
Hier zeigte „Timmy“ noch ihre Schwanzflosse. Ein Bild aus den Tagen, als der Wal auf einer Sandbank in der Kirchsee, also in der deutschen Ostsee, vor der Insel Poel lag. Videostill vom ndr: Gisela Sonnenburg
Der Wal. Warum berührt er uns so? Weil er am falschen Platz war. So fühlen sich viele in Deutschland derzeit. Wie dieser Wal, der trotz seiner Stärke so hilflos war. Ein Lebewesen zwischen Furcht und Hoffnung: Sechs Mal insgesamt ist es in gut fünf Wochen an der deutschen Ostseeküste gestrandet. Immer wieder strandete es, an einer Küste, an der es nicht zugehörig war, an Orten also, an denen es nicht heimisch war und es auch nicht werden konnte, aus rein biologischen Gründen nicht. Weder in Wismar, von wo aus der Wal Anfang März erstmals im Wasser schwimmend gesehen wurde, noch in Timmendorfer Strand, wo er am 23. März 26 erstmals strandete (und wonach er „Timmy“ benannt wurde), noch in der ruhigen Bucht etwas weiter ostwärts, wo er schließlich sein endgültiges Ruhelager wählte. Nirgendwo war er wirklich willkommen, nirgendwo gehörte er hin. Denn Timmy war als Buckelwal nur in den nordatlantischen Gewässer heimisch und hätte sich zu dieser Jahreszeit auf dem Weg von der Nordsee in Richtung Grönland befinden müssen. Dort hätte er genügend Krill und kleine Fische vorgefunden, um sich über den Sommer die Speckschicht für den Winter anzufressen. Doch über das Skagerrak kam „Timmy“ aus ungeklärten Gründen ins falsche Meer – und wurde von seinen großspurigen Rettern bei seiner „Freisetzung“ am 2. Mai 26 auch nicht auf den richtigen Pfad gelenkt. Dabei war Timmy ein außergewöhnliches Tier, mit auch für Walen wohl ungewöhnlich intensiven Kommunikationsmustern.
Sein klagendes Brummen rührte – übers Internet live übertragen und in den sozialen Medien vervielfältigt – Millionen. Furcht und Hoffnung klangen darin. Lieb sah das Tier aus, und zu Menschen zeigte es sich kooperativ, nicht aggressiv. Man hoffte und bangte, dass er eine reelle Chance bekommt zu überleben. Ein Jungmann soll er gewesen sein, so hieß es zunächst, nach einer DNA-Analyse aufgrund einer Wasser- und Hautprobe. Das Ergebnis (im ohnehin nie ganz sicheren PCR-Verfahren) war aber wohl falsch. Seit dem 16.05.26 gilt nun, durch Untersuchungen in Dänemark am Kadaver, als gesichert und bewiesen: Der Wal „Timmy“, auch „Hope“ und in der fernen Schweiz auch „Fridolin“ genannt, ist tot – und er war ein Mädchen kurz vor oder kurz nach der Geschlechtsreife. Es gibt sogar Videoauswertungen, nach denen Timmy eine werdende Mutter war und im Kirchsee am 21. April 26 nach einigen Presswehen ein Kalb gebar, welches am 9. Mai 26 teils verwest in der polnischen Ostsee gefunden wurde. Allerdings ist das keine amtliche Darstellung, sondern eine, die bislang nur in den sozialen Medien kursiert, wo sich auch ein Großteil der Diskussion um den Wal abspielt.
Ob mit oder ohne Kalb: Viele Tierfreunde trauern um Timmy, auch wenn nicht allen bewusst ist, warum ihnen dieses Tierschicksal so nahe geht. Dass sie sich mit dem verirrten, dennoch souverän wirkenden Fisch identifizieren. Dass der Meeressäuger ihnen wir ein Abbild ihrer eigenen Seele vorkommt, die sich klammheimlich in Not wähnt. Dass sich auch ihre Heimat – und nicht nur die des Meeressäugers – so stark verändert, dass sie sie kaum wiedererkennen.

Vorläufiges Ende der Geschichte: Nach heftigem Leiden auch durch die Inkompetenz der „Retter“ starb Timmy. Der Kadaver verwest im Meer und dient den Möwen vor der Insel Anholt in Dänemark als Nahrung. Wenigstens lohnt es sich für News5 Live noch, auf YouTube kostenfrei einen Livestream aus Dänemark anzubieten. Dafür herzlichen Dank! Videostill von News5 Live: Gisela Sonnenburg
Timmy war hingegen objektiv am falschen Ort. Große Wale wie den über 12 Meter langen und etwa 12 Tonnen schweren Wal Timmy – oder „Timmyline“, wie von einem Fan im Nachhinein getextet wurde – gibt es normalerweise gar nicht in der Ostsee. Nur kleine Meeressäuger wie Grindwale und Schweinswale leben hier, denn sie vertragen das nur mildsalzige Gewässer, das längst nicht so groß ist wie die Nordmeere und entsprechend kein ausreichendes Nahrungsangebot für Großwale hat.
Was also wollte Timmy in der deutschen Ostsee?
