
„EO“ steht für „Eugen Onegin“ – emblematisch und ikonisch ist das Ballett „Onegin“ von John Cranko. Foto vom Semperoper Ballett: Admill Kuyler
Erstens: Liebe, Triebe, Heiterkeit – aber ein früher Tod. Zweitens: Liebe, Sehnsucht und ein tragisches Verlangen, lebenslang. Drittens: Liebe plus Respekt gleich Harmonie und ein langes Leben. Es sind diese drei Liebeskonzeptionen, die der Dichter Alexander Puschkin in seinem 1833 erstveröffentlichten, romantisch-satirischen Versroman „Eugen Onegin“ vorführt. John Cranko machte daraus in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts beim Stuttgarter Ballett ein atemberaubend schönes, dramatisches, auch lyrisches abendfüllendes Tanzstück. Es beinhaltet ebenfalls diese drei so verschiedenen Liebeskonzeptionen, die zugleich alltäglich und doch außergewöhnlich erscheinen. Crankos Ballett ging triumphierend um die Welt, erst als Gastspiel, dann auch als Einstudierung. Und es wird jetzt – in gleich drei interessant funkelnden Besetzungen – erstmals beim Semperoper Ballett in Dresden gezeigt. In der Premierenbesetzung brilliert Hyo-Jung Kang, die vom Stuttgarter Ballett und dem Wiener Staatsballett kommt und eine längst erfahrene Tatjana ist, mit James Kirby Rogers, dem Dresdner Superstar im Tanz, als Titelheld „Onegin“. Am Pult im Orchestergraben steht, wie immer mit rotem Futter im schwarzen Frack, Simon Hewett. Er hat als früherer Erster Ballettdirigent beim Hamburg Ballett und als freischaffender Künstler seit dieser Saison auch beim Semperoper Ballett seine Meisterschaft bereits oftmals bewiesen. Was soll da noch schiefgehen? Zumal die Musiken, die Kurt-Heinz Stolze von Peter I. Tschaikowsky aussuchte und für das Stück nochmals durch eine raffinierte Orchestrierung cineastisch aufbrezelte, so leidenschaftlich ist wie nur noch die Liebe selbst. Er lockt Genuss, Genuss, Genuss – und auch Erkenntnis.
„Ein Ballett soll so sein wie ein gutes Konzert – man kann es mehrfach sehen und immer Neues darin finden.“
John Cranko sagte das, und natürlich bringt er damit in aller Bescheidenheit etwas auf den Punkt, das als absolutes Qualitätskriterium gelten kann. Denn selbst, wenn man sehr geübt im Anschauen und Beobachten ist: Erschließt sich einem alles, was ein Tanzstück zu bieten hat, schon beim ersten Sehen, kann das nicht allzu viel sein. Umgekehrt muss aber auch das Wichtigste deutlich genug sein, damit sogar jene, die nicht viel Erfahrung mit dem Ansehen von Tanz haben, es beim ersten Mal erkennen können.

Das einzig wahre Liebespaar? Oder gerade nicht? Olga (Bianca Teixeira) und Lenski (Joseph Gray) in „Onegin“ beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler
Diese Gratwanderung zwischen Eingängigkeit und Vielschichtigkeit gilt es zu bewältigen. Das ist die Aufgabe des Choreografen. John Cranko war darin ein Genie, und gerade seine drei großen Handlungsballette sind darum auch fester Bestandteil nicht nur der Tanzgeschichte, sondern auch der Crème de la Crème aller überlieferten Ballette.
Die großen, gefühligen Pas de deux darin, aber auch die charakterstarken Soli, die Tanzfiguren zu dritt wie die der Gruppe haben einen hervorragenden Geschmack und Nachgeschmack. Sie sind expressiv, dennoch in jeder Sekunde auch pure Ästhetik. Die tänzerischen Steigerungen und Wiederholungen in neuen Kontexten zählen ebenfalls zu den Spezialitäten von John Cranko, der 1973 viel zu früh überraschend starb.

Volkstanz à la Ballett: in einer Mischung aus russischen und griechischen Elementen, aufgehübscht mit Klassik. Wow! Das Semperoper Ballett tanzt John Cranko mit „Onegin“. Foto: Admill Kuyler
„Onegin“ ist eines seiner drei großen Stücke, es entstand zwischen den beiden Shakespeare-Cranko-Werken „Romeo und Julia“ und „Der Widerspenstigen Zähmung“. In der Urversion – ohne Vorspiel – hatte „Onegin“ 1965 in Stuttgart allerdings noch kaum Erfolg. Erst die überarbeitete Version von 1967 wurde ein Burner, ein Welterfolg. Da sieht man, wie wichtig es ist, auch Genies mal üben zu lassen.
In der gereiften Fassung, die heutzutage an so vielen bedeutenden und auch weniger bedeutenden Compagnien getanzt wird, stimmt jedes tänzerische Wort. Darauf kann man sich nun in Dresden freuen.
In den Originalkostümen des vielfach preisgekrönten (und gerade bei solchen historischen Kostümen in Sachen Kreativität unübertroffenen) Jürgen Rose tanzt das Semperoper Ballett trotz der Affenhitze von 38 Grad Außentemperatur, was das Zeug hält.

