
Nach dem Tanz mit dem Zylinder: „Shall We Dance?“ fragte das Revueballett von John Neumeier auf der „Nijinsky-Gala LI“. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West
Am Ende hieß es in Hamburg „Shall We Dance?“ Übersetzt: „Wollen wir tanzen?“ John Neumeier schuf diese revueartige Choreografie 1986, aber sie hat nichts von ihrer Frische verloren. Die Stars Ida Praetorius und Matias Oberlin bewiesen nach über vier Stunden Gala am gestrigen Sonntag – der „Nijinsky-Gala LI“ in der Hamburgischen Staatsoper – all jenen Chic und Charme, alle Keckheit und Koketterie, die das Stück braucht. Und das Ensemble vom Hamburg Ballett schwang zur Musik von George Gershwin nicht nur die Beine, sondern auch die Hüften. Legendär ist dabei der lässig-kultivierte Umgang mit dem Zylinderhut, wie ihn Neumeier auch in seiner getanzten Autobiografie „Epilog“ einsetzt. Dies gehört zu den vielen Vermächtnissen, denen die Gala gewidmet war: „Living Legacies“ („Lebendige Vermächtnisse“) war ihr Motto. Der derzeit kommissarische Ballettdirektor Lloyd Riggins wollte damit auf die zahlreichen Traditionen, die von Neumeiers Werken sowie ganz allgemein von der gesamten Tanzgeschichte ausgehen, hinweisen.
Ob es klug war, bei jeder Gelegenheit Sätze wie aus einer KI für PR-Floskeln vorzulesen, und zwar mit der Intonation eines Maschinengewehrs, dazu in ausnehmend schlechtem Deutsch, sei dahingestellt. Man muss auch nicht ständig das Adjektiv „wunderbar“ zur Bezeichnung der eigenen Arbeit benutzen. Zuviel Selbstlob stinkt – vielleicht sollte das mal jemand Lloyd Riggins sagen.
Man möchte ihm auch noch den Tipp geben, dass man, wenn man die Kunst der Moderation trotz mehrfachen Übens nicht so richtig beherrscht, ruhig einen Profi dafür engagieren kann. Beim Ballett Dortmund zum Beispiel moderiert traditionell der versierte, humorvolle und sympathische Kammersänger Hannes Brock die Internationalen Ballettgalas, die nicht nur in diesem Jahr am selben Wochenende wie die „Nijinsky-Gala“ in Hamburg stattfanden. Anderswo werden SchauspielerInnen oder JournalistInnen für so einen kommunikativen Job ausgewählt. Die würden dann auch nicht – wie Riggins gestern – vor lauter Bedeutungsschwere vergessen, sich vorzustellen, bevor sie ihren ersten Monolog beginnen.

Männer unter sich: Der Choreograf und Ex-Chef vom Hamburg Ballett John Neumeier und sein Wunschnachfolger Lloyd Riggins, aktuell der Ballettdirektor vom Hamburg Ballett. Foto von der „Ballett-Werkstatt“ am 14.09.25: Kiran West
Nicht vorstellen musste sich John Neumeier, der mittlerweile 87-jährige Gründer vom Hamburg Ballett, als er den Zuschauerraum betrat, um seinen Platz in der ersten Reihe einzunehmen. Minutenlang brandete der Beifall auf, als Ehrerweisung, sogar als Liebesbekundung. Denn niemand hat das zeitgenössische Ballett in Deutschland so hervorragend und nachhaltig geprägt wie Neumeier.