Viele, aber nicht alle Walarten verfügen über ein Echolotsystem (wie Fledermäuse), um sich zu orientieren. Dem macht der Mensch nicht selten ein Ende: U-Boote, Bauarbeiten an Offshore-Windparks und andere Sonorlaute sowie auch anderer Unterwasserlärm, etwa laute Schiffsmotoren, können dieses Oientierungssystem nachhaltig stören. Die Tiere irren dann völlig hilflos durchs Wasser und versterben, weil sie in diesem Zustand weder jagen noch sich vor Gefahren in Sicherheit bringen können.
So war es bei Timmy nicht. Buckelwale haben kein Echolotsystem. Aber auch sie sind aufs Hören unter Wasser angewiesen, um sich zu orientieren und ihre innere Ruhe zu finden. So, wie Timmy sich verhielt, war er schwer lärmtraumatisiert und hatte möglicherweise auch eine Art Gehirnerschütterung erlitten.
Beim Menschen sind nach schweren Gehirnerschütterungen bis zu drei Monaten Ruhe und möglichst wenig Bewegung indiziert. Der Buckelwal hat ein größeres Hirn und zusätzlich im großen Unterkiefergewebe Sensoren. Man kann sich denken, dass eher mehr als weniger Zeit nötig ist, um ein organisches Aufpralltrauma auszukurieren.
Ob er bzw. sie mit einem anderen Wal, mit einem Schiff oder auch den Schallwellen eines Windpark-Baus kollidierte, werden wir nie erfahren. Aber immer ruhiger wurden die Strandungsorte, die Timmy sich suchte, das fällt auf. Bishin zu dieser malerischen Minibucht namens Kirchsee vor der Insel Poel. Auf Lärm reagierte Timmy hingegen mit panischer Ablehnung, das war auf mehreren Videos zu sehen.

Die Umweltrechtsorganisation ClientEarth macht hiermit auf einen Missstand aufmerksam, der die Meere betrifft. Weniger Fisch essen, ist ein Lösungsansatz, über die menschliche Population nachzudenken, ist ein weiterer. Faksimile von ClientEarth: Gisela Sonnenburg
Obwohl etliche Tierärztinnen und Tierärzte, auch aus den USA eingeflogene wie die Expertin Jenna Wallace, zum Wal vorgelassen wurde, traute sich niemand von ihnen, eine vorläufige Diagnose zu stellen oder wenigstens nach Augenschein eine Verdachtsdiagnose zu formulieren. Diese Tierärzte waren entweder vom Land Mecklenburg-Vorpommern oder von den privaten Rettern, einem Millionär und einer Milliardärin, bezahlt bzw. herbei geholt. Die meisten hatten, wie Kirsten Tönnies, die Inhaberin einer Kleintierpraxis in Hessen mit dem Namen von Fleischfabrik-Milliardären, sowieso null Ahnung von lebenden Walen. Tönnies gab das auch unumwunden mehrfach zu. Sie scheiterte dann mehrfach daran, dem Tier Blut abzunehmen. Mit verschiedenen Kanülen stocherte sie an dem Wal herum. Peinlich. Trotzdem wurde sie nicht ausgetauscht. Man hatte insgesamt den Eindruck, die angeheuerten Tierärzte sollten Timmys Zustand gar nicht wirklich abklären.
Warum wurde kein Tierarzt aus der existierenden holländischen Walauffangstation geholt? Warum wurde die ebenfalls holländische Organisation SOS Dolfjin nicht befragt? Warum – das wäre vermutlich die beste aller Lösungen gewesen – wurde der Wal nicht in einem speziell maßgeschneiderten und mit feuchtigkeitshaltendem Kunststoff ausgepolsterten Container nach Island in die weltweit einzige Walauffangstation für Buckelwale gebracht? Ein Wal wurde 2019 erfolgreich auf diese Weise aus Shanghai (Asien) dorthin per Flugzeug verbracht. Warum nicht auch Timmy? Warum wurde so dilettantisch vorgegangen?
Das ist das bittere Geheimnis der Geldgeber Walter Gunz und Karin Walter-Mommert.
Sie engagierten, als Timmys Versorgung immer stärker an eine Farce erinnerte, lieber Walexperten, die einst für den populären Kinofilm „Free Willy“ tätig waren. Die oberste Regel für Marketing in Massenmedien wie der BILD war damit erfüllt: Mit „Free Willy“ wurde ein Schlagwort, das schon einmal Millionengelder eingespielt hatte, aktiviert.
Kritische Fragen gibt es in den Interviews, die Gunz und Walter-Mommert ausgewählten Medien geben, denn auch eher nicht. Trotzdem muss man ihnen dafür danken, dass sie immerhin bereit waren, in die Rettung des Wales zu investieren. Nur ließen sie dann die falschen Leute ans Ruder.
Die offizielle Erklärung, das Tier sei vielleicht einem Schwarm Heringe gefolgt und habe dann einfach die Orientierung verloren, ist indes derart laienhaft, dass sie richtig gut zum Deutschen Meeresmuseum in Stralsund passt. Dieses wollte das Tier, kaum war es gestrandet, schon als Skelett und totes Ausstellungsstück haben. Wie geschmacklos. Später kam raus, dass eine mit dem Museum kooperierende Firma schon Pläne hatte, aus dem Walfleisch vorher noch Diesel zu machen. Da schien Timmy noch putzmunter.