Das Semperoper Ballett und James Kirby Rogers (rechts) in „Onegin“ von John Cranko – eine Delikatesse des Balletts! Foto: Admill Kuyler
Das Ensemble hat entzückende, auch starke Szenen. Von großen Ballszenen bis zu exzellent abgemischter Folklore, die Cranko unter anderem nach griechischem Vorbild schuf. Was man aber nicht bemerkt, da sie erfolgreich im russischen Outfit und auch tüchtig mit russischen Elementen durchsetzt einher kommt.
Die Liebesbeziehungen von Tatjana – die sich zunächst von Onegin nur fasziniert sieht, dann aber mehr und mehr in ihn verliebt – und Onegin, der erst zehn Jahre später, als Tatjana schon glücklich anderweitig vermählt ist, völlig wild auf sie wird, ist der Haupthandlungsstrang und von allerlei Wendungen bestimmt. Traumszenen wechseln mit der harten Realität – wie es halt so ist in der Liebe. Am Ende gibt sie ihm einen Korb, aber bis dahin ist es tänzerisch zum Glück fürs Publikum ein weiter Weg.

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Tatjanas Schwester Olga (bei der Premiere getanzt von der vom Bayerischen Staatsballett nach Dresden übersiedelten Bianca Teixeira) und der Dichter Lenski – eine wunderbar lyrisch-cholerische Partie, selten in ihrer Wahrhaftigkeit und schon von Stars wie Vladimir Malakhov getanzt, hier in Dresden bei der Premiere von Joseph Gray verkörpert – bilden das zweite Liebespaar des Abends. Lenski ist mit Olga verlobt und mit Onegin befreundet – dennoch flirtet Onegin so heftig mit Olga, dass Lenski ihn zum Duell fordert. Wohl wissend, dass sein Freund der viel Bessere am Schießeisen ist. Und so fällt Lenski seiner eigenen Eifersucht zum Opfer, wobei spekuliert wird, ob zum Beispiel eine Bi- oder Homosexualität etwa mit Onegin da noch einen ungesagten psychologischen Hintergrund bildet.
Ausgerechnet das scheinbar ganz einfach nur glücklich verliebte Pärchen geht hier also derart tragisch auseinander, indem Lenski beim Duellieren stirbt.
Sein Solo im Mondenschein im Thrill der Zeit direkt vor dem Duell ist allerdings legendär und verdient schon allein den Besuch der Vorstellung.

Joseph Gray als Lenski im Mondschein-Solo vor dem erahnten Duelltod… hinreißend! Foto vom Semperoper Ballett: Admill Kuyler
Im dritten Akt dann treffen Tatjana und Onegin unvermittelt und zehn Jahre später aufeinander. Sie ist die geachtete Fürstin Gremin geworden und führt mit ihrem adligen Gatten – von Kristóf Kovávs getanzt, der auch als Gast beim Ballett Dortmund reüssiert – eine viel bewunderte Musterehe.
Das macht den abgebrühten Onegin eifersüchtig, und er entflammt für diese Frau, die er als junges Mädchen mit wenig Empathie erst angeflirtet und dann abgewiesen hat.
Er sucht sie regelrecht heim, wissend, dass er in ihrem Herzen als erste große Liebe immer einen besonderen Platz haben wird. Sie kämpft und ringt mit sich, als er ihr unter vier Augen unverhohlen den Hof macht.
Wird sie mit ihm durchbrennen? Oder wenigstens eine Affaire beginnen?

Hyo-Jung Kang und James Kirby Rogers im Schluss-Pas-de-deux von „Onegin“ von John Cranko. Pure Passion! Foto vom Semperoper Ballett: Admill Kuyler
Tatjana muss sich entscheiden…
Das in Dresden zu sehen, kann gar nicht oft genug passieren.
Gisela Sonnenburg

Triumph der respektvollen Harmonie: Der „Rote Pas de deux“, benannt nach dem lachsroten Kleid von Tatjana (Hyo-Jung Kang), spiegelt die Musterehe von ihr und Fürst Gremin (Kristóf Kóvacs). Foto vom Semperoper Ballett: Admin Kuyler
Die Premiere beginnt heute, Samstag, 27.06.2026, um 19 Uhr. TOITOITOI!
Im Juli 2026 wird „Onegin“ übrigens auch wieder beim Stuttgarter Ballett getanzt!