„Yondering“ – das beste bekannte moderne Jugendballett. Natürlich von John Neumeier, auf dessen Geburtstagsgala zum 80. 2019 das Stück für Tanzstudenten auch nicht fehlen durfte. Foto von damals: Kiran West
Am Anfang des Programms stand dann gestern in der Hansestadt der Tanz. Und der war vereinnahmend aufregend. „Yondering“ („Ausschwärmend“) ist Neumeiers weltweit gefeiertes Jugendballett, das sowohl der US-amerikanischen Geschichte als auch dem Wechsel von der Ausbildung in den Tänzerberuf gewidmet ist. Eine Horde Jungs und zwei Mädchen aus den Ausbildungs- und Theaterklassen der Ballettschule vom Hamburg Ballett boten die abwechslungsreichen Tänze zu vier Songs von Stephen C. Foster so einfühlsam und prägnant, dass man sie am liebsten gleich nochmal sehen würde.
Vor allem Hlumelo Quincy Ntshangana (dem alle Ballettjournalisten der Welt dankbar für einen griffigeren Künstlernamen in der Zukunft wären) besticht mit einem makellosen, bereits vollauf muskulös ausgereiftem Körper, mit einer hervorragenden Technik und unglaublich schönen Linien im Ausdruck. Man hat eigentlich den Eindruck, er sei schon lange Profitänzer, wenn man ihn so sieht. Seine roten Haare zur schwarzen Haut sind ein weiteres Alleinstellungsmerkmal unter der Hamburger Tänzerschar – unübersehbar ist der zudem hoch gewachsene junge Mann!

Charlotte Larzelere vom Hamburg Ballett bei der Ernennung zur Ersten Solistin auf der „Nijinsky-Gala LI“ 2026. Foto: Kiran West
Ein weiterer junger Mann wird, nachdem er jahrelang eine Hauptrolle nach der nächsten bravourös meisterte, einige Stunden später auf dieser Gala endlich zum Ersten Solisten befördert: Louis Musin erhielt den großen Blumenstrauß aus den Händen von Betriebsdirektor Nicolas Hartmann völlig verdient. Herzlichen Glückwunsch!

Olivia Betteridge vom Hamburg Ballett nach ihrer Ernennung zur Ersten Solistin bei der „Nijinsky-Gala LI“ 2026. Foto: Kiran West
Selbiges gilt für die beiden Damen, die nun die Ersten Solistinnen in Hamburg komplettieren: Charlotte Larzelere und Olivia Betteridge. Auch sie wurden gestern während der Gala feierlich ernannt und mit einem Blumenstrauß bedacht.

Ana Torrequebrada und Louis Musin in „Die Möwe“, dem grandiosen Ballett frei nach Anton Tschechow, von John Neumeier. Foto von der „Nijinsky-Gala LI“: Kiran West
Leer geht allerdings Ana Torrequebrada aus. Sie, die noch am letzten Freitag als Nina in „Die Möwe“ von John Neumeier – seinem grandiosen, unsterblichen Tschechow-Ballett – brillierte, die zudem den Dr.-Wilhelm-Oberdörffer-Preis erhielt (was in Hamburg eine Prädestinierung für die Beförderung in die erste Liga ist) und die – wie Louis Musin – seit Jahren große Rollen tanzt, wurde von Olivia Betteridge abgehängt. Der Grund ist klar: Betteridge wird von ihrem privaten Partner, dem Supertalent Alexandr Trusch unterrichtet, seit er dazu die Zeit hat, weil er nicht mehr fest beim Hamburg Ballett engagiert ist. Seitdem hat sich ihr Können sprunghaft verbessert. Gerechtigkeit ist trotzdem sicher etwas anderes. Hoffen wir für Torrequebrada, dass ihre Beförderung beim nächsten Mal dran ist.
Ganz nachvollziehbar sind von außen auch beim Ballett Dortmund nicht immer die Entscheidungen.

Er tanzt, und er scheint dabei zu fliegen: Javier Cacheiro Alemán, Startänzer vom Ballett Dortmund. Foto: Carlos Quezada
So wurde nicht Javier Cacheiro Alemán, der dort seit Jahren in den tragenden Rollen fasziniert, zum ersten Kammertänzer in der Geschichte Dortmunds ernannt, sondern sein etwas jüngerer Kollege Filip Kvačák. Natürlich ist auch er ein sehr guter, vielseitiger Ballerino. Aber so viel Flair, Personality, Ausdruck, auch Technik und gelebte Erfolge wie Cacheiro Alemán hat Kvačák eben nicht. Javier tanzte als „Peer Gynt“ in der bewegenden Choreo von Edward Clug, in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman (mit dem die Dortmunder Truppe soeben auf ihrer Asien-Tournee megagut reüssierte) und in all den unvergessenen genialen Werken von Xin Peng Wang. Wang, der Vorgänger des jetzigen Dortmunder Ballettchefs Jaš Otrin, holte übrigens beide Stars – Javier Cacheiro Alemán und Filip Kvačák – in die Ballettmetropole im Ruhrgebiet.