Das Deutsche Meeresmuseum machte in der Timmy-Affäre gar keine gute Figur. Aber Preise und Ehrungen hat es ja auch schon zur Genüge eingeheimst. Faksimile von der Homepage des Museums: Gisela Sonnenburg
Timmy wanderte an der Küste entlang, immer weiter ostwärts, dorthin, wo es immer ruhiger wurde: weniger Schiffsverkehr, weniger Windräder, keine Hochseefischerei. Die Aussicht, die der Wal schließlich in der Bucht vor der kleinen Insel Poel hatte, war lieblich, und Timmy schloss dort Tierfreundschaften mit Schwänen, die ihn regelmäßig schwimmenderweise besuchten, und mit Kühen, die vom Ufer aus nach ihm schauten.
Timmy war allerdings offenkundig lärmgeschädigt, das war eindeutig. Doch weder die Geldgeber noch die weiteren Beteiligten, die überwiegend von ihnen bezahlt wurden, wollten das in die Medien bringen. Es wurde auch keine ernsthafte Ursachenforschung betrieben, zumindest nicht öffentlich. Lediglich die Jagd auf Heringe oder auch Sonnenstürme oder halt ein möglicherweise für den Wal gefährliches fiktives Geisternetz wurden als wenig plausible Erklärungsangebote offeriert.
Mögliche Ursachen, um Tiere mit Unterwasserlärm zu schockieren, sind faktisch allerdings von anderem Kaliber: U-Boote, Sprengungen (etwa von alter Kriegsmunition, die noch in den Meeren lagert) oder auch Bauarbeiten an Windparks. Am Ende wäre Timmy noch ein schwimmendes Plädoyer der BILD gegen Offshore-Windparks geworden, hätte man gemeinsam auf die Landkarte geguckt. Denn Timmy kam auf seinem Weg aus südlicheren Gewässern an einem im Bau befindlichen Windpark bei Borkum vorbei. Weil für die Kabelage solcher Anlagen nicht ganz selten verklappte Restmunition aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt werden muss, könnte Timmy genau hier zum Opfer des Menschen geworden sein.
Windkraft als Walkiller? Solche Annahmen gilt es natürlich zu verhindern, wenn man ein Thema in Mainstream-Medien bringen will, denn die Energiewende ist in Deutschland bekanntlich eine heilige Kuh.
Das Land Mecklenburg-Vorpommern wie auch der Staat der Bundesrepublik Deutschland erklärten sich denn auch für dem Grunde nach für den Wal nicht zuständig. Wie lächerlich. Man hätte hier natürlich eine Ausnahme machen müssen! Deutschland hatte noch nie einen lebenden Großwal live an der Küste, live im Internet, und dem Tier schlugen so viel Sympathie und Interesse entgegen, dass es zu einem nationalen Maskottchen, zu einem nationalen Symbol wurde. Der Bundestag hätte Gelder und Hilfen beschließen und bereitstellen müssen.
Zumal Buckelwale sind im übrigen auch noch eine weltweit geschützte Art, seit 1966 schon.
Timmy hatte viel Kraft, viel positive Energie. Wer dafür empfänglich ist, konnte Timmys innere Größe spüren. Ich war in Wismar und fand, dass die Energie dieses Riesen von Tier die ganze Gegend erhellte, harmonisierte, jedenfalls positiv prägte. Es war unvorstellbar, dass so ein Wal, nur weil er Heringe gejagt haben soll, davon so erschöpft war, dass er sich tage- und wochenlang ausruhen musste. Da musste etwas anderes vorgelegen haben, und ein Trauma mit Gehirnerschütterung wäre das nächstliegende gewesen.
Timmy kam aus der südlichen Nordsee, wo der Wal – mehr oder weniger ohne Fressen wie immer – den Winter verbrachte. Im Winterhalbjahr fressen Buckelwale kaum etwas. Ihr Speck hält durch, bis sie wieder in Grönland sind. Vielleicht war Timmy auf dieser Route nicht allein unterwegs, sondern mit Artgenossen, vielleicht aber war er oder sie auch ein Einzelgänger, eine Einzelgängerin. Beides ist möglich.

News5 Live dokumentiert auf YouTube die Wege von Timmy, der Walkuh. Hier ist der Kadaver am 20. Mai 26 zu sehen: Er treibt von einer Sandbank aus langsam auf die Insel mit dem idyllischen Horizont zu. Vielleicht hatte Timmy diese Aussicht noch lebend erreicht, bevor sie starb. Rund 15 Stunden hätte sie dafür benötigt, wenn sie in ihrem normalen Tempo aus eigener Kraft noch hätte schwimmen können. Videostill von News5 Live: Gisela Sonnenburg
Doch dann muss ihm oder ihr etwas Schlimmes passiert sein. Nahe der Insel Borkum wird an einem großen EnBW-Windpark mit dem plattdütschen Namen „He dreiht“ gebaut. Möglicherweise entstand dabei, bei Arbeiten im Meeresgrund, der für Walohren so schlimme Lärm, der dem Tier die Orientierung oder auch nur die innere Ruhe nimmt. Dafür spricht, dass sich in dieser Saison weitere Wale sich in die Ostsee verirrten. Denn:
Wenige Tage nach der Strandung Timmys wurde ein Belugawal auf Flensburger Höhe vermeldet. Er gehört eigentlich in den Bereich der Arktis. Heute, am Pfingstsonntag, wird entweder derselbe oder ein anderer Belugawal in der Kieler Förde gesichtet. Und kurz nach Timmys Tod wurde auf der anderen Seite der Insel Anholt ein weiterer, noch stärker als Timmy verwester Buckelwalkorpus angeschwemmt. Am 9. Mai 26 fand man in Polen angeblich das teilverweste Kalb eines Großwals. Vier bis fünf Wale, die nicht dorthin gehören, in der Ostsee, und zwar binnen weniger Wochen – das fällt auf.
