Abschied, Wiederkehr und Aufstieg Beim Hamburg Ballett bereitet sich Jacopo Bellussi auf sein Debüt in „Dornröschen“ von John Neumeier vor, während Ida Praetorius für Hélène Bouchet tanzt

"Ghost Light" von John Neumeier in überarbeiteter Version im Live-Stream auf arte concert

Jacopo Bellussi und Hélène Bouchet: Anziehung und Abstoßung in „Ghost Light“ von John  Neumeier beim Hamburg Ballett – auf DVD / BluRay im Handel und bis einschließlich heute online kostenlos zu sehen: auf arte concert. Videostill: Gisela Sonnenburg

Er ist noch keine 30 und war schon so viele Männer: der stürmische Romeo und der sanfte Lysander, der schräg verliebte Graf Wronski und der schalkhafte Endymion. Der musisch-strenge Friedrich der Große und der kreativ-elegische Léonide Massine. Demnächst wird er der süße Prinz Désiré sein – wörtlich übersetzt: der „Gewünschte“ – in der modernisierten „Dornröschen“- Version des kongenialen John Neumeier beim Hamburg Ballett. Die Rede ist vom italienischen Primoballerino Jacopo Bellussi, gebürtig 1993 in Genua. Während er sich gestern auf seine neue Aufgabe vorbereitete, tanzte seine Hamburger Kollegin Ida Praetorius in ihrer Heimatstadt Kopenhagen bei einer offiziellen Zeremonie, dem 50-jährigen Thronjubiläum der Monarchin Margarethe II. Eine weitere Ballerina, Hélène Bouchet, hat das Hamburg Ballett bereits verlassen und sinniert über ihren Neuanfang. Drei Lebenswege, drei Schicksale, die dem Tanz verpflichtet sind – und drei Persönlichkeiten, die das Werk von John Neumeier auf der Bühne präsentieren.

Lange hat Jacopo Bellussi, 29, auf sein Debüt als Prinz warten müssen. Denn sein erster Termin entfiel wegen der Corona-Pandemie. Am kommenden Freitag ist es nun soweit: Zur grandios walzernden, manchmal auch donnernden, aber immer lyrisch-dramatischen Musik von Peter I. Tschaikowsky wird Jacopo in Jeans aus der langweiligen Gegenwart eines verwöhnten Partygängers in eine spannende, verzauberte Märchenwelt flüchten.

Die gute Fee kämpft darin als Rose gegen ihren eigenen Dorn, der das Böse verkörpert. Jacopo Bellussi und Prinzessin Aurora werden in diesem Kampf in einem blumenreichen Bühnenbild von Jürgen Rose im Mittelpunkt stehen. Pas de deux, ein Folklore-Solo, viel Tanz, aber auch viel schauspielerische Aktion: Es ist nicht die erste Hauptrolle, die Jacopo Bellussi tanzt. Seit 2019 ist er zudem Erster Solist in Hamburg.

Aber es ist für ihn die erste Prinzenrolle, und Prinzen sind für männliche Balletttänzer nun mal das A und O des abendfüllenden Bühnenhandwerks. Insofern ist Jacopos Debüt als Désiré wirklich etwas Besonderes. Auch wenn er in Neumeiers aktueller Version kein glitzerndes Hochzeitskostüm trägt, sondern durchgehend in Jeans bleibt und nicht mal die dunkle Hemdenfarbe wechselt.

Während Bellussis Karriere in den letzten Jahren steil bergauf führte, bahnte sich in der Compagnie ein Wechsel an.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Hélène Bouchet als gute Fee, also als Rose, im aktuellen „Dornröschen“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Die Französin Hélène Bouchet, die viele Jahre eine der ersten Kräfte bei den Hamburger Damen war und die bei der Premiere der Neufassung von Neumeiers „Dornröschen“ noch die Rolle der Rose tanzte, nahm inzwischen ihren Bühnenabschied. Und es kam für sie die jüngere, körperlich ebenfalls eloquente Ida Praetorius aus Dänemark.

Natürlich lebt so eine Compagnie nicht nur von ihren Primaballerinen. Dutzende von Seelen bringen das Gebilde „Hamburger Ballett“ zum Schwingen. Aber wenn so bedeutende Bühnendarsteller:innen wechseln wie hier, ist das doch die beste Gelegenheit, einen Moment inne zu halten und sich die ganze Sache näher anzusehen.

Romeo und Julia sind jung, aber zu allem entschlossen.

Jacopo Bellussi und Emilie Mazon in „Romeo und Julia“ beim Hamburg Ballett: jung und total verknallt, dahin fliegend, als gebe es kein Wenn und Aber gegen diese verbotene Liebe. Foto: Holger Badekow

Es handelt sich zwar nicht um einen Eins-zu-Eins-Austausch der Tänzerinnen, denn nicht alle Partien der Bouchet werden von der Praetorius übernommen. Und umgekehrt tanzt Ida Praetorius in manchen Stücken, in denen Hélène Bouchet nie besetzt war. Aber im Reigen der Temperamente und tänzerischen Klangfarben hat sich die Bandbreite der Solistinnen in Neumeiers Truppe nun verändert.

Manche wichtige Partien haben sie aber beide schon auf der Bühne dargestellt. So die Julia in Neumeiers Version von „Romeo und Julia“ und die Titelrolle in Neumeiers „Die Kameliendame“, welches eines der bedeutendsten Ballette des 20. Jahrhunderts ist.