Auch toll: Kammertänzer Filip Kvacak vom Ballett Dortmund, hier in „Le petit mort“ von Jiri Kylián. Foto: Leszek Januszewski
Aber das Leben ist nun mal nicht immer gerecht. Es kommt darauf an, das Beste draus zu machen. Auch, wenn man um Korrekturen nichtsdestotrotz kämpft. Das kann man auch vom Ballett immer lernen.

Rasant: Die „Tarantella“ von George Balanchine, mit Ana Torrequebrada und Louis Musin. Foto von der „Nijinsky-Gala LI“: Kiran West
Vom Vater des Neoklassizismus, George Balanchine (verstorben 1983) kann man hingegen absolut das Zaubern von bester tänzerischer Stimmung lernen! So brachte in Hamburg die „Tarantella“, mit Stilelementen des gleichnamigen italienischen Volkstanzes choreografiert, eine Menge Drive auf die Bühne. Louis Musin und Ana Torrequebrada bestanden beide das Affentempo dieser hitzigen Neofolklore im putzigen originellen Outfit. Da tat einem Ana allerdings anschließend Leid, als Louis gleich danach zum Primoballerino ernannt wurde, es für sie aber im Topf der Gehaltsbudgets offenbar nicht mehr reichte, um ebenfalls aufzusteigen. Wie gesagt: Drücken wir ihr die Daumen fürs nächste Mal!
Daumen drücken heißt es auch für Emilie Mazon. Die Hamburger Solistin, die sichtlich jahrelang unter Esstörungen litt (zunächst in Richtung Magersucht, dann in Richtung Fresssucht), beendet ihr Martyrium mit den mitunter etwas zu eng sitzenden Kostümen. Und so gern man sie auch auf der Bühne gesehen hat, so ist es sicher die richtige Entscheidung, dass sie nun Hamburg verlässt und in den USA eine Ausbildung zur Tanzpädagogin und Ballettmeisterin beginnen wird. Man muss ehrlicherweise sagen, dass sie, wäre sie nicht die Tochter von Gigi Hyatt, der Leiterin der Ballettschule vom Hamburg Ballett, wohl schon längere Zeit keinen Vertrag mehr als Tänzerin bei einem staatlichen Ballettensemble gehabt hätte. Es ist dennoch schade, sie als markante Darstellerin in Spitzenschuhen zu verlieren. Man hatte noch die Hoffnung, dass sich ihre Gewichtsprobleme einpendeln und aus ihr noch ein Star wird, was ihre Mutter im übrigen in Hamburg mal war.