Diese Häufung könnte zum Beispiel mit den Bauarbeiten an „He dreiht“ eine Erklärung finden.
Timmys Verhalten bei seinen Lebendstrandungen war jedenfalls unzweifelhaft: Sie wollte ihre Ruhe, wollte keinen Lärm, keinen Stress – und keine Nordsee. Das Trauma hatte den Ort mit erfasst, das ist auch bei anderen Tieren und auch dem Säugetier namens Mensch so. Der Ort des Schreckens wird gemieden.
Jens Schulz, der erste Tatkräftige, der eine Retterinitiative begründen wollte, war selbst kein Experte für Wale. Aber er sammelte mitleidige Seelen, die ebenso wie er nicht untätig zusehen wollte, wie so ein Prachtexemplar von Wal auf einer Sandbank zu Grunde geht.

Der Retter „Danny“ war vom Schicksal des Wales selbst erschüttert, wie dieser Post zeigt. Faksimile: Gisela Sonnenburg
Es meldete sich alsbald Walter Gunz, ausbezahlter Mediamarkt-Mitbegründer, der später unter anderem als Wirtschaftsberater von BILD online tätig war. Er wollte Geld geben, damit der Wal gerettet würde. Für Tierschutzprojekte ist Gunz übrigens nicht bekannt gewesen. Seine Mitstreiterin Karin Walter-Mommert ist indes noch reicher als er: Die ehemalige Stewardess macht Geld mit Trabrennpferden, ist selbst auch Trabrennfahrerin im Laienstatus und verheiratet mit Ulrich Mommert, dem Vorsitzenden des Rennvereins der Trabrennbahn Mariendorf in Berlin. Hierbei gilt zu bedenken: Pferderennsport und Tierschutz sind nicht ein- und dasselbe, im Gegenteil. Das Vermögen der Familie Mommert wird derweil von Forbes auf 1,7 Milliarden US-Dollars geschätzt.
Hätte das Team, das Gunz und Walter-Mommert engagierten, nun als erste Hilfe ein Wasserbassin mit dem Salzgehalt der Nordsee um den Wal errichtet (etwa mit einer großen Plane, die unter dem Wal durch die Sandbank zu schieben war und über dem Wasser mit einem Gestänge zu einem Bassin gefaltet worden wäre), so hätte man sehen können, ob und wie sich das Tier erholt. Das wäre logischerweise das erste gewesen, das man hätte tun müssen, um dem Wal zu helfen: ihm sein natürliches, lebensechtes Milieu zu verschaffen.
Aber: Dann hätte man lediglich Luftaufnahmen vom Wal machen können. Das große Geld, das mit den Fotos und Streams vom Wal an der deutschen Ostseeküste verdient wurde, floss aber nur, weil jede Regung, jeder Flossenschlag, jeder Atemzug, jede hochgeblasene Fontäne des Wals in Großaufnahme fotografiert und gefilmt werden konnte. Mit einem Bassinrand wäre all das so nicht möglich gewesen.
Die optimale Vermarktung des Wals bedingte also so etwas wie das Unterlassen der ersten Hilfe. Fast war es, als hätte es eine Wette gegeben: Kann man mit einem kranken Wal an der Küste noch viel Geld machen? Gunz konnte BILD ein gutes Geschäft versprechen.

BILD Live streamte auch das Picken der Möwen an Timmys Kadaver – bevor dann wieder News5 Live übernahm. Videostill von BILD live: Gisela Sonnenburg
Walter Gunz ist nun nicht nur Unternehmer, sondern auch Marketing-Fachmann. Sprüche wie „Ich bin doch nicht blöd“ als Werbeslogans für die damals noch mit Saturn konkurrierende Mediamarkt-Kette dachte er sich selbst aus. Und auch als Wirtschaftsberater von BILD online sowie als Geschäftsführer der Axel Springer E-Commerce GmbH (die BILD erscheint im Axel-Springer-Verlag) trug Gunz zum Profit bei. Nicht zum Tierschutz. Als Tierschützer hatte Gunz keine bekannte Qualifikation.
Aber selbst Greenpeace, 1971 von Idealisten gegründet und heute milliardenschwer, blamierte sich in Sachen Timmy. Theo Maack von Greenpeace Deutschland empfahl wiederholt, das Tier einfach sterben zu lassen, angeblich geschehe das sowieso binnen weniger Tage nach einer Strandung. Nix da, meinte Timmy! Und auch die Sea Shepherd Deutschland, die sich zunächst um Timmy kümmern wollte, überzeugte nicht mit ihrem halbherzigem Engagement.
Der Wal war stark und tapfer und schien weiterhin voller Lebenskraft. Noch Wochen nach den Strandungen. Er brummte, hob die Flossen, versprühte auf uns Menschen poetisch wirkende Fontänen, sonderte seinen flüssigen roten Walkot ab, reagierte sogar auf Streicheleinheiten und genoss es sichtlich, mit kühlendem Wasser abgespritzt und mit Zinksalbe von feuchten Tüchern versorgt zu werden. Die Mimik dieses Tieres war erkennbar – sofern man sich mit den Gesichtsmuskeln von Wildtieren schon beschäftigt hat.

