
Arm, aber verliebt: Lea Grundig und Hans Grundig an ihrem Hochzeitstag am 2. April 1928. Für die beiden selbstverständlich: in der Natur einen Spaziergang zu machen. Foto: Privatarchiv Maria Heiner
So ein Liebespaar ist selten. Gegen viele Widerstände bewährte sich die Liebe und Freundschaft zwischen diesen zwei Menschen, lebenslang. Sie hielten fest zusammen, seit sie sich kannten: Die jüdische Künstlerin Lea Grundig und der wegen ihr zum Judentum übergetretene Künstler Hans Grundig, beide in Dresden angesiedelt und beide leidenschaftliche Mitglieder der KPD. 1928 heirateten sie, gegen den Willen von Leas Vater, einem konservativ ausgerichteten Kaufmann. Die Nazis verfolgten das Künstlerpaar. Erstmals verhaftet wurde Lea Grundig 1936. Doch ihre zweite Verhaftung, zwei Jahre später, war gravierender: Im Mai 1938 – offiziell und laut Akten erst am 1. Juni – wurde sie wegen tätiger Hilfe für ihren Cousin, der als Widerstandskämpfer zwischen Tschechien und Deutschland pendelte, inhaftiert. Bis Dezember 1939 saß Lea ein: eineinhalb Jahre lang.

Innig und herzzerreißend: „Abschied“, gemalt 1939 von Hans Grundig, als Lea Grundig schon ein Jahr von den Nazis inhaftiert war. Heute gehört es zur Gemäldegalerie Neue Meister (Albertinum) in Dresden. Foto: Privatarchiv Maria Heiner
Auch Hans Grundig wurde von den Nazis verhaftet, dieses Mal aber nach wenigen Wochen freigelassen. Ab dann schrieb er Briefe in den Knast an seine geliebte Lea, und manchmal konnte sie ihm antworten. Aus dieser Korrespondenz lesen am morgigen Donnerstag unter dem Zitatmotto „Liebste, sei nicht traurig auf unserer Höllenwanderung“ in der Gedenkstätte in der Bautzner Straße in Dresden ab 18 Uhr die Berliner Schauspielerin Esther Zimmering und die Dresdnerin Maria Heiner, die als Kunstsammlerin, Mäzenin und Ärztin mit Lea Grundig in Freundschaft verbunden war.
Um die dramatischen Lebensverläufe der Grundigs zu vergegenwärtigen, lesen und erläutern die beiden Frauen nicht nur die Briefe, von Gitarrenmusik von Dorotea Dolenec flankiert, sondern sie zeigen auch entsprechende, in der Zeitspanne, in der die Briefe geschrieben wurden, entstandene Kunstwerke von Hans Grundig als Projektionen.

„Bildnis meiner Frau“ – so nannte Hans Grundig das Gemälde, das Lea mit ihrem Granatschmuck zeigt. Hans fertigte das Bild 1939 für sich an, als Lea inhaftiert war. Das Bild ist heute verschollen, nur das Foto existiert noch. Foto: Privatarchiv Maria Heiner
So malte Hans, während Lea in Haft war, ein Bildnis seiner Frau, auf dem sie ihr Granatcollier trägt. Besonders elegant und schön malte er sie sich in ihrer Abwesenheit, mit aufmerksamem, tiefem Blick und dem Anflug eines Lächelns. Ein überwiegend ernster Ausdruck erschien ihm angemessen, in einer Situation, in der er nicht wusste, ob und wann er sie wiedersehen würde. Lea hat den linken Arm vor den Körper geschoben auf dem Gemälde, als sei sie im Gehen. Hinter ihr sind Büsche und Wolken zu sehen, der Untergrund ist strudeliger Sand. Ein Ausflug in die Natur, vielleicht an einem Sonntag, mag der Anlass für die Szenerie gewesen sein. Das Bild selbst ist verschollen; es existiert nur noch eine Schwarzweiß-Fotografie dessen. Gut erkennbar ist darauf, dass Hans zum Zeitpunkt des Malens keine glatte Leinwand, sondern nur eine gerasterte Unterlage zur Verfügung hatte.

Der erst zum Judentum konvertierte, dann aus der jüdischen Gemeinde ausgetretene Hans Grundig malte 1938 den gekreuzigten Jesus. Foto: Privatarchiv Maria Heiner
Auch den gekreuzigten Christus malte Hans – der gemeinsam mit Lea schon 1931 aus der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden, also aus der jüdischen Gemeinde, ausgetreten war – in den Jahren, in denen Lea inhaftiert war. Dessen Beine könnten die von Lea sein, auch der Oberkörper trägt weibliche Züge. Im Kontext war Lea eine Märtyrerin, denn sie wurde nicht nur wegen ihrer Herkunft, sondern auch wegen ihrer Haltung und Humanität verfolgt.
Aufopferung war auch in Hans ein Motiv. Er suchte mit der Bereitschaft auf Verzicht für sich selbst nach Möglichkeiten, Lea vor dem KZ zu bewahren. Deshalb reichte er sogar die Scheidung ein, denn nur als Ledige hätte Lea nach England einwandern können. Unter der Nummer 16364 wurde ein Einreiseantrag, den Hans für Lea gestellt hatte, in London bearbeitet. Lea hätte sich als Dienstmädchen verdingen müssen und sollte bei Verwandten wohnen. Der Kriegsausbruch im September 1939 machte diese Pläne zunichte.

