
Einst lebendig, jetzt fürs Museum Heineanum präpariert: Die Vogelwelt lockt zur Ausstellung in den Halberstädter Domschatz. Er ist die weltweit zweitgrößte Sammlung eines mittelalterlichen Domschatzes nach dem Vatikan. Foto: Ulrich Schrader
Sie sind die Boten der Liebe, die Erwecker der Sehnsucht und ein Zeichen von Hoffnung: Vögel. Im Mittelalter sah man sie als Vermittler zwischen Gott und den Menschen, zwischen Himmel und Erde. Ob ihrer Leichtigkeit boten sie sich auch als Sinnbild der Seelen – streng genommen: der geretteten Seelen – an. Darum lockt jetzt eine sinnige Ausstellung nach Halberstadt in denDomschatz: „Stoffe mittelalterlicher Vogelwelten“ heißt die Schau und bietet ein Crossover von historischen Textilien und Präparaten. Hierzu kooperieren die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, die den Domschatz Halberstadt bewacht, mit dem Vogelkundemuseum Heineanum, das ebenfalls in Halberstadt angesiedelt ist. Weil die Deutsche Bahn die Strecken nach Halberstadt nicht immer gut bewältigt, wird ausnahmsweise die Anreise mit dem PKW oder mit dem Flugzeug – über Leipzig oder auch Hannover – empfohlen. Das gilt auch für die Anfahrten zu den spannenden Aufführungen, die das TanzArt ostwest Festival in diesem Jahr verspricht: Vom 05. Juni bis zum 14. Juni 26 zelebrieren sechzehn ausgewählte, international gemischte Compagnien ihren Stil, ihre Message, ihr Miteinander. Den Beginn macht die Triple Bill „Auf Flügeln des Tanzes – ein choreografisches Manifest“ mit dem zum Harztheater gehörenden Ensemble TanzHarz, und diese Premiere nebst Uraufführungen ist zugleich der Beginn der diesjährigen Domfestspiele in Halberstadt. Korrespondierend mit der hehren Gotik des Domes als Spielort wird dort zeitgenössischer Tanz in drei verschiedenen choreografischen Handschriften geboten. Danach heißt es dann an den Wochenenden des Festivals in Halberstadt und auch in Quedlinburg sowie inWernigerode sowohl nachmittags wie abends: Bühne frei für den Tanz! Ballettchef Tarek Assam verspricht: „Wir mixen wie wild, um den Besucherinnen und Besuchern eine vielfältige und abwechslungsreiche Show zu bieten.“

Blickt optimistisch in die Zukunft, ohne die Probleme der Gegenwart zu verdrängen: Tarek Assam, Ballettdirektor vom TanzHarz und Künstlerischer Direktor vom Festival TanzArt ostwest. Foto: Ray Behringer
„Auf Flügeln des Tanzes“ – das Motto dieses Titels bezieht sich auf die Brückenschläge, die auch die Ausstellung zur Vogelsymbolik im Domschatz meistert. Der Vogelflug und der Tanz, beide eint die scheinbare Schwerelosigkeit, das Streben nach Freiheit, das Entdecken neuer Territorien. In der ägyptischen Mythologie steht übrigens der Vogel Phönix als Sinnbild der Erneuerung für Wiedergeburt und Unsterblichkeit.
Oft sollen Vögel in den verschiedensten Kulturen aber auch einfach Mut machen, Neues zu entdecken – oder eigene Potenziale zu entfalten. In Krisenzeiten macht das Gezwitscher mit der intensiven Kommunikation von Vögeln Hoffnung, gibt Kraft. Jung und Alt verbindend, wirken Vögel zudem familienfördernd. Der Bogen der möglichen Assoziationen ist also weit gespannt.

„Wellenbrecher“ heißt das zweiteilige Programm, das Beatrice Bodini und Tarek Assam für das Ensemble TanzHarz erstellten. Foto: Rolf-K. Wegst
„DaDaFam“ heißt das erste Stück des Abends, choreografiert von Matteo Mirdita. Er ist derzeit noch als Tänzer im Engagement, wird aber ab kommender Saison als freischaffender Choreograf unterwegs sein. Umso mehr legt er von seinen spezifischen Tanzzeichen in diese Uraufführung. Der Titel seines Stücks erinnert spielerisch an den Dadaismus, der sich mit „Dada“ kürzelte, und die dritte Silbe im zweiten Teil des Kunstwortes „DaDaFam“ mahnt die Abkürzung für „Familie“ an. Möglicherweise sieht man also, wie eine vielleicht etwas schräge Kleingesellschaft sich so aufführt – mit tänzerischen Mitteln, logischerweise.
Das zweite Stück, „Flock“ betitelt, stammt von Alex Kros, einem in Belgien lebenden griechischen Choreografen und multidisziplinären Künstler. Er mischt gern die Sparten mit filmischen Elementen, und dass er einst an der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet wurde, merkt man seinem Stil nur noch bedingt an. Er hat übrigens auch noch einen Bachelor of Arts in Wirtschaft, zusätzlich zu Abschlüssen in Schauspiel und Regie. Mit ihm kommt also eine rundum ausgebildete Avantgarde auf uns zu!