BILD live mit Warnungen auch ohne Möwen vor der großen Timmy-Explosion, die dann aber nicht eintrat. Videostill von BILD Live: Gisela Sonnenburg
Derweil gewannen BILD und auch News5 Live (auf YouTube) an Profit durch die massiven Werbeeinnahmen, die ihnen der Wal bescherte. Millionen von Menschen wollten den Wal sehen, wollten mit ihm fühlen. Entsprechend viel bezahlte die Industrie für ihre Anzeigen und ihre Werbeclips. Noch heute, da der Wal ein toter, aufgeblähter Kadaver vor einer dänischen Insel ist, lohnt sich der ganztätige Livestream.
Die ARD-Kette gab zu den besten Zeiten des Wals, als er in Poel lag, bekannt, nie zuvor eine so gute Quote, also eine so hohe Reichweite, erzielt zu haben wie mit diesen Livestreams vom Wal. Nicht mal mit einer Fußballweltmeisterschaft kommen sie so nah an die Nation heran. Und das mit minimalem Aufwand, verglichen mit einer WM. So bescherte ihnen der Wal eine leicht verdiente Quote.
Andere Medien erfuhren durch das gestrandete Tier sogar so etwas wie eine Bedeutungsaufwertung. Allen voran BILD und BILD online, mit exklusiven Statements und Interviews von Walter Gunz und seinem Team. Es wurde sehr gut verdient am Wal. Welcher Art die Verträge waren, die Gunz an seine Mitstreiter vergab, ist indes nicht bekannt.
Der vor Ort in MeckPom zuständige Umweltminister, Till Backhaus (SPD), mühte sich seinerseits um Punkte beim Wählervolk, wollte aber vor allem möglichst wenig Steuergeld für das Tier ausgeben. Und: Er wollte keinen Ärger, lehnte darum auch die Verantwortung für das Tier ausdrücklich ab.
Zuvor hatte das Verwaltungsgericht Schwerin Anträge von Tierschützern abgelehnt, mit der Begründung, ein Wildtier habe in Deutschland keinen Anspruch auf Tierschutz. Das gilt allerdings nur solange, wie sich niemand um das Wildtier kümmert. Wenn man es bereits versorgt, weil es in einer Notlage ist, greift sehr wohl das Tierschutzgesetz. Dieser Paragraf ist in Schwerin entweder nicht bekannt oder es wurde versäumt, ihn anzuwenden.
Für Backhaus sah es nach der zuerst erfolgten Ablehnung jeglicher Tierhilfe so aus, dass der Wal eine clevere Chance sein könnte, im Beliebtheitsranking nach oben zu kommen. Also übernahm der Minister die Oberaufsicht und ließ sich jede einzelne Maßnahme des Retterteams erst schriftlich vorlegen, bevor er sie genehmigte oder ablehnte. Dabei legte Backhaus Wert auf die Feststellung, dass es sich juristisch nicht um Erlaubnisse, sondern nur um Duldungen handelte.
Faktisch war er es, der so die Rettung oder Nichtrettung des Tieres indirekt steuerte. Auch über die Vorschläge anderer um Rettung des Wals bemühter Gruppen urteilten Backhaus und sein Ministerium, ganz so, als seien sie Fachleute. Dabei hatten sie alle von Buckelwalen keine Ahnung. Und so gibt es ein exotisch wirkendes Video, in dem Backhaus erklärt, der Wal sei mal mit einer Schiffsschraube in Konflikt geraten, weshalb er ein Rillenmuster am Körper habe. Buckelwale haben aber generell Rillen.

Till Backhaus, Umweltminister von Meck-Pom, agierte zunächst falsch und ließ sich dann zur Einsicht bringen: Dem Wal muss man helfen dürfen. Videostil vom ndr / „DAS!“: Gisela Sonnenburg
Später, nach der fatalen Freisetzung des Wales am 2. Mai 26, forderte Backhaus die Herausgabe der Tracker-Daten von Timmy. Doch die Retterinitiative, die behauptete, solche Daten bezüglich der Vitalität des Tieres zu haben, konnte oder wollte nicht liefern. Bis heute gibt es keinen Beweis, dass Timmy tatsächlich einen funktionierenden Tracker hatte und dieser auch Daten lieferte. Medienintensiv behauptete die Initiative zuerst, sie habe keinerlei Ortsdaten erhalten, nur solche, die belegen würden, dass Timmy lebe und ab und an auftauche, um Luft zu holen. Beweise blieben sie schuldig, wiewohl sie die Ortsangaben der „rettenden“ Schiffe in den Tagen zuvor stetig gepostet hatten. Dann kursierten Gerüchte: Man wolle die Ortsdaten des freigelassenen Wales nicht herausgeben, um den Wal zu schützen. Vor wem? Es gab keine Antwort. Wenn man die Ortsdaten zwei Tage verzögert herausgegeben hätte, wäre Timmy sicher gewesen.
Wahrscheinlicher aber ist, dass Timmy seine wiedererlangte „Freiheit“ am frühen Vormittag des 2. Mai 26 nicht lange überlebte. Sie wurde tot auf einer Sandbank vor einer Insel gefunden, nur 160 km vom Ort des Verlassens ihrer vermaledeiten Barge entfernt. Hatte Timmy die Sandbank noch lebend erreicht? Sie hätte wieder einen idyllischen Blick auf ein Eiland am Horizont gehabt. Genau wie vor Poel. Irgendwie hoffnungsverheißend, trügerischerweise.
