
Tänzerische Kunst zum Entdecken: „Der große Verwundete“ stammt von Georg Minne, noch aus dem 19. Jahrhundert, von 1894. Zu sehen in der großen Cassirer-Schau in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg
Kunst, ob Tanz, Musik, Literatur, Film oder bildende Kunst, kann hochjubeln und runterziehen, schönreden und niedermachen, verherrlichen und in den Abgrund stoßen. Kunst kann eine Botschaft vermitteln – oder sie auch zunichte machen. Kunst kann erfreuen und erzürnen. Kunst ist immer härter als das Leben und dennoch zugleich erhebend. Sie kann verniedlichen, brachialisieren, die Wahrnehmung ändern. Sie kann sensibilisieren. Oder auch abhärten. Langfristig glücklich machen oder sofort frustrieren. Der Berliner Galerist Paul Cassirer, der eigentlich – von der Neigung her – Literat war und eigentlich Schriftsteller werden wollte, wusste das auch. Er gründete, zusammen mit seinem Cousin Bruno Cassirer, eine Galerie in Berlin, die rückblickend in den Rang eines großen Museums aufstieg. Denn Paul Cassirer hatte den entscheidenden Mut und den notwendigen Instinkt für die Weltkunst, zudem das Talent fürs Management sowie – durch sein begütertes Elternhaus – das nötige Kapital, um seine Visionen umzusetzen. Die Alte Nationalgalerie in Berlin ehrt ihn nun mit einer groß angelegten Schau zu seinem 100. Todestag. Josephine Klinger, Kuratorin der Ausstellung, und Co-Kuratorin Franziska Lietzmann gelang damit ein überaus sehenswerter Coup.
Die Entwicklung der bildenden Kunst rund um den Impressionismus wird dabei spielerisch deutlich.

„Miss La La im Zirkus Fernando“ von 1897 von Edgar Degas: ein Schlüsselbild zur Darstellung der darstellenden Künste. Zu sehen in „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“. Foto: Gisela Sonnenburg
Am 7. Januar 1926 verstarb Cassirer, kurz vor seinem 55. Geburtstag, die Greuel der Nazis somit nicht mehr miterlebend. Aber die Umstände seines Todes waren tragisch bis skurril, dazu später mehr. Er stammte aus Breslau, studierte Kunstgeschichte in München und gründete mit seinem Cousin 1898 die zunächst gemeinsam geleitete Galerie in Berlin-Tiergarten, den „Kunstsalon Cassirer“, nebst einem Buchverlag, den Bruno Cassirer später alleine führte. Paul blieb solistisch im Kunsthandel tätig: so aufsehenerregend wie erfolgreich. Die Kunst, die er und die ihn bekannt machte, spiegelte die fortschrittliche Kunstauffassung seiner Zeit; es war der Beginn der Avantgarden.

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Der Maler Max Liebermann, Jude wie Cassirer, war darin ein Magnet, der für Zulauf sorgte. Aber man muss bedenken, dass der Impressionismus, also die zarte, verwaschene Abbildung von Realität wie von Illusionen, noch keine anerkannte Kunstrichtung in Deutschland war. Aus Frankreich kommend, wurden die stimmungsvollen, damals noch ungewohnten Bilder oft als „Zumutung“ empfunden. Allen Ernstes beanstandeten Kritiker den „Mangel an Ausarbeitung“ – das ist so, als wolle man dem „Boléro“ von Maurice Ravel eine Überbetonung des Rhythmus vorwerfen.

Die Bronzefigur „Krieger und Genius“ von Georg Kolbe entstand 1905, vor den Weltkriegen – und scheint eher ein Spiel als den blutigen Ernst zu beschreiben. Zu sehen in der großen Cassirer-Schau in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg
Rhythmisch wirken auch viele gemalte Details in den Werken der Impressionisten. „Der Fliederstrauß“ von Édouard Manet, der um 1882 entstand, lässt die kleinen weißen Blüten von Fliederrispen sich wie aufgereihte Perlen unter ihrer eigenen Last beugen. Helles Licht fängt sich in ihnen, bringt das Gestrüpp zum Glitzern. Synästhetisch gesagt: Als Melodie erkennt man dazu tröpfelnde, lyrische Klänge, auf der Basis von kräftigen Bässen, die sich im Wasserglas mit den Blumenstängeln versinnbildlicht finden.

