Wenn Blumen Blumen schenken Glitzernder Klamauk mit kleinen Schönheitsfehlern: „Wunderland“ von Alexei Ratmansky mit der tollen Olivia Betterigde und dem hervorragend aufgestellten Hamburg Ballett

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Ein kleines Ballettwunder für sich: Olivia Betteridge als Alice in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky beim Hamburg Ballett. Foto: Holger Badekow

Am Anfang bezaubert die Poesie der Natur: Ein kleiner Grashügel mit Blumen prangt in der Bühnenmitte, darüber schweben Falter durch die dunkle Sphäre. Surrealität trifft auf die Liebe zum Natürlichen – ein schöner Einstieg ist das, den Starchoreograf Alexei Ratmansky, ehemals Künstlerischer Leiter vom Bolschoi-Theater in Moskau, sich hier für seine jüngste Kreation namens „Wunderland“ ausdachte. Erstmals hat er beim Hamburg Ballett ein Werk einstudiert, und es wurde gleich eine abendfüllende Uraufführung. Das seit 1865 beliebte Kinderbuch „Alice im Wunderland“, nebst Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“, bildet die literarische Grundlage der skurril-verrückten Szenen, die sich aus dem Anfangsbild vom kleinen grünen Hügel entwickeln. Apropos grüner Hügel: Einen musikalischen Verschnitt vom „Walkürenritt“ von Richard Wagner gibt es später auch noch. Zunächst aber entert das der kindlichen Unschuld verpflichtete Mädchen Alice – fabelhaft verkörpert von der Solistin Olivia Betteridge – mit einem sanften Purzelbaum die Bühne. Alices Schwester, die ruhig auf dem Hügel sitzt und liest, reagiert gar nicht. Sie scheint ein Stein gewordenes Puppenzitat aus dem Ballett „Coppélia“ zu sein. Alice aber stört das nicht. In absichtlich unbeholfenen Schritten, gekürt von kleinen akrobatischen Stücken wie einer Brücke, stellt sie sich und ihre Neugierde, ihre Freude auf die noch unbekannte Welt vor.

Und prompt erscheint, als überraschendes Gegenüber und gleichsam als Ausgeburt der kindlichen Fantasie, ein „Weißes Kaninchen“ in Gestalt von Aleix Martínez. Unter hochgestellten Fellohren und flauschiger Maske zeigen sich die schnellen, superelegant und hoch präzise springenden Beine des Tänzers. Dazu hat er eine flinke, selbstbewusste, charmierende Gestik. Männliche Eitelkeit ist hier Trumpf! Rasch ist Alice von dem knuddeligen Typen verführt – und verschwindet mit ihm im Hasenbau, an der Rückseite vom Hügel.

 

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Parodierte neue Männlichkeit: Aleix Martínez als „Weißes Kaninchen“ in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky beim Hamburg Ballett. Foto: Holger Badekow

Zwar geht es in dieser Umsetzung von „Alice im Wunderland“ zu keiner kindlichen Selbstfindungsreise. Auch nicht zu einer des Erwachsenwerdens, wie die Story so oft interpretiert wird. Und auch die Liebe ist in Alexei Ratmanskys „Wunderland“ noch in die Kinderschuhe der Schwärmerei und auf deutliche Distanz verbannt.

Aber den Spaß, den Alice mit fremden, schrägen Wesen, die ihr begegnen,  erhoffen darf, den findet sie – und damit bleibt sie nicht allein.

Zu edelmütiger Musik von Bach geht es erstmal psychedelisch, dann auch mal  erhaben zu. Eine Gruppe Tänzer in Leotards, mit sauberen Arabesken wie von Uwe Scholz oder Glen Tetley erfunden, tanzt in diesem ersten abstrakten  Paralleluniversum, in dem Alice gelandet ist. Ein Himmel für alle Fälle ist das.

