Verständnis und Liebe in der Kunst Mit großem Erfolg ging am Sonntag der „Schicksalstanz mit Nurejew“ im Babylon in Berlin-Mitte über die Bühne

Schicksalstanz mit Nurejew

Im Anflug: Javier Cacheiro Alemán in „Pour Noureev“ von Gisela Sonnenburg im BABYLON in Berlin am 29. Mai 2022 – eine bejubelte Uraufführung. Foto: Gisela Sonnenburg

Zu Beginn erklang wie von ferne Möwengeschrei aus den Boxen. Schließlich ist der Vogel das liebste Tier im Tanz: frei und ungebunden, kaum schwerer als die Gesamtheit seines Gefieders und zudem mit der Fähigkeit des Fliegens begabt. Zu fliegen – das schien auch der weltberühmteste Ballerino Rudolf Nurejew, wenn er in seinen besten Zeiten über die Bühne hechtete. Wobei Beobachter:innen bemerkten, dass er nicht unbedingt höher sprang als andere Tänzer. Aber er hielt sich länger in der Luft, und er streckte im Sprung – etwa beim Spagatsprung – gern noch einmal nach. Der Eindruck, dass er flog und in der Luft schwebte, war solchermaßen unvermeidlich. Und er riss zu Begeisterung und Anrührung hin. Begeistern und Anrühren: Das war auch Ziel des Tanz-Events „Schicksalstanz mit Nurejew“, das Gisela Sonnenburg als Veranstalterin, Moderatorin, Dramaturgin und Choreografin vorgestern in der mit Jugendstil-Charme lockenden Film-Bühne BABYLON am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte ausrichtete. Das Programm: Es tanzten live Javier Cacheiro Alemán vom Ballett Dortmund und Roxanne Grosshans aus Berlin, in einem Video Adeline Pastor vom Aalto Ballett Essen und wieder live die Weltstars Lucia Lacarra und Matthew Golding. Eine knappe Stunde dauerte dieses moderierte Tanzprogramm auf der Bühne vor der Leinwand, und alle gezeigten Tänze wurde im Kontext zum Leben von Rudolf Nurejew gezeigt, was in den jeweiligen Moderationen erläutert wurde. Nach der Pause wurde dann der Kinofilm „Nurejew – The White Crow“ („Nurejew – Die weiße Krähe“) von Ralph Finnies von 2018 gezeigt, und zwar in seiner selten zu sehenden Originalversion auf Englisch, Russisch und Französisch mit deutschen Untertiteln. Der Film schildert die Kindheit und Jugend von Nurejew; seinen Charakter, seine Prägung und seine unbedingte Liebe zum Tanz.

Die einleitenden Worte der Moderatorin galten Nurejew.

1993 starb er, im Alter von nur 54 Jahren, aber bis heute ist sein Nimbus unerreicht. Gisela Sonnenburg beschrieb sein Fluidum:

Er war nur 1,73 m groß, aber er verkörperte sowohl die Wildheit als auch die Schönheit des Tanzens.

Schicksalstanz mit Nurejew

Wie Rudolf Nurejew hat Javier Cacheiro Alemán vom Ballett Dortmund sehr viel mit seiner Kunst zu geben. Hier im „Schicksalstanz mit Nurejew“. Foto: Gisela Sonnenburg

Pierre Lacotte, auch ein berühmter Ballerino, der in Paris Nurejews Freund wurde und der jetzt gerade im April 90 Jahre alt wurde, sagte Sonnenburg in einem Gespräch über Rudi:

‚Er war ein Tiger, ein Kämpfer – und keiner, der es leicht hatte!‘ – Man sollte sich Nurejew also nicht als nur glücklichen Menschen vorstellen.

Er litt an der Welt, er verabscheute Lüge und Heuchelei – und er kannte die Einsamkeit, trotz oder gerade wegen seines Status als Star.

Seine Geburt war allerdings bereits ungewöhnlich: Er wurde in einem fahrenden Zug geboren, während einer Reise seiner Mutter zu seinem Vater, auf der Höhe des Baikal-Sees.

Er wuchs in der ländlichen Region um Ufa in der Sowjetunion auf, und seine Kindheit war von Armut geprägt. Rudolf trug tatsächlich die Kleider seiner älteren Schwestern auf.

Schicksalstanz mit Nurejew

Auch mal folkloristisch: Javier Cacheiro Alemán in „Pour Noureev“ von Gisela Sonnenburg im BABYLON während der Uraufführung. Foto: Gisela Sonnenburg

Aber es gab Tanz, und zwar Folkoretanz. Rudi fiel schon als Kind als hoch begabter Tänzer auf. Und als seine Mutter ihn und die Schwestern mitnahm zu einer Ballettaufführung in Ufa – getanzt wurde das Märchen „Das Lied der Kraniche“ – wurde ihm klar: Ballett sollte seine Bestimmung sein.

Er erhielt Unterricht, aber erst mit 17 Jahren gelang ihm der Wechsel in das über 1600 km entfernte Leningrad (wie Sankt Petersburg damals hieß), wo Rudi das weltberühmte Waganova-Institut besuchte.

Sein Lehrer, Alexander Puschkin, förderte ihn – und blieb künstlerisch lebenslang prägend für Rudi.

Als Nachwuchstalent – heute würden wir sagen: Shooting Star – reiste Nurejew 1961 mit der Balletttruppe vom Kirov Theater nach Paris.