„Die Orchestermusiker“ von Edgar Degas, dem großen Ballerinenmaler, ist ein Klassikerbild unter den Impressionisten. Zu sehen in „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“. Foto: Gisela Sonnenburg
Auch die Naturauffassung von Max Liebermann war sozusagen musikalisch. Kräftig wiegen sich die Äste der Laubbäume, durch die sich der „Blick auf den Wannsee mit Segelbooten“ öffnet, im sommerlichen Wind. Von Edgar Degas stammen im Vergleich dazu „Die Orchestermusiker“ von 1872, und hier übernehmen die Köpfe und Celloschnecken der Musiker die Funktion der Bäume: Man späht über sie hinweg und entdeckt so die sich verbeugende Ballerina, aus einer bestimmten Perspektive heraus. Strahlend heiter, aber auch entrückt, nachgerade irreal wirkt sie im gleißenden Rampenlicht gegen die düsteren Schatten der Musiker. Kunst als Schule des Entdeckens.

Vincent van Gogh, zu Lebzeiten völlig verkannt, wurde später zum stilistischen Vorbild für viele Künstler. Hier sein Selbstbildnis von 1887. Zu sehen in der großen Cassirer-Schau in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg
Die Ausstellung spannt den Bogen weit. Nicht nur klassischen Impressionismus wie ein Selbstbildnis von Vincent van Gogh zeigt sie, sondern auch Parallel- und Nebenströmungen. Vom Realismus und Symbolismus bis hin zum Expressionismus. Darin wirkt die „Familie Rumpf“, 1901 gemalt von Lovis Corinth, wie eine Sozialstudie. Die Künstlergattin, Ehefrau des Malers Fritz Rumpf, ist als Mutter mit den Kindern zu sehen. Sie blickt eher konsterniert als fröhlich drein. Man konnte damals leicht von heute auf morgen verarmen, und diese Angst scheint sich im Gegenlicht des Bildes unausgesprochen mit zu präsentieren.

Ein Revolutionsbild von Ludwig Meidner von 1912/1913, das sowohl eine Rückschau als auch eine Antizipation der Novemberrevolution von 1918/1919 ist. Foto: Gisela Sonnenburg
Ludwig Meidner malte 1912/13 die „Revolution“ als Barrikadenkampf, mit tapferen Verwundeten. Nachgerade hellsichtig wirkt das Bild, denkt man an die Novemberrevolution von 1918/19. Von Paul Cézanne stammen hingegen Versuche, die Arbeitswelt in Gemälde zu fassen. Fischer hantieren mit Gerätschaften, Hafenarbeiter mühen sich am Quai in Paris mit Lasten. Sie fügen sich in die jeweilige Landschaft ein, als seien sie Bestandteile einer inszenierten Kulisse.

Hier ein Blick ins „Varieté“ von Karl Walser, der 19103/1904 entstand. Welch eine laszive Keckheit! Foto: Gisela Sonnenburg
Aber auch Portraits gibt es in vielen Formen und Formaten. „Im Sommer“ von Auguste Renoir zeigt seine Liebste in freier Natur, von der Hitze erschöpft, tief dekolletiert. Sehr sinnlich. Und noch ein keckes Mädchen gibt es: Im „Varieté“ von Karl Walser charmiert eine Tänzerin, lasziv über die Schulter schauend. Max Slevogt malte dagegen ein Kind aus dem Cassirer-Clan – Paul Cassirers Tochter – inmitten der Spielwelt. Und der Bildhauer Georg Kolbe schuf 1925 eine Bronzebüste von Paul Cassirer, die ihn im Jahr vor seinem Tod als honorigen Bürger zeigt.