In einer viel beachteten Besetzung hatte Jacopo Bellussi auch schon mit der blonden Praetorius als Gaststar in Hamburg getanzt: als ihr Romeo. Burschikos und zielbewusst partnerte er die graziöse Ida – beide genossen es, mit der Musik und ihren Gefühlen im Einklang zu sein.

Mit Hélène Bouchet hat Bellussi hingegen bereits eine ganze Reihe von Partien in Balletten von Neumeier getanzt. Zum Beispiel in „Ghost Light“, dem Corona-Ballett des umtriebigen Ballettmachers.

John Neumeier an seinem 80.

Ida Praetorius und Jacopo „Bellussimo“ Bellussi als „Romeo und Julia“ von John Neumeier auf der Gala zu Neumeiers 80. am 24. Februar 2019. Ein tolles Bühnenpaar! Foto: Kiran West

Bellussi kennt also beide Ballerinen, ihre Stärken und ihre Schwächen, aus nächster Ansicht, aus der rein praktischen Proben- und Bühnenarbeit heraus.

Was er über die beiden denkt? „Sie sind ganz offensichtlich zwei sehr unterschiedliche Tänzerinnen, sehr unterschiedliche Ballerinen. Ich glaube aber, es gibt keine zwei Ballerinen, mit denen ich gearbeitet habe, die sich völlig gleichen. Hier ist es so: Beide sind auf sehr unterschiedliche Weise sehr schön.“

Das sehen auch die Zuschauer:innen so. Hélène Bouchet, 41, und Ida Praetorius, 28: Beide sind für ihre Fans Ballerinen von Weltklasse.

Die eine hat ihre von Tanzkunst erfüllte Vergangenheit, die andere hat noch viel Zukunft auf der Bühne. Die erste kommt aus Cannes, die zweite aus Kopenhagen. Die eine ist brünett und langbeinig, die andere blond und zierlich. Hélène ging nach Cannes in Frankreich zurück, und Ida kam für sie aus dem Norden nach Hamburg an die Alster.

So verschieden sie auch sind: Wenn man ihren Tanz mit einem Wort beschreiben sollte, fällt einem sofort das Schlagwort „Eleganz“ ein. Eleganz, wie sie für Ballerinen die höchste Tugend sein kann.

Magische Zeichen und furiose Tänze beim Hamburg Ballett: mit dem „Beethoven-Projekt II“ von John Neumeier

Aleix Martínez und Hélène Bouchet im „Beethoven-Projekt II“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: faszinierend! Foto: Kiran West

Gemeint ist keine kalte Eleganz, auch keine oberflächliche, die nur Stil ist und sonst nichts. Sondern: die grandiose Geste mit  warmherziger Aura. Die Kleinbürgerlichkeit eines schlampigen „modernen“ Allerweltskostüms sucht man bei Neumeier-Ballerinen ohnehin vergebens.

Doch die Grandezza des strahlenden Auftritts in der Tüll- oder Abendrobe steht ihnen ebenso wie die vornehme Bescheidenheit eines Sommerkleids mit Blümchenmuster.

Manchmal tanzen sie dieselben Partien – und füllen sie mit unterschiedlichem Flair. So kreierte Ida mit Alexandr Trusch John Neumeiers Pas de deux „Persistent Persuasion“ – für Königin Margarethe II in Dänemark, übrigens. Dieser Paartanz wurde dann in Neumeiers damals neues Stück „Beethoven-Projekt II“ eingebunden.

Bei der Hamburger Uraufführung des Beethoven-Stücks tanzte dann Hélène Bouchet diesen Pas de deux, zusammen mit Aleix Martínez. Damals war Ida Praetorius noch in Kopenhagen unter Vertrag. Und Hélène triumphierte in dieser puristisch-intensiven Choreografie, der sie mit ihrer ausgeprägten Fußarbeit eine neue Nuance verlieh.

Das Weihnachtsoratorium tanzt!

Anna Laudere als „Mutter“ im „Weihnachtsoratorium I – VI“: schwermütig manchmal, aber auch konstruktiv und expressiv um Lösungen ringend. Foto: Kiran West

Hélène Bouchet hat heute ihren fulminanten Abschied vom aktiven Bühnenleben bereits längst hinter sich. Sie ist freiwillig zur letzten Jahreswende aus dem Berufsleben der Ballerina im festen Engagement ausgestiegen: weil es so in ihren Lebensplan passte – und auch, weil es körperlich immer schwerer wurde, die eigenen Ansprüche zu erfüllen. „Ich hätte mir kein besseres Ende meiner Karriere wünschen können“, sagt sie über den glanzvollen Abend, der ihr letzter beim Hamburg Ballett war.

Am 27. Dezember 2021 tanzte sie in Hamburg mit jenem Ensemble, mit dem sie 23 Jahre lang fast täglich trainiert und geprobt hatte. Ihre letzte Rolle dort war die „Mutter“ im „Weihnachtsoratorium I – VI“ von John Neumeier. Maria ist bei Neumeier keine unkomplizierte Frau, sondern eine, die mit der Erschwernis ihrer Situation zu kämpfen hat. Auch zum Jesuskind hat sie keine ungebrochene, einfache Liebeshaltung, sondern eine, die sie manchmal verzweifelt hinterfragt. Meistens tanzte in den letzten Jahren die Hamburger Kollegin Anna Laudere diese Partie. Aber auch Hélène Bouchet wusste das schwierige Dasein einer Frau, die als Jungfrau schwanger wurde, im Tanzstück mit Leben zu füllen.

Auch Jacopo Bellussi stand im Dezember mit auf der Bühne. Er erinnert sich gern an die Zusammenarbeit mit Hélène.

