
Rienzi (brillant: Andreas Schager) wird verfolgt von der Trauer um seinen plötzlich verstorbenen Sohn. Videostill von der ard-Mediathek: Gisela Sonnenburg
Rienzi, der letzte Tribun, der mit fast tyrannischer Energie das alte Rom zu Demokratie und Freiheit führen wollte und gruselig scheiterte, sieht hier aus wie Bill Gates. Der Spitzentenor Andreas Schager, verschlankt und mit rötlichem Stirntoupet versehen, verliert zudem seinen bereits techniksüchtigen Sohn im frühen Teenie-Alter zur Ouvertüre an den plötzlichen Tod durch Keuchhusten. Trotzdem brüllt Rienzi dann im Wahlkampf kampfstark alles auf seine Seite. Doch später, viel später, irrt er verloren durch die leeren Straßen einer modernen Großstadt aus Betonbauten, und die Welt, die er glaubte, mal so gut gekannt, sogar beherrscht zu haben, kann er nicht mehr verstehen. Nicht wenige Wagnerianer mögen sich dank des Grünen Hügels mitunter so fühlen, wenn sie ihre Leib- und Magenmusik dort zu abstrusen Inszenesetzungen erklingen hören. So arg wie sonst manchmal ergeht es ihnen mit diesem „Rienzi“ in der Regie des ungarischen Damenduos Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka nun nicht. Da macht schon alles Sinn in dieser höchst gegenwärtigen Inszenierung, vieles darin hat Hand und Fuß – und doch fehlt die Botschaft, die berühren und nachdenklich machen könnte.
Ein Machtmensch, der es vorgeblich gut meint, scheitert. Das ist schön und gut, aber sozusagen nicht abendfüllend. Alle Nebenstränge der Handlung haben aber nicht genügend Auftrieb, um selbständig wirksam zu sein. Sie sind halt doch nur Deko hier, wie auch all die fein nuancierten Beziehungskonflikte, die doch nur ins Nichts führen.
Eine andere Interpretationsmöglichkeit ist origineller: Rienzi, der ewig trauernde Vater, der letztlich an seinem verdrängten Verlustschmerz zu Grunde geht, ähnelt Bill Gates und somit der modernen Computermacht an sich. Leider wird genau dieser Aspekt, der im ersten Bild recht deutlich zu erkennen ist, später nicht weiter verfolgt. Damit hätte die Inszenierung eine Chance gehabt, ein Konzept vollständig zu offerieren. Vielleicht hätte das den jetzt fehlenden Kick gegeben.

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Frappierend hingegen ist, dass der „Rienzi“ überhaupt bei den Bayreuther Festspielen zur Premiere gebracht wurde (und zwar gestern). Denn Wagner höchstselbst wollte sein unausgegorenes Frühwerk, das Protz und Dramatik, nicht aber Vielschichtigkeit und Mythologie, auf Teufel komm raus übt, niemals im hehren Kulturtempel des Festspielhauses von Bayreuth aufführen lassen.
Im Jubiläumsjahr – dem 150. Jahr des fantastischsten Festivals der Welt – musste es nun aber doch sein, das befand zumindest Katharina Wagner, die aktuelle Chefin der Festspiele qua Geburt, denn sie ist Urenkelin von Richard Wagner und war früher auch eine geistreiche Regisseurin. Leider hörte sie 2015 nach ihrem „Tristan“ in Bayreuth auf, Opern zu inszenieren.
Seither bemüht sie sich um Tiere, Menschen, Sensationen. Dieses Jahr zum Beispiel wird nicht nur der „Rienzi“ als Regelverstoß zu sehen sein, sondern auch der „Ring“, der traditionell bei diesen Festspielen zum Kerngeschäft gehört. Er wird 2026 nicht in einer Inszenierung gezeigt (weder in einer alten noch in einer neuen), sondern als KI-gestütztes Experiment. Wirklich. Gesungen wird aber schon live.
Damit geht es aber erst heute Abend los, und die Ausstrahlungen dessen auf einigen Plattformen im Internet sind kostenpflichtig. Auf was man sich da einlässt? Man muss selbst wissen, was man sehen will und was nicht.
Kostenlos und darum gut für die Bildung aller Neugierigen ist hingegen der Livestream der gestrigen Premiere von „Rienzi“, der noch 28,5 Tage in der ard-Mediathek online steht. Kameraführung und Tontechnik haben sich nicht lumpen lassen – man bekommt ein vollwertiges, auch gut ausgeleuchtetes Theaterspektakel serviert.