Ein Bild aus den guten Tänzerinnentagen von Emilie Mazon: Hier 2018, rechts als Olympia, mit Alexandr Trusch als Armand (rechts) in „Die Kameliendame“ von John Neumeier. Foto: Kiran West
Die letzte Show mit Mazon bei der gestrigen Gala enttäuschte allerdings jeden, der richtig hinsah. Zusammen mit der phänomenalen Silvia Azzoni, die wohl auch mit 60 Jahren noch ein Primaballerina wie aus dem Bilderbuch sein wird, zeigte Emilie Mazon in Cordhosen und Herrenhemd ein belangloses Gymnastikduo von Neshama Nashman. Diese junge Choreografin stammt aus Kanada, kreierte den Paartanz in Stuttgart und arbeitet derzeit beim Ballett am Rhein. Am Ende des langen, oft langweilig synchron gesetzten Frauen-Pas de deux unterjocht hier die eine Frau die andere rigoros in sadistischer Weise, sodass diese – getanzt von Mazon – vor Schmerz rhythmisch stöhnt.
Ehrlich: Wenn man SM-Shows sehen will, kann man woanders hingehen. Die Reeperbahn bietet in Hamburg eine große Auswahl. Derart dissoziatives Verhalten zu benutzen, um etwa Bertolt Brechts These, von zwei Menschen sei immer der eine der Herr, der andere der Knecht, ad absurdum zu führen, ist einfach ekelhaft. Dass Lloyd Riggins dennoch eine Premiere mit Nashman bestreiten will, stimmt nicht eben hoffnungsvoll.
Viel besser wirkte dagegen das Bundesjugendballett (BJB), das ein definitives Highlight der Hamburger Gala bot, mit einem sakralen Werk. In memorian an den verstorbenen Musikdramaturgen Günter Jena trug das BJB einen Auszug aus der „Matthäus-Passion“ von John Neumeier vor: den Pas de deux von Jesus (früher vom Tänzer des Johannes getanzt) mit Magdalena und anschließend die Ensemble-Passage „Ich will Jesum selbst begraben“. Dieses Stück ist derartig intensiv und unter die Haut gehend, dass es unmöglich ist, sich abzuwenden oder ablenken zu lassen.
Zu zehnt tritt das BJB – das die offizielle, direkt vom Bundestag finanzierte Nachwuchstruppe von John Neumeier ist – hier auf und füllt (stets äußerst geschickt gestellt) die Bühne, als handle es sich um Dutzende von Tanzenden.
Mit Konzentration und Sicherheit in den Posen, aber auch durch ein besonders rücksichtsvolles Miteinander beglücken sie vollends. Und sie verleihen dem schon oft gesehenen Werk in dieser zahlenmäßig reduzierten Pocket-Version ihren eigenen Stempel. Davon hätte man gern mehr gesehen!

Unbedingt ein faszinierendes Highlight: Die „Matthäus-Passion“ von John Neumeier in der Pocket-Version fürs Bundesjugendballett auf der „Nijinsky-Gala LI“. Foto: Kiran West
Gern verzichtet hätte man hingegen auf die beliebigen gymnastischen Exzerpte zu Computersounds, wie sie von der kommerziell ausgerichteten chinesischen Choreografin Xie Xin kommen. Auch von Emma Portner, die derzeit als Nachwuchsstar herumgereicht wird, kommt nichts als langweiliges Abklatschen von längst bekannten Nonsense-Bewegungen, die durch Geschmeidigkeit im Wechsel mit Zackigkeit zu beeindrucken suchen.
Man stelle sich eine Reihe hingekleckste abstrakte Gemälde vor. So in etwa wirken diese Contemporary Choreografien, deren unmusikalische Untugend zudem jedem, der gebildet und wahrhaft musikalisch ist, auf die Nerven gehen.
Zum Glück für die Politik und die Sponsoren, die auf derart oberflächliches Zeug abfahren, gibt es aber genügend Menschen heutzutage, für die Kunst nichts als schneller Konsum ist. Laut, bunt, rein, raus, fertig. Ja, es gibt Leute, die das mögen. Ihnen wünschen wir viel Spaß, wenn Lloyd Riggins in der kommenden Spielzeit mit so etwas den Spielplan füllen will.
Ob die Unterhaltungskultur dann von Hamburger Tänzern kreiert wird oder von anderen Choreografen, ist dabei völlig schnuppe. Schlecht bleibt schlecht und dumm bleibt dumm. Aber, wie gesagt, Dummheit und Verdummung stehen ja gerade hoch im Kurs. Anscheinend ist Riggins immerhin so intelligent, das zu erkennen. Genügend Charakter, diesem dämlichen Trend zu widerstehen, hat er nicht.