Dann ist aber schon Tag der geschlossenen Türen: Ein Tanz der Türen im Rondell führt dazu, dass eine kleine Tür in einer großen Tür zwar ein kitschiges Postkartenparadies beherbergt, eine andere aber mittels Projektion auf bedrohliche Übergröße anwächst. Damit Alice plötzlich so klein ist, wie sie sich heimlich fühlt. Clever gemacht. Leider wird die Psychologie so einer Szene weder ausgekostet noch ausgewalzt. Man sieht das Bild, erkennt etwas, möchte darüber nachdenken oder mehr davon sehen – und da ist es schon vorbei.

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Ida Praetorius als böse Herzkönigin: eine Witzfigur mit blutrünstigen Absichten… so zu sehen in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Und so geht es fort: Clownesk-absurde Szenen reihen sich ohne jede Verbindung aneinander, sodass man es mit einer kunterbunten Revue kindlicher Träume und Alpträume zu tun hat.

Allerlei fantastisches, für Tanz passend gemachtes Getier taucht auf: vom drachenartigen Einhorn in den Regenbogenfarben (mit Spitzenschuhen) über eine aufrecht laufende Winkerkrabbe mit gleich vier Winkerarmen (auch mit Spitzenschuhen) bishin zu einer weißen Taube, deren Rieseneier im Nest allerdings von einer Amsel stammen dürften, denn sie sind bläulich und gesprenkelt (Tauben haben weltweit immer nur einfarbig weiße Eier).

Die menschlichen Figuren reichen von dickleibigen Köchen über eine Herzogin und andere Adlige (Herrscher) sowie ihrem Hofstaat bis zu einen Hutmacher und drei Gärtnern.

Der größte Schönheitsfehler: Sie alle haben mit Alice zu tun und doch wieder  nicht. Beziehungen gibt es hier nicht, nur tänzerische Interaktionen, die stets wie Spiel anmuten. Die Gefühle bleiben aber an der Oberfläche. Nur eine Ausnahme gibt es:

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

In „Wunderland“ von Alexei Ratmansky zu sehen: Die Brüder T und T, die vielleicht für zwei Dörfer, vielleicht aber auch für zwei Staaten stehen. Frieden wäre natürlich die beste Option! Louis Musin und Francesco Cortese üben in ihren Rollen ganz prima dafür. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Die Figuren Tweedledum und Tweedledee – fantastisch in brillanten Technikvariationen: Louis Musin und Francesco Cortese (der leider im Sommer Hamburg Richtung Bordeaux verlassen wird) – verkörpern im zweiten Teil zwei Brüder, die im kämpferischen Zwist leben und damit Alice zum Weinen bringen. Krieg an der Ukrainefront, wir hören die Metapher von den Bruderstaaten. Oder ist hier doch nur dumpfer britischer Lokalpatriotismus von zwei Käffern, die mit T beginnen, gemeint?

Aber wenn die böse Herzkönigin mit ihrem Scharfrichter am gefesselten Herzbuben – der offenbar ein Verhältnis mit dem Herzkönig hat – eine Blutorgie veranstalten will, kommt Alice über kurzes Erschrockensein nicht hinaus. Obwohl der Henker sie kurz im Arm hat, dann aber ihren Hals für zu dünn befindet. Das Manquo bleibt: Alice durchlebt keine echte Entwicklung, sie steigert sich lediglich von einer einfachen Besucherin im Wunderland zu einer am Schluss gekrönten Besucherin, also zu einer Art V.I.P., in einem Land, das ihr wohl letztlich fremd bleiben soll.

Dafür wird es im Verlauf des Stücks immer bunter. Raubkatzen, eine Raupe, Plüsch-Flamingos, ein grauer Igel, mehrere Meerschweinchen, Vögel aller Art, eine Maus, noch eine Maus, ein Märzhase, eine Eidechse, ein Fisch, ein Frosch sowie etliche Hummer und eine „Falsche Schildkröte“ bebildern mit clownesk-klischierten Tänzen allein schon den ersten Teil.

