardblatt oder eben „Spiegel“ – regten sich darüber gebührend auf und wiederholten brav, was Lopes Gomes ihnen vorjammerte. Sie hinterfragten nichts. Bestenfalls befragte die Journaille noch einige von Lopes Gomes genannte, ihr befreundete Tänzer:innen. Die bestätigten dann, dass Chloé bei den Proben häufig Korrekturen von Barbara Schroeder erdulden musste. Das Diktat, weiße Schminke aufzulegen, wurde nicht bestätigt.

Recherchen objektiver Art fanden hier von den meisten Medien ganz offensichtlich nicht statt.

Das war schade, denn wer – wie ich für das Ballett-Journal – frühzeitig intensiv und eigenständig recherchierte, stellte bald fest: Chloé Lopes Gomes hat wohl nicht die Wahrheit gesagt.

Tänzer:innen, Ballettmeister:innen, Pianist:innen und Maskenbildner:innen bestätigten, dass Barbara Schroeder nie durch irgendwie gearteten Rassismus aufgefallen war und auch nicht mit einer etwaigen Animosität gegenüber Chloé Lopes Gomes. Im Gegenteil: Schroeder war diejenige Ballettmeisterin, die Lopes Gomes als einzige vom Stab der Führungskräfte immer mal wieder eine Chance gab, überhaupt auf die Bühne zu kommen.

Barbara Schroeder vom Staatsballett Berlin als Klägerin

Barbara Schroeder und ihr Anwalt Jens Brückner nach der Verhandlung am 25.10.21 in Berlin – aber im April 2021 wurden sie vor Gericht nicht angehört. Foto: Gisela Sonnenburg

Schließlich meldete sich sogar eine Zeugin, die angab, dass Chloé Lopes Gomes von sich aus angeboten habe, sich weiß zu schminken, was Barbara Schroeder aber abgelehnt habe. Wollte Lopes Gomes der Ballettmeisterin damit eine Falle stellen? Dass sie eine Kündigung zu erwarten hatte, muss ihr spätestens im Verlauf der ersten Hälfte des Kalenderjahres 2020 klar geworden sein. Denn ihre Leistungen wurden nicht besser – die von anderen Tänzer:innen hingegen schon.

Das hauptstädtische Staatsballett umfasst nun seit Jahren stetig rund 90 Tänzer:innen, die Hälfte davon ist weiblich. Es gibt darin eine rege Fluktuation, wie in den meisten großen Balletttruppen. Viele in der Company stammen aus Russland oder den USA, aus Australien, Kanada oder einem asiatischen Land.

Mit Gregor Glocke hat man seit 2017 einen deutlich dunkelhäutigen Ballerino im Gruppentanz vom  Staatsballett Berlin, und mit Elisa Carrillo Cabrera noch länger eine rothäutige Mexikanerin als international gefeierte Superballerina. Sie ist ein echter Star, seit 2011 Erste Solistin in Berlin und seit 2019 Preisträgerin des Prix Benois de la Danse, des in Moskau verliehenen, wichtigsten Ballettpreises überhaupt.

Bundesweit gibt es mit Yonah Acosta und Osiel Gouneo in München und mit Jason Reilly in Stuttgart sehr erfolgreiche dunkelhäutige Ballettstars. Mit Larissa Machado ertanzt sich in Essen eine dunkle Nachwuchsballerina eine schöne Karriere.

Und in New York tanzt mit Misty Copeland sogar ein Weltstar mit schwarzer Hautfarbe. Copeland hat zum Thema Rassismus übrigens einige Interviews gegeben. In denen betont sie, dass sie außerhalb der Ballettwelt stark unter Rassismus gelitten habe. Nicht aber auf der Arbeit, also in den Ballettsälen und Bühnenräumen. Auch ihr älterer Kollege Carlos Acosta, der seinerzeit der erste schwarze Star beim Royal Ballet in London war, hat das nie behauptet.

"Der Nussknacker" zu Neujahr in Hamburg und München

Mit dem „Fisch“, hier freihändig ausgeführt, endet der Grand Pas de deux in „Der Nussknacker“ von John Neumeier, hier getanzt von Laurretta Summerscales und Yonah Acosta. Foto: F. Brianek

Warum also sollte ausgerechnet das Ballett rassistisch sein? Weil der „Spiegel“ und andere Medien das gerne so haben wollten? Weil sie diese Schlagzeilen so gut verkaufen konnten? Oder weil Chloé Lopes Gomes, die sonst mit ihren Leistungen niemals ein Star im Ballett geworden wäre und die 2020 schon fast dreißig Jahre alt, für eine Tänzerin also nicht mehr ganz jung war, endlich berühmt werden wollte?

