
Lenski nimmt tanzenderweise Abschied vom unbeschwerten Leben… In dieser Partie und mit deren Mondscheinsolo zur Harfenmusik ist Matteo Miccini nach gestern Abend – beim Stuttgarter Ballett in „Onegin“ – nur noch auf der Gala bei „Ballett im Park“ zu erleben. Superbe! Foto: Roman Novitzky
So ist das: Wir kommen und wir gehen, und wenn wir Glück haben, behält man uns in guter oder sogar in bester Erinnerung. Für zwei langjährige Stars vom Stuttgarter Ballett wird das jetzt Realität. Beste Noten in der Erinnerung sind ihnen beiden dabei sicher, obwohl ihre Karrieren höchst unterschiedlich verliefen. Zum Einen verabschiedete sich – erst gestern Abend – der Erste Solist Matteo Miccini nach elfjähriger Zugehörigkeit vom Stuttgarter Ballett. Als romantisch-verträumter, überschäumend-verliebter, auch sensibel-hitzköpfiger Poet Lenski drehte der gebürtige Italiener, der seit 2010 in Stuttgart ausgebildet wurde, in einer weiteren herzergreifend-furiosen Vorstellung des „Onegin“ vom Stuttgarter Ballettwundermacher John Cranko zur Freude des Publikums voll auf. Miccinis Partnerin Veronika Verterich brillierte ebenso wie er: als sinnlich-leichtlebige Muse der Liebe – im Gegensatz zu ihrer Libretto-Schwester Tatjana, die von Tiefsinn und Wissensdrang geprägt ist. Miriam Kacerova stellte sie mit emotionaler Verve und technischer Virtuosität dar, gerade auch in den bedeutsamen Pas de deux mit Titelheld Onegin, der von Martí Paixà mit schier fasslicher Sensitivität verkörpert wurde. Alexander Puschkin, von dem die Versromanvorlage „Eugen Onegin“ stammt, hätte ebenso seine Freude daran gehabt wie John Cranko, der 1973 viel zu jung mit 45 Jahren verstarb. In beider Sinn handelte Ballettintendant Tamas Detrich, der am Ende Blumen überreichte und Matteo Miccini mit einem lachenden und einem weinenden Auge nach Monte-Carlo verabschiedete. Dort wird Miccini seine Karriere als Ballerino fortsetzen. Aber Detrich steht demnächst ein zweiter Abschied ins Haus: Mit Angelika Bulfinsky geht nach 45 Jahren eine Ballettangestellte, die als Kind noch mit John Cranko selbst gearbeitet hat, in den Ruhestand. Am kommenden Mittwoch, den 29. Juli 2026, wird sie in „Mayerling“ ihren Abschied in Kostüm vom Stuttgarter Ballett begehen.

Mit schwarzem Diadem auf dem Haupt wird Angelika Bulfinsky nach 45 Dienstjahren beim Stuttgarter Ballett in den Ruhestand gehen. Ade! Und alle guten Wünsche für die letzte Vorstellung mit „Mayerling“ von Kenneth MacMillan! Foto: privat
Sie war zuletzt ein Star der Arbeit hinter den Kulissen: Bis so ein imposanter Ballettabend stattfinden kann, braucht man bei der Vorbereitung viele kompetent helfende Hände und Hirne. Angelika Bulfinsky wirkte zwar in den letzten Jahrzehnten häufig in Schreitrollen auf der Bühne, gestern Abend auch als Amme in „Onegin“. Aber vor allem leitete sie als Opernballettmeisterin die Statisterie und trommelte auch die Kinder der John Cranko Schule für deren Auftritte zusammen. Mehr als vier Jahrzehnte diente sie so dem Stuttgarter Ballett und sorgte mit aller Kraft für reibungslose Aufführungsabläufe.
Tamas Detrich schrieb an die Mitarbeiter vom Stuttgarter Ballett eine Würdigung Angelikas und charakterisiert sie darin als jemanden, der „immer mitdenkt und hilft, wo Hilfe gebraucht wird, immer 100 Prozent gibt und sich für nichts zu schade ist“. Auch bei Gastspielen im Ausland war die Bulfinsky unentbehrlich, weil sie die Statisterie mit den Protagonisten von vor Ort einstudierte: „Wir konnten uns absolut sicher sein, dass selbst in den schwierigsten Situationen am Ende jeder Statist und jede Statistin genau wusste, was er oder sie zu tun hatte.“ Wenn das kein tolles Lob eines Vorgesetzten ist!