Im zweiten kommen Tigerlilie und lebende Schachfiguren, eine Mücke, eine Bremse, eine Fliege, eine Rose, ein Veilchen, ein Gänseblümchen und weitere Blumen dazu. Schließlich sitzt die Heldin Alice im Kahn einer strickenden Ziege, die zuvor (bevor ihr Bräutigam sie sitzen ließ) von königlichem Blute und ganz menschlich schien. Sie ist aber auch als Ziege eine freundliche Person. Die lebendigen Blumen, vereint im Corps-de-ballet-Tanz, schenken Alice dazu andere Blumen, nämlich „normale“ Blumensträuße. Alles klar? Vielleicht hätte die verlassene Braut auch einen Strauß verdient?

Es ist also der reinste Zoo mit Gärtnerei und Klamauk hoch zehn oder auch ein chaotisch lebendig gewordenes Spielzeugregal. Der Clou ist zudem ein Roboterferkel, das zuerst wie ein Wickelkind verpackt ist, sich dann aber quäkend und ganz selbständig auf und davon macht.

Ein elegantes Ballett aus wandelnden femininen Pilzen zu wabernden Synthi-Klängen ist zudem auch nicht zu vergessen. Die Silhouetten dieser jungen Damen mit Taille, großem Hut und Hüftschwung bei bodenlangem Rock erinnern an die Vornehmheit um 1900. Der dazu gehörende Tanz des Corps zeigt weibliches Schwarmverhalten in Bestform: mit regelmäßigen Abständen und synchron getrippelten Schrittchen.

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

„Spiel mit uns!“ Das scheinen diese beiden zu Alice (Olivia Betteridge) zu sagen. Spiel ist alles hier! Foto von „Wunderland“ beim Hamburg Ballett: Kiran West

Überhaupt muss man Solisten und Ensemble vom Hamburg Ballett loben. Sichtlich geben sie alles – und Stars wie Ida Praetorius und Matias Oberlin bescheiden sich mit relativ wenig Action, die sie aber mit Hingabe ausfüllen.

Alexei Ratmansky befand denn auch über die Tänzerinnen und Tänzer in Hamburg: „Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie theatralisch und kreativ sie sind – das ist ganz klar ihrem Neumeier-Erbe und dem Neumeier-Repertoire zu verdanken.“

Manche Posen erinnern denn auch an Auszüge aus Stücken von John Neumeier, dem Gründer des Hamburg Ballett, wobei die meisten Tänze von Ratmansky in „Wunderland“ ihren Grundlagen nach der russischen Klassik oder auch der Folklore zuzuordnen sind. Er stammt ja aus Leningrad, das auch damals eine Hochburg der Klassik war. Ausgebildet wurde er dann in Moskau, und als Primaballerino tanzte er in Kiew, Toronto und Kopenhagen. Früh begann er zu choreografieren, wozu er heute von New York City aus in die Welt reist.

Die choreografische Assistenz in Hamburg übernahm übrigens Kyle Davis, das Licht wurde von Christian Kaas (eine bekannte Größe auf diesem Gebiet) kreiert. Das teils mächtige Bühnenbild von Sebastian Hannak ergänzt die opulenten Kostüme von David Szauder.

Der Sound mischt dazu Musiken von Bach und Erik Satie, von Charles Gounod und Anton Webern. Es gibt auch Geräusche und Musik vom Band. Dazu noch live gespielt Kompositionen von Telemann und Chopin, im zweiten Teil auch Fauré, Grieg und Holst, Kagel, Messiaen und Matthew Shlomowitz. Buntheit herrscht also auch akustisch vor.

Vello Pähn, einer der versierten Ballettdirigenten, die man seit langem – seit 1992 – beim Hamburg Ballett kennt, gibt sein Bestes, um die stilistische Mixtur gemeinsam mit den Tanzenden auf den Punkt zu bringen.

