Zwei tolle Prinzen weniger Mal im Frieden, mal im Streit: Prinzenschwund zum Ende der Saison beim Stuttgarter Ballett sowie beim Bayerischen Staatsballett in München – hier einige Hintergründe zu Julian McKay

"Le Parc" von Angelin Preljocaj

Erst gefeiert, dann gefeuert: Julian MacKay, hier in „Le Parc“ von Angelin Preljocaj – lyrisch, dynamisch, virtuos. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Nicholas MacKay, Julians Bruder

Das Publikum liebt sie, und als Erste Solisten schien ihre nahe Zukunft in Deutschland gesichert. Doch jetzt haben zwei Prinzen ihre Compagnien verlassen: Matteo Miccini verlässt das Stuttgarter Ballett und geht zu Les Ballets de Monte-Carlo zum dortigen langjährigen Ballettboss Jean-Christophe Maillot. Das ist nun ein geordneter Rückzug oder auch geplanter Umzug, und beim ehemaligen Neumeier-Tänzer Maillot versammeln sich in der Tat seit Jahrzehnten Ballerinos de luxe, wie aktuell Jacopo Bellussi. Zu diesen passt Miccini hervorragend, und man muss Monte-Carlo nun immer stärker empfehlen. Für Deutschland ist sein Weggang aber ein Verlust, denn Matteo Miccini brachte Farben und Nuancen gerade in bekannte Rollen der Cranko- und Neumeier-Klassiker, die nur er aufzubringen wusste. Noch gravierender und in manchen Medien schon ohne Hintergrundwissen skandalisiert ist hingegen der plötzliche Abgang von Julian MacKay in München. Der von seinem Werdegang her am meisten schillernde bisherige Erste Solist vom Bayerischen Staatsballett äußerte sich mehr oder weniger konfus in den Sozialen Medien über seine allerdings fast unglaubliche fristlose Kündigung am gestrigen Morgen. „So geht man mit Künstlern nicht um“, proklamiert der US-Amerikaner da. Man möchte ihn korrigieren: So geht man mit Menschen nicht um. Das Selbstverständnis von MacKay war indes nie bescheiden.

Prinzenschwund: Julian MacKay fristlos gefeuert

Waren kein überwältigendes Dreamteam auf der Bühne: Julian MacKay und Ksenia Shevtsova in „Die Kameliendame“ von John Neumeier. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Nicholas MacKay

So beschwerte er sich vor kurzer Zeit in den Sozialen Medien, dass er nicht die Hauptrolle des Armand in der für Freitag, den 10. Juli 2026, angekündigten Vorstellung von „Die Kameliendame“ von John Neumeier tanzen dürfe. Offenbar hatte Julian MacKay fest damit gerechnet. Doch statt dessen wurde er für diese Aufführung mit der zweiten Hauptrolle, der des Des Grieux, besetzt. Auch eine tolle Partie, möchte man meinen. Vor allem passt sie zum zarten, lyrischen Ballerino Julian MacKay ganz vorzüglich. Doch in seinen Posts erweckte MacKay den Eindruck, dass er damit absolut unzufrieden war und die Rolle des Armand dem nun dafür vorgesehenen – und für die Partie wirklich viel besser passenden – Prinzenkollegen Jakob Feyferlik nicht gönnen wollte.

Ein solches Verhalten ist im Ballett unüblich. Im festen Engagement muss man als Tänzer akzeptieren, wenn andere bei der Rollenverteilung mal den Vortritt bekommen. Das nennt man Kollegialität.

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Unkollegiale Eifersucht oder gar Neid – das ist nicht gerade das Fundament, auf das ein Erster Solist die Fortsetzung seiner Karriere bauen sollte. Julian MacKay aber war verwöhnt und fühlte sich immer als etwas sehr Besonderes. So absolvierte er seine Ausbildung an der Akademie vom Bolschoi-Ballett in Moskau, womit der eher schmächtig gebaute junge Mann sich beste Referenzen und eine Menge Know-how sicherte. Er wurde rasch ein Star, von Moskau und Sankt Petersburg aus. Bis 2022 tanzte er beim San Francisco Ballet und wechselte dann als Erster Solist zum Bayerischen Staatsballett in München. Mit der zarten Megaballerina Madison Young bildete er ein Traumpaar auf der Bühne vom Münchner Nationaltheater.

Young tanzt mittlerweile allerdings erfolgreich ohne ihn beim Wiener Staatsballett, und MacKay fand, so hatte man den Eindruck, keine neue Tanzpartnerin, die wie für ihn gemacht schien. Die Macht der Frauen…

Dass sein Bruder, Nicholas MacKay, als renommierter Ballettfotograf nicht nur für Julian, sondern vor allem auch für das Bayerische Staatsballett häufig tätig, Julians Position nicht wirklich festigen konnte, wurde nun offenbar. Und Julian fühlte sich zurückversetzt, unterdrückt, verachtet.