Die Schauspielerin Esther Zimmering und die Grundig-Expertin und Kunstsammlerin Maria Heiner lesen aus den Briefen, die Hans Grundig seiner Lea in den Naziknast schrieb. Foto: privat
Vom 6. Juli 1939 ist der letzte an diesem Abend zu lesende Brief von Hans. Darin ist von der Scheidung – die später für ungültig erklärt wurde – und von den Haftkosten, die Lea selbst tragen musste, die Rede. Da hatte Hans seine Geliebte schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Im August 1938 konnte er ihr noch schreiben:
„Nun habe ich Dich wieder gesehen und war so froh. Wie im Traum bin ich nachhause gegangen und alles erschien mir so unwirklich, aber dass ich Dich im Arm gehalten habe und Dein liebes, süßes Leben spürte, das war wahr.“
Später geht es Hans auch darum, Lea fast tagebuchartig von seinem Alltag, seiner Arbeit, seinem Auskommen in jener Zeit zu berichten. Die bildende Kunst, so schreibt er zum Beispiel, kam ihm wie ein Aschenbrödel vor, weil sie allgemein und im Vergleich zu anderen schönen Künsten vernachlässigt werde. Die heutige Entwicklung, dass Gemälde und andere Werke der bildenden Kunst wie Spekulationsobjekte gehandelt und zu Hypes gemacht werden, konnte man im Dritten Reich nicht absehen. Da war Hans Grundig nicht der Einzige, der das kaum hätte glauben können, hätte man es ihm gesagt.

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Von einsamen Grog-Abenden schreibt Hans – und auch von seiner zuerst verdorrten, dann wiederkehrenden Lust zu malen. Ein gemeinsamer Freund kommt zum Kaffee und spielt Klavier, besser als Hans selbst. Doch dann sind die Tage wieder lang und einsam.
Die Existenzangst kriecht immer wieder zwischen den Zeilen empor. Mitunter muss Hans Leas Vater, der ihn nie angemessen akzeptierte, um finanzielle Zuwendung im Namen Leas bitten. Auch eine Tante Clara hilft und erhält dafür ein original für sie gemaltes Bild. Irgendwie wurschtelt sich der Künstler und Strohwitwer durch, die Hoffnung stets vor Augen. Die Authentizität der Briefe und des darin geäußerten Lebensgefühls sind extrem berührend.
Über Politik gibt es darin jedoch kein Wort, denn man musste mit Gefängniszensur und Mitteilungen über die Briefinhalte an die Gestapo rechnen. Die Worte der Liebe, die Hans in den Knast schickte, überflügeln von daher alles andere.

Die Ärztin und Sammlerin Maria Heiner (links) und Lea Grundig (rechts) 1975 auf einer Parkbank. Sie waren eng befreundet, und Heiner half Grundig, deren Ehemann 1958 an den Folgen der KZ-Haft verstorben war. Foto: Privatarchiv Maria Heiner
Leas Antworten sind indes besonders erschütternd. Zwei kurze Briefe von ihr zählen zu dem Konvolut aus Yad Vashem, das Maria Heiner auftrieb und transkribierte, um es der Lesung zu Grunde zu legen.
So teilte Lea im November 1938 ihrem Hans über sich mit:
„Jeder neue Morgen ist ein Schrecken und eine Last für mich. Ich bin völlig verzweifelt am Leben. Wünsche mir innigst, dass ich nicht mehr erwache. Das Tütenkleben ist beendigt, habe nichts zu tun und der Tag in der Zelle hat 12 Stunden. Ich turne auch nicht mehr, wozu? Sitze nur da, still, aber im Kopfe hören die Gedanken nicht auf zu rasen wie ein Laufrad, immer im Kreise. Ich lese Deine Briefe, denke immer, immer an Dich und weine viel.“
Nur einen Tag vor der von den Nazischergen schon organisierten Deportation ins KZ Ravensbrück wurde Lea zum Jahresende 1939 endlich vom Palästinaamt, einer Abteilung der Jewish Agency for Palestine, freigekauft.
Dafür wurde Hans 1940 im KZ Sachsenhausen interniert. Später konnte er zur Roten Armee überlaufen. Lea hingegen rettete sich über dramatische Umwege nach Palästina. Beide kehrten nach dem Krieg nach Dresden zurück und wurden in der DDR hoch geehrt.

Teil des Triptychons, das Hans Grundig 1938 malte, war der Flügel mit den im Freien Schlafenden, die die biblische Maria mit dem kindlichen Jesus sein könnten. Außer der Frau – die Lea gleicht – und dem Kind, die hier unter freiem Himmel übernachten, sieht man im Bild vier Tauben, die ihren Schlaf bewachen. Foto: Privatarchiv Maria Heiner
Der Titel der Lesung „Liebste, sei nicht traurig auf unserer Höllenwanderung“ ist ein Zitat von Hans, der seine Liebste in der Inhaftierung trösten wollte. Dass er ihr gemeinsames Leid als Wanderung durch die Hölle bezeichnet, hat einen persönlichen Hintergrund: Hans und Lea liebten die Natur und unternahmen bei jeder Gelegenheit Spaziergänge und Wanderungen.
Gisela Sonnenburg
„Liebste, sei nicht traurig auf unserer Höllenwanderung“: morgen, am Donnerstag, 11. Juni 2026, um 18 Uhr, in der Gedenkstätte, Bautzner Str. 112a in 01099 Dresden. Der Eintritt ist frei!