So stark verletzt, wie der Wal dank der Retterinitiative wohl war, konnte er am 2. Mai 26 nicht mehr geradeaus und auch nicht mehr zügig schwimmen. Er hinkte sozusagen und konnte entsprechend vermutlich nicht gegen den starken Wellengang anschwimmen. Ob er innere Verletzungen von der Barge oder dem Rausziehen mit einem Seil an der Fluke erlitten hat? Mit Sicherheit, zumindest an der Wirbelsäule. Zudem war er ohnehin noch gehandicapt, von seinem Aufprall- oder Lärmtrauma.
Die Dänen, die Grindwale massenhaft abschlachten und das dann Tradition statt Kommerz nennen, waren von der angeschwemmten Leiche von Timmy, die am 14. Mai 26 vor der Insel Anholt entdeckt wurde, nicht sehr erbaut. Zunächst wollten sie gar nichts tun und den Kadaver auch nicht an die Deutschen ausliefern. Man wollte möglich wenig Aufhebens. Dagegen sprach das starke mediale Interesse.

Das noch im Tod schöne Auge des Wals: Jim Salabim zeigte auf TikTok Aufnahmen von Timmy, die, bevor der Kadaver sich aufblähte, den Kopf auf den Meeresgrund bettete. Faksimile von Facebook: Gisela Sonnenburg
Eine Abordnung des „Retterteams“ aus Deutschland durfte sich den Wal dann aus der Nähe ansehen, ebenso einige andere selbsternannte Experten und der Fotograf mit dem Pseudonym Jim Salabim. Derweil setzten die Fäulnisgase dem toten Körper immer weiter zu. Der gasgefüllte Korpus wurde alsbald von der Strömung Richtung Strand getrieben, wo er seither medienverträglich in guter Sichtweite der Kameras auf den plätschernden Wellen tänzelt.
Statt die Leiche vom Wal rasch zu bergen und zu obduzieren, verschleppten die Dänen die Sache. Immerhin stellten sie zügig das Geschlecht des verendeten Tieres fest und überprüften auch die angeblich noch anhaftende Trackerplakette. Demnach sollte es Timmy sein. Es gibt allerdings Menschen, die daran bis heute Zweifel haben.
Keinen Zweifel hat man jedoch an Folgendem:
Die „Freisetzung“ des Wals geschah den bekannten Videoaufnahmen und auch Augenzeugenangaben nach gewaltsam und deutlich gegen den Willen des Tieres.
Videos vom 1. Mai 26 (und zwar sowohl vom Morgen, als der erste Versuch stattfand, Timmy von der Barge zu jagen, als auch vom Abend) belegen bereits Misshandlungen des Tieres durch seine vermeintlichen Retter. Da wird von der Reling mit einer Seilschlinge nach der Fluke geangelt – fatal. Im Kirchsee wurden noch vorsichtig leere, breite, weiche Feuerwehrschläuche statt Seilen benutzt, um den Wal nicht zu verletzen. Und es wurde auch nicht an der Fluke, sondern am Leib angesetzt. Da liefen ja auch offizielle Streamkameras. Warum dann diese vorsätzliche Misshandlung am 1. Mai?
Am 2. Mai 26 dann sollen die Misshandlungen unter Ausschluss der Tierärztinnen und der meisten Teammitglieder exzessiv geworden sein, um das Tier ins Meer zu verfrachten. Offenbar wollte man das Tier unbedingt so schnell wie möglich aussetzen, regelrecht loswerden, obwohl weder die Wellen- und Wetterlage noch der Zustand des Wals dafür sprachen.
Später belasteten sich die Beteiligten gegenseitig. Zunächst wurde die Schuld vor allem auf den Kapitän des Schiffs „Robin Hood“, das aus Kiel gekommen war, geschoben. Der nahm sich einen Anwalt und beschuldigte zurück. Danach gingen die Beschuldigungen hin und her. Vor allem das Team-Mitglied Jeff Foster aus den USA, der früher ein Orca-Jäger gewesen sein soll, belastet mit einem Klartext sprechenden Protokoll sehr glaubhaft auch das Team.

Nicht ganz zufällig erhielt BILD exklusive Interviews von den Geldgebern Walter Gunz und Karin Walter-Mommert. Faksimile von BILD live auf YouTube: Gisela Sonnenburg
Gunz und Walter-Mommert stellten angeblich Strafantrag gegen den Kapitän. Man darf aber annehmen, dass es hier keine Verurteilung geben wird.
Vieles, was dokumentiert ist, kann man kaum glauben, aber die entsprechenden Videos sind wohl echt. Fazit: Wurde der Wal vor Poel fürs werte Publikum noch mit Samthandschuhen angefasst, wurde er auf hoher See behandelt wie Dreck.
Nun darf man Wale generell nicht an der Fluke, also an ihrer Schwimmflosse am hinteren Ende, ziehen. Das erfährt man schon bei einfachem Googeln. Denn diese Fluke ist nur durch Knorpelbrücken mit dem schweren Leib verbunden. Wer daran zieht, zumal mit einem Lastkahn wie „Robin Hood“, der hierzu am 2. Mai 26 eingesetzt wurde und die ein einschneidendes Seil zur Befestigung am Wal benutzte, beschädigt den Wal unvermeidlich, und zwar in irreparabler, gemeinhin tödlicher Weise.
