
Als Frau und als Schwarze nutzt sie den Tanz als befreienden Akt: Germaine Acogny, Tänzerin, Choreografin, Pädagogin, hält sich nicht an Konventionen. Zum Glück nicht! Das zeigt eindringlich auch die neue Filmdokumentation „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ von Marie-Greta Becker. Foto: CALA Film / farbfilm verleih
Sich freitanzen. Als Frau. Als Schwarze. Germaine Acogny, vor rund 82 Jahren im Benin geboren, hat genau das getan – und aus dem Tanz ihre Lebensaufgabe gemacht. Sie kommt zwar vom Sport und dem Ballett, hat dann aber eine eigene Technik entwickelt (die Acogny-Technik), um traditionelle afrikanische Tänze mit zeitgenössischem Bühnentanz zu verbinden. Mit ihrem deutschen Ehemann Helmut Vogt gründete sie im Senegal die am Ozean gelegene „École des Sables“, die „Schule der Strände“, in der sowohl in einem herkömmlichen Tanzsaal als auch in einem Saal mit Sandboden gelehrt wird. Sich freizutanzen, auch in der freien Natur am Meer, ist eine zentrale Prämisse in ihrer Lehre. Vielen Tanzschaffenden, Profis wie Laien, hat Germaine diesen Spirit vermittelt, und sie wurde so zu einer Ikone des afrikanischen Tanzes. Als „Mutter des afrikanischen zeitgenössischen Tanzes“ wird sie sogar gefeiert. Und als die junge, auf dekoloniale Strukturen spezialisierte deutsche Filmemacherin Greta-Marie Becker die lebende Legende Acogny traf, war die junge Frau auf Anhieb beeindruckt. Sie beschloss, nach ihrer Dokumentation über mehrere Generationen von Musikern („The Whisper of Miramba“) ihren zweiten abendfüllenden Film über diese Pionierin des Tanzes zu drehen: „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ ist ein sensibles Portrait der Tanzkünstlerin, die 2021 in Venedig auf der Tanz-Biennale einen Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk erhielt und zuletzt 2025 in Paris in einem avantgardistischen Solo als Josephine Baker auftrat. Am 28. Mai 26 – am 82. Geburtstag der Titelheldin – kommt die außergewöhnliche Doku von Becker in die deutschen Kinos.
Tanzen am Strand! Tanzen im Sand! Das gehört zu Germaine Acongny wie die Barre ins Ballett. Als sie am 28. Mai 1944 in Porto-Novo, der Hauptstadt vom Benin, als Tochter eines senegalischen Kolonialbeamten geboren wurde, gab es in Westafrika allerdings weder eine klassische Bühnentanztradition noch eine Pflege des zeitgenössischen Tanzes. Seit 1948 lebte die Familie dann im Senegal, wo Germaine sich im Erstberuf zur Sportlehrerin ausbilden ließ. In Paris entdeckte sie dann das Ballett und die klassische Tanztechnik für sich. Und schon 1968 gründete sie in der senegalischen Hauptstadt Dakar ihre erste eigene Tanzschule. Sie war fantasievoll, begabt, kommunikativ – und nicht gewillt, ihre selbstgesetzte Lebensaufgabe zu vernachlässigen.

Nicht nur mit Maurice Béjart, auch mit Angelin Preljocaj arbeitete Germaine Agnocy, die „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“. Foto von ihr auf der Homesite vom Ballet Preljocaj: Antoine Tempé / Faksimile: Gisela Sonnenburg
Als sie den weltbekannten modernen Ballettchoreografen Maurice Béjart kennenlernte, gab er ihr einen entscheidenden Auftrieb. Zusammen mit dem Dichter und Politiker Léopold Sédar Senghor wurde in Dakar ein Ableger von Béjarts belgischem Schulprojekt Mudra gegründet: Mudra Afrique. Und Germaine Acogny übernahm von 1977 bis 1982 dort die künstlerische Leitung.
Aus finanziellen Gründen wurde die Schule geschlossen, und Acogny unterrichte weiter in Frankreich. Von dort aus organisierte sie, teils zusammen mit Béjart, internationale Workshops in afrikanischem Tanz.
Elsa Wolliaston, bei der viele Tanz- und Schauspiel-Profis im deutschen Sprachraum den afrikanischen Tanz erlernten, und Ivo Ismael, der wie Wolliaston bereits verstorben ist und zuvor ebenfalls autodidaktisch seinen Weg der Vermittlung afrikanischer Tanzbewegungen fand, waren ideelle Gefährten von Acogny, die sich allerdings nicht gemeinsam organisierten. Zu wenig war das für die drei erfolgversprechend. Und so agierten diese drei in Europa wirkenden Koryphäen des Afrodance überwiegend unabhängig voneinander.
Germaine Acogny fand dann während der Workshoparbeit in Frankreich in dem Frankfurter Bänker Helmut Vogt einen Lebenspartner, mit dem sie zunächst in Toulouse und dann, 1998, im Senegal ihre Schulen gründete. Ihre immer noch existente, berühmte „École des Sables“ entstand 50 km von Dakar, nahe des Fischerdorfs Toubab Dialaw: zwischen der Savanne und dem Ozean.