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Dabei spielt es durchaus eine Rolle, dass sie einer anderen Tänzergeneration entstammt als er: „Hélène war altersmäßig viel reifer, viel erfahrener als ich, vor allem als ich 2012 aus München vom Bayerischen Staatsballett II, der dortigen Nachwuchstruppe, zum Ensemble nach Hamburg kam“, sagt er. Als noch ganz junger Tänzer war es für Jacopo Bellussi damals wichtig, Vorbilder vor Ort zu finden – als musische Anregung. Wenn man täglich zusammen trainiert, dann probt, dann auf die Bühne geht, so kann das sehr zusammen schweißen.

Bellussi: „Hélène Bouchet war immer eine große Inspiration für mich,  und ich habe so viel vom Tanzen mit ihr gelernt.“ Mehr noch: „Ich habe Hélène immer sehr bewundert. Wenn wir im Studio waren, war sie sehr nett zu mir, und wir haben beide durch die Arbeit viel voneinander gelernt.“

Hélène Bouchet als Eurydike in „Orpheus“ von John Neumeier, kreiert mit Roberto Bolle – dieses Ballett ist nicht zu verwechseln mit der Oper von Gluck, die John Neumeier zwei Mal als Ballettoper inszenierte. Foto: Kiran West

Zu jenem denkwürdigen Abend im letzten Dezember, der Bouchets letzter auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper war, erinnert sich Bellussi: „In ihrer letzten Aufführung vom  `Weihnachtsoratorium I-VI‘ zu tanzen, war wirklich eine Sache, die ich für immer in Erinnerung behalten werde.“ Das Publikum schien damals mit jeder Faser dem Geschehen auf der Bühne zu folgen.

Nach dem Ende des modernen, aber durchaus berauschenden Balletts zur sakralen Barockmusik von Johann Sebastian Bach, nach all den frohgemuten Sprüngen und nachdenklichen Armbewegungen, die sich Gott zuwenden, spendete das Publikum seinem scheidenden Liebling Hélène Bouchet stehende Ovationen – und mehr als ein Dutzend Blumensträuße wurden auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper geworfen.

Die Kolleginnen und Kollegen überreichten Hélène auf offener Bühne nacheinander jeweils eine weiße Rose, und darunter war auch Jacopo Bellussi. Es waren innige Momente, dieses vor Publikum Ade-Sagen auf Art des Balletts.

Bis Ballettboss John Neumeier, damals 82, mit einem großen Strauß für Hélène auf die Bühne kam. Er hielt eine Ansprache, lobte darin seine langjährige Muse. Die eine oder andere Träne floss auch im Zuschauersaal.

A Cinderella Story ist eine Liebesgeschichte mit Problematiken.

Hélène Bouchet, die hier mit vier Blumensträußen im Arm nach Hause ging, erhielt oft Blumen von ihren Hamburger Fans. Foto: Gisela Sonnenburg

Denn Hélène Bouchet hat ihren Rollen stets einen außergewöhnlichen femininen Charme verliehen, und trotzdem bewies sie zusätzlich eine hohe Flexibilität in der dramatisch-situativen Darstellung. Die Schönheit ihrer ballettgemäß mit hohem Spann ausgestatteten Füße in Spitzenschuhen wurde weltweit gerühmt. Aber auch ihre sichtliche Härte gegen sich selbst sowie ihr Talent, den Choreografen Neumeier immer wieder zu neuen Schritten zu inspirieren, waren die Voraussetzungen dafür, dass sie überhaupt ein so hohes Niveau erreicht hat.

Und mit dem letzten Auftritt in Hamburg war tatsächlich doch noch nicht ganz Schluss für sie und das Hamburg Ballett. Als die Truppe im Frühjahr 2022 eine Tournee in die USA unternahm, stand Hélène Bouchet auf einmal wieder mit Jacopo Bellussi auf der Bühne, in Los Angeles, im Dorothy Chandler Pavilion im März 22. Ob sie auch später noch als Gastballerina bei ihrer früheren Truppe arbeiten wird, ist nicht definitiv zu entscheiden. Aber für Hélène war es schön, nach der grandiosen Hamburger Verabschiedung noch ein Nachspiel auf der Tournee zu erleben.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Alessandra Ferri auf den Armen von Marc Jubete: in „Lonely Town“ aus „Bernstein Dances“. So exquisit zu sehen auf der Nijinsky-Gala XLV beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Das Stück von John Neumeier, das in zeitlos-modernen Kostümen von Giorgio Armani zu blau-violettem Licht getanzt wurde, heißt  „Bernstein Dances“ – und zu Musiken des jüdischen US-Amerikaners Leonard Bernstein geht es darin passenderweise um Freundschaft und Liebe, um Verehrung und Trost, auch um Rivalität und die Härte des Überlebenskampfes. Und es geht um die Einsamkeit, somit um eines der großen menschlichen Probleme in der modernen Welt. „Lonely Town“ („Einsame Stadt“) heißt denn auch jener Song von Bernstein, zu dem Hélène Bouchet und Jacopo Bellussi ein berührendes Pas de deux tanzen.

Sanft in sich gekehrt – so ist die Grundstimmung. Zwei Stühle stehen auf der Bühne, stellvertretend für das, was war und nur vielleicht wieder sein wird. Zunächst tanzt Hélène allein, in der Nacht, sich nach einem Partner sehnend. Sie streckt ihre schönen Füße in den leeren Raum, biegt den Oberkörper stark nach hinten, ganz so, als träume sie davon, von starken Armen gehalten zu werden. Und plötzlich steht er da, ihr Traum-Mann für diese Nacht, für dieses Stück. Und er tanzt mit ihr, sodass man gar nicht weiß, ob es Realität sein soll oder ein erotischer Wachtraum.