Schicksalstanz mit Nurejew

Sanft wie ein Zweig im Wind: Javier Cacheiro Alemán im BABYLON. Foto: Gisela Sonnenburg

Er lernte dort Pierre Lacotte kennen, der später als Rekonstrukteur historischer Ballette bekannt wurde. Und er traf eine junge Frau – Clara Saint – die ihm in einer bestimmten Situation seines Lebens sehr half.

Rudi blieb auch wegen ihr in Paris, er wechselte – unter dramatischen Umständen und bedrängt vom KGB – vom Osten in den Westen.

Bald wurde er tonangebend, was Stil, Geschmack, Ausrichtung des Balletts angeht.

Er tanzte in London mit Margot Fonteyn, wurde Pariser Ballettdirektor, er gastierte und inszenierte weltweit.

Er schenkte dem Westen Ballette wie „Don Quixote“ und „Le Corsaire“, die man zuvor hier nie gesehen hatte.

Leidenschaft steht bei Rudis Kunstauffassung stets ganz oben.

Schicksalstanz mit Nurejew

Javier Cacheiro Alemán: Hand aufs Herz: Nurejew war der größte Tänzer, aber hier sieht man die fantastischen Folgen dessen! Foto: Gisela Sonnenburg

Nicht nur Technik, sondern auch Ausdruck spielt bei Nurejew die entscheidende Rolle. Hinzu kommt seine Vorliebe für Kapriziöses, Luxuriöses, aber auch für Historisches sowie für Ursprüngliches.

Natur war für Rudolf Nurejew etwas, das mit der inneren Natur des Tanzes zu tun hatte.

Viele Tänzer erkennen und lieben das.

So auch Javier Cacheiro Alemán, der aus Kuba stammt, dort auch ausgebildet wurde, der noch Alicia Alonso kannte und von ihrer Tochter Laura trainiert wurde.

Nach Engagements in Kuba und Mexiko tanzt Javier seit 2015 beim Ballett Dortmund unter Xin Peng Wang.

Er ist ein wundervoller Prinz im „Schwanensee“, ein mitreißender Dante in Wangs Trilogie „Die Göttliche Komödie“, und ein clownesker „Petruschka“ in Wangs Neudeutung des Ballettklassikers.

Jetzt wird er Nurejew sein. Nicht der ganze Nurejew, aber doch ziemlich viel von ihm.

Schicksalstanz mit Nurejew

Das Outfit ist puristisch und dennoch glanzvoll – vor allem à la Noureev: Javier Cacheiro Alemán, der sonst beim Ballett Dortmund tanzt, im BABYLON in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Sein Kostüm ist ein extravaganter Leotard, hell schimmernd und weite Teile der Brust frei lassend, mit einem dunklen Gürtel.

Das Haar wird von einem bronzefarbenen Stirnband gehalten. Solche Stirnbänder waren in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Ballettwelt hochmodern, und Rudi trägt so etwas auf vielen Fotografien.

Sie machen das Gesicht smart, sie bändigen das Haar und lassen die Gesichtszüge weicher erscheinen.

Man kann sich so Rudolf Nurejew durchaus vorstellen, wie er sich am Morgen nach einer Vorstellung auf einer Tournee im Hotel befindet.

Es ist sein freier Tag nach einer anstrengenden Aufführungsserie, und soeben kommt er von einem Spaziergang durch die Hotelanlagen. Bestimmt ist er im Swimming Pool eine Runde geschwommen – er liebte das Element Wasser und verbrachte die Ferien oftmals auf einer kleinen Insel, die sogar Nurejew selbst gehört hat.

Mit der Musik, die erklingt, wird in Nurejew die Erinnerung wach.

Schicksalstanz mit Nurejew

Da blitzt immer mal wieder Nurejew auf: Javier Cacheiro Alemán in „Pour Noureev“ von Gisela Sonnenburg. Foto: Gisela Sonnenburg

Diese Musik stammt von dem Ungarn Jenö Huboi. Und sie wird gespielt von Jochen Brusch, dem „Teufelsgeiger“ aus Tübingen mit Andrej Mouline am Akkordeon.

Der Tanz wurde von Gisela Sonnenburg speziell für diesen Abend kreiert – und es ist keineswegs nur irgendein Tanz, sondern ganz schönheavy“.

Javier Cacheiro Alemán in „Pour Noureev“ – was auf französisch „Für Nurejew“ heißt – ist ein Ausbund an Lebensfreude einerseits und melancholischer Sehnsucht andererseits.

Zart erklingt eine Melodie, zu der der Tänzer auf der Bühne erscheint.

Er trägt einen Bademantel, wie sie typisch sind für Luxushotels – dieser hier stammt aus dem Regent’s in Berlin – und bei sich hat er eine Blume, und zwar eine pinkfarbene Hortensie.

Er legt die Blume ab, entledigt sich elegant des Bademantels – und wird gedanklich von der Musik in eine andere Welt getragen.

Schicksalstanz mit Nurejew

Eine Schlüsselpose – und links im Hintergrund der Bademantel, den Javier Cacheiro Alemán als Nurejew mit sich trägt. Foto: Gisela Sonnenburg

Mit einigen Chainé-Drehungen scheint er sich schicksalhaften Kräften entwinden zu wollen. Aber die Musik erfasst ihn, und sie zwingt ihn, sich zu erinnern.

