Erhabenheit trifft Extravaganz Mit „Fearful Symmetries“ punktet das Staatsballett Berlin beim Publikum für Neoklassik: mit Werken von George Balanchine und Christian Spuck

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

„Ballet is woman“, befand Mister B. alias George Balanchine. Hier tanzt das Staatsballett Berlin in „Symphony in C“ von Balanchine in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Carlos Quezada

Es ist bekannt, dass George Balanchine, der 1904 geborene Großmeister der erhabenen Neoklassik im Ballett, nicht besonders gut über seine Stücke sprechen konnte. Nichtsdestotrotz sind sie genial. Im Programmheft zu „Fearful Symmetries“, dem neuen Abend beim Staatsballett Berlin (SBB), kommt Balanchine in einem Interview zu Wort – und erklärt ein ums andere Mal, dass es ihm eigentlich nur um die Umsetzung der Musik geht. „See the music and hear the dance!“ (“Seht die Musik und hört den Tanz!”), lautet eines seiner berühmten Statements. Doch wenn man dann in der Staatsoper Unter den Linden die „Symphony in C“ zu einer früh komponierten, aber erst posthum veröffentlichten Partitur von Georges Bizet hört und sieht, stellt sich einem schnell die Frage, ob die Damen in glitzerndem Weiß und die Herren in funkelndem Schwarz auf der Bühne nun von dieser Welt sind oder nicht.

Wer der Transzendenz in den Balanchine-Stücken nachspürt, weiß: Seine Kunstfiguren tanzen Grüße wie von einem anderen Planeten, sie beleben die Bühne wie aus einer anderen Sphäre heraus, aus einem Paradies, das keinen Namen hat. Tanz als Utopie. Als höchster Lebenssinn gar, dem alles andere untergeordnet wird. Darunter macht es ein George Balanchine (bürgerlich: Balantschiwadse) nicht.

Als der gebürtige Russe 1983 in New York City starb, hatte er über 460 Ballette kreiert. Die meisten davon sind zwar nicht abendfüllend, aber so mitreißend und faszinierend, dass sie alle so wertvoll erscheinen wie der Titel eines beliebten Dreiteilers von Balanchine: „Jewels“ („Juwelen“). Das Staatsballett Berlin hatte diesen jahrelang auf den Spielplänen und begeisterte in verschiedensten Besetzungen.

Jetzt erweiterte Ballettintendant Christian Spuck das Balanchine-Repertoire seiner Truppe um die oben genannte „Symphony in C“, und auch hier wird es sich lohnen, sich verschiedene Besetzungen anzuschauen. Bei der gestrigen Premiere tanzten Iana Salenko und David Motta Soares, Polina Semionova und Martin ten Kortenaar, Marina Duarte und Jack Easton sowie – sehr elegant – Haruka Sassa und Kalle Wigle die großen Paarpartien. Die Einstudierung oblag Sandra Jennings aus New York.

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

Paare und jede Menge Extra-Damen: George Balanchine zauberte Träume auf die Bühne, wie hier in „Symphony in C“. Foto vom Staatsballett Berlin: Carlos Quezada

Mit dem ersten Ton beginnen zwei fünfköpfige Mädchengruppen den Tanz. Organisch erscheint das und doch dynamisch. Dieser erste Satz ist ein Allegro vivo. Das Orchester wiederholt sein Thema – und die beiden Gruppen scheinen dazu gegeneinander zu tanzen. Schön und schnittig ist das Credo hier.

Auch das Paar Salenko – Motta Soares brilliert mit eben dieser Schnittigkeit, mit einer Präzision bis in die letzten Details. Iana Salenko flicht dabei Anklänge an die jazzig-heißen Rubine, ihre Hauptpartie in „Jewels“ ein. Sie gönnt sich und der Welt damit ein wenig augenzwinkernden Humor. Ihr Partner David Motta Soares bleibt dabei ruhig und im Takt, hält und lenkt sie sicher und führt sie zu wunderschönen Posen, etwa in Arabesken. Welch eine Augenweide!

Gemäßigt im Tempo dann das Adagio. Polina Semionova ist jetzt die Primaballerina, die viel mit ihren Pirouetten zu tun hat. Dass die weltberühmte Startänzerin auch mal wackelt und droht, hinzusegeln, mag dem Lampenfieber der Premiere geschuldet sein. Auch Stars sind Menschen. Polinas Partner Martin ten Kortenaar scheint umso ruhiger und gefestigter.