Die "Nijinsky-Gala XLIV" 2018 war ein großer Erfolg

Heather Ogden in „Lonely Town“ aus den „Bernstein Dances“ – die Sehnsucht einer Frau in Klamotten von Armani. Fantastisch. Die Farben des Kostüms haben keine geopolitische Bedeutung. Ausdrücklich nicht. Foto: Kiran West

Der Pas de deux beginnt im Sitzen. Zusammengekauert, ja frierend, hockt sie, das weibliche Element, auf dem einen Stuhl, dann sitzt er, das Männliche verkörpernd, mit offener Haltung neben ihr. Bald liegt sie quer über beiden Stühlen, also in seinen Armen. Der Tanz ihres Lebens kann sich entwickeln. Und sie scheint zu schweben, schnurgerade im Liegen ausgestreckt, während er sie sitzend vor sich hält wie eine Reliquie.

Ihre fraulichen Linien ergänzen seine jugendliche Frische. Hélène Bouchet und Jacopo Bellussi sind kein typisches Ballettpaar – sie lässt ihn nochmals jünger erscheinen, aber auch sie selbst wirkt im Zusammenspiel mit ihm jünger. Sie haben beide etwas Engelhaftes im Tanz miteinander. Und wirken immer etwas wie aus der Zeit gefallen.

Auch in „Ghost Light“, das auch als DVD / Bluray erschienen ist, haben sie einen solchen fast ätherischen großen gemeinsamen Tanz. Ein Traum-Paar per se.

"Ghost Light" endlich als DVD

Hélène Bouchet und Jacopo Bellussi nebst Schattenrissen und „Ghost Light“ – ein vielschichtiges Balletterlebnis. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Die starke Schattensilhouette des Paares im Hintergrund spielt in „Ghost Light“ („Geisterlicht“ – gemeint ist das nächtliche Licht, das typisch ist für amerikanische Bühnen) zusätzlich eine Rolle. Und im hellblauen Kleid wirkt La Bouchet wie eine zeitlose Mädchenfigur, während Bellussi, der von Fans auch „Bellussimo“, in Anlehnung an „Bellissimo“ („der Schöne“), genannt wird , im schwarzen Bodytop fast etwas von einem Urlauber im Badetrikot hat.

Er begeistert das Publikum mit seiner sinnlichen Kraft, mit seiner präzisen Ausführung der Bewegungen, mit seiner sensiblen, aber durchaus kräftigen Aura. Den Tanz in„Ghost Light“ haben er und Hélène Bouchet zusammen mit John Neumeier kreiert, während des ersten Lockdowns 2020, als es nur unter Einhaltung eines komplizierten Regelwerks möglich war, überhaupt zu tanzen. Das Tanzstück wurde zum tänzerischen Denkmal für diese Zeit.

La Bouchet hat viele Rollen im Repertoire des Hamburger Balletts nicht nur getanzt, sondern auch kreiert, also als erste Interpretin überhaupt geprobt und mit entwickelt. Sie war oftmals das lebendige Instrument in einem Schaffensprozess, der seelisch so nah zwischen zwei Menschen stattfindet wie in keiner anderen Kunst.

"Persistent Persuasion" von John Neumeier

John Neumeier probt hier mit Ida Praetorius und Alexandr Trusch den in Dänemark uraufgeführten Pas de deux „Persistent Persuasion“. Foto: Kiran West

Diesen Schaffensprozess hatte auch Hélènes Nachfolgerin Ida Praetorius mit John Neumeier bereits vor ihrem Amtsantritt in Hamburg erlebt. Zwei Jahre ist es her, da reiste der Starchoreograf von Hamburg nach Kopenhagen, um von Ida und dem Hamburger Primoballerino Alexandr Trusch einen neuen Paartanz zeigen zu lassen. „Persistant Persuasion“, „anhaltende Überzeugung“, heißt das der Liebe gewidmete Stück, das später in Neumeiers „Beethoven-Projekt II“ aufging. Die Proben dazu fanden in Dänemark statt, denn John Neumeier hat seit langem eine intensive Beziehung zum dortigen Ballett.

Daher kennen Neumeier und Ida sich auch seit Jahren. Sie tanzte mit nur 19 Jahren in Kopenhagen die Julia in Neumeiers „Romeo und Julia“, und bei einem Gastauftritt am 24. Februar 2019 zeigte sie sich damit auch schon in Hamburg. Ihr Bühnenpartner dabei war Jacopo Bellussi. Es war bei der großen Gala zum 80. Geburtstag des Hausherren, betitelt „The World of John Neumeier“.

Hinreißend wirbelte Bellussi die fast Gleichaltrige durch die Luft, fing sie auf, saß mit ihr am Boden, Handfläche an Handfläche reibend. Ein Pärchen wie aus dem Modellbaukasten für die Liebe! Romeo und Julia, mal fasslich-sinnlich, und in der berühmten „Balkonszene“, die nicht auf, sondern vor dem Balkon Julias stattfindet, formulierten sie mit ihrer hohen Tanzkunst das Stürmen und Drängen, die Zartheit, aber auch das Unbedingte ihrer Liebesangelegenheit.