Folklore-Rhythmen durchsetzen die Violinenklänge. Entsprechend spiegelt sich das im Tanz: Cacheiro Alemán hat ein großes Talent für Sprünge und auch für kleine Folkloreschritte, die mit starkem Elan und großer Spannung vorgetragen werden müssen.

Die Erinnerungen Nurejews an seine ersten Auftritte mit der Folkloregruppe sind hier zu Zitaten aus einer anderen Welt geworden.

Allerdings wechselt die Stimmung: Schwermut und Begeisterung wechseln einander ab.

Auch Anklänge an Partien, die Rudi getanzt hat, sind zu sehen:

Die Hand hinter dem Hinterkopf, wie sie „Raymonda“ auch in der diffizilen Version von Rudolf Nurejew ausmacht.

Die Selbstumarmung mit großer Geste, wie sie für den Goldenen Sklaven aus „Sheherazade“ von Mikhail Fokine typisch ist.

Schicksalstanz mit Nurejew

Ein Sprung, eine Arabeske – wie ein Tanz gewordenes Gedicht: Javier Cacheiro Alemán auf der kleinen Bühne vom BABYLON. Foto: Gisela Sonnenburg

Die großen gesprungenen Cabrioles und die kleinen luftigen Sprünge, die dem „Blauen Vogel“ aus „Dornröschen“ von Marius Petipa zugeschrieben werden.

Und die Geste der Verzweiflung im Kniefall, den Kopf in die Hand gestützt, wie sie Albrecht in „Giselle“ und Siegfried im „Schwanensee“ zu eigen ist.

Aber auch die kindliche Lust am Tanz, die burschenhafte Wolllust am Sichzeigen, das Temperament des geborenen Tänzers sind in Schrittfolgen umgesetzt.

Schließlich obsiegt die Lust am Tanz, die völlige Hingabe, die pirouettenselige Passion.

Dieser Nurejew, das ist klar, wird sein Ballett nie gegen einen anderen Lebenssinn eintauschen.

Der Applaus gibt der superben Darbietung Recht: Javier Cacheiro Alemán ist als Nurejew in diesem getanzten Psychogramm überragend.

Später wird sich bei Gesprächen mit dem Publikum ergeben, dass viele den Nurejew, den sie kannten – und manche kannten ihn noch persönlich oder haben sogar mit ihm gearbeitet – wiederfanden.

Schicksalstanz mit Nurejew

Sehnsucht nach dem Vergangenem: Wer sie nicht kennt, lebt vielleicht gar nicht. Javier Cacheiro Alemán in „Pour Noureev“ von Gisela Sonnenburg in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Immer wieder blitzte eine Regung im Tanz auf, die direkt zu Nurejew führte – oder von ihm zu kommen schien.

Ein größeres Kompliment kann man Javier, der schön wie Roberto Bolle anmutet, kaum machen.

Das Thema „Schicksalstanz mit Nurejew“ umfasst denn auch nicht nur die äußeren Vorgänge, die ein Schicksal ausmachen, sondern vor allem die Facetten prägender Emotionen, die mit Ballett und Tanz verbunden sind.

In Nurejews Leben war der Moment, in dem er sich entschied, in den Westen zu wechseln, obwohl er das ganze russische Ballett in seinem Herzen fühlte, vielleicht der wichtigste in seinem Leben.

Fortan baute er mit seiner Kunst Brücken zwischen Ost und West, wie sie vielleicht niemand sonst zu bauen wusste.

Um aber überhaupt den Status des Flüchtenden zu erhalten, benötigte er die Hilfe einer jungen Frau.

Schicksalstanz mit Nurejew

Sieht aus wie ein Abflug, ist aber keiner: Javier Cacheiro Alemán (Ballett Dortmund) tanzt „Pour Noureev“ von Gisela Sonnenburg. Foto: Gisela Sonnenburg

Clara Saint ist ein sinnliches, aber auch natürlich wirkendes Mädchen.

Ihre Situation, als sie Nurejew auf einem Empfang nach einer Tournee-Vorstellung in der Pariser Oper kennen lernt, ist folgende:

Ihr Verlobter, der zufällig der Sohn des damaligen französischen Kulturministers und Schriftstellers André Malraux war, war erst kurz zuvor bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Für Clara bedeutete das den Verlust all ihrer Hoffnungen und ihrer Liebe.

Sie verfiel in Ängste, entwickelte eine schleichende Depression, sie hatte Schlafstörungen, litt an innerer Einsamkeit.

Rudolf aber weckte ihn ihr die Lebenskraft.

Er hat sie, ohne bewusstes Handeln, wirklich gerettet.

Später, als Rudolf sich in Lebensgefahr wähnte, war Clara Saint diejenige, die Hilfe holte und seine Flucht arrangierte.

Das war ihre Art, Danke zu sagen – etwas zu tun, das niemand sonst kann.

Schicksalstanz mit Nurejew

Roxanne Grosshans tanzt „Mit Mondlicht im Herzen“ von Gisela Sonnenburg im BABYLON in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Roxanne Grosshans, unsere Clara Saint, ist eine junge Tänzerin aus Berlin, deren Stil wirklich beeindruckt.

Sie zeigte, wie die Choreografie von Gisela Sonnenburg zum ersten Satz der „Mondscheinsonate“ von Ludwig van Beethoven getanzt werden kann.

