
In „Diamanti“ geht es auch um ein traumhaftes rotes Abendkleid, das den Stil des 18. Jahrhunderts für einen Film im Film zitiert. Foto: missingFILMs
Italien. Im Sommer. Es lebe die Liebe! Die Schönheit! Die Mode! Und im Rom der 70er-Jahre gibt es ganz besonders viel davon. Hier spielt „Diamanti“ („Diamanten“), worin es um eine Gruppe von achtzehn Näherinnen in einem Modeatelier geht, die auf eine besondere Art Kleidung spezialisiert sind: auf Kostüme für Filme. Rom, Kino, Cinecitta – bei vielen Menschen entstehen sofort Bilder von Sinnlichkeit und Lebenslust. Aber die rassige, rothaarige Alberta (Luisa Ranieri), die zusammen mit ihrer ruhigeren Schwester das Atelier leitet, hat einen bedeutungsvollen Auftrag für einen historischen Film angenommen, und der spielt im 18. Jahrhundert. Dessen Stil will Alberta quasi neu erfinden, und in dieser Aufgabe verliert nicht nur sie sich beinahe selbst. Dazu gibt es noch eine Rahmenhandlung, deren tieferer Sinn sich erst ganz am Ende zeigt, wenn aus einem Kind ein erwachsener Mann geworden ist. Denn um die Liebe geht es eben auch, aber menschliche Beziehungen werden nicht nur von der Schokoladenseite gezeigt.
Im Gegenteil: Regisseur Ferzan Özpetek gelingt es, in die nostalgischen Reminiszenzen um exotische Kleidungskreationen eine deftige Prise Sozialkritik zu integrieren. Auch diese ist, wie der Film insgesamt, den italienischen Frauen und ihrer Energie des Lebens gewidmet. Denn eine der Näherinnen wird von ihrem Ehemann misshandelt und gequält, flieht vor ihm ins Atelier, kehrt zu ihm zurück, muss das bitter bereuen, und als er schließlich angeblich vom Zigarettenholen nicht mehr wiederkommt, wissen alle, süffisant grinsend, Bescheid: Der Bösewicht endete im Brunnen des Wohnblocks.

Frohsinn und eine quirlige Stimmung herrschen im Modeatelier in den 70er-Jahren in Rom vor. So zu sehen in „Diamanti“. Foto: missingFILMs
Eine andere Frau bringt ihr Kind mit zur Arbeit. Alberta ist gar nicht erbaut davon. Streng urteilt sie, der Junge habe im Atelier nichts verloren, seine Mutter müsse eine andere Lösung für ihn finden. Also wird das Kind fortan vor Albertas Blicken im Hinterzimmer, einer Art Lagerraum, versteckt – mit der Anweisung, bei einer Stichkontrolle in eine Kiste zu klettern. Zur Belohnung fürs stille Mitmachen erhält der Bube eine Glaskugel mit einem roten Fisch darin.
Rot ist auch die Farbe, die die wichtigste Modekreation des Films auszeichnet. Ein flammendes, fast grelles, hoch sinnliches Rot umhüllt hier als Abendkleid eine Filmdiva. Statt Diamanten glänzen dekorativ geknüllte Bonbonpapierhüllen wie Juwelen auf den Rüschen und Applikationen.
Und dann ist Alberta wie vom Schlag getroffen: Leonardo erscheint, und ihn kennt sie aus ihrer Vergangenheit. Es muss, der Reaktion beider nach, eine große Liebe gewesen sein. Die Luft brennt zwischen ihnen, die Blicke gehen hin und her, und Leonardo (Carmine Recano) verschlingt Alberta regelrecht mit den Augen.

Die Schauspielerinnen aus „Diamanti“ applaudieren ihrem Regisseur und Drehbuchautor Ferzan Özpetek. Mit Charme und Stil! Foto: missingFILMs
Zurück zur Rahmenhandlung: Ein Regisseur und Drehbuchautor hat eine Schar interessanter Schauspielerinnen auf seine Terrasse eingeladen, und an einer langen Tafel sitzend, lesen sie sein neues Drehbuch. Für authentisches Flair ist gesorgt: Ferzan Özpetek spielt sich selbst, und weil er seit seinen Zeiten als Student in Rom lebt, verkörpert er das Weltmännische und Internationale der italienischen Metropole auf ganz natürliche Weise.
Im Rom der 70er-Jahre zählt dann wieder die Fantasie der Frauen, aber auch das Zwischenspiel, das die Liebe manchmal in unserem Leben ganz spontan einnimmt. Es gibt aber auch Knatsch: Leonardo schickt Alberta Blumen, erfolglos. Der beauftragende Filmdesigner ist auch unzufrieden, und zwar mit der Umsetzung seiner Entwürfe durch die Näherinnen. Zwischen Alberta und ihrer Schwester Gabriella (Jasmine Trinca) kommt es sogar zum großen Streit.
„Non è normale!“ Das ist nicht normal! Nein, normal ist hier nichts, denn es ist ja auch ein wunderbar quirliger, dann wieder andächtiger, mal knallbunter, dann wieder ganz zarter Film. Geprägt wird er aber nicht nur vom ästhetischen Regieblick von Özpetek, sondern auch von der perlenden Sprache des Italienischen.
Der Film ist nämlich außer in deutscher Synchronisierung auch im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen, und das prickelnde, singende, rhythmische Italienisch mit seinen knallenden Konsonanten und den klingenden Vokalen – zumal von den wohl modulierenden Frauenpowermündern gesprochen sprich geträllert – macht einfach nur Spaß.
Die Stimmen der Damen kulminieren denn auch tatsächlich ab und an in Musik: Guiliano Taviani und Carmelo Travia schufen musicalreife Chansons mit dem Biss, dem Charme und dem Herz des Italo Pop. Da mag man kaum ruhig sitzen bleiben!
Auch das typisch italienische, warmherzige Familienleben gibt es hier, ebenso die um Freunde und Bekannte erweiterte Großfamilie. Ist das Leben nicht wunderbar? Immerzu scheint dieser Film das beweisen zu wollen, wiewohl er zugleich trotzig aufbegehrt: auch wenn nicht alles Gold ist, was glänzt.

Alberta (Luisa Ranieri) und Gabriella (Jasmine Trinca) sind zwei sehr verschiedene Schwestern. Zu sehen in „Diamanti“ von Ferzan Özpetek. Foto: missingFILMs
Die Gefühle von Leonardo zum Beispiel sind letztlich dann doch von Bequemlichkeit und Routine gefangen. So kommt es zu keinem Happy End mit Alberta, wohl aber zu einigen Augenblicken des ruhigen Miteinanders in der Natur.
Rote, wilde, schöne Kleider gibt es übrigens gleich mehrere in „Diamanti“, aber nicht sie, sondern die kraftvollen Frauen sind hier mit dem Titel im übertragenen Sinne gemeint. Unzerbrechbar ist ihr Kern, ihre Freundschaft, ihre Kraft, ihre Liebe… auch die zu ihren Kindern.
Und so ergibt sich ganz am Ende eine der gefühlvollsten Szenen, wenn ein Erwachsener eine Glaskugel mit einem roten Fisch in die Hand nimmt. Es gilt: Nicht verpassen!
Gisela Sonnenburg
„Diamanti“, Regie: Ferzan Özpetek, startet am 3. September 2026 in den deutschen Kinos. Am 2. September, also am Abend zuvor, gibt es eine Preview im Kino Babylon in Berlin-Mitte
