Wir alle sind Liebende und Dienende Louis Musin, der neue Armand in der „Kameliendame“ beim Hamburg Ballett, bezaubert mit der exzellenten Ida Praetorius in der Titelpartie. Weitere Debüts zeigen die Vorzüge der jungen Tänzergeneration, und auch in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky erwarten das Publikum Neubesetzungen

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Ein neues Dreamteam beim Hamburg Ballett: Ida Praetorius und Louis Musin in „Die Kameliendame“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Liebe. Luxus. Armut. Tod. Zwischen diesen Grundfesten bewegt sich die herzzerreißende Geschichte einer Kurtisane, die im 19. Jahrhundert in Paris den Männern den Kopf verdrehte. „Die Kameliendame“ von John Neumeier bezieht sich bekanntlich auf den gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas fils, greift aber auch Motive aus dem Leben des realen Vorbildes für die Titelheldin auf, darunter die Traumwelt der barocken Literaturgestalt Manon Lescaut. Die Neubesetzung der männlichen Hauptrolle mit Louis Musin macht gerade in Hamburg Furore. Ganz anders, aber auch nach einem Roman – in diesem Fall für Kinder – ist das Ballett „Wunderland“ von Alexei Ratmansky gestaltet, das ebenfalls im Hamburger Repertoire ist – und das demnächst ebenfalls mit Neubesetzungen aufwartet. Doch zunächst zurück zur „Kameliendame“, diesem immer wieder zutiefst erschütternden Liebesballett.

Wenn man es mit einem analytischen Blick betrachtet, stellt sich die Frage: Wie zaubert man beim Tanztheater Atmosphären? Mit den Bühnenbildern, mit Kostümen, mit Musik, mit Licht – und mit Bewegung. Die opulent-elegante, nie überfrachtete Ausstattung der „Kameliendame“ stammt nun von Jürgen Rose ist über Kritik erhaben, ebenfalls die romantisch-wogende Musik von Frédéric Chopin, die der finnische Dirigent Markus Lehtinen zudem derart harmonisch und spannungsgeladen auffächert, dass der Vorstellungsbesuch auch als Konzert taugen würde.

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Ein optimales Paar im optimalen Licht: Ida Praetorius und Louis Musin in „Die Kameliendame“ von John Neumeier. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Das Lichtdesign, das hier nicht genau festgelegt ist, wurde in den letzten Vorstellungen beim Hamburg Ballett weiterhin optimiert, sodass man jetzt die Bühne zugleich als Spielstätte und als Kunstraum erleben darf – ein Hochgenuss. Die Handlung sowie die Stimmungen der Szenen werden dadurch noch besser kenntlich und unverwechselbar. Aber auch die Bewegungen erreichen die Herzen der Zuschauenden bei optimaler Ausleuchtung noch besser.

Auch der Tanz profitiert also vom Zusammenspiel aller Kräfte. Tanz ist eben mehr als nur Bewegung zu Musik – und Ballett ist eine Kunst, die mit Räumlichkeit und Lichtmalerei eng verwandt ist.

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Da sprühen die Funken: Ida Praetorius und Louis Musin in „Die Kameliendame“ von John Neumeier. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Dabei zählt auch die Individualität der Tanzenden. Das Hamburg Ballett hat das große Glück, mit den weltbedeutenden Choreografien von John Neumeier einen veritablen Fundus an Möglichkeiten zu haben, um neue Interpretationen durch nachwachsende Tänzerinnen und Tänzer zu präsentieren. So debütierte Louis Musin, 24 Jahre jung, nicht von ungefähr in der begehrten Hauptrolle des Armand in Neumeiers Ballett „Die Kameliendame“. Er wurde wochenlang auf diese Partie vorbereitet, hat hart dafür gearbeitet – und liefert eine neue Interpretation ab, die vom Charakter des Armand in einer neuen Tonart erzählt:

Ganz romantisch-verspielt, mehr zärtlich als drängend, fast schüchtern und doch über beide Ohren verliebt spielt Musin die Beziehung zu der im Paris des 19. Jahrhunderts stadtbekannten Luxuskurtisane Marguerite.

Sie, die Lady aus dem Titel, die stets eine Kamelie am Dekolleté trägt, wird von Ida Praetorius so auf den Punkt zwischen Diva und Mädchenhaftigkeit getanzt, dass man glaubt, ein ganz neues Stück zu sehen.

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Praetorius tanzte diese Neumeiersche Partie zwar schon vor über zehn Jahren nicht nur auf Galas, sondern auch – mit Alban Lendorf als Armand – im Repertoire beim Königlich-dänischen Ballett in Kopenhagen. Aber damals überwog eine sehr jugendlich-stürmische Interpretation bei ihr, während sie heute das exakte Maß findet, die erfahrene Liebhaberin zu zeigen, die erst durch das intensive Zusammenspiel im Leben mit Armand zu sich selbst findet.