Die Nijinsky-Gala XLVI im Jahr 2021 beim Hamburg Ballett

Rivalen und Freunde sind sie, ein Duo und doch gibt es auch Kampfkraft zwischen ihnen: „Peter und Igor“, ein junges geniales Werk von John Neumeier, uraufgeführt von Jacopo Bellussi und Alessandro Frola auf der Nijinsky-Gala 2021. Foto: Kiran West

Dass die Chemie zwischen den Darstellenden stimmt, ist bei solchen Szenen schon besonders wichtig, auch wenn sie privat kein Paar sind. Jacopo Bellussi sagt dazu: „Ida Praetorius mag ich auch sehr gerne, ich finde sie wunderbar und wir haben eine tolle Verbindung. Weil wir im gleichen Alter sind, haben wir eine andere Beziehung als ich und Hélène Bouchet, was nicht besser oder schlechter ist, aber eben anders.“ Denn: „Mit Ida habe ich zur gleichen Zeit die gleichen Erfahrungen gemacht.“

Jacopo hat auch schon Erfahrung mit Neumeiers Lieblingsgenre: dem Männer-Pas-de-deux. 2021 entstand, gemeinsam mit Alexandre Frola, in Hamburg das wirklich beeindruckende Werk „Peter und Igor“. Es schildert den imaginären Freundschaftstanz von Peter I. Tschaikowsky und Igor Strawinsky. Da Tschaikowsky vor Strawinsky lebte und starb, kann er seinen kompositorischen Nachfolger nicht gekannt haben.

Aber in Strawinskys Schaffen gibt es zahlreiche Hinweise auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ballettkomponisten Nummer Eins. Die beiden russischen Weltkünstler dazustellen, war sicher nicht leicht – aber Jacopo Bellussi ist ein fantastisch um Schaffenskraft ringender Strawinsky, und sein Pendant, Alexandre Frola als gequält-furioser Tschaikowsky, ist ein Muse ganz besonderer Art in diesem Tanzstück.

Die Erlebnisse auf den Proben und vor allem auch während der Vorstellungen schweißen die Kolleg:innen aneinander – es werden lebenslange Erinnerungen sein, die sie fortan begleiten.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Ida Praetorius mit Alexandr Trusch in Neumeiers aktueller Version von „Dornröschen“. Jacopo Bellussi wird die Prinzenpartie in Jeans mit Emilie Mazon tanzen . Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

John Neumeier selbst hat da einen schier unendlichen Erfahrungsschatz. Im Hinblick auf die junge Ida Praetorius lockt da anekdotisches Potenzial. Neumeier kennt nämlich  Idas Mutter noch, aus deren Jugendzeit: Caroline Lohfert war nämlich ebenfalls Tänzerin bei Neumeier, zwar keine herausragende Solistin, aber immerhin – bis 1991 tanzte sie in seinem Emsemble. Ida wurde dann zwei Jahre später in Kopenhagen geboren, wo sie und ihre Brüder später für die Ballettbühne ausgebildet wurden.

Unter dem auch heute noch dort amtierenden Ballettdirektor Nikolaj Hübbe absolvierte Ida Praetorius beim Königlich-Dänischen Ballett den ersten Teil ihrer Karriere. Bis zum wörtlichen Ritterschlag: Königin Margarethe II. schlug Praetorius in Anerkennung ihrer künstlerischen Leistungen zum Ritter. Auch beim 50-jährigen Thronjubiläum von Margarethe am 21. Mai 2022 in Kopenhagen durfte Ida Praetorius mit einer Neumeier-Choreografie auftanzen: im hellen geblümten Kleid mit Edvin Revazov im weißen Sakko als Bühnenpartner.

Preise und Auszeichnungen haben auch Jacopo Bellussi und Hélène Bouchet erhalten. Sie gehören für besonders begabte Tänzer:innen dazu, wenn diese über genügend Protektion verfügen. Bouchet erhielt so unter anderem einen Hamburger Förderpreis sowie den „Prix Benois de la Danse 2010“, den höchsten Preis im Ballett, den „Oskar“ des Balletts, der jährlich in Moskau bei einer großen Gala im Bolschoi-Theater verliehen wird. In diesem Jahr übrigens am 7. Juni 22.

Jacopo Bellussi erhielt in München 2019 den Konstanze-Vernon-Preis. Hier ist die Jury mit dem Preisträger zu sehen. Von links: Judith Turos, Jacopo Bellussi, Ivan Liska, Gigi Hyatt, Birgit Keil. Zu allen Jury-Mitgliedern gibt es im BALLETT-JOURNAL auch an anderer Stelle viele Infos. Foto: Heinz Bosl Stiftung

Jacopo Bellussi hat außer dem Münchner „Konstanze-Vernon-Preis“ 2019 auch zwei italienische Ehrungen erhalten. Eine kleine Querverbindung tut sich da auf: Ida Praetorius erhielt 2012, als Jacopo Bellussi nach Hamburg kam, ihren ersten Preis.

Für beide, für Ida wie für Jacopo, hat eine weite Reise in die Tiefen der Neumeier’schen Ballettkunst begonnen. Und beide haben sich wegen dem genialen Tanzschöpfer Neumeier für Hamburg entschieden. Für Ida ist das norddeutsche Klima längst nicht so eine Umstellung gewesen wie für Jacopo. Aber wenn sie, wie sie sagt, immer mal wieder etwas Neues in der Stadt an der Elbe entdeckt, so wird ihr häufigster Aufenthaltsort in den kommenden Jahren doch das Ballettzentrum in Hamburg-Hamm sein. Der Hort ihrer Arbeit. Wer sich für Neumeiers Ensemble entschieden hat, verschreibt sich ihm mit Haut und Haar, von Kopf bis Fuß, von den Finger- bis in die Zehenspitzen. Für Freizeit oder auch berufliche Aktivitäten außerhalb des festen Engagements bleibt nicht viel Zeit, nicht viel Kraft.

