Triumph des Handlungsballetts Zufall oder Schicksal? Von "Giselle" bis zur "Kameliendame": Zum Saisonbeginn zeigen die großen deutschen Compagnien nur Handlungsballette – und eine Gala

"Giselle" mit Tumult-Szenen

Eine große Liebe wird beim Staatsballett Berlin glaubhaft verkörpert: Haruka Sassa als „Giselle“ mit David Motta Soares als Herzog Albrecht in der Staatsoper Unter den Linden. Foto vom Schussapplaus: Gisela Sonnenburg

Wer hätte das gedacht? Mitten in Zeiten, in denen zunehmend inhaltsarme Gymnastiktänze zu elektronischer Musik aufgeführt werden, triumphiert ein paar Wochen lang das klassische und moderne Handlungsballett: mit Kostümen, Figuren, nachvollziehbarer Handlung, ausdrucksstarken Choreografien und natürlich klassischer Musik. Denn zum Saisonstart in diesem September zeigen alle großen Compagnien – ob Zufall oder Schicksal – zunächst mal Handlungsballette und, mit dem Ballett Dortmund, dann noch eine Gala. Los geht es am Samstag, 12. September 26, mit „Giselle“ in der unverwüstlichen Inszenierung von Patrice Bart beim Staatsballett Berlin. Die bewunderungswürdigen Stars Haruka Sassa und David Motta Soares tanzen die Hauptpartien, während der fulminante Märchensound des Dirigenten Robert Reimer mit der romantischen Musik von Adolphe Adam aus dem Orchestergraben strömt. Ein hinreißender Saisoneinstieg, auch wenn er am selben Tag wie das ab mittags 12 Uhr tobende „Eröffnungsfest“ in der Staatsoper Unter den Linden stattfindet und das Haus am Abend möglicherweise etwas derangiert sein wird. Kleiner Tipp: Ab 15.30 Uhr wird eine einstündige Probe mit Neubesetzungen für „Giselle“ auf der Bühne gezeigt. Die große Vorstellung aber beginnt separat um 19.30 Uhr. Am folgenden Tag, am Sonntag, dem 13. September 26, heißt es dann um 18 Uhr beim Hamburg Ballett: Leinen los für „A Cinderella Story“ von John Neumeier, die in der neuen Besetzung mit der bezaubernden Charlotte Larzelere und dem in Hamburg neuen Startänzer Callum Linnane ein Traumpaar des modernen Balletts auftanzen lässt. Larzelere ist eine neuen Ersten Solistinnen in Hamburg und Linnane hat bereits als „Nijinsky“ sein außerordentlich großes Können gezeigt. Später im Monat wird noch der „Tod in Venedig“ nach Thomas Mann, auch von John Neumeier, in Hamburg zu sehen sein, auch ein großartiges Handlungsballett, bevor beim Gastspiel der Hanseaten in Baden-Baden etwas vorwinterlich „Der Nussknacker“ (auch von John Neumeier, auch ein Handlungsballett) aufgeführt wird. Und auch in der Hauptstadt geht es gen Monatsende mit einem weiteren Handlungsballett weiter: Die Madame „Bovary“ nach Gustave Flaubert von Christian Spuck steht wieder auf dem Plan.

A Cinderella Story ist eine Liebesgeschichte mit Problematiken.

Einerseits ist die Vater-Tochter-Beziehung hier intim, andererseits lässt der Vater es zu, dass Cinderella zur Dienstmagd der Familie degradiert wird. So zu sehen in „A Cinderella Story“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Im Bild tanzen Lloyd Riggins und Hélène Bouchet. Foto: Holger Badekow

Ein Handlungsballett, das nur zur Erinnerung, zeichnet sich durch eine konkrete Handlung aus, die, ähnlich einem Schauspiel, von erkennbaren Rollen ausgeübt wird. Das Libretto zeichnet dabei die Entwicklungen vor, und das konkrete Sujet wird allenfalls mit Vor- und Rückblenden, Parallelhandlungen oder Traumeinlagen verlassen. Tanz und Mimik verschmelzen hier zu einer oftmals filmartigen Performance, die die Zuschauer innerlich mitreißt und emotional stark berührt. Gerade „Giselle“ ist eines der ersten Blüteballette des romantischen Zeitalters und kann – wiewohl es als Zweiakter zwei verschiedene Welten vorführt – als Prototyp eines Handlungsballetts gelten. Die Einheit von Zeit und Ort, wie noch beim antiken Drama, ist im Handlungsballett allerdings kein Muss mehr.

