Festliches mit Erotik und Pfiff Von spritzig bis dramatisch: Das Bayerische Staatsballett zelebriert die Ballettfestwoche 2026

"Common Ground" beim Bayerischen Staatsballett

Stachelig, aber witzig: „Cacti“ von Alexander Ekman beim Bayerischen Staatsballett im Programm „Common Ground“. Foto: Nicholas MacKay

Die Fans vom Bayerischen Staatsballett haben jetzt die beste Zeit des Jahres, denn die Ballettfestwoche 2026 läuft. Am letzten Samstag begann sie mit der Premiere „Common Ground“ („Gemeinsame Basis“), und tatsächlich vereinen die darin gezeigten drei Stücke von Alexander Ekman („Cacti“), Johan Inger („Impasse“) und Jiří Kylián („Bella Figura“) hintergründigen Witz und charmantes Spiel-im-Spiel. Die beiden Rahmenstücke sind zudem bereits Klassiker des zeitgenössischen Balletts und waren in Deutschland schon häufiger zu sehen, so beim Semperoper Ballett und beim Staatsballett Berlin. 25 Jahre umreißen die drei jetzt in München gewählten Stücke als Zeitspanne. „Cacti“ von 2010 kommentiert dabei mit viel Spaß an der Parodie und am Absurden den Kunstmarkt, indem die Protagonisten tanzenderweise lauter Kakteen in Blumentöpfen stolz präsentieren. „Bella Figura“ von 1995 wiederum stellt Frauen mit blankem Busen zu bauschigen roten Röcken auf die Bühne – ob als Befreiung oder als erotischen Anreiz, sei mal dahingestellt. Ingers „Impasse“ („Sackgasse“) wiederum, das 2020 für die hochkarätige holländische Nachwuchstruppe NDT II (Nederlands Dans Theater II) entstand, kommentiert tänzerisch die Folgen der sexuellen Emanzipation einer Frau, die sich zwischen mehreren Anwärtern nicht so richtig entscheiden kann und sich daraus aber einen lustigen, aufgeschlossenen Lifestyle mit viel Gruppengefühl entwickeln lässt.

"Common Ground" beim Bayerischen Staatsballett

„Impasse“ ist gar nicht mal so unangenehm: Johan Inger spielt mit der Freiheit der Frauen, zu sehen in „Common Ground“ vom Bayerischen Staatsballett. Foto: Nicholas MacKay

Nach diesem spritzigen Auftakt konnte es nur hoch intensiv weitergehen: mit „Onegin“ von John Cranko in der Glanzbesetzung mit Osiel Gouneo in der Titelpartie, woraufhin heute Abend „La Sylphide“ mit Laurretta Summerscales und Jakob Feyferlik folgen wird. Edel und tragisch zugleich sind beide Ballette, jedes auf seine Weise – „Onegin“ ist dabei deutlich vielschichtiger und weniger eindeutig in der Melancholie, während „La Sylphide“ von Beginn an den nicht nur emotional-moralischen, sondern auch existenziellen Untergang der männlichen Hauptperson thematisiert. Natürlich auf absolut romantische Art und Weise…

"Onegin" beim Bayerischen Staatsballett

Die Hebungen in „Onegin“ sind Ausdruck der Zweierbeziehungen, auch in der Traumwelt. Hier Laurretta Summerscales und Osiel Gouneo vom Bayerischen Staatsballett. Foto: Emma Kauldhar

Osiel Gouneo und Jakob Feyferlik, diese beiden gegensätzlichen und doch beide so starken männlichen Stars vom Bayerischen Staatsballett – die man sich im übrigen auch mal in einem neoklassischen Männer-Pas-de-deux etwa von Maurice Béjart oder Kenneth MacMillan, von John Neumeier oder von Yuri Possokhov wünschen würde – sie rocken das Festival.

"Waves and Circles" beim Bayerischen Staatsballett

Osiel Gouneo im „Boléro“ von Maurice Béjart – zum Niederknien schön, beim Bayerischen Staatsballett zu sehen. Foto: Nicholas MacKay

Und beide tanzen als Highlight der Festwoche alternierend den Hauptpart in Béjarts „Boléro“, als Abschluss des Programms „Waves and Circles“ („Wellen und Kreise“): Gouneo am 1. April, Feyferlik am 4. April 26, was sozusagen das Finale des gesamten Festivals wird, das mit Erotik und Pfiff nicht eben geizt. Nur schade, dass es am Ende keine Gala mehr gibt, wie es in der seligen bajuvarischen Ära unter Ivan Liska noch möglich war. Dessen Juniortruppe, die er heute statt des Bayerischen Staatsballetts unter dem Namen Bayerisches Junior Ballett München leitet, gab sich schon am 29. März die Ehre, und zwar mit der Frühlings-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung.

"Common Ground" beim Bayerischen Staatsballett

Außer den tragischen Elementen gibt es urkomische Szenen: „Illusionen – wie Schwanensee“ von John Neumeier beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Nicholas MacKay

Vor dem Festivalabschluss lockt dann am 2. April 26 noch eine besondere Delikatesse: „Illusionen – wie Schwanensee“ von John Neumeier. Maria Baranova wird mit der Rolle der Prinzessin Natalia eine spektakulär unglücklich Liebende tanzen, die sich bis zuletzt um ein Einvernehmen mit ihrem Verlobten, dem „Kini“, bemühen wird. Julian MacKay wiederum wird als Ludwig II. ihren Bestrebungen nicht folgen können, sondern sich vielmehr der ambivalenten Faszination durch den „Mann im Schatten“ ergeben müssen, welcher mit dem groß gewachsene Florian Ulrich Sollfrank übrigens vorzüglich besetzt ist.

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Es ist ein großartiges Erlebnis, dieses Stück moderner Klassik zu sehen, immer wieder – und Dirigent Nathan Brock wird aus der Partitur von Peter I. Tschaikowsky ein Feuerwerk der Gefühle machen.

Sie haben schon Karten? Dann haben Sie nichts verkehrt gemacht. Viel Vergnügen!
Gisela Sonnenburg

"Common Ground" beim Bayerischen Staatsballett

Frauen wie Männer tanzen hier oben ohne zum im roten, bauschigen Rock, und das nicht nur mit dem Rücken zum Publikum. Androgyn oder mehr als nur sexy? Geschmacksache! Foto vom Bayerischen Staatsballett: S. Gherciu

https://www.staatsoper.de/staatsballett

 

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