
Liebe machen auf der Küchentheke: Der Tänzer Fernando (Isaac Hernández) überrascht Jennifer (Jessica Chastain). Zu sehen in „Dreams – Gefährliches Verlangen“ von Michel Franco. Foto: Teorema / Weltkino
Wow! Dieser Film hat es wirklich in sich. Eigentlich sind es sogar vier Filme in einem. Zunächst handelt es sich um eine heiße, brisante Liebesgeschichte. Dann geht es um die Geschichte eines Flüchtlings. Außerdem wird, wie nebenbei, die Geschichte einer Stiftung berichtet, nebst Blicken hinter die glamourösen Kulissen. Schließlich und vor allem ist „Dreams – Gefährliches Verlangen“ von Michel Franco ein Tanzfilm, ein professioneller Ballettfilm: mit vielen sehenswerten, authentischen Einblicken in Trainings, Proben und Vorstellungen. Diese Mischung lässt niemanden kalt! Der temperamentvolle männliche Hauptdarsteller Isaac Hernández (Jahrgang 1990) ist gebürtiger Mexikaner, wurde in den USA ausgebildet, ist derzeit Erster Solist beim American Ballet Theatre (ABT) und tanzte zuvor beim ebenfalls sehr renommierten San Francisco Ballet. In Frisco, an der Westküste, spielt auch ein Teil der verzwickten Liebesgeschichte, die sich zwischen dem talentierten Tänzer Fernando (Isaac Hernández) und der Stiftungschefin Jennifer (gespielt von der zarten Schönheit und Oscar-Preisträgerin Jessica Chastain) entwickelt. Es ist eine Amour fou, nach allen Regeln der magischen Anziehungskräfte zwischen zwei Menschen.
Kaum sehen sie sich, begehren sie einander. Manchmal fallen sie übereinander her wie die Tiere. Das „gefährliche Verlangen“ aus dem Filmtitel ist mehrfach zu deuten. Es passt aber auch in rein sexueller Hinsicht.
Gesellschaftlich gesehen, ist diese Liebe wie Sprengstoff. Sie passt nicht in eine Klassengesellschaft, in der selbstverständlich gewisse Konventionen das Leben der Menschen regeln. Durch und durch. Jennifer steht mitten im Berufsleben, sie hat eine glänzende Karriere, verhandelt mit viel Geld über Kultursponsoring. Wir sehen sie in Stöckelschuhen durch klimaanlagengekühlte Räume stelzen und lässig mit den Riesensummen hantieren.
Allerdings stellt sich bald heraus, dass sie den Job nur hat, weil ihr Vater, der mächtige Superreiche McCarthy, der Gründer der Stiftung ist. Und auch ihr Bruder arbeitet auf wichtiger Position darin mit – wirklich selbständig ist Jennifer damit nicht, trotz all ihres Geldes und ihres schicken großen Hauses in San Francisco.

Macht viel Geld wirklich frei? Jennifer (Jessica Chastain) mit ihrem Vater und ihrem Bruder bei einer wohltätigen Museumsaktion. Zu sehen in „Dreams – Gefährliches Verlangen“ von Michel Franco. Foto: Teorema / Weltkino
In dieses Haus kommt kurz nach Beginn des Filmes ein zunächst Unbekannter. Geschickt vermeidet der Film in der ersten Viertelstunde herkömmliche Dialoge und Actionszenen. Stattdessen zeigt die Kamera das Innere eines LKWs, in dem Menschen über die Grenze von Mexiko in die USA geschmuggelt werden. Ein alltäglicher, dennoch heimlicher Vorgang ist das, der hier nackt und ohne Beschönigung gezeigt wird. Fernando, der Tänzer, entsteigt dem Leibergewirr: Er kennt sich aus, ist nicht, wie die anderen Geflüchteten, auf die weitere Hilfe der Menschenhändler angewiesen. Niemand hat Gepäck bei sich. Sie alle tragen nur ihre Kleider am Körper. Mehr haben sie nicht.
Fernando, ein schöner, kräftiger, geschmeidiger junger Mann, geht zielstrebig voran. Er geht und geht und geht… Er trampt mal ein Stück, dann geht er wieder. Bis er in San Francisco zielsicher ein elegantes Haus, einen etwas überkandidelten Neubau, ansteuert. Niemand öffnet, als er klingelt. Aber er weiß sich zu helfen: Er springt über den Zaun, wühlt im Gebüsch, befördert einen Schlüssel zu Tage. Als die Hausherrin Jennifer mit ihrem dicken Auto anfährt, ist es schon spätabends – er erwartet sie im Bett. Sie ist nicht allzu überrascht, ihn zu sehen. Denn sie kennen und lieben sich.
Sex und Macht. Die Dialoge der Liebenden sind alles andere als romantisch. So schön die Bilder, so desillusionierend ihre Gespräche. Jeder der beiden will die Unterwerfung des anderen – und, was typisch ist für die US-amerikanische Verklemmtheit, sie werfen sich trotzdem gegenseitig ihre Verderbtheit vor. Eine klare Linie hat diese heiße Affäre also von Beginn an nicht, vielmehr kündigt sich ein Machtspiel an.
Nur im Ballettsaal ist Fernando frei. Hier wird seine Leistung anerkennt, ohne sexuelle Dienstleistung und ohne gültige Papiere. Er brilliert, aber auch die anderen Tanzenden sind Profis und absolut sehenswert. Man brodelt vor Begeisterung. Jennifer aber muss sich zurückhalten, als sie Fernandos Gruppe als Geldgeberin vornehmtuerisch besucht.