Mit dem Quartett Vera Segova, Rafaelle Queiroz, Giovianni Princic und Grégoire Duchevet kommt eine weitere Belebung in die Szene. Auch hier glitzern und funkeln die Kostüme von Elsie Lindström, die denen von Balanchines Lieblingsdesignerin Barbara Karinska durchaus ähneln.

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

Iana Salenko und David Motta Soares in „Symphony in C“ von Balanchine beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

„Der Kristallpalast“ hieß das Werk 1947 bei seiner Uraufführung in Paris. Die weiße Übermacht der Damenkostüme machte auch diesen Titel plausibel. Bei der Neueinstudierung in New York benannte Balanchine sein Frühwerk dann um: Es ging ihm mehr um die Musik als um eine märchenhaft anmutende Illusion.

Mit dem Dirigenten Paul Connelly erlebte das Premierenpublikum derweil sowieso einen der weltweit besten Tanzdirigenten. Ziemlich zügig heizte er der bestens aufgelegten Staatskapelle Berlin und natürlich auch den zahlreichen in diesem Stück Tanzenden – insgesamt sind es 48 – ein. Connellys Bizet hat zwar keine Zeit für Lamento oder Melancholie, aber die Feinheiten im festlichen Auftritt werden dennoch vorzüglich ausformuliert. Das macht munter – und schärft zugleich die Sinne.

Mit Marina Duarte und Jack Easton sprengt dann die gute Laune eines imaginären Elysiums jedwedes Format. Das Paar ist in seiner hohen Qualität und seiner Stimmigkeit eine Überraschung: Achtung, hier kommt der Nachwuchs mit Starpotenzial!

Die Paare Clotilde Tran, Emma Antrobus, Shuailun Wu und Murilo de Oliveira ergänzen das mit Grazie und Souveränität.

Und auch das Corps de ballet ist in diesem Balanchine-Klassiker – eigentlich einem Neoklassiker – unvergesslich gut, weil harmonisch, synchron, konzise und voll der spritzigen Tanzfreude.

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Wenn die Solistenherren gemeinsam hohe Sprünge praktizieren, wähnt man sie gar als Überbringer einer kraftvollen Botschaft, die nur einen Namen haben kann: Zuversicht.

Dann springen auch die Corps-Herren mit, und die Bühne verwandelt sich, vor allem im vierten Satz, der wie der dritte ein Allegro vivace ist, in ein Meer aus anmutig-lebendigen Ornamenten.

Mit Haruka Sassa und Kalle Wigle hat der finale Satz seine Highlight-Stars, die jedes Publikum in höchstes Entzücken verfallen lassen. Brillanz und Leichtigkeit sind hier vereint, und die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, wenn dieses Paar die geometrisch-strengen, dennoch verspielt aufeinander abgestimmten Einzelelemente des neoklassischen Tanzes zelebrieren.

Ist so ein Ballerinenbein nicht eine Art Himmelsleiter?

Und ist ein Ballerinoarm nicht eine Achterbahn in ungeahnte Gefilde?

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

Haruka Sassa und Kalle Wigle in „Symphony in C“ von George Balanchine beim Staatsballett Berlin. Hoch elegant und doch so lebendig! Foto: Carlos Quezada

Unterstützt von sechs jungen Damen von der Staatlichen Ballettschule Berlin, finden sich Solisten und Corps de ballet alsbald zum mächtigen Finale  zusammen, nachdem zuvor die vier First Class Ballerinen synchron ihre exzellente Körperbeherrschung in schnellen Steps gefeiert haben.

„Ballet is woman“ – Ballett ist eine Frau, das war die tiefste innere Überzeugung von George Balanchine. Und auch, wenn er den Herren feine Gelegenheiten verpasste, nicht nur den Sternenkranz aus Frauen zu ergänzen, sondern sehr wohl auch selbst zu brillieren – die große Liebe und Hingabe von „Mister B.“ gehörte ganz der Damenwelt.

Von seiner späteren unerfüllten Liebe zu seiner Jungballerina Suzanne Farrell war der Meister noch weit entfernt, als er die „Symphony in C“ schuf. Aber sein Werk wie sein Leben lehren uns, dass wir niemals aufgeben sollten, solange uns der Glaube an Schönheit und Wahrhaftigkeit bleibt.