Prinzenschwund: Julian MacKay fristlos gefeuert

Solistisch toll, aber nicht immer kollegial: Julian MacKay als Armand in „Die Kameliendame“ von John Neumeier in München. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Nicholas MacKay

Dass es in einem Ensemble aber nicht nur auf solistische Virtuosität ankommt, mag bei Julian MacKay bisher noch nicht so angekommen sein. Dennoch hat man ihm fraglos übel mitgespielt.

Er beschwerte sich wegen seiner vermeintlichen Verächtlichmachung, sah darin einen „Missstand“, den er verallgemeinerte – und er verlangte, dass die Theaterleitung dem nachgehe, denn sonst werde er kündigen. Offenbar hatte MacKay viel Schaum vor dem Mund. Und diese Emotionalität – die er besser auf der Bühne gezeigt hätte – wurde ihm zum Verhängnis. Denn auf Erpressungen dieser Art reagiert man im oberen Kulturgefüge in Bayern nicht so gelassen. Julian MacKay erhielt prompt die fristlose Kündigung.

Die Sachlage ist klar: Man wollte den Störenfried loswerden. Was nun dran ist an seinen Beschwerden, und ob sie nur ihn oder auch andere betrafen, und was der Betriebsrat dazu sagt, liegt derzeit noch im Dunkeln.

Prinzenschwund: Julian MacKay fristlos gefeuert

Bravourös und hervorragend besetzt: Jakob Feyferlik als Armand mit Laurretta Summerscales als Marguerite in „Die Kameliendame“ von John Neumeier beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Mirjana Bernal

Fakt ist: Die Konkurrenzsituation ist überall groß im Land, auch unter den Prinzen im Ballett. Mit Jakob Feyferlik und Osiel Gouneo, Yonah Acosta und Jinhao Zhang hatte Julian MacKay starke Konkurrenz in München. Auch wenn seine Sprünge und Sprunglandungen exzellent und federleicht sind – unersetzbar ist er nicht. Und nach dem Weggang von Madison Young fehlte ihm, wie erwähnt, eine adäquate Partnerin auf der Münchner Bühne.

Es ist schade, dass sich jetzt wohl vor Gericht entscheiden wird, wie es mit einem ehemaligen Star des Bayerischen Staatsballett weitergeht. Julian MacKay hat, trotz aller Für-und-Wider-Argumente, vermutlich ganz gute Chancen, einen arbeitsrechtlichen Prozess gegen die Bayerische Staatsoper zu gewinnen oder einen akzeptablen Vergleich zu erzielen. Man wird ihm dann eine Abfindung zahlen müssen. Dass das Publikum ihn in absehbarer Zeit mit dem Bayerischen Staatsballett sieht, ist eher unwahrscheinlich.

Es wäre nicht der erste Prozess, den das Bayerische Staatsballett bzw. die Bayerische Staatsoper vor Gericht verliert. Und auch das Stuttgarter Ballett hat da schon unangenehme Erfahrungen gemacht.

Sollte MacKay in München aber Pech und keine gute anwaltliche Vertretung haben, wird ihn der arbeitsrechtliche Bann des Kapitalismus hart treffen. Immerhin hat er sich unverblümt bezüglich seiner Unzufriedenheit mit der Besetzung der „Kameliendame“ geäußert. Intern mag da noch mehr in diese Richtung gelaufen sein. Leider ist das heute oft so: Wer den Mund aufmacht, lebt gefährlich. Hoffen wir auf ein faires gerichtliches Verfahren!

Prinzenschwund: Julian MacKay fristlos gefeuert

Matteo Miccini probt hier noch beim Stuttgarter Ballett für die Prinzenrolle in „Schwanensee“ in der Version von John Cranko. Fabelhaft. Alles Gute für Monte-Carlo! Foto: Carlos Quezada

Hoffen wir derweil auch für Matteo Miccini, und zwar, dass er sich in Monte-Carlo gut einlebt. Auf jeden Fall wird er wohl zusätzlichen Besuch dort anlocken. Seine letzte Vorstellung beim Stuttgarter Ballett hat er indes am Sonntag, 26. Juli 2026, in der Rolle des Lenski in „Onegin“ von John Cranko. Als Gast an seiner Seite: Mackenzie Brown, die übrigens 2020 an der Académie Princesse Grace in Monaco ihren Abschluss als Tänzerin machte und bis zur letzten Spielzeit feste Erste Solistin in Stuttgart war. Ein solches Gastarrangement mit Madison Young in München hätte Julian MacKay dort vielleicht gerettet.
Gisela Sonnenburg

Prinzenschwund: Julian MacKay fristlos gefeuert

Matteo Miccini geht gelassen neue Wege: vom Stuttgarter Ballett (auf dem Foto tanzt er dort den „Sacre“ von Glen Tetley) nach Monaco. Alles Gute! Foto: Stuttgarter Ballett

https://www.stuttgarter-ballett.de/

https://www.staatsoper.de/staatsballett

https://www.balletsdemontecarlo.com/en

https://www.wiener-staatsoper.at

 

 

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