
Alexandr „Sasha“ Trusch als „Nijinsky“ von John Neumeier. Ein begeisterndes Foto von Holger Badekow – und jetzt wird Ballettstar Trusch auch noch ein Filmstar!
Manchmal schlägt einem das Schicksal ein Schnippchen. Da hofften viele Fans vom Hamburg Ballett, der von Kindesbeinen an in Hamburg tanzende Starballerino Alexandr Trusch möge nach seiner Kündigung des festen Engagements vor einem Jahr und daraufhin nur noch gelegentlich erfolgenden Gastauftritten beim Hamburg Ballett in der kommenden Spielzeit wieder fest als Erster Solist dort dazugehören. Pustekuchen. Dafür gibt es überraschende News von „Sasha“ Trusch. Und man versteht plötzlich, warum er sich derzeit beruflich nicht fest binden mag. Aber spulen wir mal die Zeitspanne zurück. Vor über zehn Jahren habe ich Trusch – damals war er noch ein Nachwuchsstar beim Hamburg Ballett – hier im Ballett-Journal in einem Portrait mit der Tanzlegende Nurejew verglichen. Geschmeidigkeit, Anmut, Passion – Kennzeichen höchster Tanzkunst einen die beiden Supertänzer. Und jetzt kommt die Überraschung: Trusch geht nach Hollywood, und zwar im Namen von Nurejew. Denn der Regisseur Anthony Fabian („Mrs. Harris“) verfilmt mit ihm als Rudolf Nurejew dessen Partnerschaft mit der Ballettdiva Margot Fonteyn. Die brünette Britin mit brasilianischen Wurzeln wird von der in der Filmwelt berühmten Blondine Naomi Watts verkörpert. Wer sie in den Tanzszenen von „Margot & Rudi“ doubelt, steht offiziell noch nicht fest. Aber vielleicht wird es Truschs Partnerin im wahren Leben sein, die Ballerina Olivia Betteridge (ebenfalls blond). Der Choreograf des Films heißt übrigens Arthur Pita, und er steht künstlerisch für Originalität. Er tanzte einst bei Matthew Bourne, welcher in London die rundum schwule Version vom „Schwanensee“ kreierte, und Pita choreografierte auch schon für den russischen Weltstar Natalia Osipova, die ebenfalls vor allem in London auftritt. Man darf also Glanz und Gloria erwarten. Eine ebenfalls bewährte, eher traditionelle Garantie für Qualität verspricht die Drehbuchautorin Olivia Hetreed: Sie schrieb schon für „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ mit Scarlet Johansson und Colin Firth das einfühlsame Drehbuch. Im Herbst soll Drehbeginn für Trusch und Watts sein.

Callum Linnane (mittig) mit Xue Lin (im Tutu) und dem Hamburg Ballett und den Musikern beim Schlussapplaus nach „Nijinsky“ von John Neumeier am 16.05.26. Wow! Foto: Ballett-Journal
Dann wird auch Truschs Nachfolger beim Hamburg Ballett, der Tänzer Callum Linnane, dort als regulärer neuer Erster Solist präsent sein. Bis dahin tanzt er noch beim Australian Ballet von David Hallberg in Sidney, wo ihn der Hamburger Weltstar der Choreografie John Neumeier als Besetzung für seine dortige Einstudierung von „Nijinsky“ entdeckte. Schon am letzten Samstag gewährte Linnane eine Kostprobe seines Könnens in Hamburg, er gab seinen Einstand an der Alster: Als „Nijinsky“ von John Neumeier, also nicht ganz zufällig in einer Paraderolle von Alexandr Trusch.
Nun macht es wenig Sinn, die beiden direkt zu vergleichen. Trusch ist eine Klasse für sich, niemand würde ihm sein Hochkarat streitig machen wollen. Callum Linnane hat es da schon etwas schwieriger. Er ist begabt, kein Zweifel. Aber die Strahlkraft und das Glück, mit jeder Geste bezaubern zu können, ist nun mal nur sehr wenigen vergönnt. Dafür überzeugt Callum Linnane mit hohen, federleichten Sprüngen und einer sensiblen, emotional aufgeladenen Spielweise. Der starke Applaus für ihn nach seinem ersten Hamburger Auftritt war absolut verdient.