Um diesen Glauben geht es indirekt auch in der atemberaubend eindringlichen Musik namens „Fearful Symmetries“ („Furchterregende Symmetrien“) von John Adams. 1988 fertig gestellt und uraufgeführt, läuft das extravagante Stück nicht zum ersten Mal bei einer Ballettpremiere in Berlin.

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

Weronika Frodyma als machtbesessene „Queen“ mit Goldkugel in „Fearful Symmetries“ von Christian Spuck beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

Zunächst sollte man jedoch die Frage klären, woher der nicht ganz eingängige Titel rührt. Er entstammt einer Zeile des Gedichts „The Tyger“ („Der Tiger“) von William Blake von 1794 (Erstveröffentlichung). In der letzten Strophe des Poems heißt es:

Tyger Tyger, burning bright,

In the forests of the night:

What immortal hand or eye,

Dare frame thy fearful symmetry?

Es wird nach dem ewigen Schrecken gefragt, den der Tiger sowohl verbreitet als auch selbst erlebt. Die furchterregende Symmetrie findet sich in den beiden unbarmherzigen Augen des Tieres als auch in der grausamen Umwelt dieses Tieres in freier Wildbahn. Fangzähne, Vorderpfoten, hypnotische Augen – all dies tritt in Symmetrien auf. Und nachts kann der Tiger sowohl Jäger als auch Opfer sein.

Nun war Blake kein Shakespeare, aber die animalische Ausstrahlung, in ihrer Dopplung auch nach innen gerichtet, die eine ungezähmte Kreatur haben kann, ist natürlich ein Gedicht und selbstverständlich auch ein Orchesterwerk und ein Ballett wert. Oder auch zwei.

Peter Martins (der nach der vielfachen Bezichtigungen sexueller Übergriffe 2018 seinen Posten als Chef vom New York City Ballet räumen musste) hat bereits 1998 in Berlin ein Tanzstück zu Adams‘ „Fearful Symmetries“ zur Uraufführung gebracht. Jetzt erneuerte Christian Spuck diese Beziehung Berlins zu der aufregenden Partitur, ebenfalls in der Staatsoper Unter den Linden.

Als zweiter Teil des die Symmetrie des Schreckens in den Plural setzenden Abends war also die Uraufführung von Spucks jüngstem Werk zu erleben. Vielversprechend und märchenhaft dessen Beginn: Vier mehr oder weniger dunkel gekleidete Gestalten, darunter Spucks Muse Weronika Frodyma als „Queen“ und Jan Casier als ihr „Lover“, stehen mit dem Rücken zum Publikum. Sie drehen sich um, und ihr Interesse gilt einer goldenen Kugel, die vor ihren Füßen liegt.

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

Die Königin und ihr Gefolge, verkantet und verschroben, in „Fearful Symmetries“ von Christian Spuck beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

Jede und jeder, die oder der mit den Grimmschen Hausmärchen aufgewachsen ist, muss bei so einer handfüllenden Goldkugel an den „Froschkönig“ denken. Aber hier kommt kein Frosch und auch kein in einer anderen Gestalt wandelnder Prinz einher. Die Kugel bleibt die Kugel – scheinbar wertvoll und machtverheißend.

Wenn sie später vervielfacht von hinten nach vorn auf die leere Bühne rollt, ist sie sogar mehr als nur ein Symbol: Sie beherrscht dann als allgegenwärtiges, eben nicht rein dekoratives Element den Bühnenraum, der die Welt bezeichnet.

Geld, Macht, Gier. Nur kann man Gold auch in Kugelform nicht essen.

Die Kostüme von Emma Ryott becircen aber mal wieder den Blick. Die Königin trägt Silberglitzer, eingewebt in Dunkles und mit barock ausgestellten Seitenteilen. Passend prangen weitere furchterregende Symmetrien auf ihrem Kopf: mit zwei gekringelten Lockentürmen.

Pluderhosen unterm Barockjackett, viel Perückenfrisur zum Vollbart, majestätischer Stehkragen, spitzer Zaubererhut (im Kurzformat), Goldauflage an den Schläfen: Wie aus einem Hofstaat der finsteren Mächte muten die vier Hauptfiguren an.

