
Klassik im groß angelegten Gala-Format: Der „Grand pas Classique“ aus „Paquita“ von Marius Petipa bildet den Auftakt der „Konstellationen“ beim Bayerischen Staatsballett. Hier wird das Ensemble ins Hochzeitsfest einbezogen. Foto: Nicholas MacKay
„Konstellationen“: Der Titel des neuen Ballettabends beim Bayerischen Staatsballett ist leicht verwirrend. Denn einerseits sind es vor allem lauter Liebesgeschichten, die hier gefeiert und vorgestellt werden. Und andererseits handelt es sich um eine Art Gala-Format, das zwar nicht ganz neu ist, aber in dieser Art zumindest in München noch nie zu sehen war. Was ein Grund mehr ist, neugierig zu sein und hinzugehen! Mit einer Konstellation allerdings, gar einer solchen aus der Sternenkunde (Astronomie), auf die sich die Dramaturgie vom BS bezieht, hat das sechsteilige Potpourri, das mit viel Verve serviert wird, eher nichts zu tun. Im Gegenteil: Es gibt kaum Gemeinsamkeiten der Stücke, außer dass man möglichst viel Buntes aus möglichst verschiedenen Richtungen zum Thema „Liebe“ zusammenbringen wollte. Das Verhalten der einzelnen Stücke zueinander, so, wie Planeten sich zueinander verhalten, müssen sich die Zuschauenden selbst ausmalen. Vielleicht liegt ja gerade darin der besondere Reiz. Aber letztlich hätte ein Titel wie „Love and Stories“ wohl besser gepasst. Nun denn. Sechs Stücke – bzw. Auszüge aus ihnen – sorgen für einen kleinen Abriss der Ballettgeschichte: Von Marius Petipas berühmtem Glanz- und Bravourstück, dem „Grand Pas Classique“ aus „Paquita“ (dem Hochzeitstanz eines Offiziers mit einer Gitane, also Zigeunerin, nebst festlichem Ensembletanz), bis zur Uraufführung eines noch unbekannten, blutjungen Nachwuchstalents, das bisher nur eine einzige Choreografie veröffentlicht hat. Eine gewagte Mischung! Aber: Der als drittes Stück gegebene ganz bezaubernde, dabei moderne Pas de deux aus „Radio & Juliet“ von Edward Clug wird alles rausreißen, zumal er bei der Premiere von Jakob Feyferlik mit Violetta Keller und in der Alternativbesetzung von Julian MacKay mit Ksenia Shevtsova getanzt wird. Da schimmern viel Seele, Schalk und Originalität durchs akrobatische Gebälk.

„Radio and Juliet“ von Edward Clug transportiert die bekannte tragische Liebesgeschichte in eine zeitlose Gegenwart. Auf dem Foto tanzen Liberty Fergus und Kaining Dong vom NRW-Juniorballett aus Dortmund das Stück. Foto: Leszek Januszewski
Clugs Neufassung des guten alten Shakespeare-Schmachtschinkens basiert nämlich auf der Rückschau Julias, die den toten Romeo erblickt und sich erinnert. Musikalisch gibt es, statt der hervorragenden Klänge von Sergej Prokofjew, die man vielleicht ein wenig vermisst, zeitlos-schwebende Synthi-Klänge der Band Radiohead zu hören. Daher auch das „Radio“ im Titel. Und aus dem in sich zerstrittenen Verona der Renaissance ist eine zeitlose Gegenwart geworden, mit all ihren aktuellen menschlichen Problemen, wie der Vereinsamung und der anschwellenden Aggression. Das NRW-Juniorballett vom Ballett Dortmund hat kürzlich die Vollversion von Clugs „Radio“-Werk gezeigt, welches ursprünglich 2005 für die Slowenische Ballettcompany in Maribor kreiert wurde. Ein Meisterstück!
Nach diesem herzzerreißenden dritten Teilstück mit einem Hauch Avantgarde lanciert sich das Programm auf eher smarte zeitgenössische Klassiker. Zwei von ihnen stammen vom in München schon gut bekannten choreografischen Pärchen Sol León und Paul Lightfoot.