Der Titel dieses Beethoven-Solos: „Mit Mondlicht im Herzen“.

Es spielt dazu live am Klavier: Anna Vavilkina, die bekannte Organistin vom BABYLON. Ihre zarten Hände wissen in der Tat, Bewegung zu begleiten: Auch Film besteht, wie der Tanz, aus Bildern in Bewegung.

Und wenn Vavilkina live einen Stummfilm begleitet, dann ist das keineswegs Routine. Sondern sie ist Spezialistin darin, passgenau zu improvisieren.

Das Publikum glaubt dann meist, eine Komposition zu hören. So schnell kann Anna Vavilkina Gesehenes in Gespieltes übersetzen. Sie ist wie eine Pantomimin, Schauspielerin oder Tänzerin mit ihren Klängen statt mir ihrem Körper.

Sie ist übrigens die einzige fest angestellte Kino-Organistin in Deutschland.

Schicksalstanz mit Nurejew

Verzweiflung und Hoffnung wechseln einander ab: Roxanne Grosshans in „Mit Mondlicht im Herzen“ beim „Schicksalstanz mit Nurejew“ in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Roxanne Grosshans hingegen ist derzeit freiberuflich tätig. Sie stammt aus Frankreich, und sie hat erst kürzlich ihre Ausbildung zur Tänzerin in Berlin abgeschlossen.

Roxanne hat eigentlich einen Schwerpunkt in Contemporary Dance – und sie begann erst mit 17 Jahren mit Ballett, also in jenem Alter, in dem Rudolf Nurejew ins Waganova-Institut aufgenommen wurde.

Was man schnell bemerkt: Roxanne Grosshans ist sehr begabt. Sie hat eine große Leichtigkeit und Anmut, viel Charme und einen ausdrucksstarken Stil.

Sie stellt hier Clara Saint des nachts dar: Die junge Frau kommt gerade von jenem Empfang, bei dem sie Nurejew begegnete – und sie meditiert, indem sie tanzt und ihre schwierige Situation reflektiert.

Schicksalstanz mit Nurejew

Als wäre alles verloren – so fühlte sich Clara Saint, bevor sie Nurejew traf. Hier Roxanne Grosshans als Clara Saint in „Mit Mondlicht im Herzen“. Foto: Gisela Sonnenburg

Mit schwebenden Bourrées bewegt sich die Tänzerin grazil von rechts nach links. Ihre rechte Hand ist dabei erst seitlich erhoben, der Arm ausgestreckt, um sich dann in der Luft nach links zu schieben.

Ganz so, als könne man damit dunkle Gedanken verscheuchen.

Schicksalstanz mit Nurejew

Roxanne Grosshans: ausdrucksstark in „Mit Mondlicht im Herzen“ von Gisela Sonnenburg im BABYLON. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Ängste von Clara sind da: Ihre Hände umfassen ihren Hals, sind würgend und haltend zugleich.

Aber die Hoffnung bahnt sich ihren Weg.

Und während Verzweiflung und Hoffen in dieser zarten Person miteinander ringen, wird auch klar: Menschlichkeit und Mitgefühl sollten stets die oberste Leitlinie sein.

Clara meditiert nicht nur, sie betet hier auch. Tanzenderweise.

Und sie schöpft Hoffnung, auch Erkenntnis, daraus.

Schicksalstanz mit Nurejew

„Mit Mondlicht im Herzen“ – und vielen Fragen an das Schicksal im Kopf. Roxanne Grosshans als Clara Saint im „Schicksalstanz mit Nurejew“. Foto: Gisela Sonnenburg

Wenn sie fragend die Hand hebt, möchte man ihr antworten.

Und wenn sie stumm leidet, möchte man ihr Mut zusprechen.

Roxanne Grosshans rührt, und das bewegende Klavierspiel von Anna Vavilkina – die Abstimmung der Tänzerin und der Musikerin ist sehr harmonisch – betont diesen Aspekt des Tanzes.

Schließlich scheint Clara Saint zum retardierend gespielten Schlussakkord eine Offenbarung zu leisten: Sie hat den Glauben an sich selbst wieder gefunden.

In ihrem altrosé-farbenen Cocktailkleid ist diese junge Ballerina eine Träumerin und eine Handlungsfähige zugleich.

Ihre Emotionalität und ihr Stil entführten in die Erfahrungswelt einer jungen Dame, für die Schicksal und Neubeginn zusammen kamen.

Schicksalstanz mit Nurejew

Lernen, auch bei Verlust noch an Gott und sich zu glauben: Roxanne Grosshans als Clara Saint in „Mit Mondlicht im Herzen“ von Gisela Sonnenburg im BABYLON. Foto: Gisela Sonnenburg

Man wünscht Roxanne Grosshans und ihrer Clara Saint, dass sich die düsteren Wolken im Leben lösen und die feinen weißen Quellwolken, die für die Ankündigung von sonnigem Wetter stehen, überwiegen.

Bravo!

Beethoven, Natur, Frauenbilder.

So geht es hier weiter. Zunächst mit Beethoven. Und mit der Klassik.

Nurejew liebte die Klassik, er mochte alles Historische, und er liebte auch die Museen.

Kunst- und Kulturgeschichte waren für ihn wichtig, und als Ballettstudent schwänzte er gelegentlich den Unterricht, um die Eremitage, das große Museum, zu besuchen.