„Macbeth“: ein eindrucksvolles zeitgenössisches Shakespeare-Ballett von Tarek Assam zur Jazzmusik mit dem Johannes Wasikowski Jazz Quartett. Foto: Rolf K. Wegst
Das dritte Stück widmet sich schließlich den Flügeln der Liebe, und es stammt vom tänzerischen Gastgeber, dem Harzer Tanzdirektor Tarek Assam. „Caesar’s Love“ ist der Titel, was mit der Musik der Oper „Julius Caesar“ von Händel zusammenhängt, denn diese wird hier zum Einsatz kommen. Mit der schönen Kleopatra wird es aber nicht genug sein – es geht laut Assam um viele verschiedene assoziative choreografische Bilder, die einen geistigen Spaziergang im Sinne des Konzepts erlauben.

„Macbeth“ von Tarek Assam: Mord mit Schottenrock und Live-Jazz. Foto: Rolf K. Wegst
Tarek Assam, der in Oberbayern als Diplomatensohn geboren wurde, verbindet schon in seiner Person Deutschland und Ägypten, deren Staatsbürgerschaften er beide inne hat. Als Ballettdirektor, der zuvor Tänzer war, blickt er zudem auf rund zwanzig Jahre Erfahrung am Stadttheater Gießen zurück. Das Ensemble TanzHarz leitet er seit 2022.
Mit seinen sinnlich-sinnstiftenden Handlungs- und Themenballetten hat Tarek Assam sich als Tanzschöpfer einen sehr guten Namen gemacht. Zurzeit begeistert sein zu Live-Jazz getanzter „Macbeth“ in Halberstadt, in welchem Assam die Brachialität der Geschichte mit vielen psychologischen Details des Shakespeare-Dramas verbindet.

Szene aus „Wellenbrecher“ von Beatrice Bodini und Tarek Assam, getanzt von Lukas Ziegel und Marianna Pavento. Foto: Rolf-K. Wegst
Das Festival TanzArt ostwest, dessen Künstlerischer Leiter er derzeit ist, hat Assam vor genau 25 Jahren zusammen mit acht weiteren Ballettdirektor(inn)en gegründet: um Künstlerinnen und Künstler die Schranken zwischen den verschiedenen Spielarten des zeitgenössischen Balletts in Ost- und Westeuropa überwinden zu lassen. Mittlerweile hat sich die Ostwest-Achse aber ausgeweitet und eine Nordsüd-Achse hinzugenommen. Und so tanzen Compagnien aus sechzehn verschiedenen Städten beim Festival 2026 auf. Sie kommen unter anderem aus Prag (in Tschechien), Verona (in Italien), Alicante (in Spanien), Kawasaki (in Japan), aber auch aus Bremerhaven, Kassel und natürlich dem Harz (also aus Deutschland).
Höhepunkte werden die beiden Aufführungen der Großen Internationalen Tanzgala am 12. und 13. Juni 26 in Halberstadt und Quedlinburg sein, bei der alle eingeladenen Ensembles ihre getanzte Visitenkarte abgeben.

Ein fantastischer Ort für Kultur: der Halberstädter Dom. Foto: Ulrich Schrader
Aber auch die Werkschau, die zwei Mal am 6. Juni 26 im Dom in Halberstadt läuft, wird besonders interessant sein. Denn hier führt Tarek Assam, wie bei einer Werkstatt, erläuternd durch einzelne Szenen des Programms „Auf Flügeln des Tanzes – ein choreografisches Manifest“. Die Frage, ob und wie man Luft, als Sinnbild für das Unsichtbare und Visionäre, tanzen kann, wird hier gestellt werden.

Synchrones Pas-de-deux-Doppel aus „Wellenbrecher“ von Beatrice Bodini und Tarek Assam vom TanzHarz. Foto: Rolf K. Wegst
Der letzte Termin des Tanzfestivals wird am 14. Juni 26 im Busdepot Wernigerode stattfinden: mit einer Tanzperformance zum 25-jährigen Jubiläum von TanzHart ostwest.
Da kann man nur sagen: Nichts wie hin – und gern mal woanders hinschauen als immer nur in die großen Metropolen!
Gisela Sonnenburg
https://www.tanzart-ostwest.de
https://www.dom-schatz-halberstadt.de

Adlerauge und historische geistliche Gewänder und Gobelins: Die Ausstellung „Stoffe mittelalterlicher Vogelwelten“ im Halberstädter Domschatz vereint verschiedenste Exponate. Foto: Ulrich Schrader