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Man wünscht jeder und jedem Angehörigen vom Stuttgarter Ballett und gerade von der mitreißenden „Onegin“-Aufführung gestern eine solche Würdigung – und auch eine so gesicherte Zukunft, wie Angelika Bulfinsky sie hat.
Denn nicht nur die solistischen Partien, auch die Leistung des Ensembles und der Statisterie trugen galant und elegant durch den Abend.
Der begann für alle, die sich vorab informieren lassen oder ihre Kenntnisse auffrischen wollten, mit einer sehr profunden, zudem charmant vorgetragenen Einführung von Jennifer Schurr, der Pressesprecherin und Leiterin der Abteilung Kommunikation beim Stuttgarter Ballett.
Die besonders familiäre, dem Tanz und nicht dem eigenen Glanzauftritt verbundene Atmosphäre im Stuttgarter Opernhaus war im Vorfeld auch schon zu spüren.

Ballett als Liebestraum: Tatjana (Miriam Kacerova) tanzt mit Onegin (Martí Paixà). Foto vom Stuttgarter Ballett: Roman Novitzky
Wenn dann die Musik mit den schwelgerischen „Onegin“-Klängen beginnt – das Staatsorchester Stuttgart spielt unter der Leitung von Nathanaël Carré, der jung und dennoch nicht nur Dirigent, sondern auch Soloflötist, Lehrer und Arrangeur ist, ganz hervorragend – kommt man nicht umhin, sich in den cineastischen Sog ziehen zu lassen, der typisch für grandiose Ballette ist.
Die Grundlagen der Musiken hier stammen von Peter I. Tschaikowsky, Großmeister der Ballettmusik und der romantischen musikalischen Umarmung. Allerdings ist der Sound in „Onegin“ nochmals illustrierend potenziert, und das liegt an der Bearbeitung und Orchestrierung durch Kurt-Heinz Stolze.
Man ist damit in einer anderen Welt. Und fühlt zunächst mit den zwei Mädels Olga und Tatjana, die aus dem Landadel im zaristischen Russland stammen. Diese beiden Töchter der Madame Larina entdecken die Liebe, jede auf ihre Art. Olga ist bereits verlobt, mit dem schwärmerischen Dichter Lenski, während Tatjana den snobistischen Dandy Onegin kennenlernt und zunehmend von ihm fasziniert ist. Doch der an Weltschmerz und Überdruss, an Stolz und Arroganz Leidende stilisiert sich nur zum Idol, nicht zu einer liebenswerten Person. Ihren Liebesbrief zerreißt er vor ihren Augen – ihren schweren Kummer findet er nur lästig.

Ensemble und Solisten freuen sich über den Applaus nach „Onegin“ am 24. Juli 2026 beim Stuttgarter Ballett. Foto: Ballett-Journal
Olga ist da anders. Sie flirtet beim Festtanz herzlich gern, auch mit Onegin, was ihren Verlobten derart auf die Palme bringt, dass er seinen besten Kumpel Onegin zum Duell fordert. Dabei weiß niemand besser als Lenski selbst, dass er an der Waffe keine Chance gegen den erfahrenen, emotional unterkühlten Dandy hat.
Lenskis Solo nachts bei Mondenschein unmittelbar vor dem Duell ist einer der Höhepunkte in „Onegin“. Matteo Miccini tanzt die Cambrés und Arabesken inhaltlich seelenberührend und technisch superbe, und der Selbstausdruck eines Todessüchtigen wie Lenski, der anscheinend nur so den Konflikten, die er fürchtet, ausweichen kann, rührt zu Tränen.
Auch die Musik zelebriert hier Weltkunst, wenn die Harfe präzise und doch feinsinnig die komplizierte Gefühlslage des jungen Mannes begleitet. Was für ein wahr werdender Traum und Alptraum zugleich, mit so viel Tiefgang, wie man ihn in einem Ballett erwartet!
Miccini wird dieses Solo auch heute Abend bei der „Gala zum 20. Jubiläum von Ballett im Park“ tanzen. Gefühlt halb Stuttgart sitzt dann auf der Picknickdecke im Oberen Schlossgarten(oder dem, was davon blieb) vorm Opernhaus und schaut auf die Leinwand, auf der das Bühnengeschehen übertragen wird.