Später, 1961, bei seinem ersten Gastspiel in Paris, stellte Rudi sich früh morgens allein vor den Louvre, um sich das Gemälde „Das Floß der Medusa“ anzusehen, und zwar allein. Im Dialog mit der Kunst.

Schicksalstanz mit Nurejew

Roxanne Grosshans als barmende Clara Saint in „Mit Mondlicht im Herzen“, aufgeführt im „Schicksalstanz mit Nurejew“ in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Tanz im Museum ist nun zudem immer etwas Besonderes.

Mit der Ballerina Adeline Pastor vom Aalto Ballett in Essen probierte Gisela Sonnenburg am Rosenmontag diesen Jahres in dieser Hinsicht etwas aus.

Adeline, die übrigens auch, wie Roxanne, Französin ist, tanzte eine  Choreografie, die Sonnenburg zuvor mit ihr erstellt hatte, in der Alten Nationalgalerie Berlin, und zwar genau vor der so genannten „Prinzessinnengruppe“ von Johann Gottfried Schadow.

Schicksalstanz mit Nurejew

„Mit Mondlicht im Herzen“, getanzt von Roxanne Grosshans beim „Schicksalstanz mit Nurejew“. Foto: Gisela Sonnenburg

Diese Skulptur zeigt die Schwestern Luise und Friederike von Preußen Arm in Arm, tändelnd, spazierend, flanierend – ganz locker und fast privat, also gar nicht typisch für die Zeit um 1800, als das Bildnis entstand.

Es wurde 1797 fertig gestellt, im selben Jahr, als mit einer kleinen Erzählung des Dichters Ludwig Tieck („Der blonde Eckbert“) die Epoche der literarischen Romantik in Deutschland begann.

Schicksalstanz mit Nurejew

Roxanne Grosshans in „Mit Mondlicht im Herzen“: zu sehen im BABYLON am 29. Mai 22. Foto: Gisela Sonnenburg

Hoch gestellte Frauen in der Kunst waren damals oftmals vor allem dekorativ abgebildet: erhaben, aber untätig.

Trotzdem wirken die beiden Prinzessinnen von Schadow gar nicht passiv, sondern modern und unabhängig, selbstbewusst und im Charakter sich ergänzend.

Luise ist zielstrebig und visionär, Friederike hingegen sinnlich und verträumt dargestellt.

Das tänzerische Ansinnen hier: Eine dritte „Prinzessin“, nämlich eine moderne Frau, eine Tänzerin, hinzuzufügen.

Und das ist eben Adeline Pastor, die hier zur Musik der Klaviersonate für vier Hände opus 6 von Ludwig van Beethoven tanzt, und diese Musik stammt ebenfalls von 1797.

Romantik, Klassizismus und Moderne sollen sich hier vermischen, und dennoch gibt es Verbindendes, wie die feminine Kraft aller drei jungen Frauen.

Schicksalstanz mit Nurejew

Hoffnung schöpfen im Grand Plié: Roxanne Grosshans im BABYLON. Foto: Gisela Sonnenburg, die auch das hier getanzte Solo „Mit Mondlicht im Herzen“ choreografierte.

Das Video, das zu diesem Tanz entstand, heißt wie die Choreografie: „Pour Adeline“, „Für Adeline“. Sie ist übrigens auch auf  YouTube eingestellt.

Auf der großen Leinwand im Kino wirkt sie aber deutlich stärker als auf einem Computermonitor. Beim Gespräch mit Zuschauer:innen nach der Veranstaltung stellte sich heraus, dass nicht wenige gerade diese gezeigte Arbeit wegen ihrer  kulturhistorischen Bezüge besonders inspirierend fanden.

Im BALLETT-JOURNAL findet sich ein anderer, großer Beitrag  zu diesem Tanzvideo. Hier nun eine Kurzversion:

Zu Beginn ist ein Applaus aus dem Off zu entnehmen, der die hier am Boden ruhende Ballerina zu wecken scheint. Adeline Pastor scheint wie aus der Zeit gefallen, aus der Gegenwart in die museale Zeit um 1800 zurückversetzt.

Aber sie ist eine echte Ballerina, sie kennt sich aus.

Flink läuft sie auf einen Punkt rechts hinten zu – und beginnt, zu mit den plätschernden Melodiebögen der Musik, ihren Tanz.

Sie trägt Spitzenschuhe und vermag äußerst anmutig zu trippeln und vielfach zu pirouettieren. Für ihre reibungslos absolvierten, auch mal sechs- oder siebenfachen Pirouetten auf Zehenspitzen ist Adeline Pastor übrigens berühmt.

Feinsinnigen Verbeugungen und Referenzen zu den Prinzessinnen folgen hier freimütige und originelle, auch moderne Schrittfolgen.

Schicksalstanz mit Nurejew

Keine klassische Prinzessin, aber eine Hoffende: Roxanne Grosshans als Clara Saint in „Mit Mondlicht im Herzen“ von Gisela Sonnenburg. Foto: Gisela Sonnenburg

Schließlich wälzt sich die moderne Prinzessin sogar am Boden, baumelt mit den Beinen – und genießt es, sich von eingespieltem Amselgezwitscher einen Fächer zeigen zu lassen.