Skurril auch noch nach vielen Jahrzehnten: „Shutters Shut“ von Sol Léon und Paul Lightfoot, hier getanzt von Carollina Bastos und Ariel Merkuri. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Katja Lotter
Ihr Stück „Shutters Shut“ ist ein knapp fünfminütiger Pas de deux zu einem Gedicht von Gertrude Stein, die es hier in einer Tonaufzeichnung selbst liest, und die darin Picasso ihre platonische Liebe erklärt (bei der Premiere von der auf ihre Art virtuosen Carollina Bastos mit Ariel Merkuri getanzt), indem sie versucht, die geometrische Phase von Picasso in Sprache umzusetzen. Jede Silbe wird hier zu einer eckigen Bewegung. Ganz ohne Musik, nur mit dem Sprachrhythmus von Stein, wirkt die Mechanik des Tanzes umso stärker.
Anders „Subject to Change“ von 2003, das Themen wie Liebe, Leben und Tod zur schwermütigen Musik von Franz Schubert behandelt. Jakob Feyferlik wird hierin erneut brillieren, mit Laurretta Summerscales an seiner Seite sowie mit vier weiteren männlichen Tänzern als Entourage.

„Subject to Change“ mit Jakob Feyferlik und Laurretta Summerscales beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Katja Lotter
Vor diesen beiden Stücken aber schimmert mit „Un trait d’union“ von Angelin Preljocaj von 1989 ein schwuler Pas de deux auf, der aus jener Zeit an der Pariser Opéra stammt, als der jetzige Münchner Ballettdirektor Laurent Hilaire dort eng mit Preljocaj gearbeitet hat.
Es ist also auch ein persönlicher Abend, den Hilaire hier im neuartigen Gala-Format mit auch längeren Stücken wie dem „Grand Pas Classique“ (statt nur mit kurzen Nummern) vorstellt. Wobei das rund sechsminütige Stück von Preljocaj als Vorläufer vom weltbekannten Gala-Knüller „The Sofa“ von Itzik Galili gelten muss.
Bei der Premiere im Prinzregententheater tanzen Severin Brunhuber und Konstantin Ivkin das tatkräftige Pärchen, das viele Facetten einer möglichen Beziehung aufblitzen lässt. Als Musik wird Glenn Gould, der Bach interpretiert wie kein zweiter, eingespielt.

Männerliebe mit Sessel: „Un trait d’union“ von Angelin Preljocaj mit Severin Brunhuber und Konstantin Ivkin beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Serghei Gherciu
Bleibt, noch einige Worte zur Uraufführung des Abends mitzuteilen.
Der junge Choreograf Simon Adamson-De Luca (Jahrgang 2005) wurde schon in Kanada als Ballettstudent mit zwei Preisen bedacht, allerdings nicht für Choreografie. Aber er hat durch die Teilnahme an einem Jugendkommitee einen „Weltballettschultag“ mit ausgerichtet, was allen Ernstes so in seiner Vita steht und offenbar belegen soll, dass er organisieren kann.
Als Stipendiat kam der sicher mit guter Protektion Gesegnete dann zu Ivan Liska und dessen Bayerischem Junior Ballett in München. Dort zeigte er auch sein bisher einziges Stück namens „Return to Innocence“ („Rückkehr zur Unschuld“). Sein in den „Konstellationen“ zu sehendes zweites Stück nennt er nun „Shipwreck“ („Schiffsbruch“), womit offenbar der Bankrott einer Paarbeziehung gemeint ist. Denn das Stück ist ein Pas de deux, und er wird bei der Uraufführung von Severin Brunhuber mit Ana Goncalves getanzt.

Ein Probenfoto mit Schwung: „Shipwreck“ nennt der junge Simon Adamson-De Luca seine zweite Kreation, die beim Bayerischen Staatsballett mit Ana Goncalves und Severin Brunhuber uraufgeführt wird. Foto: Miljana Bernal
Ob man einen so unerfahrenen jungen Mann in ein Programm einschleusen muss, das lauter Meisterwerke zeigt, ist eine Frage, die das Publikum bei jeder Vorstellung für sich beantworten wird. Guten Mutes darf man aber sein, zumal eigentlich für jeden Geschmack etwas dabei ist.
Gisela Sonnenburg
Premiere ist am Donnerstag, 18. Juni 2026, im Prinzregententheater (nicht im Nationaltheater)
www.bayerisches-staatsballett.de