Die Wirbelsäule des Wals, die über den Knorpelbrücken beginnt, wird dann nämlich in Mitleidenschaft gezogen. Die Verbindung zur Fluke ist für den Corpus hochwichtig, um geradlinig zu schwimmen, um zu tauchen, sie dient (siehe z. B. Wikipedia) als Vortrieb und zur Stabilisierung des Körpers im Wasser. Auch für die Einstellung der Körpertemperatur sitzt eine Schaltzentrale in der Fluke. Wer sie dem Wal innerlich abreißt, tötet das Tier auf Raten.
Auch die Flipper, also die seitlichen Flossen von Timmy, wurden den Wunden am Kadaver nach durch die riskanten Manöver, denen das Tier trotz hohen Wellengangs in einer Barge mit Metallwänden ausgesetzt wurde, beschädigt. Zudem versetzten die „Retter“ den Wal in Panik, als sie – das ist auf einem Video vom 1. Mai 26 deutlich zu sehen – das Tier nötigen wollten, aus der hinten geöffneten Barge herauszuschwimmen. Hier verweigerte der Wal sichtlich vehement die „Freilassung“ in der nördlichen Ostsee, hielt sich im hintersten Winkel der Barge auf, obwohl er gedrängt wurde, zu fliehen.
Es war der pure Horror für das Tier, von „seinen“ Menschen vom Rand der Barge aus, aber auch von einem Schlauchboot aus, das zusätzlich in die Barge fuhr, um es zu bedrängen, so bedroht zu werden. Das wuchtige Tier geriet denn auch in Panik, schlug mehrfach schwer an die Banden (das ist videodokumentiert). Zudem war die Barge zu klein, der Wal konnte darin nicht wenden.
Die „Robin Hood“ zog dann am 2. Mai 26 gegen 9 Uhr das arme Timmymädchen mit einem Seil an der Fluke aus der Barge. Das war tödliche Tierquälerei in Reinkultur.
Die Begutachtungen der sterblichen Überreste ergaben dann: Die Fluke hatte tiefe Einschnitte (vom Seil) und die Finne (die Rückenflosse, wichtig für die Steuerung) war gerissen (durch das Ziehen daran).
Später wurde erst nur eine Spitze vom Schwanz, dann die ganze Fluke von menschlichen Beutejägern abgeschnitten. Dass sich, bevor dort abgesperrt wurde, Touristen auf dem Walleichnam fotografierten, fand allgemein wenig Beifall.

Die sterblichen Überreste von Timmy an Pfingstsonntag, nur 160 km vom Ort seiner gewaltsamen Aussetzung entfernt. Videostill von News5 Live: Gisela Sonnenburg
Immerhin: Der tote Wal vor der dänischen Insel Anholt, nur 160 km entfernt vom Ort der gewaltsamen Freisetzung Timmys, bringt den Medien wieder Quote. BILD und News5 Live senden wieder Livestreams: Man kann dem Wal beim Verwesen zusehen, und die Möwen, die am Kadaver pickten, können dabei ebenso beobachtet werden wie die Tatsache, dass sich der Leib des toten Tieres zunächst wie ein Ballon aufblähte, um ab Pfingstsonntag wieder kleiner zu werden.
BILD schürte zwischenzeitlich Ängste vor angeblicher Explosionsgefahr. Ein Bergungsversuch der Tierleiche vor Pfingsten wurde denn auch abgebrochen.
Wale explodieren aber eher selten. Meistens platzen sie an einzelnen Stellen, und die Fäulnisgase entweichen, zusammen mit Teilen des Inneren des Tieres. So geschieht es derzeit auch bei Timmy, der seit Pfingstsonntag, also ab dem 24. Mai 26, dadurch wieder schlanker wird.
Insgesamt keimt rückblickend ein Verdacht auf: Wollte man das Tier so stark beschädigen, weil sein Kadaver noch Quote bringen würde? Handelte der Kapitän der „Robin Hood“ auf verdeckten Befehl? Oder war Timmy schon auf der Reise so stark verletzt worden, dass man Angst hatte, er könne in der Barge versterben, wenn man ihn nicht zügig aussetzte?
Die Chronik der Falschbehandlungen des Wals liest sich jedenfalls meiner Meinung nach wie die Auflistung von Verbrechen im moralischen Sinn:
Das erste Verbrechen war, dass man das Tier wochenlang in Ostseewasser, in dem Buckelwale quasi wie in Gift liegen, beließ. Statt dafür zu sorgen, dass es einen höheren Salzgehalt im Wasser haben könnte. Das zweite war, ihn nicht in Ruhe zu lassen, bis er signalisierte, dass er wieder fit für die Wildnis wäre. Tiere zeigen das durch Bewegungen unmissverständlich an. Diese Ruhe und diese Zeit – ob zum Ausruhen oder auch zum Sterben – hätte man Timmy geben müssen. Das dritte Verbrechen war, ihm eine Barge mit metallenen Seitenwänden für die Reise durch die Ostsee zu basteln. Es war klar, dass der Wellengang auf offener See deutlich höher sein würde als in der Bucht vor Poel. Harte Wände an der Barge waren da ein No-Go, und einige Sandsäcke würden als Polster nicht genügen, auch das war doch klar. Man hätte Timmy niemals am 28. April 26 in diese ungeeignete Barge treiben dürfen. Das vierte Verbrechen war, trotz des auf Sturm lautenden Wetterberichts mit dem Tier in der Barge noch am selben Abend loszufahren. Man hätte nicht nur auf ein geeignetes Behältnis, sondern auch auf passenderes Wetter warten müssen. Das fünfte Verbrechen war, den Wal nicht im Nordatlantik, sondern in der Ostsee auszusetzen. Man hätte, weil die Wellen zu hoch waren, um Skagerrak zu umrunden, zurückfahren oder auch im Kreise fahren müssen, bis der Wellengang die Fortsetzung der Reise wie geplant erlaubte. Das sechste Verbrechen am Wal war die Art seiner Aussetzung: ihn gegen seinen Willen zu nötigen, die Barge zu verlassen, und ihn in verletztem Zustand dem sicheren baldigen Tod preiszugeben. Das war genau das Gegenteil von dem, was man Timmy und auch all ihren Fans versprochen hatte. Das siebente Verbrechen schließlich umfasst all die Lügen, die zum Wal und zu seiner Behandlung verbreitet wurden.