Während in anderen Compagnien – so bezeichnet man Ballettensembles – geregelte Ruhezeiten gewerkschaftlich durchgeboxt werden (das Staatsballett Berlin führte auch deswegen 2015 einen Aufsehen erregenden Streik) oder sogar (wie beim Semper Ballett in Dresden) deutlich zu wenige Aufführungen auf dem Spielplan stehen, um die jeweiligen Tänzerinnen und Tänzer ausreichend zu beschäftigen, tanzt das Hamburg Ballett im absoluten Turbo-Stil.

Die Nijinsky-Gala XLVI im Jahr 2021 beim Hamburg Ballett

John Neumeier, sein Hamburg Ballett und seine Gäste aus Dänemark, darunter Ida Praetorius,  mit Blumen nach der Nijinsky-Gala 2021 in der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Kiran West

Neumeiers rund 60 Tänzer:innen leisten das zwei- bis dreifache an Auftritten, Repertoiregröße und Gastspielen von dem, was als durchschnittlich gelten kann. Das hat seinen Preis – und geht nicht selten zu Lasten der persönlichen Entwicklung, zu Lasten der Individualität der Künstler:innen. Es erfordert psychische und charakterliche Stärke, dem Gruppendruck und auch dem Druck von oben Stand zu halten und trotzdem eine eigene Linie zu verfolgen.

Jacopo Bellussi hat diese innere Stärke, und er hat sogar den Mut, auch mal über den Rand der Hamburger Ballettküchen hinauszuschauen. Als Heranwachsender war für ihn keineswegs klar entschieden, dass er Künstler werden müsse. Er hätte sich auch ein Jura-Studium gut vorstellen können. Vielleicht wartet in seinem zweiten Berufsleben das Abwägen von Wahrheit und Gerechtigkeit anhand der Gesetze auf ihn.

Können Menschen, die sich ganz der Körperarbeit verschrieben haben – der Arbeit mit dem eigenen Körper als Instrument der Kunst – einfach so ein normales Leben denken oder sogar führen?

Die Nijinsky-Gala XLVI im Jahr 2021 beim Hamburg Ballett

Jacopo Bellussi und Alessandro Frola zu seinen Füßen bei der Uraufführung von „Peter und Igor“ von John Neumeier – auf der Nijinsky-Gala 2021. Foto: Kiran West

Aber was ist im Ballett schon normal? Was könnte beim Hamburg Ballett das Wort „normal“ bedeuten? „Normal“ bedeutet in diesem Fall Folgendes: Es handelt sich um äußerst straff organisierte Abläufe, die den Alltag bilden, und sie sind prall gefüllt mit Trainings-, Fitness- und Probenarbeit, auch mit konkreter Vorbereitung auf die Vorführungen sowie mit stetiger knallharter Verbesserung der jeweiligen Konstitution.

Neumeiers choreografisches Werk, das Klassik und Moderne musterhaft zu einem sehr prägnanten Stil vereint, ist zudem nicht eben einfach zu tanzen. Auch wenn seine Tänze bei Meister:innen wie Bellussi, Bouchet und Praetorius organisch und körpergerecht erscheinen, weil sie von ihrer unnachahmlichen Spannkraft und Eleganz erfüllt sind, so sind sie faktisch oft hammerschwer auszuführen – auch im Vergleich zu anderen Werken etwa der alten Klassik, der Neoklassik oder des zeitgenössischen Tanzes.

Hinzu kommt die psychologische Beanspruchung, die der Beruf des darstellenden Bühnenkünstlers mit sich bringt. Nach manchen stürmisch bejubelten Vorstellungen als tragische „Kameliendame“ – das ist eines der bedeutendsten Ballette – weinte Hélène Bouchet in der Garderobe vor Erschöpfung. Und Ida Praetorius wusste, was an Leistungsdruck auf sie in Hamburg wartete: Die „Kameliendame“ hat auch sie bereits getanzt.

Neumeier spricht: Debüt-Ballett-Werkstatt-Zeit-

Hélène Bouchet war eine unvergessen großartige „Kameliendame“, hier zu Beginn der „Sofa-Episdoe“ im „Spiegel-Pas-de-deux“. Foto: Holger Badekow

Dabei fragt niemand nach blutenden Zehen oder schmerzenden Sehnen. Mit körperlichem Schmerz zu leben, lernen Tänzer:innen schon während ihrer Ausbildung, und im Laufe ihrer Karriere werden die Beschwerden selten weniger. Abnutzung und Alterung setzen, körperlich gesehen, früh ein – und viele, wenn auch nicht alle, Tänzer:innen müssen mit ständigen Problemen, gelegentlich auch mit berufsgefährlichen akuten Verletzungen, umgehen lernen. Zu stark ist mitunter die Belastung durch den Beruf, und zu stark ist manchmal auch der persönliche Ehrgeiz, sich immer noch weiter zu verbessern.

Und die Zeit als aktiver Bühnenstar ist im Ballett zumeist sehr  begrenzt. Mit 42 Jahren müssen zum Beispiel die Tänzer:innen an der Pariser Oper in die Tänzerrente gehen – immerhin haben sie so etwas. Auch in der DDR gab es sie, ansonsten entlässt der Westen seine einstigen Darlings in die Suche nach einer neuen Existenz. Denn längst nicht alle finden ein warmes bezahltes Plätzchen als Ballettmeister:in, Tanzlehrer:in oder Choreograf:in.