Diesen zieren zwei aufgemalte Mohnblüten. Klatschmohn steht für die Kraft des Schlafes, auch der Träume – träumt die Ballerina ihren Ausflug ins Museum mit Naturanschluss etwa nur?

Im Verlauf des Solos bricht jedenfalls immer mehr modernes Tanzvokabular in die klassischen Grundmuster ein.

Bis hin zum Charleston, der ab 1925 von Josephine Baker in Europa bekannt gemacht wurde, bis zum Ausdruckstanz und auch bis zu zeitgenössischen Bewegungen reichen die Assoziationen.

Schicksalstanz mit Nurejew

Sie erinnert an „Die kleine vierzehnjährige Tänzerin“ von Edgar Degas – Roxanne Grosshans in „Mit Mondlicht im Herzen“. Foto: Gisela Sonnenburg

Schließlich kreiselt die Tänzerin hin und her – ohne das Gleichgewicht oder den Orientierungssinn zu verlieren.

Die Liebe zur Klassik setzt sich durch: Mit rückwärts ausgeführtem Bourrée, also vielen kleinen Schritten auf Zehenspitzen, mit charmantem Vorwärtslauf und einer folgenden sanften Pirouette, die kniend beendet wird, endet das Stück.

Der Fächer ist dabei ein ausgezeichnetes Requisit, um sowohl an die Eleganz als auch an die schweißtreibende Wirkung von Ballett zu erinnern.

Ballettkünstler:innen trainieren jahre- und jahrzehntelang hart dafür, um eine solche Körperbeherrschung zu erlernen. Was so leicht und selbstverständlich aussieht, ist das Ergebnis wirklich sehr anstrengender körperlicher und auch mentaler Arbeit.

Es würde zu weit führen, hier alle Vorzüge des Balletts aufzulisten, aber es ist nachgewiesen, dass Ballett das Vermögen der Koordination und auch die Selbstheilungskräfte aktiviert.

Adeline Pastor in "Pour Adeline" von Gisela Sonnenburg in der Alten Nationalgalerie Berlin

Voilà! Primaballerina Adeline Pastor zu Besuch bei der „Prinzessinnengruppe“ von Johann Gottfried Schadow in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Aus dem auch auf YouTube stehenden Video „Pour Adeline“ von Gisela Sonnenburg. Foto: Ballett-Journal

Jedenfalls spendet das Publikum im BABYLON auch diesem Film herzlichen Applaus – es ist im BABYLON tatsächlich üblich, dass anspruchsvollen Filmen applaudiert wird.

So ist es ja auch auf Festivals wie der Berlinale gute Sitte – Kultur ist eben nicht dasselbe wie Filme, die es dem Publikum nicht mal wert sind, überhaupt ganz zuende geschaut zu werden.

Man muss schon dankbar sein, wenn kultiviertes Benehmen überhaupt irgendwo gefördert wird.

Im BABYLON gab es an dieser Stelle außerdem die Danksagungen. An das Team vom BABYLON zuerst, dann auch an Franka Maria Selz, die an diesem Abend die Videokamera bedient.

An die Firma Gerriets, die mit ihren Tanzteppichen immer wieder für helle Freude bei unseren Tänzer:innen sorgt. Und an das Hotel Regent’s Berlin, das zwar kein Sponsor ist, das aber freundlich bei der Deko und den Requisiten aushalf.

Dann folgte der Höhepunkt des Live-Programms.

Schicksalstanz mit Nurejew

Harmonisch wie die Liebe als Paar: Lucia Lacarra und Matthew Golding in „After the Rain“ von Christopher Wheeldon im BABYLON in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Der britische Choreograf Christopher Wheeldon kannte Rudolf Nurejew noch persönlich. Christopher war ein Teenager in London an der Royal Ballet School, ein schmal und schmächtig gewachsener, aber gut trainierter Junge, als er Nurejew in der Kantine auffiel. Und Nurejew bat ihn darum, ihn ins Studio zu tragen.

Zu tragen? Zu tragen. Denn Nurejew war zu diesem Zeitpunkt, 1989, bereits von AIDS gekennzeichnet, er war zeitweise schwach und kraftlos und musste dann meistens getragen werden.

Und Wheeldon trug Nurejew.

Für Wheeldon, der Nurejews Power nachgerade inhaliert hat, war das eine Ehre.

Laut Wheeldon vereinte Nurejews Tanz „maskuline und feminine Kräfte“ in seinem Tanz. Als „Panther“ und „exotische Rose“ sieht er ihn, auch als „unersetzlichen Solitär“.

Die Poesie der Begriffe von Wheeldon setzt sich in seinen Choreografien fort.

Jede Geste ist bei Wheeldon ein Winken Richtung Unendlichkeit, und jedes Ausstrecken eines Beines hat mit Ewigkeit zu tun.

Schicksalstanz mit Nurejew

„After the Rain“ ist ein Tanz über die Liebe und Beziehungsarbeit – hier sehen wir Lucia Lacarra in den Armen von Matthew Golding. Das Foto stammt aus dem BABYLON in Berlin vom „Schicksalstanz mit Nurejew“: Gisela Sonnenburg

Auf dem Programm im „Schicksalstanz“ steht Wheeldons bekanntestes Pas de deux, sein Paartanz „After the Rain“, was übersetzt „Nach dem Regen“ heißt.