So etwas machen Menschen, wenn man ihnen viel Geld verspricht. Der Wal sollte, das war die aufgeheizte Stimmung damals, „in die Freiheit“ oder „nach Hause“ kommen. Die Masse der Fans war darauf getrimmt. Zweifel am Vorgehen wurden von den „Machthabern“, den „Rettern“, ausgeblendet und nicht diskutiert. Wie es dem Wal wirklich ging, das war offenbar egal. Die Quoten hatten ihren Höhepunkt erreicht – nach den Gesetzen des Geldmachens musste der Wal zu diesem Zeitpunkt gehen.
Eine Schweizer Initiative hatte zuvor ein Behältnis aus Planenstreifen für den Transport des Wals vorgeschlagen. Die Wellen wären hiervon abgemildert worden und das Wasser wäre durch die Streifenzwischenräume geströmt. Vor allem aber wären die Kunststoffstreifen weich und flexibel gewesen, damit sich das Tier darin nicht verletzt. Dieses Konstrukt wäre zweifelsohne professioneller gewesen als die metallene Barge, die zur Falle wurde. Aber: Till Backhaus lehnte dieses Modell umstandslos ab.
Ein 22-Jähriger hatte nun dieses metallene Ungetüm, die Barge, vorgeschlagen und sich als Held damit feiern lassen. Der Wal aber war nicht dumm und versuchte noch auf dem Weg in die Barge, an ihr vorbeizukommen. Umsonst. „Seine“ Menschen bildeten eine Gasse, und er hätte einige von ihnen verletzen müssen, um der Barge zu entkommen. Treudoof schwamm das freundliche Tier in sein Unglück, in die Barge. Das Gejohle und der Applaus, als er in der Barge ankam, waren rückblickend der pure Hohn. Wie voreilig Menschen doch sind, wenn es darum geht, sich als Helden aufzuspielen.
Was ist daraus zu lernen? Nachzudenken und dann richtig zu handeln, ist derzeit wohl keine deutsche Tugend. Verantwortung zu übernehmen, schon gar nicht.
Backhaus behauptet, jetzt einen Plan zu haben, falls der nächste Wal kommt. Man ahnt nichts Gutes.
Vor allem aber müsste die Wirtschaft aus dem Wal-Desaster lernen. Und Regierungen müssten zu Verboten und Regulierungen bereit sein, damit die Meere nicht weiter so stark ausgebeutet und die Natur so sehr gefährdet wird.
Müssen Kreuzfahrten denn sein? Wieso gibt es keine Überwachung, damit Schiffsmüll nicht mehr im Meer landet? Und was ist mit der Fischerei? Timmy hatte zunächst Reste eines unverrottbaren Netzes in den Barten im Maul. Wieso ist so ein Zeug überhaupt zulässig? Netze haben aus zeitlich begrenzt haltbarem Material zu sein, damit sie sich, ohne Schadstoffe zu hinterlassen, auflösen, wenn sie längere Zeit im Meer verblieben sind. Es gibt solche Materialien. Sie sind nur teurer als jenes Plastik, das Hunderte von Jahren Tiere umbringt.

Der Ausbau von Windkraft schädigt auch offshore die Natur. Hier steht die erste Turbine des Windparks „He dreiht“ von EnBW nahe Borkum in der Nordsee. Foto: EnBW / Weltenangler
Die Massenfischerei und der Ausbau von Windparks wie „He dreiht“ weist indes auch auf die Überpopulation des Menschen hin. Indirekt ist Timmy auch dem Übermaß an verfressener, energiegeiler Menschheit zum Opfer gefallen. Diese Menschheit muss endlich kapieren, dass sie ihren Bestand von über 8 Milliarden Menschen weltweit auf ein Drittel reduzieren muss. Nur dann hat sie selbst zusammen mit der Natur eine gute Prognose.
Doch der Respekt vor den Mitgeschöpfen lässt auf sich warten. Und:
Es fällt vielen Menschen noch immer schwer, einzugestehen, dass auch Tiere Individuen sind und individuell sehr verschieden sein können. Vielleicht ist hier von Timmy wirklich viel zu lernen. Sie schenkte uns so viel Gefühl, wie sie selbst auch erhielt. So etwas nennt man Liebe. Mach’s gut, du tolles Mädchen!
Gisela Sonnenburg