Isaac Hernández spielt und tanzt die Hauptfigur Fernando – und er macht beides fantastisch. Zu sehen in „Dream – Gefährliches Verlangen“ von Michel Franco. Foto: Teorema / Weltkino
Fernando will mehr. Er ist kein Domestik, wie die Hausdienerin Martha, die auch aus Mexiko stammt und Jennifer den Haushalt führt. Fernando möchte als der offizielle Partner von Jennifer akzeptiert werden, was sie kategorisch ausschließt. Einen Kurzurlaub mit ihm bricht sie sogar ab, nur weil sie einen Geschäftspartner ihres Vaters im Hotel sieht. Sie versteckt Fernando regelrecht, und auf ihn angesprochen, lügt sie dreist, indem sie das Wichtigste ihrer Beziehung verschweigt: „Er ist Tänzer, und er arbeitet für meine Stiftung in Mexiko-City“.
Fernando fühlt sich bald wie ein Gefangener dieser Liebe, wie ein Sex-Sklave, was er in gewisser Hinsicht auch ist. Er hat keinerlei Vorteil von dieser Liebelei mit der zudem älteren Jennifer. Das Geld, das sie ihm gibt, genügt jedenfalls nicht, um eine Eigentumswohnung oder eine Ballettschule zu kaufen. Auch beruflich kommt er eher weniger voran, als wenn er die Beziehung zu ihr nicht verheimlichen müsste. Natürlich will er auch sie – aber als ihr verstecktes Anhängsel zu existieren, ist nichts, was ihm gefallen kann.
Diese Liebe krankt von Beginn an am mangelnden Respekt der Liebenden füreinander. Vor allem Jennifer hegt ausschließlich Gefühle der Gier und Begierde für Fernando. Sie fühlt sich überhaupt nicht verantwortlich und ist nicht bereit, ihn offen zu protegieren. So kann das nichts werden. Auch wenn es in der Realität meistens Männer sind, die das dicke Portemonnaie und die abschätzige Meinung ihrer Sexpartner haben: Generell wird hier ein wichtiges soziales Problem gezeigt, nämlich die Exklusivität der Eliten, die auf dem ganz und gar ungerechtfertigten Ausschluss aller anderen beruht.

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Jennifer mit ihren schönen, weißen, nackten, gesunden Schultern in gepflegten Designer-Klamotten, sie steht auf der einen Seite der Gesellschaft. Hoch oben, in luftiger luxuriöser Höhe, steht sie, gesalbt und parfümiert. Fernando, der zum Betteln für ein Ticket vor dem Opernhaus wie ein Street dancer open air tanzt, steht auf der anderen Seite. Eher im Schatten. Weit unten. Er hatte gerade mal Glück mit seiner Tanzausbildung. Aber jetzt muss er, der Talentierte, in Mexiko unterrichten, um über die Runden zu kommen, weil er kein Visum für die USA bekommt.
Fernando will dorthin, wo Jennifer qua Geburt ist: nach oben. Aber hat er eine Chance?
Sie sind wie Romeo und Julia – und dabei könnte ihre Liebe doch eine hübsche Aschenputtel-Geschichte sein. Wobei hier der Junge, also Fernando, das Aschenputtel wäre. Aber ist es überhaupt noch möglich, einen Partner aus einer anderen gesellschaftlichen Sphäre zu wählen?
Die Antwort, die dieser Film gibt, ist klug und richtig: Nein. Heutzutage sind die Standesgrenzen mindestens so stark wie im Feudalismus. Die Geschichte von Jennifer und Fernando zeigt, dass die Widerstände unüberwindbar erscheinen. Das ist absolut realistisch. Schon gegenseitiger Respekt ist heute oft nicht mehr möglich, wenn der Kontostand oder der soziale Stand innerhalb eines bestimmten Gefüges alles ist und die Menschen voneinander trennt.
Und trotz oder gerade wegen der Globalisierung gibt es Staatsgrenzen, die nur schwer zu überwinden sind, wenn man nicht vor Geld stinkt oder einen Job im Wunschland bekommt. Der Regisseur Michel Franco (Jahrgang 1979) weiß, wovon er spricht, denn er kommt selbst aus Mexiko. Gesellschaftliche Probleme anschaulich zu machen, ist ihm in seinen Filmen stets ein Anliegen. Mit seinem Film „Chronic“ fächerte er 2015 zum Beispiel auf spannende Weise die Branche der Krankenpflege auf.
Heute sieht Franco, dass sich menschliche Beziehungen rasant verändern, indem sie sich dem Geldfluss rigoros unterordnen.