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Es ist nicht immer Friede… Louis Musin und Francesco Cortese zanken höchst virtuos miteinander. Nur bekommt Alice (Olivia Betteridge) davon Kopfweh. Foto von „Wunderland“ von Alexei Ratmansky: Holger Badekow

Warum sich Ratmansky mit seinem Musikexperten Philip Feeney sowie mit seinem Sohn Vasyl Ratmansky als dessen Assistenten nicht auf eine Epoche schwerpunktmäßig konzentriert hat, etwa auf die Entstehungsjahre der Kinderbücher über Alice, bleibt ein Rätsel. Ebenso bleibt unklar, warum viele Imaginationen weniger durch den Tanz als vor allem durch megaaufwändige Kulissen und Kostüme gezeigt werden.

Bei allen Materialschlachten, die das Hamburg Ballett schon gesehen hat (etwa solche wie „Tatjana“ von John Neumeier, in der es mit vielen süffisanten und historischen Details an den Kostümen auch für Kurzauftritte zur Sache geht), dürften sie nun von Ratmanskys Werk übertroffen sein. Zumindest, was den Aufwand und auch die Kosten angeht.

Bunt, bunter – am buntesten. Und am teuersten. Diese Rekorde in Sachen Ballett dürfte Ratmansky jetzt in Hamburg halten.

Das Ganze wirkt denn auch ein wenig wie ein nicht enden wollender Werbespot. Und wenn man sich fragen sollte, wofür eigentlich, so dräut nicht etwa die Natur oder die multikulturelle Gesellschaft als Ideal am Horizont, sondern nur der stumme Konsum. So wird Alice, als sie mal einsam ist, von einem lässigen Kerl mit einer E-Zigarette eingequalmt, und man fragt sich, was so eine Szene in einem für Kinder und Familien empfohlenen Stück zu suchen hat. Zumal der Zigarettenmann im knallblauen Outfit auch noch futuristisch schick daher kommt, sich mit ihr kurz in einem tänzerischen Dialog vereint und sie dann sitzen lässt. Pädagogisch macht das wenig Sinn. Oder sollen Raucher als Sitzenlasser disqualifiziert werden? Wie auch immer: So eine E-Zigarette gehört nicht in ein Kinderballett. Punkt.

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Nur eine Märchenkrabbe hat viele Winkerarme. So die in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky beim Hamburg Ballett. Das ebenfalls märchenhafte Foto, das die Action von Alice mit den Fantasykreaturen zeigt, stammt von Holger Badekow.

Biologisch ergibt auch nur das Wenigste von dem, was aus dem Fundus an Szenenmaterial aufgefahren wird, Sinn. Die Winkerkrabbe hat in natura natürlich nur eine Winkerzange (nicht vier wie hier). Taubeneier sind weiß, nicht blau gesprenkelt. Raubkatzen haben immer Schwänze. Hasen und Kaninchen haben schmale Ohren. Zu lernen gibt es also in dem Sinne nicht so viel über Natur. Nur die Meerschweinchen lässt Ratmansky richtigerweise zu dritt auftreten. Tatsächlich muss man diese Viecher immer zu dritt halten, wobei ein Böckchen auf zwei Weibchen kommt. Sonst sind diese Tiere tatsächlich unglücklich.

Weitere Schönheitsfehler kommen auch aus der literarischen Vorlage, nicht nur von Ratmanskys Bearbeitung. Denn der Autor, der unter dem Pseudonym Lewis Carroll die beiden „Alice“-Romane erfand, war kein professioneller Schriftsteller. Vielmehr war er im Beruf ein Mathematiker, der nur von Kindesbeinen an manchmal Gedichte und anderes als Hobby verfasste. Die „Alice“-Geschichten erzählte er bei einer Bootsfahrt der kleinen Tochter eines Freundes und ihren Geschwistern. Als Weihnachtsgeschenk präsentierte er sie dann in schriftlicher Form. Dass latente Pädophilie bei Carroll eine Rolle spielte, ist letztlich nicht ganz auszuschließen. Dann wäre logisch, warum es ihm immer wieder nur darum geht, als Erwachsener einem Kind die Welt für verrückt zu erklären. Denn nichts anderes macht er in seinen beiden Alice-Büchern.