Atemberaubend: Anna Laudere und Edvin Revazov in „Anna Karenina“ von John Neumeier. Foto von der „Nijinsky-Gala LI“: Kiran West
Immerhin aber bleibt Lloyd Riggins seinem Eid bei Amtsantritt – das ist satirisch formuliert – treu und zeigt fleißig weiterhin die grandiosen Ballette von John Neumeier. Auf der Gala brillierten Anna Laudere und Edvin Revazov mit dem Exil-Pas-de-deux aus „Anna Karenina“, während Charlotte Larzelere als Cinderella und Callum Linnane als Prinz das neue Traumpaar auf der Hamburger Ballettbühne bilden. Beide Szenen waren fantastisch durchgearbeitet, dennoch vorbildlich mit Leben erfüllt – was haben die Hamburger für ein Glück mit diesen Tänzerinnen und Tänzern!
Aber auch das Ballett Dortmund hat Einiges zu bieten. Es ist noch nicht so groß und berühmt wie das Hamburg Ballett oder das Stuttgarter Ballett, wie das Staatsballett Berlin oder das Bayerische Staatsballett. Aber das muss es auch nicht. Es hat eigene Qualitäten, die sich unbedingt anzuschauen lohnen. Dortmund liegt übrigens nur etwa drei Zugstunden von Hamburg und nur wenig länger von Berlin entfernt.
Mit der „Carmina Burana“ von Edward Clug und „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa machte das Ballett Dortmund in den letzten Monaten gleich zwei große Stiche im deutschen Premierenreigen. Wer sich diese Aufsehen erregenden Werke nie anschaut, hat wirklich was verpennt!
Und auch die diesjährige Dortmunder Gala zum Spielzeitende, die sowohl am letzten Samstag als auch gestern zu sehen war, bestach mit einer schlüssigen Mischung und hochkarätiger Ausführung.

Virtuos modern: Anna Tsygankova und Giorgi Potskhishvili von Het Nationale Ballet in Amsterdam tanzten Hans van Manen auf der 42. Internationalen Ballettgala vom Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski
Gäste kamen nach Dortmund, die man in Hamburg schmerzlich vermisste. Als da sind: Anna Tsygankova und Giorgi Potskhishvili (ach, die Künstlernamen…) von Het Nationale Ballet aus Amsterdam, die mit „Trois Gnossiennes“ vom modernen Stilklassiker Hans van Manen ebenso begeisterten wie mit einem delikat komplizierten, modernen Pas de deux von Rudi van Dantzig.
Weiter kamen Emily Bromberg und Rainer Krenstetter aus Miami, USA, in den Ruhrpott, um das „Adagietto“ von Renato Zanella zur Musik von Gustav Mahler höchst intensiv zu zelebrieren. Es ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem ungleich radikaleren Pas de deux gleichen Namens zur selben Musik von John Neumeier.

Sagenhaft: David Motta Soares und Haruka Sassa vom Staatsballett Berlin mit „Nurejew“ von Yuri Possokhov bei der 42. Internationalen Ballettgala beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski
Schließlich glänzten Haruka Sassa und David Motta Soares vom Staatsballett Berlin (SBB) mit zwei aufwühlenden Pas de deux, unter anderem aus „Nurejew“ von Yuri Possokhov. Das gehört zum Allerbesten, was das SBB derzeit zu bieten hat. Fehlte nur noch Leroy Mokgatle, die soeben den Daphne-Preis 2026 in Berlin erhielt und einen phänomenal androgynen Puck in Edward Clugs „Sommernachtstraum“ verkörpert.
Und als krönenden Abschluss brachte der Grand Pas de deux mit dem schwarzen Schwan aus „Schwanensee“ in der ganz klassischen Choreografie von Marius Petipa, getanzt von Kasumi Iwata und Luke Talirz vom Ballett Dortmund, die Stimmung nochmals erhaben auf den Punkt.