Isaac Hernández (mittig) springt vorzüglich. Und nur im Ballettsaal ist Fernando frei. Hier wird er nach seiner Leistung beurteilt – nicht nach Liebesdiensten oder Untertänigkeit. Zu sehen in „Dreams – Gefährliches Verlangen“ von Michel Franco. Foto: Teorema / Weltbild
Aschenputtel konnte sich noch hochschlafen, wenn man es so sagen will. Das ist heute, da es mehr durch ihr Geld Herrschende, also Reiche und Superreiche, gibt als je zuvor in der menschlichen Historie, nicht mehr möglich. Aschenputtel gibt’s nicht mehr. Silvia Sommerlath war vermutlich die letzte Königin, die in einer kleinbürgerlichen Sphäre geboren wurde.
Es gibt heute viele Möglichkeiten, sich Schönheit mit Kosmetik und OPs, mit Fitness und guter Ernährung zu kaufen, und man kann sich Menschen für alle Belange kaufen – auch Talente gibt es dank der Vielzahl an Menschen (so viele gab es noch nie auf diesem Planeten) sowieso in Hülle und Fülle zu kaufen. Der Einzelne zählt da nichts mehr. Nur das System, das sich selbst erhalten und immer weiter ausdehnen will, zählt noch.
Es zermalmt Menschen wie überflüssigen Grind. Wie Dreck. Fernando bekommt das am Ende am eigenen Leib schmerzhaft zu spüren, nachdem er zunächst selbst einem Gewaltexzess verfiel. Seine Existenz wird dann in wenigen Sekunden vernichtet, von Jennifers Bruder. Sie lässt es zu.
Sie ließ ihn schon zuvor festnehmen und abschieben, weil er ihr gefährlich werden konnte. Er wollte Würde, nicht nur Sex. Das war zuviel. Sex mit einem Illegalen – ja. Aber mehr? Das wäre tödlich. So sieht Jennifer es. Ihr Denken ist von ihrer gesellschaftlichen Position bestimmt. Nicht umgekehrt.
Dafür hat Fernando sich gerächt. Was nur die Gewaltspirale weitertrieb.

In der Anonymität eines Hotels wirken sie wie ein normales Liebespaar. Aber Fernando (Isaac Hernández) und Jennifer (Jessica Chastain) haben ein Geheimnis. Zu sehen in „Dreams – Gefährliches Verlangen“ von Michel Franco. Foto: Teorema / Weltkino
Und so verquickt der Film die Lebensrealitäten von heutigen Künstlern, Stiftern und Liebenden, von reichen Familien und ihren Bediensteten. Was nach außen geordnet, gediegen, humanistisch, sozial und „normal“ wirkt, ist nach innen auf ein System von Gewalt und Unterdrückung gestützt. Ob es die familiären Verhältnisse betrifft, die geschäftlichen oder die politischen. Im Untersuchungsknast in den USA, den Fernando auch durchlaufen muss, brennt es denn auch plötzlich. Aber niemand regt sich darüber auf.
Bezeichnend ist die Lethargie: Die Menschen, zusammengepfercht in LKWs, in U-Bahn-Waggons oder auf den überfüllten Straßen, begehren nicht mehr auf. Und sie werden gewalttätig, wenn sie einen Schwächeren für ihren eigenen Frust abstrafen können.
Ganz nebenbei zeigt der Film auch, wie gründlich zu viel Geld oder zu viel Macht den Charakter versauen. Da verliert die ehemals Liebende jedes Maß. Und der Naive, der glaubt, Liebe sei ein Wert in dieser Welt, zahlt drauf. Fast mit seinem Leben.
Hoffnung geben allein die Tanzszenen, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen. Ausschnitte aus „Schwanensee“, „Romeo und Julia“ und auch aus moderneren Stücken sowie aus Proben und Trainings beleben und beseelen den Film – und zeigen einmal mehr, wie grotesk die globale Geldwirtschaft ist, die Einzelne über jedes Maß verwöhnt, um viele andere hoffnungslos zu unterdrücken. Schade nur, dass die Verantwortlichen für die Ballett-Drehs nicht genannt werden. Was wiederum auch symptomatisch für unsere Gesellschaft ist: Tanzende werden noch immer nicht so ernst genommen wie Malende oder Musizierende. Umso wichtiger ist es, dass dieser Film sich der Ballettwelt widmet.

Jessica Chastain als Jennifer in „Dreams – Gefährliches Verlangen“: schön, aber frustriert. Foto: Teorema / Weltkino
Dafür ist der Name des belgischen Kameramanns Yves Cape veröffentlicht. Er gibt sich alle Mühe, um symbolträchtig und dennoch hoch ästhetisch solche Bilder einzufangen, die zugleich die Handlung vorantreiben und doch erkenntnisträchtig einen Punkt machen. Toll.
Dem Regisseur und Hauptproduzenten Michel Franco ist mit zarter, bedachtsamer Hand ein Meisterwerk gelungen. „Dreams – Gefährliches Verlangen“: Das sind 99 heiße Minuten – unbedingt sehenswert.
Gisela Sonnenburg
Ab 23. Juli 2026 in den deutschen Kinos. Es gibt online auch eine sehenswerte englische Version.
Zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=2GDGL_21_yI
