Er liebt sie nicht, er liebt sie Sagenhafte Vorstellung in Berlin: Polina Semionova mit Wieslaw Dudek und Martin Szymanski in der Dreierkiste von „Onegin“

Polina!

Polina Semionova beim Applaus als Tatjana in Crankos „Onegin“: Erst in Berlin, dann in München eine Sensation! Foto: Gisela Sonnenburg

Am Ende steht sie da, im Schiller Theater, dem Berliner Staatsopernersatzdomizil, mit schauspielerisch superbe zitternden Armen, die zu zarten Fäusten geballten Frauenhände gegen die Schläfen gepresst. Tatjana, absolut grandios getanzt von Polina Semionova, ist eine Erfahrung für sich. Polina, sie tanzt die Tatjana eigentlich nicht, nein: Sie zelebriert sie, als sei das keine Rolle, sondern eine Weltanschauung.

Am Ende des ersten Aktes, als sie sich frisch verliebt hat, steht sie da – in einer fast hypermodern amutenden Pose, die leichte Anflüge einer Choreografie von Nacho Duato hat. Muskulös und bildschön schaut die Gastsolistin aus. Aber es ist die Originalpose von John Cranko, der mit „Onegin“ ein unsterbliches Jahrhundertballett erschuf.

Onegin und Blumen

Blumen für die Diva! Wieslaw Dudek (Onegin) überreicht Polina Semionova (Tatjana) nach der Vorstellung beim Applaus die Gaben der Fans. Wohl verdient! Foto: Gisela Sonnenburg

Tatjana, das verknallte Mädchen, steht da im Tendu rückwärts, beide Arme hält sie oben, den vorderen sanft wie ein Segel bei lauem Wind nach hinten gereckt. Der Oberkörper neigt sich ebenfalls nach hinten, fein gebogen wie eine Statue von Rembrandt Bugatti. Oh! Das ist Sehnsucht in ihrer schönsten Form. Und der Schrei des größten Polina-Fans aller Zeiten gellt denn auch wieder durchs Parkett, lange hörte man ihn nicht in Berlin: „Polina!“ Was für ein Brüllen, wie das eines Tigers. Also auch dazu beflügelt La Semionova.

Ihre Augen strahlen, glücklich tanzt sie auf ihrem Fest, ihrem Namenstag. Und Onegin, ihr Angebeteter, kommt, er hebt sie empor, er tanzt mit ihr – und lässt sie stehen. Mit einem furiosen Solo, jungfräulich und erotisch zugleich versucht sie, ihn aus der Reserve zu locken. Sprünge, Pirouetten, süße Blicke wirft sie ihm hin. Aber er bleibt er selbst. Stur. Legt sich die Karten.

Onegin Dudek

Wieslaw Dudek – ein „Onegin“ wie maßgeschneidert. Er ist genau der Typ dafür, schauspielerisch gesehen, und tänzerisch hat er einfach schon oft bewiesen, dass er’s kann. Früher war er fest in Berlin, heute arbeitet er freiberuflich, auch als Ballettmeister. Foto: Gisela Sonnenburg

Wieslaw Dudek ist ein fantastischer, umwerfender Onegin, nicht zu glamourös, aber auch nicht zu hochnäsig! Er passt in diese Rolle des launischen Dandys, der sich nie verunsichern, aber sehr wohl in die Enge treiben lässt, wie eine Hand in den Handschuh. Einen solchen wirft ihm sein früherer Freund Lenski (poetisch: Dinu Tamazlacaru) hin. Ein Duell. Wegen Olga, der Verlobten von Lenski, von Iana Salenko bravourös und frühlingshaft zart getanzt. Tatjana, die Unglückliche, mag nicht ganz unschuldig daran sein, dass der von ihr genervte Onegin demonstrativ ihrer Schwester auf die Pelle rückt. Unerhörterweise. Warum macht Olga das mit? Warum entzieht sie sich ihm nicht? Tatjana reißt sie los von Onegin, führt sie zu ihrem Verlobten Lenski. Aber Olga charmiert mit Onegin. Ist doch alles nur ein Spiel, oder?