Die seltsamen Stories, die Alice erlebt und die komisch bis grotesk sind, lassen eine tiefgehende Dramaturgie denn auch vermissen. Nur Bruchstücke lassen sich etwa mit den Regeln der Traumdeutung von Sigmund Freud entschlüsseln oder wenigstens kulturell aufladen. So sprechen die Skurrilität und Schrägheit der vorkommenden Gegenstände – wie einer hochkant präsentierten, monströs großen gedeckten Teetafel – für die klassische Freudianische Symbolisierung.

An sich aber gehören sie in das Reich des absoluten Nonsense, und die Verneinung von Sinn und Moral gehören dabei zur pädagogischen Bequemlichkeit von Lewis Carroll.

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Alles in allem ist Carroll zwar ein wortgewandter, schriftstellerisch jedoch äußerst dilettantisch vorgehender Autor gewesen, dessen bunte Perlenkette aus zusammenhangslosen Episoden zwar mystisch wirken mag, es dem Grunde nach aber nicht ist.

Darum langweilen sich auch manche Kinder mit seinen Erzählungen, und diese Langeweile wird ihnen auch im Ballett von Ratmansky nicht erspart bleiben.

Laut und bunt sind schließlich auch die Medienwelten im Fernseher und auf dem Handy. Dafür muss man sich nicht unbedingt in ein Opernhaus begeben.

Im Vergleich mit „Alice in Wonderland“ von Christopher Wheeldon von 2011 (die unter anderem im Repertoire vom Bayerischen Staatsballett in München ist) mutet die Hamburger Alice inhaltlich nochmals verarmt an. Und: Sie ist unsexy. Der Eros, der so manche Märchengeschichte peppt, gelingt Wheeldon, einem Könner des Pas de deux und der subtilen Beziehungen, so spielerisch wie spielend. Immer mal wieder ist die Geschichte dort von der Suche der Heldin nach der Liebe durchwirkt. Aber Alexei Ratmansky bleibt im erstarrten Portfolio des Hopsens und Hoppelns stecken. Beziehungen werden hier nur parodiert, bestenfalls stilisiert.

Parodie und Satire indes sind – bishin zum Spott durch Tanz – die Spezialitäten von Ratmansky. Oft muss man in „Wunderland“ schmunzeln oder lachen, weil etwas vorzüglich aufs Korn genommen wird.

In „Der helle Bach“ parodierte Ratmansky 2016 am Bolschoi Theater gar die gesamte Ballettgeschichte: mit so virtuosen Nummern, dass sich die Parodierung selbst ad absurdum führte. Und in „Namouna“ schuf Ratmansky  schon 2014 beim Staatsballett Berlin höchst gekonnt die satirische Geschichte eines Junggesellen auf der Suche nach der perfekten Frau.

Die einzige Figur, die sich indes in „Wunderland“ für die Identifikation anbietet, ist Alice. So steht und fällt die Aufführung mit ihrer Besetzung. Mit Olivia Betteridge ist sie allerdings fabelhaft gelungen.

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Wird immer anmutiger: Olivia Betteridge, hier als Alice in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Sie ist ein kleines Ballettwunder: Olivia Betteridge, 26, gebürtig in Australien, war vor zwei Jahren noch eine ziemlich mittelmäßige Gruppentänzerin, mauserte sich aber unter der fleißigen Hand ihres privaten Partners Alexandr Trusch zu einer angehenden Primaballerina. Schon im letzten Dezember war zu sehen, welche Fortschritte eine Tänzerin machen kann, wenn sie hochintensiv ballettmeisterlich betreut wird – etwas, das das Hamburg Ballett in dieser Form offenbar gar nicht mehr leisten kann. Und so müssen sich die Nachwuchskräfte selbst ihre Coachs suchen, und sei es im privaten Bereich.

Alexandr Trusch wiederum, der seit letztem Sommer nur noch als Gaststar mit dem Hamburg Ballett auftritt und sich ansonsten auf seine Hollywood-Filmrolle als Nurejew vorbereitet, hat seine gewonnene freie Zeit genutzt, um sich als Coach und Ballettmeister an seiner Freundin auszuprobieren – und er hat sich dabei erwartungsgemäß als Megatalent erwiesen. Betteridge ist sein Pygmalion: Von Monat zu Monat, so kann man sagen, erlernt sie seine Techniken und Tricks, um zu noch mehr Anmut und Präzision zu kommen, besser.