Mit einem überdimensionierten Spazierstock, der auch als Zauberstab, Zepter oder Gewehrersatz fungiert, behauptet die Königin ihre Macht. Und niemand macht sie ihr streitig – denn die Opposition hat diese Queen sicher längst im Kerker entsorgt.

Die Musik des 1947 geborenen US-Amerikaners John Adams allerdings bedeutet eine groß angelegte musikalische Reise. Schnelle, pochende, auch harte Rhythmen bestimmen das Tempo, und Strukturen aus der Minimal Music, aus dem Jazz, aus der Klassik, aus der Keyboard-Klangwelt, auch aus dem Rock bilden ein Konglomerat aus mal hell-fröhlichen, dann wieder düster-beharrlichen Themen.

Paul Connelly erweist sich als absoluter Meister am Taktstock und zwingt nachgerade in die Faszination. Soghaft steigert sich der ruckelnde, zuckelnde,  Musik gewordene Gedankenstrom dieses Werks. Das Blech der Staatskapelle spielt dabei sowas von auf Weltniveau, dass man jeden kurzen oder längeren Einzelklang auskostet, als wäre es das Letzte, was man hört.

Melodiefetzen wie von Mahler oder Messiaen mischen sich unter die immerwährend plätschernden Rhythmen; Paukenschläge durchtrennen die Felder der scheinbaren Gleichklänge aus Wiederholungen. Und weiter geht es, hottehüh, querfeldein! Hier ist wirklich was los.

Dieser Buntheit in der Musik setzt Christian Spuck das satte Schwarz mit kontrastierenden Details entgegen.

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

Moderne Neoklassik mit fliegenden Pas-de-deux-Posen gibt es in „Fearful Symmetries“ von Christian Spuck. Foto vom Staatsballett Berlin: Carlos Quezada

Choreografisch bestechen zunächst Pas-de-deux-Muster, die von William Forsythe stammen könnten. Vor allem der berühmte Pas de deux „In the Middle, somewhat elevated“ fällt einem unweigerlich ein. Dann aber findet sich das Quartett der Hauptpersonen zu einem Cluster zusammen, der an „The Moor’s Pavane“ von Anthony Tudo erinnert. Tudor fasste das Shakespeare-Drama „Othello“ zu einem Vier-Personen-Tanzstück zusammen, wobei die vier Tanzenden oft wie aneinander geschmiedet wirken.

Im Hintergrund bildet das Bühnenbild von Rufus Difwiszus mit drei Prospekten (seitlich und hinten) eine verschwommen gemalte Landschaft, deren Bäume fast auch Schornsteine sein könnten. Spiegelnd ist allein das abgebildete Wasser darauf klar kenntlich.

Zusätzlich zu den vier höfischen Wesen – unter denen sich mit „Jester“ (Ross Martinson) ein Clown (Narr) und mit dem „Alchemisten“ oder Forscher (Dominik White Slavkovsky) zwei Archetypen der frühen Theaterwelten finden – gibt es ein paarweise auftanzendes Corps de ballet.

Der Kleidung nach stammen diese Paare, angeführt von Polina Semionova und Martin ten Kortenaar, nicht aus der märchenhaften höfischen Welt, sondern eher aus unserer Gegenwart.

Ein Märchenfrosch oder Prinz oder sonst eine heldische Figur lässt sich derweil mitnichten blicken. Ist also alles, was hier glitzert, nur ein Traum?

Wenn gen Ende ein Scheinwerfer auf eine halbe Höhe herabgesenkt wird und dann ein gelbgoldenes Licht absondert (das Lichtdesign von Irene Selka schafft es, auch Dunkelheit spannend zu gestalten), ahnt man: Das hier soll eigentlich gar kein Ende haben.

"Fearful Symmetries" beim Staatsballett Berlin

Polina Semionova und Martin ten Kortenaar in „Fearful Symmetries“ von Christian Spuck beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

Und so endet zwar die Musik auf vom Komponisten Adams ziemlich raffiniert eingefädelte Weise. Aber der Tanz endet eben nicht. Es wird im neoklassischen Pas-de-deux-Muster von dem heutig gekleideten Paar weitergetanzt, als habe es nie Musik gegeben und als gebe es jetzt auch keine Stille. So geht das, bis sich der Vorhang langsam senkt.

Erneut stellt sich die Frage, die schon Heinrich von Kleist bewegte: Alles nur ein Traum?! Jede und jeder finde die eigene Antwort.
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

 

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