Callum Linnane im Portrait seiner künftigen künstlerischen Heimat, der Hamburgischen Staatsoper, zu welcher das Hamburg Ballett gehört.
Das Ballett „Nijinsky“, im Jahr 2000 von John Neumeier kreiert, erzählt vom Schicksal des allgemein als genial geltenden Tänzers und Choreographen Vaslaw Nijinsky. Ab 1909 tanzte der in Sankt Petersburg ausgebildete Ballerino polnischer Herkunft bei den Ballets Russes, die von Paris aus die Ballettwelt eroberten. Sein Charme, seine Wendigkeit, seine Sprungkraft auf der Ballettbühne machten ihn rasch weltberühmt. Mit Serge Diaghilew, dem Chef der Ballets Russes, verband Nijinsky eine homosexuelle Liebesgeschichte.
Doch während einer Tournee nach Südamerika angelte sich die energische Ensembletänzerin Romola den Künstler zur sofortigen Heirat. In Diaghilews Abwesenheit. Gekränkt warf der daraufhin seinen Superstar schlichtweg raus. Der hyperempfindliche Nijinsky, ohnehin vom nahenden Ersten Weltkrieg schwer gestresst, verfiel in eine psychische Krise, die später als Schizophrenie diagnostiziert wurde.

Das fabelhafte Hamburg Ballett mit Musikerinnen und Musikern beim Schlussapplaus am 15.05.26. Mittig in Rot: Charlotte Larzelere, die erstmals die Rolle der Romola tanzte. Yeah! Foto: Ballett-Journal
Romola hielt zu ihm. In Neumeiers Stück zieht sie ihn, der auf einem Schlitten sitzt, über die Bühne: mal zu einem ausdrucksstarken Paartanz, der ihre Ehe beschreibt, dann wieder, um ihn zu seinem letzten Auftritt überhaupt zu bringen. In dem Schweizer Luxushotel „Suvretta House“ tanzte Nijinsky im Januar 1919, im Andenken an den Krieg, sein letztes Solo vor Publikum.
Von dieser Szene aus entfächert sich sein bisheriges Leben in vielen verschiedenen Einzelszenen, die wie zu einer Collage zusammengefügt sind.
Nijinskys Rollen tauchen auf, sein Geliebter Diaghilew – und in von Neumeier stark modernisierter Form auch seine weltbewegende Skandalarbeit „Le sacre du printemps“ („Das Frühlingsopfer“) von 1913.
Soldaten mischen sich unter die Tanzenden, immer wieder – und am Ende würgt sich Nijinsky selbst mit zwei Stoffbahnen, die er wie lebendige Schlangen um sich schlingt.
Hinzu kommt Nijinskys kompliziertes Familienleben. Die Mutter war früh allein mit ihm und den beiden Geschwistern, von denen der eine, der Bruder Stanislaw, mit 21 Jahren als geisteskrank in die Psychiatrie eingewiesen wurde, während die Schwester Bronislava Nijinska ebenfalls im Ballett Karriere machte, und zwar als Choreografin.

Francesco Cortese tanzt Stanislaw Nijinsky, den Bruder des tragischen Stars Vaslaw – höchst ergreifend. Foto: Kiran West
Das Solo, in dem der junge Stanislaw sich quält und schließlich in exzessiv rasenden Wahn verfällt, wurde gestern von Francesco Cortese – einem der heutigen Nachwuchsstars vom Hamburg Ballett– so exzellent wie sprungintensiv getanzt. Bravo! Ich glaube, ich habe es noch nie so ausdrucksvoll erlebt.
Nijinsky nimmt am Schicksal seines Bruders starken Anteil. Er hält ihn, will ihn zurechtbiegen, seinen Wahn unterdrücken. Aber es nützt nichts. Während Stanislaw unaufhörlich weiter in die schwarze Zone des Bewusstseins abdriftet, verfällt Nijinsky in hysterisches Gelächter. Eine plausible psychologische Reaktion, eine paradoxe Reaktion, denn eigentlich möchte Nijinsky vor allem weinen. Es ist nämlich alles viel zuviel für seine zarte Seele.
Romola hingegen gibt ihm Halt. Mit ihr kann er das durchhalten, was für viele andere Menschen im Suizid endet. Noch 1945 war Nijinsky allerdings schwer von außen bedroht, nicht nur durch die Bomben des Krieges.