Die Beweise für ihre angebliche Diskriminierung blieb Chloé Lopes Gomes bis heute schuldig.

Doch unter dem massiven Druck der Medien, allen voran vom „Spiegel“ sowie dem Berliner „Tagesspiegel“ ausgeübt, erzielte Lopes Gomes im April 2021 einen gerichtlichen Vergleich mit ihrer Arbeitgeberin, der Stiftung Oper in Berlin. 16.000 Euro Schadensersatz sowie eine Vertragsverlängerung um ein Jahr handelte ihr Anwalt aus – ohne auch nur eine einzige namentlich zitierte Zeugenaussage zu Gunsten seiner Mandantin zu haben. Geschweige denn einen anderen haltbaren Beweis.

Es gab lediglich allgemeine Solidaritätserklärungen mit Chloé Lopes Gomes, übrigens auch von Tänzer:innen aus anderen Ländern, die nie irgendeinen Kontakt zum Staatsballett Berlin gehabt hatten, die Lopes Gomes aber bereitwillig Glauben schenkten.

Barbara Schroeder wurde bei dem Verfahren bezüglich der Entschädigung von Chloé Lopes Gomes nicht als Zeugin angehört; sie und ihr Anwalt Jens Brückner wurden in das Verfahren nicht mal einbezogen. Sonst wäre es möglicherweise überhaupt nicht zu der Entschädigung und der Vertragsverlängerung gekommen. Das sieht sogar der Berliner Landesarbeitsgerichtspräsident, Dr. Gerhard Binkert, mittlerweile so.

Ihr verlängerter Arbeitsvertrag war derweil kein Anreiz für Chloé Lopes Gomes, in Berlin zu bleiben. Zu Beginn der laufenden Spielzeit 2021/22 wurde bekannt, dass sie das Staatsballett Berlin mit ihrem erhaltenen Geld verlassen hat. Sie tanzt nun in einer Provinztruppe in Frankreich, die zwischen Straßburg, Mulhouse und Colmar tingelt und ironischerweise ein lyrisches Tanzstück nach dem gleichnamigen Film von Wim Wenders namens „Der Himmel über Berlin“ aufführt. Berlin scheint Lopes Gomes nachgerade zu verfolgen. Eine dem Staatsballett Berlin vergleichbare Qualität des Tanzes darf man beim kleinen Ballet de l’Opéra national du Rhin, ihrem neuen Arbeitgeber, aber nicht vermuten.

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Dafür lohnt es sich, den drei Abmahnungen, die Barbara Schroeder wegen Lopes Gomes erhielt, genaueres Augenmerk zu schenken.

Eine bekam sie dafür, dass sie von Lopes Gomes angeblich das Weißschminken verlangte. Schroeder konnte diesen Verdacht vor Gericht deutlich ausräumen.

Zweitens soll Barbara Schroeder die Gruppentänzerin anlässlich einer spaßhaften Foto-Aktion regelrecht vorgeführt und lächerlich gemacht haben. Dazu gibt es weiter unten die Details.

Drittens soll Schroeder Lopes Gomes einen von 32 Schleiern verweigert haben, derweil die anderen 31 Ballettgrazien jeweils einen bekamen, um damit für ihren Auftritt zu üben. Dabei  soll Schroeder auf Englisch gestammelt haben: „This white – you black“, sinngemäß also: „Der Schleier weiß – du schwarz“. Mit dieser Begründung habe sie der Schwarzen das Requisit für die Probe lachend vorenthalten.

Ein solcher Vorgang wäre in der Tat ungeheuerlich und selbstverständlich rassistisch. Da müsste man gar nicht diskutieren. Man hätte die Polizei einschalten und Strafanzeige stellen müssen. Aber fand er wirklich statt?

Nach aktuellem auch gerichtlichem Kenntnisstand ist davon nichts, aber auch gar nichts wahr. Und die Polizei hat in diesen Dingen beim Staatsballett Berlin sowieso nie ermittelt.

Nun war Barbara Schroeder aber nie allein mit Chloé Lopes Gomes. Bei Proben sind auch Musiker:innen und andere Personen anwesend, nicht nur die Tanzkünstler:innen. Für die Schleier-Attacke zum Beispiel hätte es noch mehr als 30 Zeug:innen geben müssen. Ein Opernhaus ist zudem kein stilles Örtchen, sondern eher eine Art Klatschbörse. Ein Vorfall wie der mit dem Schleier hätte sicher rasch die Runde gemacht, er wäre wohl auch zügig nach außen gedrungen. Denn etliche Tänzer:innen haben Kontakte zu verschiedenen Pressevertreter:innen. Aber niemand hatte etwas vermeldet.