Gemeint ist die Liebe ab dem Punkt, an dem sie nicht mehr unschuldig und neu ist, sondern bereits harte Arbeit und außer Hingabe und Vergnügen auch Geduld und Verständnis füreinander verlangt.

Das Paar, das dieses Juwel auf der kleinen Bühne im BABYLON interpretierte, war kein geringeres als Lucia Lacarra und Matthew Golding.

Lucia Lacarra ist für viele die weltbeste Ballerina, eine magische Person mit einer Aura und einer inneren Kraft, die sie spürbar und wie hautnah erlebbar macht.

Sie erhielt so ziemlich alle Preise und Ehrungen, die die Ballettwelt kennt, und manche Preise wurden für sie überhaupt erst erfunden.

Wenn sie tanzt, dann ist das eine innere Notwendigkeit. Tanz ist bei ihr wie das Leben selbst!

Das weiß auch Matthew Golding, der seit einigen Jahren ihr Partner ist und sie sozusagen wörtlich auf Händen trägt.

Er stammt aus Kanada, tanzte vor allem bei Het Nationale Ballet in Amsterdam und hat wie seine Partnerin eine enorme internationale Erfahrung als Gasttänzer und Gala-Star. „After the Rain“ ist eines ihrer gemeinsamen Glanzstücke.

Schicksalstanz mit Nurejew

Auch ein Fliegen: Lucia Lacarra und Matthew Golding in „After the Rain“ von Christopher Wheeldon beim „Schicksalstanz mit Nurejew“. Foto: Gisela Sonnenburg

Vor allem aber entwickeln Lacarra und Golding abendfüllende Programme, die Film und Tanz zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügen. Filmischer Tanz als Ergänzung des Live-Geschehens ermöglicht es ihnen, etwa in „Fordlandia“ oder in „In the Still of the Night“ zu zweit einen ganzen Theaterabend zu füllen.

So etwas ist im Tanz höchst selten, und es beruht auf einer Tradition des Ausdruckstanzes.

Während es dort aber vor allem die Soli sind, die das Programm beherrschen, tanzen Lucia Lacarra und Matthew Golding im Paartanz.

Das Motiv des Tragens, des Einanderhaltens, einander Kraft und Zuwendung geben – das zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Pas de deux.

Nurejew hatte übrigens zu vielen Menschen eine enge Bindung, allerdings war sie meist beruflich geprägt.

Schicksalstanz mit Nurejew

Eine Hebung mit höchstem Schönheitsgrad: Lucia Lacarra und Matthew Golding in „After the Rain“ von Christopher Wheeldon im BABYLON in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Mit Margot Fonteyn, der britischen Primaballerina, verband ihn eine Erfolgsgeschichte. Sie, die reife Frau, tanzte mit ihm, dem damaligen Jungspund, alle großen Rollen, von „Schwanensee“ über „Giselle“ bis zu speziell für sie kreierten Stücken wie „Marguerite and Armand“ von Frederick Ashton.

Geliebt hat Nurejew Männer und Frauen, mit zunehmendem Alter vor allem die Männer. Mit dem dänischen Ballerino Erik Bruhn pflegte er eine jahrelange private Liebe – die allerdings nicht ein Leben lang hielt.

Die größte Liebe in Rudis Leben, das darf man sicher sagen, war der Tanz.

Lucia Lacarra und Matthew Golding aber erzählen mit ihrer hohen Körperkunst von all ihrer Liebe zum Menschen, und sie tun das mit all ihrem Glanz einer außergewöhnlichen Kunstsparte: dem Ballett.

Und wer danach immer noch glaubt, Ballett sei irgendwie angestaubt und altertümlich, dem ist vielleicht wirklich nicht zu helfen – da regieren dann offenkundig die Vorurteile.

Und nur als Randbemerkung: Ballett ist von allen klassischen Künsten die jüngste, es entstand erst vor knapp 400 Jahren in Frankreich und Italien. Eine seiner Wurzeln – außer Folklore und höfischem Tanz – ist allerdings schon rund 2200 Jahre alt: das Qigong. Diese chinesische Bewegungsmeditation hat mit einigen Grundübungen des Balletts denn auch bis heute Ähnlichkeit – obwohl sich das Ballett als Kunst im Gegensatz zur bloßen Technik des Qigong stetig weiter entwickelt.

Der Tanz von Lucia Lacarra und Matthew Golding führt jedenfalls vor Augen, wie sehr die Liebe und der Tanz zusammenhängen können.

Äußerste Konzentration und innerste Geborgenheit – so könnte man das Zusammenspiel der beiden Tanzgrößen hier beschreiben.

Der jubelnde Applaus bewies, dass das Publikum dem genau so folgte.

Schicksalstanz mit Nurejew

Eine Hebung vom höchsten Schwierigkeitsgrad: Lucia Lacarra und Matthew Golding in „After the Rain“ beim „Schicksalstanz mit Nurejew“. Foto: Gisela Sonnenburg

Das Ziel des Abends, sozusagen die Essenz von Nurejews tänzerischen Absichten zu vermitteln, setzte sich nach einer Pause fort: mit der Vorführung von „Nurejew – The White Crow“, einem der wenigen Kinofilme, in dem Tänzer die Tänzerrollen spielen.

Der Titel zitiert eine Bezeichnung Nurejews als „weiße Krähe“, denn so werden in Russland manche Außenseiter, die außergewöhnlichen Menschen, genannt.