Es stimmt alles bis in die Fingerspitzen, ob in „Onegin“ oder in der „Kameliendame“ : Miriam Kacerova und Martí (Fernández) Paixà in „Die Kameliendame“ beim Stuttgarter Ballett. Foto: Stuttgarter Ballett
Das Gala-Programm ist übrigens erlesen – und fast ausschließlich klassisch und neoklassisch. Man ahnt: Das Publikum drinnen wie draußen wird gerade das lieben, aber wie! Das Stuttgarter Ballett präsentiert sich hier ohne Gäste (außer Mackenzie Brown, die aber steter Gast ist), dafür mit enormer Power. Bekannte wie neue Besetzungen werden die Herzen höher schlagen lassen, und die Emotionen auf der Bühne werden die Gemüter erheben.
Ausschnitte aus John Crankos „Onegin“ und der „Kameliendame“ von John Neumeier, aber auch aus „Mayerling“ von Kenneth MacMillan bilden die absoluten Highlights, flankiert von sportiveren Klassikgenüssen, etwa aus „Don Quijote“ und „Schwanensee“. Ein selten zu sehendes, zudem anrührendes Schmankerl wird die „Hommage au Bolshoi“ von Cranko sein, die von Anna Osadcenko und Jason Reilly als finales Juwel der Gala gegen 21.30 Uhr getanzt wird. Um 19 Uhr geht es los – und das gute Wetter soll halten.
Morgen wird dann die John Cranko Schule in ihrer diesjährigen Matinee in Stuttgart zeigen, was sie kann. Auch diese Schau wird live in den Park übertragen. Wenn sich solche fantastischen Events derart häufen, weiß man übrigens, dass sich die Saison ihrem Ende zuneigt. Der Zauber der Schlusshöhepunkte ist schließlich typisch für Ballett.

Er ist ein Snob, sie ein Backfisch, als sie sich zuerst begegnen: „Onegin“ (Martí Paixà) und Tatjana (Miriam Kacerova) vom Stuttgarter Ballett. Foto: Roman Novitzky
Auf einen solchen zielt auch „Onegin“ tanzdramaturgisch ab. Nachdem Solisten und Ensemble mehrere Bälle bestritten haben, im Garten folkloristisch-freudig den Sommer gefeiert haben, die Damen an den Händen ihrer Kavaliere unglaublich schöne Spagatsprünge diagonal über die Bühne gezeigt haben und allerlei Gefühlsverirrungen den intensiven Geschmack des Lebens illustrierten, treffen sich, zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung, Tatjana und Onegin wieder.
Sie ist nach Lenskis Duelltod in gute Hände gekommen und hat den Fürsten Gremin in Sankt Petersburg geehelicht. Aus der Landpomeranze wurde damit eine sozial hochstehende Persönlichkeit. Im so genannten Roten Pas de deux (nach dem Ballkostüm Tatjanas benannt, was den Stellenwert der legendären Ausstattung von Jürgen Rose betont) begeistern Miriam Kacerova und Roman Novitzky, die auch im realen Leben Eheleute sind: mit Zärtlichkeit, Ehrerbietung und einer vor allem respektvollen Liebe. Stetigkeit, Loyalität, Verbundenheit – diese Tugenden hätte ein Hagestolz wie Onegin wohl nie für Tatjana aufgebracht.
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Doch kaum erblickt er das traute Eheglück der beiden, packt ihn Eifersucht. Und er wird scharf auf Tatjana, in der Gewissheit, aus der Zeit ihrer frühen Jugend noch einen warmen Platz in ihrem Herzen zu haben. Und so besucht Onegin die Frau, die er einst so grob verschmähte, zu einer Stunde, da er sie alleine weiß.
Der Pas de deux, den sie dann tanzen, ist in der ganzen Ballettgeschichte unerreicht. Das Hin und Her, das Verführenwollen und Fastnichtwiderstehenkönnen, das schier endlose Begehren und doch Versagen der Erfüllung spiegeln sich hier musterhaft und mit einer Leidenschaft, die nur die bedeutendsten Tanzkunstwerke auszeichnet.