Der schwarze Schwan schmeckt nach Galaglanz: Kasumi Iwata und Luke Talirz vom Ballett Dortmund auf der 42. Internationalen Ballettgala. Foto: Leszek Januszewski
Obwohl die Gala ansonsten nur aus Stücken des 20. und 21. Jahrhunderts bestand, durfte so die Klassik, die zu einer Gala nun mal gehört wie eine Prise Bitternis in jede schöne Speise, am Ende triumphieren. Kein Wunder, dass die Zuschauenden mit strahlend glücklichen Gesichtern das Opernhaus verließen.
Will sagen: Das Ballett Dortmund muss sich nicht vor dem Ballett Hamburg verstecken, und angesichts der relativen auch räumlichen Nähe ist es eigentlich nicht zu verstehen, dass es hier nicht gelegentlich Kooperationen gibt. Zumal das Hamburg Ballett händeringend hochwertige (nicht hanseatische) Choreografen sucht, die das Ballett Dortmund hat, und das Ballett Dortmund sicher noch weiter aufblühen würde, wenn es mal in der Bewegungssprache von John Neumeier tanzen würde. Im Tausch würde das Hamburg Ballett mit einem Stück von Xin Peng Wang sicher eine sehr gute Figur machen. Und das Publikum erfreuen!
Übrigens sollte es ja jüngst eine Brücke in Menschengestalt geben, denn Alexandr Trusch war letzte Saison schon als Gaststar in Dortmund angekündigt. Aus Termingründen wurde dann aber nichts daraus, denn Trusch bereitet sich derzeit, wenn er nicht gerade selbst auf der Bühne steht oder seine Freundin Olivia Betteridge trainiert, auf sein erstes Hollywood-Abenteuer, einen Film über Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn, vor.

Ein Trio, das Furore machte bei der „Nijinsky-Gala LI“ vom Hamburg Ballett: Francesco Cortese, Futaba Ishizaki, Charlotte Kragh mit „La Ventana“ von August Bournonville. Foto: Kiran West
Dabei fällt mir ein: Es gab noch ein Highlight in Hamburg, das man nicht verschweigen möchte. Lloyd Riggins zeigte darin, was er kann, nämlich Choreos von August Bournonville einstudieren. Romantik im dänischen Stil – mit einem Trio aus „La Ventana“ („Das Fenster“) bezauberten so der sprungstarke Francesco Cortese, die leider etwas dauergrinsende Futaba Ishizaki und die herrlich temperamentvolle Charlotte Kragh. Wow! Warum nicht mehr davon? Zeit hätte es genug gegeben, müsste man nicht immer wieder den schlechten Geschmack von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, der einen Hang zur Dauergymnastik statt zu Ballett als Hochkultur entwickelt hat, bedienen.
Immerhin war in Hamburg auch die bemerkenswerte Gästin Anne Souder von der Martha Graham Company zu sehen, mit zwei leider recht kurzen Soli.
„Lamentation“ („Die Wehklage“) zeigt die Tänzerin, auf einer Sitzbank sitzend, als Gefangene ihres merkwürdigen Kostüms, eines Stretchmantels, der sie von Kopf bis Fuß umhüllt. Der Kampf Mensch – Materie hat hiermit einen eigenartigen, aber ausdrucksstarken Höhepunkt. Das Stück stammt übrigens von 1930.
Zwei Jahre später entstand das skurril-witzige, äußerst geistreiche Solo „Satyric Festival Song“, auch von Martha Graham entwickelt und posthum 1994 rekonstruiert. Spritzig hüpft hierin eine weibliche Person munter auf dem Platz herum, in bunt geringeltem, eng anliegendem Stretchdress, sodass sie an eine bewegte Skulptur aus der Zeit des Expressionismus erinnert. Welche Kraft, welcher Liebreiz, welche Gedankenvielfalt steckt da drin! Graham war ein Genie, das zeigten allein schon diese beiden Spitzen der diesjährigen „Nijinsky-Gala“.

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Benannt ist sie übrigens nach Vaslav Nijinsky, dem Tänzer aller Tänzer, wenn man den Mythen und den faktischen Innovationen im Ballett vor etwas mehr als hundert Jahren Glauben schenken will. Leider erinnerte an der Gala in diesem Jahr gar nichts an ihn. Vielleicht bekommt Riggins das beim nächsten Programmmachen ja hin.
Simon Hewett dirigierte indes wieder mit bewährtem, immer wieder überwältigendem Feingefühl die Hamburger Ballettklänge. Vor allem den Tschaikowsky zu „Anna Karenina“ bot das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit unübertrefflicher Differenziertheit. Ein echt harmonischer Sound, den so kein Computer der Welt hinbekommt!
Und nur, um zu zeigen, was möglich ist, seien hier noch weitere Highlights vom Gala-Programm aus Dortmund genannt:
„Sylvia“ in der Choreografie von Sir Frederick Ashton, getanzt von Haruka Sassa und David Motta Soares aus Berlin. Weltniveau, unbedingt, mit Grazie und hintergründigem Charme!