Ein wahres Knüllerballett ist nun das Handlungsballett „Onegin“ von John Cranko, und darum wird es  auch gleich von zwei großen Ensembles zum Saisonbeginn gezeigt: ab dem 18. September 26 beim Semperoper Ballettin Dresden und ab dem 25. September beim Stuttgarter Ballett. Auf die verschiedenen Besetzungen kann man sich ebenso freuen wie auf die herrliche Musik von Peter I. Tschaikowsky, die Kurt-Heinz Stolze neu arrangierte und zum cineastischen Megasound machte. In diesem Kalenderjahr dirigiert zudem Simon Hewett, ausgewiesener Meisterballettdirigent, das tolle Stück in Dresden.

"Onegin" mit Matteo Miccini und Angelika Bulfinsky beim Stuttgarter Ballett

Ballett als Liebestraum: Tatjana (Miriam Kacerova) tanzt mit Onegin (Martí Paixà) – aber vorerst nur in der Fantasie. Foto vom Stuttgarter Ballett: Roman Novitzky

In Stuttgart alternieren hingegen Wolfgang Heinz und Nathanel Carré am Taktstock. Auf die wechselnden tänzerischen Besetzungen darf man gespannt sein. Gleich das nächste Knüllerballett zeigt dann das Bayerische Staatsballett in München, ab dem 20. September 26: „Die Kameliendame“ vom Tanztycoon John Neumeier. Auch hier wurden die Besetzungen noch nicht bekannt gegeben. Aber man darf davon ausgehen, dass das Stück, das in München – wie in Hamburg, Stuttgart, Moskau und Paris – eine bedeutsame  Aufführungstradition hat, von den verschiedenen Tänzerpersönlichkeiten profitiert.

Ebenfalls am Sonntag, dem 20. September 26, zeigt die Dortmunder Jugendcompany, das NRW Juniorballett, die zeitgenössische „Romeo“-Version eines Handlungsballetts – frei nach Shakespeare – namens „Radio and Juliet“ von Edward Clug. Und zwar nicht im großen Haus, sondern im Rahmen des Festivals FATT im Salzlager in Dortmund. Die 43. Internationale Ballettgala vereint dann, am letzten diesjährigen September-Wochenende (am 26. und 27. September), das Ensemble vom Ballett Dortmund mit internationalen Stars zu einem hochkarätigen Fest der Tanzfreude.

"Frida" beim Ballett Dortmund

Sae Tamura, ab jetzt „Tänzerin des Jahres“ 2026 in Dortmund, hier als „Frida“, im Farbenmeer der Inszenierung von Annabelle Lopez Ochoa beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski

Bleibt noch herzlich zu gratulieren, und zwar Sae Tamura, die in der vergangenen Saison vor allem als „Frida“, also als mexikanische Malerin Frida Kahlo reüssierte. Sie  wurde vor wenigen Tagen vom Theater Dortmund und von Jas Otrin, dem aktuellen Chef vom Ballett Dortmund, zur ersten Dortmunder „Tänzerin des Jahres“ gekürt. Warum diese freundliche Preisvergabe nach Saisonende und vor Saisonbeginn stattfand, ist unklar. Vielleicht schaffen es die Helden der Preisvergabe im nächsten Jahr, die Aufmerksamkeit des Publikums für diese Sache mit einem geschickteren Zeitpunkt besser zu steuern.

Ansonsten heißt es: Ran an die Buletten sprich an die Tickets, denn so viele tolle Handlungsballette wie zu dieser schönen, theateraffinen Jahreszeit gibt es nicht alle Tage!
Gisela Sonnenburg

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