Manche studieren, andere machen eine Ausbildung. Beliebt sind körpernahe Berufe in Medizin oder Physiotherapie. Aber auch Coach-Qualitäten haben viele Tänzer:innen verstärkt, denn das Talent, sich selbst zu pushen und pushen zu lassen, hängt oft mit jenem zusammen, auch andere zu motivieren.

Die Nijinsky-Gala XLVI im Jahr 2021 beim Hamburg Ballett

Jacopo Bellussi und Alessandro Frola im Pas de deux „Peter und Igor“ von John Neumeier: eine umjubelte Uraufführung auf der Nijinsky-Gala 2021. Die starken Hebekräfte trainieren Ballerinos systematisch – aber eine Belastung für den Körper bleibt der Beruf. Foto: Kiran West

Dabei verlangt aber gerade das Ballett eine zur Schau zu tragende Zartheit der Seele, normalerweise auch eine Aufgeschlossenheit im Geist. Man muss beim Tanz vielschichtige Dinge vermitteln und möglichst auch verstehen, die jenseits der simpel erklärbaren Ratio liegen. Da kann man dann schon mal empfindsamer reagieren als der Rest der Bevölkerung. Gelacht und geweint wird im Ballett jedenfalls mehr als anderswo:  Das Leben als Ballerina oder Ballerino ist in emotionaler Hinsicht ein ständiger Spagat.

Kein Wunder, dass die meisten ihre Partner in der unmittelbaren beruflichen Umgebung wählen. Sie verstehen einander dann, weil sie dasselbe erleben. Und so viele Möglichkeiten, Leute kennen zu lernen, hat ein Mensch in der modernen Arbeitswelt ja auch nicht, für Ballett gilt das bei dem hohen Arbeitsaufwand für den Beruf sowieso.

Hélène Bouchet war zunächst mit einem ebenfalls aus Frankreich kommenden Tänzer in Hamburg verheiratet, bevor es nach ihrer Scheidung zwischen ihr und ihrem jetzigen Ehemann, dem ehemaligen Hamburger Ballettstar Carsten Jung, funkte.

Die Dritte, hungernde Journalisten und das Lied von der Erde

Hélène Bouchet und Carsten Jung in der „Dritten Sinfonie von Gustav Mahler“, choreografiert von John Neumeier. Foto: Kiran West

Er kommt aus Thüringen, zählt zu den wenigen deutschen Top-Tänzern, und er sammelt nicht nur mit seinem kraftvoll-poetischen Tanz, sondern auch mit seiner unkomplizierten, direkten, zumeist freundlichen Art Punkte. 2019 hörte er bei John Neumeier auf. Und fand jüngst seine neue berufliche Position: als Ballettpädagoge an der angesehenen Ballettakademie in Monaco.

Der noch in der sozialistischen DDR geborene Carsten Jung landet im Luxus-Hotspot der Steuersparer:innen – das ist fast eine Ironie des Schicksals. Aber die Ballettwelt ist klein, und Stellen für ehemalige Tänzer sind begrenzt. Das Paar Bouchet-Jung ist glücklich, dass Carsten von Monte-Carlo nach Cannes, zur alten und neuen Heimat von Hélène Bouchet, pendeln kann.

Sie will in Cannes neu über sich nachdenken. Als Designerin für Kinderkleidung sieht sie sich vielleicht, sagt sie – und da wird ihr kleiner Sohn Tristan womöglich inspirierend sein. Aber auch an ihrer Ausbildung zur Ballettpädagogin arbeitet Hélène, denn der Tanz ist das, was ihr Leben bisher am meisten beeinflusste. Vielleicht wird sie wieder die Kollegin ihres Mannes? Wer weiß.

Sie würde trotz der Härte des Berufs niemandem davon abraten, Ballett beruflich zu betreiben. Opfer muss man auch für andere ungewöhnliche Berufe erbringen. Nur ist der geforderte Einsatz fürs Ballett wirklich umfassend. Und die gesundheitlichen Risiken, die daraus entstehen, sind nur noch mit denen von Leistungssportlern zu vergleichen.

Ida Praetorius mit Blumen nach einer Vorstellung im Oktober 2021 in Kopenhagen. Jetzt erhält sie ihre Bouquets meistens in Hamburg. Foto: privat

Das ist auch Ida Praetorius bewusst. Sie sollte eigentlich erst im Januar 2022 als neue Primaballerina nach Hamburg kommen. Aber die in London lebende, freiberufliche Startänzerin Alina Cojocaru, die so etwas wie ein Superstar ist, fiel überraschend für die Hamburger Premiere von „Dornröschen“ im Dezember 21 aus. Eine Verletzung hielt sie von Proben und Auftritten ab. Im Ballett kein seltenes Vorkommnis. John Neumeier hoffte sofort, dass Ida Praetorius einspringen könnte. Und – sie konnte. So stand sie, entgegen den ursprünglichen Plänen, gemeinsam mit Hélène Bouchet, die die gute Fee, also die „Rose“ in Neumeiers neuer „Dornröschen“-Version tanzte, auf der Bühne.

Die alte und die neue Starballerina gemeinsam an einem Abend und in einem Märchenstück zu sehen, war für viele ein besonderer Genuss.