„The Blood of a Poet“: ein neues, gesamtkunstwerklich angelegtes Werk von Guillem Rojo y Gallego, zu sehen auf der 42. Internationalen Ballettgala beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski
Guillem Rojo y Gallego ist schließlich eine absolute Ausnahmeerscheinung im Ballett. Er ist Tänzer mit bemerkenswertem Charakterprofil, hat aber auch ein Buch mit eigener Poesie (auf Spanisch) herausgebracht. Und er choreografiert, und zwar aus Berufung, nicht aus dem Ehrgeiz, irgendwie noch weiter voranzukommen. Auf der Gala letztes Wochenende zeigte er, der zudem kürzlich den Prof. Balzert Preis 2026 erhielt, das Stück „The Blood of a Poet“ („Das Blut des Dichters“). Tanz, Technik, Zeitlupe und Gesang bilden hier ein kleines Gesamtkunstwerk, das sieben Tanzenden – darunter die hervorragenden Ballerinen Daria Suzi und Sae Tamura – Gelegenheit zu höchst ungewohnten Auftritten gibt. Da hat mal wer anspruchsvolle, unverwechselbare Ideen! Sucht Hamburg so etwas nicht gerade? Dazu müsste es allerdings den etwas billigen Lokalpatriotismus von Lloyd Riggins („Wir wollen Choreografen aus unserem Ensemble fördern“) fallen lassen.
Und auch „Bolero“, von dem überaus einfallsreichen Krysztof Pastor, dem Warschauer Ballettchef, kreiert, war auf der Dortmunder Gala originell und modern gemacht. Zur bekannt einschmeichelnden Rhythmik von Maurice Ravel gab es hier mal eine erlebenswerte Alternative zur berühmten Version von Maurice Béjart, getanzt von Marianna Suriano und Claudio Cocino vom Opernballett aus Rom.

Tödlich gut: „Carmen“ in einer Version von Jiri Bubenicek (der übrigens mal Startänzer beim Hamburg Ballett war) war auch auf der 42. Internationalen Ballettgala beim Ballett Dortmund zu sehen. Es tanzten die Gäste aus Rom. Foto: Leszek Januszewski
Apropos Béjart: John Neumeiers Huldigung an den mit ihm befreundeten Choreografiekollegen namens „Opus 100 – For Maurice“ sorgte auch auf der letzten „Nijinsky-Gala“ wieder für Ovationen. Alexandre Riabko und der etwas gealterte Marijn Rademaker waren dieses Mal die Interpreten.
Bleiben wir bei den Ähnlichkeiten der Programme. Denn auch in Dortmund gab es am Wochenende einen Pas de deux von George Balanchine zu sehen. Aber nicht die „Tarantella“, die Rainer Krenstetter übrigens mal hervorragend mit Tricia Albertson in Berlin vorführte. Nein, dieses Jahr zeigte Krenstetter mit seinem astreinen Mister-B-Stil mit Emily Bromberg den lakonischen Paartanz „Who cares?“ Die Musik dazu stammt von George Gershwin.
Gershwin, ja. Dieser 1937 in Hollywood verstorbene US-Komponist sorgte ja auch in Hamburg gestern Abend für den absoluten Pep, und zwar beim Ade mit „Shall We Dance?“ Aber das muss ich vielleicht gar nicht zweimal sagen.

Frohgemut beim Schlussapplaus nach der „Nijinsky-Gala LI“ am 5. Juli 2026: das Hamburg Ballett. Foto: Kiran West
Und bitte, fragen Sie das gelegentlich selbst: „Shall We Dance?“ Und fragt man sie, antworten Sie ganz einfach: „Ja, bitte!“ – „Yes, please!“ Tränen, etwa wegen der fraglichen Entwicklungen beim Hamburg Ballett oder auch aus Rührung in Erinnerung an die modernen Dortmunder Pas de deux, lassen sich am besten wegtanzen. Dann wird der Sommer hoffentlich noch schöner.
Gisela Sonnenburg / Anonymous