Gesprächsszene aus „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ von Marie-Greta Becker: Germaine Acogny mit ihrem Lebensgefährten Helmut Vogt, in den sie sich vor vielen Jahren bei einem Workshop in Frankreich verliebte. Foto: CALA Film / farbfilm verleih
Die Korrespondenz mit der Natur, mit der eigenen – inneren – wie mit der landschaftlichen, also der äußeren, ist für Germaine Acogny außerordentlich wichtig. Denn für sie ist Tanz ein heiliger Akt, eine, wie Béjart es nannte, „heilige Geste“. Die Verbindung zu den Ursprüngen des Lebens und des menschlichen Seins ist da grundlegend für das tänzerische Tun.
Senghor, der die Künste und gerade auch den Tanz so förderte, war ab 1960 der erste Präsident im Senegal, nachdem die koloniale französische Vorherrschaft geendet hatte. Germaine Acogny als eine vornehmlich Geförderte entwickelte sich zu einer internationalen Tanzkoryphäe aus dem Senegal, die seit mehr als fünfzig Jahren um den Globus reist, um ihre Botschaft des Tanzes zu verbreiten.
Sie spricht darüber nicht ganz so ausdrucksstark, wie sie tanzt. Aber ihr Lachen und ihre Gestik sind im Film so expressiv, dass man sie vollauf versteht und ihre künstlerische Arbeitsweise nachvollziehen kann. Und wenn wir ihre Schülerinnen und Schüler am Strand tanzen sehen, wird deutlich, dass dieser Ansatz, Tradition und Gegenwart zu verbinden, einmalig und in seiner befreienden Wirkung unüberbietbar ist.

Sie sind am Meer – und sie tanzen! So zu sehen in „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ von Marie-Greta Becker. Foto: CALA Film / farbfilm verleih
Greta-Marie Becker fing mit zarter, aber bestimmter Hand die filmischen Eindrücke ein. Sie ist selbst multikulturell bestimmt, wuchs in Deutschland und Ecuador auf. Sie studierte in Wien, bis zum Master in Gender Studies, dann holte sie sich 2019 in Köln ihr Diplom in Filmregie.
Germaine Acogny ist für die junge, aufstrebende Regisseurin eine einzigartige künstlerische Persönlichkeit, deren Energie reichhaltige Inspiration bietet.
Becker über Acogny: „Was mich, als wir einander kennenlernten, zutiefst berührte, waren nicht nur Germaines furchtloser Geist, ihre Kraft und ihre Entschlossenheit – sondern auch ihr ungebrochener Wissensdurst, ihre Offenheit für Neues und ihre Bereitschaft für Austausch über alle Grenzen hinweg.“ Mehr noch: Acogny sei „eine Künstlerin, die unaufhörlich performt und choreographiert, die tänzerische Bewegungen erforscht und entwickelt hat – und die nicht zuletzt die vielleicht bedeutendste Tanzschulen auf dem afrikanischen Kontinent gegründet hat.“

Germaine Acogny erhielt 2021 den Goldenen Löwen der Tanz-Biennale in Venedig. Ähnlicher Erfolg ist dem Film „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ von Marie-Greta Becker zu wünschen. Foto: CALA Film / farbfilm verleih
Da wird es wirklich höchste Zeit, dass wir dank dieses Films „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ mehr über die großartige Germaine erfahren, als wir bisher wussten. Es ist ein Film, der Tanz verstehbar macht. Bleibt noch eine Frage: Was soll der mit auffallend viel Frauenpower entstandene Film, bei dem lediglich ein Co-Produzent und der Komponist Fabrice Bouillon LaForest männlich sind, uns vor allem übermitteln?
Laut Regisseurin Becker ist das ganz klar Germaine Acognys „fester Glaube an die Kraft der Tanzkunst, das Leben zu verändern“. Voilà!
Gisela Sonnenburg
Kinostart: 28.05.26
http://farbfilm-verleih.de/filme/germaine-acogny-die-essenz-des-tanzes/?context=cinema