Pfirsiche – ein auf den zweiten Blick tiefsinniges Sujet der Sinnlichkeit. Claude Monet malte um 1866 „Das Pfirsichglas“, zu sehen ist es in der Cassirer-Schau in der Alten Nationalgaleriein Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg
Privat hatte Paul Cassirer allerdings wenig Glück. Seine Einsätze im Ersten Weltkrieg hatten Traumata hinterlassen, die er durch einen intensiven Lebensstil zu verdrängen suchte. „Dionysisch“ sei er, urteilte der Bildhauer Ernst Barlach. Tatsächlich wollte Cassirer solider leben, als es ihm gelang. Seine erste Ehe wurde geschieden, der Sohn Peter starb 1919 durch Suizid. Die zweite Ehe – mit der Bühnendiva Tilla Durieux – führte zum Freitod von Cassirer selbst, weil Tilla sich scheiden lassen wollte. Nachdem er vor ihren Augen beim Notar sein Testament unterschrieben hatte, ging er ins Nebenzimmer und schoss sich in die Brust. Die Scheidungspapiere hatte er nicht unterzeichnet. Was außer dem Verlustschmerz noch hinter seiner Depression steckte, weiß man nicht. Aber Zufall war es wohl nicht, dass Cassirers Tochter – das Kind auf dem Bild von Slevogt – Psychoanalytikerin wurde.

Bernhard Echte, hier vor dem Porträt von „Harry Graf Kessler“ von Edvard Munch (1906), ist ein hervorragender Cassirer-Experte. Foto: Gisela Sonnenburg
Der zeitweise illustren Ehe der prominenten „Gesellschaftstiere“ Paul und Tilla spürt ein Vortrag der Expertin Daniela Gregori am 2. September 2026 in der Alten Nationalgalerie nach. Diese mittwochs stattfindenden Veranstaltungen unter dem Motto „Das Universum Cassirer“ sind – als kurzfristig anberaumtes Rahmenprogramm – ohne Anmeldung und kostenfrei zu besuchen. Sie ermöglichen auch eine Stunde lang vorab (von 18 bis 19 Uhr) den kostenlosen Besuch der Ausstellung. So ein Geschenk ist passend zum Jubiläumsjahr auch des Gebäudes der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel, denn dieses wird heuer 150 Jahre alt.
Die Reihe beginnt heute, am 12. August 2026, mit dem Podiumsgespräch „Hinter den Kulissen der Forschung – Paul Cassirer als Unterstützer der Avantgarden“. Außer der Kuratorin Josephine Klinger und der Museumsdirektorin Anette Hüsch nimmt auch der Literaturwissenschaftler und Ausstellungsmacher Bernhard Echte teil. Echte publizierte zusammen mit dem Verleger und Kunsthändler Walter Feilchenfeldt die sechsbändige Ausstellungsgeschichte des Kunstsalons Cassirers.

Sie genießen ihr kurzes Leben, in Kalkstein sind sie ohnehin lange überlebensfähig: „Ruhende Schafe“ von August Gaul von 1901. Zu sehen in „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg
Solche didaktische Hilfe ist bei der Rezeption der Ausstellung sinnvoll. Denn die Fülle der über 150 Exponate macht es fast schwierig, den Geist jener Zeit auf eine Essenz einzugrenzen. Aber mit den Tierskulpturen von August Gaul, die sich wie ein Leitmotiv durch die Ausstellungsräume ziehen, entdeckt man auch einen Künstler, der weniger auffallend, dafür aber empathisch arbeitete. Das Credo von Paul Cassirer erfüllt sich auf jeden Fall: Kunst kann fast alles.
Gisela Sonnenburg

Die Totenmaske von Paul Cassirer in Gips fertigte der Künstler und Expressionist Georg Kolbe an. sie betont die noblen Züge des privat so unglücklichen Galeristen. Foto aus der Cassirer-Schau in der Alten Nationalgalerie in Berlin: Gisela Sonnenburg
Bis 27. September 2026 in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Di – So, 10 bis 18 Uhr. Kostenloses Rahmenprogramm: ab heute, 12. August. Mehr auf: https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/alte-nationalgalerie/ausstellungen/detail/cassirer-und-der-durchbruch-des-impressionismus/