Glanzvoll tanzten die beiden in der Premiere, als sei es nie anders geplant gewesen. Aber Ida stand noch am Vortag, bei der Generalprobe, etwas wacklig in ihrer Prinzessinnenrolle auf der Bühne. Manchmal muss eben auch bei hochkarätigen Kräften noch bis zur letzten Minute gearbeitet werden.

 

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier jetzt auch als DVD und BluRay

Auch hier waren Bellussi und Bouchet einst Kolleg:innen auf der Bühne: mit Madoka Sugai und Félix Paquet als sogenannte Liebhaber in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Es gibt im Ballett einen Transfer von Gefühlen jenseits der rational zu fassenden Worte. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Nachweise, so von der Universität Bielefeld. Demnach haben  sowohl das Zuschauen als auch die Imagination eigener Tanzbewegungen deutlich positive Auswirkungen auf den Körper. Das klassische Training, seit Jahrhunderten organisch entwickelt, bringt demnach auch gesundheitlichen Nutzen: Das Immunsystem  und die Selbstheilungskräfte werden gestärkt, die Koordination wird verbessert, sogar die Sehkraft kann vom Ballett profitieren, jedenfalls laut einer Magister-Arbeit. Fazit: Die Lebenskraft, die Vitalität, wird gepusht. Und Tanzen kann, auch Laien wissen das, wie ein Rausch wirken: so befreiend.

Ist es vielleicht das, was Menschen wie Jacopo, Ida und Hélène dazu bringt, sich fürs Ballett aufzuopfern? Obwohl das Risiko besteht, letztlich körperlich versehrt und einsam zurückzubleiben? Niemand kann es mit Gewissheit sagen. Es ist eine Form der Liebe zum Tanz, die Menschen so dermaßen mit Glück erfüllt, dass sie dafür bereit sind, auf anderes Glück zu verzichten.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Am Ende siegt die Liebe, wie es sich für ein Märchen gehört: „Dornröschen“ mit Ida Praetorius auf der Parkbank und Alexandr Trusch als Prinz. Foto: Kiran West

Ida Praetorius hat ihr Nest, ihren sicheren Kopenhagener Hafen, den sie von Kindesbeinen an hatte, verlassen. Sie ist getrieben davon, sich als Tänzerin weiterzuentwickeln und dank der Ballette von John Neumeier ihre künstlerischen Fertigkeiten in ungeahnte Höhen zu bringen. Für sie ist das Leben mit Tanz wie ein Abenteuer, und der Kosmos der Neumeier-Stücke soll sie zur Entdeckerin machen.

Viele Rollen, die „La Bouchet“ getanzt hat, warten auf die Neue. Zum Beispiel in Neumeiers „Ein Sommernachtstraum“ nach der gleichnamigen Komödie von Shakespeare. Hélène Bouchet tanzte hierin zunächst die Doppelrolle der träumenden Braut Hippolyta und der Elfenkönigin Titania. Später, gen Ende ihrer Karriere, stellte sie clownesk die kecke Helena dar, die ihrem Geliebten, als er sie verschmäht, nachts im Wald hinterherrennt. Um sich plötzlich von mehreren Männern begehrt zu sehen. Ida Praetorius mit ihren galanten Beinstreckungen und feingliedrigen Händen dürfte für beide Partien neue Idealbesetzungen abgeben.

Ob sie eines Tages auch „Die kleine Meerjungfrau“ sein wird? Dieses Ballett wurde sogar in Kopenhagen uraufgeführt, allerdings zu einem Zeitpunkt, nämlich 2005, als Ida noch mitten in der Ausbildung steckte. 11 Jahre alt war sie damals. Wenn man bedenkt, wie rasch nicht nur eine Tänzerkarriere, sondern auch ein Menschenleben vergehen kann, dann ist es ein Trost zu wissen, dass hochkarätige Kunstwerke – auch die des Balletts – die Zeitläufte überdauern, um von immer neuen Künstlerinnen interpretiert und am Leben erhalten zu werden.

Faktisch liegen nur 13 Jahre zwischen Ida und Hélène, aber im Ballett ist das bereits eine Generation.

Silvia Azzoni Mermaid

„Die kleine Meerjungfrau“ von John Neumeier wurde ebenfalls in Kopenhagen uraufgeführt. Hier tanzt Silvia Azzoni die Titelpartie. Auch Hélène Bouchet hat sie getanzt. Man könnte sich jetzt Ida Praetorius und Jacopo Bellussi in den Hauptrollen vorstellen. Foto: Holger Badekow

Die aktuellen Probleme der Ballettleute betreffen jedoch auch die Corona-Pandemie. Wenn im Ensemble einige Corona-Tests positiv ausfallen, hat das Folgen. Ballett ist dann verboten, der Vorhang bleibt geschlossen. Das Hamburg Ballett war pünktlich zu Neujahr davon betroffen, musste etliche Aufführungen absagen. Auch später kam es immer mal wieder zu Problemen wegen Corona. Aber die Hoffnung lebt in den Künstler:innen weiter: Irgendwann kommt die nächste Vorstellung, dann geht der Lappen wieder hoch, wie man am Theater sagt, und das Publikum wird wieder glänzende Augen und bewegte Herzen beim Anblick der Tanzenden bekommen.

Hélène wird das vermissen. Aber je älter sie wird, desto mehr wird sie die Erinnerungen genießen. Ida und Jacopo hingegen genießen  die Aussicht auf neue Bühnenabenteuer. Erobert haben sie ihr Publikum schon, jetzt gilt es, das tänzerische Glück und auch das der Zuschauer:innen weiter zu vermehren. Wir werden gerne dabei zuschauen.
Gisela Sonnenburg

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