Lesbische Liebe einer Ehefrau: der Alptraum aller Hetero-Machos, hier in „Rienzi“ mit Gabriele Scherer als Irene (rechts) und Jennifer Holloway (als Adriano) zu sehen. Videostill von der ard-Mediathek: Gisela Sonnenburg
Außer Andreas Schager in der Titelrolle brillieren – bis zum Untergang des Tribuns Rienzi – Gabriele Scherer als seine Gattin Irene sowie (nur am Anfang etwas schrill) Jennifer Holloway in der Hosenrolle des Adriano, der zunächst als Sohn eines Widersachers von Rienzi zu diesem überläuft, dann aber ein Verhältnis mit Irene anfängt. Dass es sich hier den Bildern nach um eine deutlich lesbische Liason handelt, verstärkt die Pikanterie der Sache. Schon dieser Alptraum aller Hetero-Machos könnte Rienzi ja ins Straucheln bringen…
Für Klamauk sorgt zudem die Ersetzung einer wunderbar ausführlich gedachten Balletteinlage durch auf Satire getrimmte Wagner-Szenen im Slapstick-Format. Die drei Rheintöchter, Siegfried und Brünnhilde, der Schwanenritter Lohengrin und Wagner selbst als goldenes Kind wuseln da in einem Affentempo hin und her und bringen einen wirklich zum Schmunzeln. Ein Raumpfleger mit total equipment trägt dann die Realität herein.
Es sind wirklich viele Einfälle, die die beiden Regisseurinnen, die auch die erlesene, teils bildgewaltige Ausstattung kreierten, hier vortragen lassen.
Tiere dürfen da nicht fehlen. Tauben – einzeln oder im Schwarm – bilden hier das Sinnbild der letzten Natur an den Betonburgen und sind, freundlich und zugetan, auch als die besten Freunde der vereinsamten Stadtmenschen zu verstehen. In ästhetischen Schwarzweiß-Bildern und -Videos scheinen sie das Bühnen-Tohuwabohu um „Rienzi“ genauso neugierig zu beäugen, wie wir es tun. Tauben sehen übrigens rund 30 Mal besser und schärfer als der Mensch, allerdings fehlt ihnen das räumliche Sehen. Ihre freundliche, nicht aggressive Art macht sie zu Hütern der Zivilisation, während Menschen Kriege führen, Wälder abfackeln und sich gegenseitig vergewaltigen.

Tauben als die letzten Freunde aus der Natur, hier vor allem für die vereinsamten Großstadtmenschen in ihren Betonburgen: zu sehen im ersten Bayreuther „Rienzi“. Videostill von der ard-Mediathek: Gisela Sonnenburg
Wagner hätte es sicher gefallen, Gegenstand so vieler auch naturbezogener Ideen zu sein. Und wenn man den Steinbruch, den sein „Rienzi“ sowohl szenisch als auch musikalisch bedeutet, genießen mag, so ist die Aufzeichnung vom BR, also der ard, eine hervorragende Lösung, um den Bayreuther Stress und das Gerangel um Tickets zu meiden.
Man sollte dabei aber im Hinterkopf haben, dass Richard Wagner sich selbst gut einzuschätzen wusste. Und auch, wenn die versierte Dirigentin und Kontra-Altistin Nathalie Stutzmann im „mystischen Abgrund“ (dem Orchestergraben) alles gibt und fast alles aus den Künstlern herausholt, so ist „Rienzi“ eben doch kein „Meisterwerk, wie Stutzmann es sich wünscht. Brillante, gar geniale melodische Motive und zarte Momente der Schönheit gibt es dennoch zuhauf zu entdecken in den fast vier Stunden.
Also: Ran an den streamigen Speck, solange er noch online steht!
Gisela Sonnenburg

Klamauk statt Balletteinlage: Wagner-Opern im satirischen Schnelldurchgang, zu sehen in „Rienzi“ von den Bayreuther Festspielen. Videostill von der ard-Mediathek: Gisela Sonnenburg