Sichtlich tanzt sie nunmehr in seinem Stil.

Schauspielerisch gesteht ihr die Rolle der Alice zwar nur wenige, sich wiederholende, manchmal sich steigernde Posen zu. Aber ihre Möglichkeiten schöpft Betteridge voll aus, zeigt hochkonzentriert die Mimik der naiven, schnell erstaunten, manchmal auch empörten, entsetzten oder schockierten Alice.

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Die Teetafel ist eine Kletterwand: Alice (Olivia Betteridge) kommt nicht zum verdienten heißen Tässchen… Foto aus „Wunderland“ von Alexei Ratmansky: Holger Badekow

Gipfel ihrer Freude ist dann aber nicht die über Blumen und Natur, sondern (was es auch bei Kindern gibt) die Gier nach Macht. Der Weiße Ritter (sehr prinzlich-elegant: Daniele Bonelli) setzt ihr nämlich ein funkelndes Krönchen auf, das ironischerweise von seinem Plüsch-Pferdchen stammt. Damit darf Alice sich in einen Thronsessel fläzen und nach einem Goldregen im Konfettiformat für kurze Zeit als Herrscherin fühlen. Und sie darf endlich auch mal ausruhen, denn die Rolle fordert ihr den ganzen Abend über viele schnelle kleine Variationen, vor allem im klassischen Tanzstil, sowie Paar- und Gruppentänze ab.

Der zuvor nachhaltig wundersam sanft beginnende Pas de deux zwischen dem Ritter und der kleinen Heldin Alice entfaltet – wie schon der Stückbeginn – zwar eine eigenartig entrückte Poesie, die durchaus neugierig macht. Aber leider traut Ratmansky seiner Hauptdarstellerin die kindliche Schwärmerei für einen Herzensritter nicht zu. Er lässt sie ablehnend reagieren, als der Ritter nach ihrer Krönung behutsam vor ihr kniet und huldigend ihren Kleidersaum küsst. Woraufhin sich der edle Mann diskret zurückzieht.

Alice will endlich herrschen statt beherrscht zu sein, das scheint diese Szene kurz vor Schluss zu sagen. Tatsächlich fühlt sie sich im Thronsessel pudelwohl, vom bunten, überwiegend tierisch maskierten Hofstaat, vom Einhorn bis zur Winkerkrabbe reichend, umgeben.

Doch schließlich wird Alice aus ihrem Märchentraum sanft, aber beharrlich verstoßen, wie ein Küken, das langsam erwachsen werden soll.

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Alice (Olivia Betteridge) und ihr Double (Greta Jörgens) in der Spiegelwelt – eine Freundschaft auf Zeit. Zu sehen in „Wunderland“ von Ratmansky beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Greta Jörgens – die übrigens hoch talentiert ist und endlich mal mit großen „erwachsenen“ Rollen betraut werden sollte – tanzt als Double von Alice die Türsteherin zur Spiegelwelt. Der letzte Pas de deux zwischen ihr und Alice ist fast berührend, weil sich hier zwei Freundinnen Ade sagen müssen.

Allerdings versagt Alexei Ratmansky auch hier dem Publikum jedweden Anflug von Sentiment. Amüsement geht ihm vor Erfüllung oder Herzschmerz – und das Lachen des Publikums ist ihm denn auch bei vielen Slapsticknummern, die mitunter auch in Zeitlupe zelebriert werden, sicher. Gefühliges hingegen hält er kurz, vielleicht auch aus Unsicherheit.

Damit fehlt allerdings das Salz in der Suppe. Denn ein so reichhaltiger Gulasch aus Träumereien benötigt natürlich auch heiße, tiefe Gefühle. Doch damit will Ratmansky seine Zuschauenden offenbar nicht behelligen. Nur Alice zeigt Persönlichkeit und Gefühl – alle anderen sind etwas klischeehaft typisierte Gestalten.