Nein, es ist kein Spiel. Auch nicht, als es tödlich im Wald, bei Nebel, endet. Onegin bereut seinen Flirt mit Olga nicht. Aber er würde gern einlenken. Doch Lenski ist zu sehr in seinem Stolz gekränkt. Das nimmt ihm auch die Kraft im Duell. Er fällt beim ersten Schuss.

Einmal noch stehen Onegin und Tatjana nebeneinander. Er ist zermürbt, verzweifelt. Er wollte nicht töten und tat es doch. Er bricht zusammen. Sie – steht da. Stumm. Kann es nicht fassen. Er liebt sie nicht, und jetzt auch noch das. Alle Hoffnungen sind dahin. Er, den sie liebt, wie sie niemals zuvor lieben konnte, wurde zum Mörder des Verlobten ihrer Schwester. Wir sind Feinde jetzt, Onegin! Polina Semionova braucht nur mit den Augen zu blitzen, und wir verstehen sie.

Dritter Akt. Man trifft sich zufällig. Onegin alias Wieslaw Dudek hat zuvor zum letzten Mal seine Weltschmerzpose eingenommen: Die rechte Hand an der Stirn, ach, das Leben ist so sinnlos! Und doch lockt die Sinnlichkeit… er tanzte mit vielen Damen, dieser Onegin.

Paar Applaus Berlin

Die vielleicht hinreißendsten Schultern der Ballettwelt – sie gehören Polina Semionova als Tatjana in „Onegin“ – und dahinter Martin Szymanski, ein hingebungsvoller, dennoch rollengemäß dezent zurückhaltender Fürst Gremin beim tosenden Applaus in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Dann sieht er Tatjana wieder, in einem hinreißenden Pas de deux mit einem souverän alles gebenden Martin Szymanski als Fürst Gremin. Diesen zurückhaltenden, nicht mehr ganz jungen Mann hat Tatjana geheiratet. Und was ist es? Liebe? Auch. Aber eine andere als diese wilde, unbezähmbare Leidenschaft zu Onegin.

Aber jetzt fängt auch er, dieser verwöhnte Melancholiker, Feuer. Es ist ja unglaublich, wie attraktiv Tatjana in den Armen des Fürsten wirkt. Onegin bereut, dass er sie nicht früher genauer ansah. Dudek tanzt und spielt das, als sei er der erste Mensch auf Erden, der eifersüchtig ist.

„Ich weiß, du liebst ja doch nur mich“, singt der „Eugen Onegin“ in Tschaikowskis gleichnamiger Oper. Hier hat er diese Sicherheit nicht. John Cranko, der Choreograf, lässt seinen Onegin ahnen, dass es dieses Mal nicht so leicht wird, Tatjanas Herz zu erobern. Er taumelt herein, in ihr Gemach. Sie ist allein. Sie wusste, dass er kommt. Sie steht da, will ihn loswerden. Er umarmt sie, ohne sie zu berühren, indem er sie mit seinen Armen umfängt und auf die Knie fällt. Sie will gehen. Keine Chance. Er ergreift, aus dem am Boden Sitzen heraus, ihr Handgelenk. Davon gibt es ein schönes Foto, es ist eine der vielen berühmten Posen aus „Onegin“:

Polina in Onegin

Sie hat keine Chance zu entkommen: Onegin (Wieslaw Dudek) hält sie fest. Tatjana (Polina Semionova) muss ihre Gefühlsaufwallungen zeigen! Foto: Enrico Nawrath

Bald ist es um sie geschehen. Heiße Küsse. Wechselhafte, unglaublich leidenschaftliche Gefühle. Ist das nicht nah am Abgrund des Seins überhaupt?