Oleg Ivanko, ein ukrainischer Ballerino, der seit Jahren in Russland lebt und tanzt, spielt hier den jungen Rudolf Nurejew.

Ralph Finnies, der Regisseur des Films, spielt darin selbst den Ballettlehrer in der Waganova-Akademie, der Rudi vieles beibrachte.

Der Film beginnt mit seinem Verhör nach dem Wechsel von Nurejew in den Westen.

In Rückblenden wird dann erzählt: von der Kindheit Rudis, sogar von seiner Geburt, von seiner Liebe zum Tanz, von seiner Begeisterung fürs Ballett.

Auch von seinen ersten Erfahrungen, sowohl in künstlerischer als auch in sexueller Hinsicht.

Anna Polikarpova-Urban, früher Primaballerina, jetzt Lehrerin beim Hamburg Ballett, spielt und tanzt die Dudinskaja, eine nicht mehr ganz junge  Primaballerina in Leningrad, die den hoch talentierten Rudi für sich als Partner entdeckt.

Margot Fonteyn wird später dieselben Eigenschaften von Nurejew für sich nutzen: Er schmückte gerade ältere Frauen, wenn er sie partnerte, und er verlieh  ihnen einen Hauch seiner Jugendlichkeit.

Das Selbstbewusstsein, das Rudi an den Tag legte, war allerdings auch außergewöhnlich. Niemand könne ihm das Wasser reichen – so tönte er schon als Heranwachsender, und als umjubelter Star wurde dieser Egozentrismus nicht eben weniger.

Finnies‘ Film beleuchtet auch diese Facette des Nurejew’schen Schicksals.

Dass ihn seine Allüren einsam machten, war kein Geheimnis. Aber Nurejew wusste, wie er Menschen dazu brachte, ihm vieles nachzusehen.

Seine beste Waffe im Kampf um Ruhm und Liebe war der Tanz.

Er nahm bewusst für sich in Anspruch, einen ganz neuen Typus Mann auf der Ballettbühne zu verkörpern.

Nurejew kommt ins Kino

Ralph Finnies als Ballettpädagoge Puschkin mit seinen Zöglingen: Disziplin und Sanftmut im damaligen Leningrad. So zu sehen in „Nurejew – The White Crow“. Foto: Alamode Film

Im Film behauptet er, vor ihm hätten die Männer nur die Ballerinen präsentiert. Das ist aber fachlich nicht richtig. Auch in den klassischen Balletten aus dem 18. und 19. Jahrhundert haben die Männer Aufsehen erregende Soli innerhalb und außerhalb der Gands Pas de Deux.

Und das moderne klassische Ballett, das es etwa seit 1909, seit „Les Sylphides“ von Mikhail Fokine gibt, kennt durchaus solistische Alleingänge von männlichen Tänzern, die nichts mit einer Instrumentalisierung für die Ballerinen zu tun hat.

Stücke wie „Josephs Legende“ und „Romeo und Julia“, dann vor allem die Choreografien von Maurice Béjart emanzipierten männliche Tänzer zu Hauptprotagonisten.

Aber: Rudolf Nurejew präsentierte sich nicht nur stolz und temperamentvoll, leidenschaftlich und erhaben, sondern auch – erotisch bis zum Anschlag.

Das war neu: ein klassisch ausgerichteter Tänzer, der sich fast unverhohlen als erotisches Objekt zeigte.

Rudolf begehrte nicht nur, er wollte auch begehrt werden.

Diese Offenheit, die zugleich eine Absage an verlogene Mann-Frau-Klischees bedeutet, hat mit dem zu tun, was uns noch heute an Nurejew fasziniert.

Im Film „Nurejew – The White Crow“ tanzt er erst im Abspann selbst, in einer historischen Aufnahme von „Le Corsaire“, einem jener Ballette, die er in seinen Inszenierungen weltbekannt machte.

Nurejew kommt ins Kino

Oleg Ivenko als „Nurejew – The White Crow“: Tänzerisch und schauspielerisch voll  überzeugend im Film von Ralph Finnies. Foto: Alamode Film

Zuvor tanzt Oleg Ivenko an seiner Stelle, und andere Tänzer stellen andere Tänzer dar. Das unterscheidet Finnies‘ Verständnis von Authentizität etwa von dem reißerischen Thriller „Black Swan“, in dem Tänzer nur als Doubles auftauchen.

Überhaupt bietet der Film faszinierende Bilderwelten, die in der Originalversion (die deutsche Synchronfassung ist nicht so geglückt) mit authentisch anmutenden Sounds einhergehen.

Man ist gerührt und hingerissen, entsetzt und empört. Man fühlt mit Rudi und seiner Hingabe an den Beruf.

Die Folgen, die Nurejews Credo für die Tanzwelt hat, sind jedenfalls nicht auf Endlichkeit angelegt.

Das war an diesem Abend im BABYLON sicher spürbar.

Das ganz neuartige, der Aufklärung verpflichtete Konzept, mit Teilaspekten tänzerisch auf den Inhalt des Filmkunstwerks vorzubereiten, also gleichermaßen Ballett live zu zeigen wie auch solchermaßen in bestimmte Thematiken einzustimmen, erwies sich als rundum tauglich. Das zeigten nicht zuletzt die Gespräche bei einem Glas Wein mit dem Publikum.
Franka Maria Selz / Gisela Sonnenburg

 

 

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