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Aleix Martínez hier noch als „Weißes Kaninchen“ in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky, worin er später den Löwen macht. Ole! Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Trotzdem gibt es auch da Überraschungen. So bleibt das „Weiße Kaninchen“ am Ende des ersten Teils, als Alice wieder in der Realität am grünen Hügel landet, ebenfalls in dieser Welt. Und taucht folgerichtig in der Spiegelwelt des zweiten Teils nicht mehr auf.

Der Tänzer Aleix Martinéz erfreut stattdessen fortan als geschmeidiger Löwe im vollen Fell das Publikum. Und wenn er mit dem Einhorn kämpft, dann wissen Eingeweihte, dass dies eine Anspielung auf Kämpfe um Ländereien innerhalb Großbritanniens ist.

Nur Alexei Ratmansky scheint sich für Herkunft und Historie der Alice-Geschichten nicht so zu interessieren. Statt Bezüge zu schaffen und in Kontexte einzubetten, stöpselt er eine Fantasie an die nächste. Die Reihenfolge ist dabei wirklich zu beliebig, um irgendeinen Sinn zu machen. Und wo die Literatur durch einzelne Wörter Brücken schaffen kann, bleiben die theatralischen Aufmärsche mit Kostümen hier vereinzelt stehen.

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Am Ende muss Alice gehen… zurück ins wahre Leben, raus aus der verrückten Traumwelt. Olivia Betteridge vorn als Alice in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky beim Hamburg Ballett, fotografiert von Holger Badekow.

Leider verzichtet Ratmansky auch auf eine angemessene Aktualisierung der Geschichten. Natur- und Tierschutz zum Beispiel erfreuen sich glücklicherweise zunehmenden Zuspruchs in der Bevölkerung. Aber bei Ratmansky bleibt jeder kritische Gedanke etwa zur Massentierhaltung, zur Überfischung der Meere, zum Fleischkonsum einfach außen vor. Seine Alice hat seit dem 19. Jahrhundert nichts gelernt. Und das müsste nicht so sein.

Denn gerade weil die Professionalisierung des Stoffs angesagt ist – Christopher Wheeldon machte streckenweise vor, wie das in Richtung Zirkusgeschichte gehen kann – könnte man problemlos auch Szenen dazuerfinden und einflechten, die der Welt von heute mehr Raum geben als bodenlose Nostalgie mit niedlichen Schleifchen und Kostümen aus der Puppenhaus-Bel-Époque.

Auch eine Rahmenhandlung aus der Gegenwart wäre möglich. Und sollten da dann nicht auch Fragen gestellt werden, die über die Utopie der Träume hinaus reflektiert werden können?

Alice würde sich gern weniger mit Buntheit ohne Sinn und Verstand langweilen. Und sie hätte dafür gern mehr Herz, mehr Seele. Dann stünde alles zum Besten im Plüsch-Zoo von Alexei Ratmansky.
Gisela Sonnenburg

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Alice Mazzasette als tatkräftige „Herzogin“ in „Wunderland“ von Ratmansky beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

P.S. Die Uraufführung am gestrigen Samstagabend eröffnete die 51. Hamburger Ballett-Tage, die dieses Jahr erstmals mit der Tanztriennale Hamburg kooperieren.

Und wer nach so viel Klamauk nun eiligen Appetit auf Stücke mit Stil von John Neumeier hat, kann sich in der arte Mediathek online kostenfrei zwei Stücke vom Hamburger Großmeister ansehen: „Der Nussknacker“ mit Olivia Betteridge und Alexandr Trusch (als Kindergeburtstag inszeniert, ohne Weihnachtskram) und „Dona nobis pacem “ zur wichtigen Friedensthematik, auch vom Hamburg Ballett getanzt, und zwar vorzüglich.

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

„Dona nobis pacem“ von John Neumeier gibt es in der arte Mediathek zu sehen. Videostill: Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

 

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