Callum Linnane bei seinem ersten Schlussapplaus mit dem Hamburg Ballett: ein großes Glück für alle Beteiligten! Foto: Ballett-Journal
Die Nazis wollten ihn, der damals in einer Psychiatrie in Wien behandelt oder auch nur verwahrt wurde, zusammen mit anderen geistig oder psychisch Erkrankten ermorden. Die Tatsache, dass er polnischer Herkunft war, rettete Nijinsky das Leben. Denn sein Pfleger im Krankenhaus war Pole, er mochte Nijinsky und brachte ihn, statt ihn ermorden zu lassen, zu Romola, die in Wien ein abgerissenes Quartier bewohnte.
Das war 1945, kurz vor der Befreiung Österreichs durch die sowjetische Armee. Vaslav Nijinsky tanzte dann bei Kriegsende noch einmal, ganz privat, vor Freude, und er war nicht allein: Er feierte zusammen mit Soldaten der Roten Armee, die seinen berühmten Tänzernamen kannten, den neuen Pakt für den Frieden.
Dieses und vieles anderes lässt sich im wirklich vorbildlich ausgestatteten Programmheft zu „Nijinsky“ beim Hamburg Ballett nachlesen. Historische und aktuelle Fotografien ergänzen die Textbeiträge, die unter anderem von Nijinsky selbst stammen.
Die Lektüre kann die Erfahrung der Aufführung vertiefen und auffrischen, zumindest aber intellektuell noch stark mit wichtigen Details anreichern. Genau so sollte ein Programmheft wirken – und hier hat man zudem noch seine Freude auch bei der gründlichen Sichtung. Das ist wirklich nicht selbstverständlich.

Das war 2025: Künstlerinnen und Künstler des Hamburg Ballett (mittig: Alexandr Trusch, rechts: Anna Laudere) beim Applaus nach „Nijinsky“ von John Neumeier. Foto: Gisela Sonnenburg
Die Aufführung hinterlässt derweil auch bleibende Eindrücke. Nicht nur die dramatisch-düsteren Szenen, sondern auch die munteren, dekorativ-sinnlichen prägen die Atmosphäre dieses Balletts. John Neumeier hat hier nicht nur choreografiert, sondern alles aus einer Hand geschöpft: Choreografie, Bühnenbild, Kostüme und das Licht-Design.
Das Stück, das zahlreiche auch getanzte Zitate und Anspielungen enthält, avancierte zu einem Liebling der Ballettszene, es ist international heiß begehrt. Nicht wenige Kenner/innen halten es für das beste Neumeier-Stück (von über 180) oder für das beste Ballett überhaupt.
Für den Darsteller des Nijinsky ergibt sich derweil eine erschwerte Aufgabe. Denn es ist eine Mammutpartie, all das zu tanzen und emotional zu zeigen, was hier verlangt wird.

Alle freuen sich über den Applaus nach der hervorragenden Vorstellung von „Nijinsky“ am 15.05.26, bei der John Neumeier das Licht den Technikern selbst live diktieren musste, weil die Computertechnik nicht so lief. Und niemand bemerkte es! Der begeisterte Beifall feierte die Aufführung. Foto: Ballett-Journal
Callum Linnane steigert sich immens während der zweieinhalbstündigen Aufführung. Seine Verhaltenheit zu Beginn ist sicher auch dem Lampenfieber des Debüts zuzuschreiben. Zumal, und das ist eine Insider-Info, das Bühnenlicht in dieser Aufführung ausnahmsweise von John Neumeier praktisch live diktiert werden musste, weil die Computertechnik hier an diesem Abend versagte. Weshalb die Vorstellung auch fast zehn Minuten verzögert begann.
Welcher Choreograf und Lichtkünstler macht so etwas noch selbst, wenn es mal eine technische Panne gibt? Weltkünstler John Neumeier macht das, mit 87 Jahren – die man ihm nicht im mindesten ansieht, wenn er dynamisch eine Treppe hochhüpft. Fantastisch.
Schade nur, dass Neumeier, der Gründer und ehemalige Chef vom Hamburg Ballett, sich nicht am Ende mit verbeugte. Doch das ist in Hamburg bei normalen Vorstellungen während der Spielzeit nicht üblich, nur nach Premieren und während der Hamburger Ballett-Tage, dem Festival kurz vor Spielzeitende, das bald wieder ansteht und das absolut empfehlenswert ist.
Callum Linnane macht mit seiner Tanzkunst jedenfalls auch Appetit auf die kommende Spielzeit. Er beherrscht den schnellen Wechsel der Ausdrücke des Körpers und des Gesichts vorzüglich, er springt herrlich, und im Zusammenspiel mit seinen Tanzpartner/innen ist er ein wahr gewordener Traum. Keine kühle Distanz, keine Angst, keine Übergriffigkeit stört das menschliche Miteinander, das ganz vom Willen zur Kunst durchdrungen ist. Wunderbar!