Hebungen, Arabesken, die von allen Ballerinen gefürchteten beiden „Hexensprünge“. Tatjana, von Onegin becircend hingelegt, muss, an seine Hände geklammert, in den vertikalen Spagatsprung. Aus dem Liegen heraus! Zweimal hintereinander, dazwischen ein sanft geführtes Développée nach vorn auf einer Spitzenschuhspitze. Der Höhepunkt dieses Balletts, für viele Zuschauer jedenfalls.

Welche Liebe ist es zwischen den beiden! Und dennoch. Sie erinnert sich. Sie weiß, was für ein schräger Vogel er ist. Sie hat auch ihren Stolz. Ihre Ehre. Ihren Mann. Und sie holt den Brief, den er ihr schrieb, um seine Visite anzukündigen. Da: Sie zerreißt ihn, gibt die Schnipsel in seine Hände.

Er ist fassungslos. Tit for tat – im zweiten Akt hatte er ihr, dem verknallten Gör, ihren Liebesbrief in die Hände gebröselt. So herzlos war er da! Und jetzt zahlt sie es ihm zurück, Schnipsel für Schnipsel.

Onegin in Berlin bejubelt

Verdiente Standing Ovations für alle: „Onegin“ beim Applaus in der Vorstellung vom 26. Februar 2015 mit dem Staatsballett Berlin und den Gastsolisten Polina Semionova und Wieslaw Dudek im Schiller Theater in Berin. Foto: Gisela Sonnenburg

Mehr noch. Sie weist ihm Tür. Hau ab! Er muss gehen, fliehen, er muss befürchten, sie flippt sonst aus. Oder ruft das Personal. Er kann es nicht glauben, aber er gehorcht. Und sie fühlt ihn entschwinden. Sie dreht sich um – da ist er schon weg. Sie läuft ihm nach. Reißt sich zusammen, dreht um, schlenkert links und rechts. Polina Semionova ist so glaubwürdig hier! Man fühlt mit ihr, leidet mit ihr, es ist eine Situation, in der sie außer sich ist.

Sie beginnt zu weinen, ihr ganzer Körper wird geschüttelt von stummem Heulen. Dann ballt sie die Fäuste. Sie zittert. Die Fäuste an den Schläfen, den Kopf gesenkt. Langsam, gegen die größten Widerstände, senkt sie die Unterarme. Erst, als das vollbracht ist, hat sie so etwas wie Frieden. Aber ist es Ruhe? Ist es Klarheit? Ihr Gesicht ist geläutert, aber sie wird ihn wieder erwarten. Keine Frage. Solange sie lebt.

Standing Ovations – verdient, von allen. Das Staatsballett Berlin hat mal wieder Visitenkarte gezeigt!
Gisela Sonnenburg

Die nächste „Onegin“-Vorstellung gibt es heute abend beim Stuttgarter Ballett:

www.stuttgarter-ballett.de

Weitere „Onegin“-Vorstellungen gibt es beim Bayerischen Staatsballett in München, am 5. März 2015 dort auch mit der fantastischen Polina Semionova (an der Seite von Marlon Dino) in der Hautprolle.

www.staatsballett.de

Und am 10. April gastiert die heutige Budapester, ehemalige Berliner Primaballerina Shoko Nakamura als Tatjana in „Onegin“ in Berlin beim Berliner Staatsballett – und tanzt mit Wieslaw Dudek, der übrigens ihr angetrauter Ehemann ist.

 www.staatsballett-berlin.de

Weitere Beiträge zu  „Onegin“ bitte hier:

www.ballett-journal.de/staatsballett-berlin-onegin-hyo-jung-kang/

www.ballett-journal.de/ein-traumpaar-und-doch-ein-anti-paar/

www.ballett-journal.de/ein-taenzer-sollte-nie-aufhoeren-zu-experimentieren/

UND SEHEN SIE BITTE INS IMPRESSUM: www.ballett-journal.de/impresssum/ 

 

 

 

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