Sie sind später fast ein Paar – aber eben nur fast. Miriam Kacerova als Tatjana und Martí Paixà als „Onegin“ beim Stuttgarter Ballett. Foto: Roman Novitzky
Onegin küsst sie, erst zart von hinten am Hals, dann direkt und auf den Mund. Er umwirbt sie im Sprung, in der Drehung, am Boden, im Sitzen, im Stehen… Sie gibt nach, ein wenig, dann noch etwas, noch mehr – und doch reißt sie sich immer wieder trotzig los. Zwischendurch liegt sie vor Onegin flach, und er zieht sie hoch in einen mächtigen Sprung – es ist wohl der originellste Spagatsprung, den die Tanzgeschichte zu bieten hat. „Hexensprung“ kann man ihn nennen, denn er verströmt derart viel Magie, dass man an überirdische Kräfte denken muss.
Trotzdem verliert Tatjana nicht den Kopf. In der Romanvorlage von Puschkin hat sie mit Gremin zu diesem Zeitpunkt schon zwei Kinder, im Ballett „Onegin“ ist von diesen nichts zu sehen. Dafür hütet Tatjana hier intensiv die menschlichste Partnerschaft, die man sich nur denken kann – und die eben nicht aus gegenseitiger Erniedrigung oder gar aus Lug und Trug besteht, wie es mit der toxischen Macho-Männlichkeit von Onegin zu befürchten wäre.
Schließlich schickt sie Onegin denn auch kurzerhand zum Teufel. Obwohl er ja endlich all ihre Träume, die sie als junges Ding mit Tanz formuliert hatte, erfüllen könnte. Aber er kommt zu spät. Nicht nur zeitlich, sondern auch kausal. Weil er die Wunden, die er an ihr schlug, nur wieder neu aufreißen, nicht aber heilen kann.

Von der naiv-aufgeregten Stimmung von Olga (Veronika Verterich) ganz zu Beginn von „Onegin“ bleiben am Ende vor allem Schmerz und Sehnsucht. Foto vom Stuttgarter Ballett: Roman Novitzky
Die letzte Geste zeigt Tatjana allein, ihre Hände sind zu Fäusten geballt. Langsam, ganz langsam bewegt sie sie – um ihren Widerstand auch als Sieg über sich selbst zu kennzeichnen. Sie ist ein Mensch im Ausnahmezustand. Aber sie verliert nicht die Kontrolle über sich.
Die Musik tost. Onegin tobt da draußen wahrscheinlich irgendwo herum, und die Musik braust sowieso gefühlt maximal – was für ein Ballettereignis! Wer es noch nicht kennt oder lange nicht gesehen hat, sollte sich beeilen. Am Sonntagabend gibt es „Onegin“ noch einmal – und dann wieder ab September – in Stuttgart zu sehen. Und er wird nächste Saison auch wieder beim Semperoper Ballett in Dresden getanzt.
Zuvor aber begeistert das nächste große Highlight-Stück: „Mayerling“ von Kenneth MacMillan beim Stuttgarter Ballett. Und hier wird Angelika Bulfinsky ihren großen Schlussauftritt haben. Die Gefühle, mit denen man eine solche Vorstellung als Betroffene herbeisehnt und zugleich fürchtet, muss man erstmal verkraften. Hilfreich wird für Angelika – die sonst stets für andere da war und jetzt selbst froh ist, Unterstützung zu bekommen – sein, dass ihre Großfamilie von nah und fern für ihren letzten Abend mit dem Stuttgarter Ballett anreist. Die Stimmung dürfte also auch deshalb besonders intensiv werden.
Ballett, das ist Mitgefühl, Passion, Zusammenhalt, Läuterung. Wie großartig, dass es das noch gibt in dieser verkommenen Welt.

Tamas Detrich (in Turnschuhen) verabschiedet Matteo Miccini mit Blumen und Umarmung nach „Onegin“ vom Stuttgarter Ballett. Foto: Ballett-Journal
Ade, Matteo, weiterhin gutes Gelingen! Ade, Angelika – und viel Vergnügen bei den Spaziergängen mit dem Hund, die jetzt wohl länger werden.
Auf nach Monaco heißt es bald für Matteo Miccini. Auf zu „Mayerling“ von Kenneth MacMillan heißt es noch einmal, ein letztes Mal, am kommenden Mittwoch für Angelika Bulfinsky.
Und nicht vergessen: Fast jedem Abschied wohnt ein Zauber inne. Man muss ihn nur erkennen.
Gisela Sonnenburg / Anonymous
https://ballett-journal.de/semperoper-ballett-onegin-john-cranko/