Barbara Schroeder bestritt vor Gericht jedweden Rassismus und auch diesen Schleier-Vorfall vehement. „Wie soll ich das mit dem Schleier denn gemacht haben?“, fragte sie den Obmann Dr. Binkert. Schroeder: „Ich komme zu so einer Probe mit 32 Schleiern in den Ballettsaal und verteile diese an die anwesenden, also dem Probenplan entsprechenden 32 Tänzerinnen. Wenn ich da eine benachteiligt oder von der Schleiervergabe ausgeschlossen hätte, das wäre doch allen Anwesenden aufgefallen.“ Sie hätte dann wohl auch die Probe nicht ordnungsgemäß durchziehen können, denn es tanzen nun mal 32 und nicht 31 Tänzerinnen mit Schleier in der entsprechenden Choreografie.

Barbara Schroeder erscheint damit nicht nur mir glaubhaft.

Auch die Sache mit dem Foto, so sagte sie vor Gericht, sei ganz anders gewesen, als Lopes Gomes behauptete. Schroeder habe damals vier Tänzer:innen nach einem Training gebeten, eine Karikatur, die man ihr geschenkt hatte, für ein Foto nachzustellen. Schroeder selbst sollte darin ein wenig zickig als typische Ballettmeisterin erscheinen.

Alle gefragten Tänzer:innen gaben spontan ihr Einverständnis, auch Chloé Lopes Gomes. Sie sollte und wollte mitmachen, weil in der Karikatur auch ein schwarzes Mädchen posierte. Das Foto, das dann gleich noch mit Trainingskleidung entstand, wurde bei Gericht vorgelegt: Darauf ist definitiv keine Rassendiskriminierung und auch keine Verächtlichmachung der dunklen Hautfarbe zu erkennen. Lopes Gomes steht da gemeinsam mit ihren Kolleg:innen in einer Reihe an der Ballettstange, alle in einer bestimmten Pose, nämlich mit einem ausgestreckten Bein, dessen Fußspitze in ebenfalls gestrecktem Zustand den Boden berührt. Was man in der französischen Ballettsprache „Tendu“ nennt. Barbara Schroeder steht inmitten ihrer Grazien auf den Zehenballen und guckt absichtlich etwas weltfremd durch die Luft.

Das Beweisfoto aus dem Gerichtssaal: Barbara Schroeder und ihre Grazien, darunter Chloé Lopes Gomes

Das Beweisfoto: von Rassismus keine Spur. Barbara Schroeder inmitten ihrer im Tendu stehenden Grazien, wobei die Aufstellung einer dunkelhäutigen Tänzerin als Zeichen von Toleranz zu werten ist – und keineswegs als Diskriminierung. Foto: privat

Sogar die Anwältin der Stiftung Oper in Berlin, Marion Ruhl, konnte trotz bestem Bemühen nicht darlegen, wieso dieses Foto oder der Kontext, wie es zustande kam, rassistisch sein sollte. Von einer „Freakshow“, wie von Chloé Lopes Gomes behauptet, ist darauf nichts zu erkennen. Eine Dunkelhäutige als Dunkelhäutige zu zeigen, ist ja keineswegs rassistisch, sondern – im Gegenteil – der Toleranz zuzuordnen.

Von all den Anwürfen blieb unterm Strich nichts übrig, das Barbara Schroeder hätte belasten können.

Entsprechend kam der gerichtliche Vergleich zwischen Schroeder und ihrem Arbeitgeber zustande: Die Abmahnung, die die Vorgänge um die Zeichnung und das nachgestellte Foto betrifft, wird am 31.12.2021 aus der Personalakte von Barbara Schroeder-Kozianka entfernt. Die beiden anderen werden am 20.05.2022 folgen.

Barbara Schroeder ist keine Rassistin

Der „Spiegel“ lehnte sich 2020 gleich ganz weit aus dem Fenster. Hier der Titel seiner Online-Story über Chloé Lopes Gomes.  Um sich zu korrigieren, fehlten den Hamburger Kolleg:innen 2021 aber dann wohl doch die Eier. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Nur etwas ist merkwürdig:

Weder die Autorin Elisa von Hof vom „Spiegel“ noch die anderen Journalist:innen, die Chloé Lopes Gomes rückhaltlos glaubten, haben über dieses letzte Kapitel der Geschichte geschrieben.

Darf es in unserem Mainstream-Medien-System nicht herauskommen, wenn Journalist:innen sich geirrt haben? Eine nicht aufgedeckte Lüge bleibt aber trotzdem eine Lüge. Und Barbara Schroeder hätte die eine oder andere Entschuldigung von journalistischer Seite durchaus verdient.
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

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