Charlotte Larzelere debütierte sehr erfolgreich als Romola in „Nijinsky“ von John Neumeier. Foto: Kiran West
Die weiteren Tanzenden – darunter die hinreißende Charlotte Larzelere in ihrem Debüt als Romola– begeisterten. Dass die Starsolistin Anna Laudere wegen einer Erkrankung ausfiel (gute Besserung!), erlaubte einem immerhin, endlich mal die junge Larzelere in einer so fantastischen Hauptrolle zu sehen. Seit sie beim Bundesjugendballett ihre Karriere in Hamburg begann, habe ich darauf gehofft! Und tatsächlich: Sie enttäuschte nicht.
Feinfühlig und stimmig, mit Weichheit und Rückgrat und mit sehr viel Energie interpretiert Charlotte Larzelere diese Frau, die sich in Nijinsky verliebte, als sie ihn tanzen sah und die sich wegen ihm bei den Ballets Russes als angebliche Tänzerin einschlich (die sie eigentlich gar nicht war). Um die Bühne nahezu als Statistin zu füllen, genügte sie Serge Diaghilew, der sie wegen ihrer adligen ungarischen Herkunft engagierte und nicht ahnte, dass er sich damit seine schärfste Konkurrentin in Liebesdingen ins Haus holte.
Die Pas de deux von Nijinsky und Diaghilew – hier sehr souverän getanzt von Matias Oberlin – berühren indes ebenso wie die von Nijinsky und Romola.
Francesco Cortese als Stanislaw wurde schon angemessen in den höchsten Tönen lobend benannt. Javier Monreal ist dazu der agilste, mitreißendste Leonid Massine (Nijinskys Nachfolger bei Diaghilew), den ich je sah. Yeah!
Louis Musin und Caspar Sasse teilen sich die knifflige Harlequin-Partie, wobei Musin auch noch im hier besonders schwierig (wenn auch besonders sexy) gestalteten Part des Geist der Rose reüssiert. Louis Haslach kämpft als Petruschka mit der Liebe – auch toll.
Artem Prokopchuk, der von seiner schweren Verletzung Ostern 2025 sehr gut genesen ist, fasziniert als lasziv-kokett charmierender Goldener Sklave zur Musik von Rimsky-Korsakow.
Überhaupt die Musik: Nathan Brock dirigiert das fabelhaft aufgelegte Philharmonische Staatsorchester Hamburg, das hier vor allem mit der Sinfonie Nr. 11 g-moll („Das Jahr 1905“) von Dmitri Schostakowitsch beeindruckt.
Die Solisten am Klavier, der Viola und der Violine sind dabei über jede Kritik erhaben (Ondrej Rudcenko, Naomi Seiler, Konradin Seitzer).

Xue Lin als Tamara Karsavina – wie ein einziges Schweben in Person! Hier steht sie vorn beim Hamburg Ballett für den Schlussapplaus. Foto: Ballett-Journal
Aber auch Xue Lin als Nijinskys Bühnenpartnerin Tamara Karsavina und Ida Stempelmann als Bronislava Nijinska vermittelt jenes Flair, das nur Ballett parat hat. Man fliegt in Gedanken mit diesen feingliedrig, dennoch kräftig über die Bühne schwebenden Wesen, man ist beglückt und dankbar, das zu erleben.
Neumeiers „Nijinsky“, darüber herrscht im ausverkauften Haus wohl Übereinstimmung, ist zweifellos eine der besten Möglichkeiten, seine Lebenszeit zu investieren. Da muss ein Hollywood-Film erst mal rankommen. Nichtsdestotrotz ist man auch auf das kommende filmische Werk zum Thema Nurejew gespannt. Der erste Film über den legendären Ballerino ist es nicht – und auch ein Spielfilm über Nijinsky existiert bereits, Regie: Herbert Ross. Mit Neumeiers Tanzstück kommt der aber nicht mit.
Gisela Sonnenburg
https://hamburgballett.die-hamburgische-staatsoper.de/de/ballett