Die Rollenentwicklung ist bei beiden Hauptdarstellern vom Hamburg Ballett in der diesjährigen Einstudierung mustergültig gelungen. Zufällig sind übrigens beide Tänzerkinder: Die Mutter von Ida Praetorius und der Vater von Louis Musin standen einst selbst bei John Neumeier im Hamburg Ballett auf der Bühne.

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Louis Musin im „Wutsprung“, nachdem er von der „Kameliendame“ per Brief verlassen wurde. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Armand ist in Musins Interpretation zu Beginn sehr zurückhaltend, er wird in den Strudel der Ereignisse hineingezogen, lässt sich vom Flair der Halbwelt um die „Kameliendame“ herum vereinnahmen. Erst durch die Beziehung zu ihr wächst er, wird sicher, souverän, glücklich – und er verliert, als sie ihn verlässt, fast sein Leben, einfach durch den großen Verlustschmerz. Wirklich toll wird das hier fasslich.

Ida Praetorius hingegen ist von Beginn an eine schillernde Persönlichkeit, eine Grande Dame mit schier unendlich schönen Balancen, die man verehren muss, ob man will oder nicht.

Schon die erste große Geste von ihr ist so pointiert und geschickt eingesetzt, dass sie uns, die Zuschauenden, zu ihren ergebenen Komplizen macht. Sie tritt nämlich an die Rampe und winkt – scheinbar uns – zu, im Stück ist damit das Winken zu einer oder einem Bekannten in der Ferne gemeint. Die Fröhlichkeit und der Liebreiz, mit dem sie so winkt – unnachahmlich viel Charme und Bestimmtheit liegen schon in dieser Geste. Deren Symbolkraft erschließt sich vor allem rückwirkend: Es ist, als schaue die Kameliendame damit in eine utopische Zukunft, in eine Traumwelt, die sie sich ersehnt.

Mit der Liebe von und zu Armand scheint diese sich zunächst sogar zu bewahrheiten. Die Kameliendame wird ruhiger, besonnener, sie erfährt erstmals im Leben, wie es ist, bedingungslos geliebt zu werden.

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Ida Praetorius – „Die Kameliendame“ par excellence. Souverän, erotisch, stylish in der Liebe wie in der Verzweiflung. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Und diese Liebe gibt sie zurück: Armand blüht in ihrer emotionalen Obhut regelrecht auf. Frühere Unsicherheiten weichen, sein Naturell stärkt sich, und aus Schwärmerei wird liebende Fürsorge.

Das Hamburg Ballett hat damit ein neues Dreamteam, und bei den Pas de deux sprühen die Funken. Von vornehmer Verliebtheit über rückhaltlose Hingabe bis zum bittersüßen Miteinanderverschmelzen entwickeln sie sich.

Dann der Schock, als sie ihn verlässt, und zwar unter dem Einfluss seines intriganten Vaters. Ivan Urban tanzt den alten, kultivierten, aber kleinherzigen Duval mit genau der richtigen Prise Skrupellosigkeit.

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Ivan Urban als Monsieur Duval zerstört hier das Glück der „Kameliendame“ Ida Praetorius – herzzerreißend zu sehen. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Denn die Kameliendame verzichtet wegen ihm auf ihr Glück mit Armand: um ihm und seiner Schwester nicht die Zukunft zu verbauen. Darum bat der Vater sie, das verlangt er ihr in einem höchst ungewöhnlichen, aber atemberaubend intensiven Pas de deux ab. Indirekt verspricht er ihr dafür das Himmelreich.

So schickt sie ihren Liebsten per Brief zurück in sein eigenes, einsames Leben.

Und Armand flippt aus, springt, als wolle er sich das Herz aus dem Leib reißen, bietet ein „Wutsolo“, das jede und jeder, die oder der jemals verlassen wurde, voll nachempfinden kann.

Dabei fand die Uraufführung des Balletts schon 1978 mit der brasilianischen Megaballerina Marcia Haydée, der wichtigsten Muse von John Cranko, statt. 1981 wurden die Liebestänze um etliche Raffinessen ergänzt, und in dieser Version begeistert „Die Kameliendame“ seither die Menschen, wo und wann auch immer sie sie sehen.

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Nach dem schwarzgoldenen Ball in „Die Kameliendame“, in dem die Roben der Damen golddurchwirkt und seidig schwarz glänzend sind, tanzen noch die Silhouetten. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Große Feste, Theater-im-Theater-Szenen, Empfänge, Spaziergänge, intime Rendez-vous: Das Libretto bietet reichlich Augenschmaus und emotionale Bezugspunkte. Eine Gesellschaft tanzt ihren eigenen Untergang; eine Hure ist bezeichnenderweise die mit Abstand moralischste Person.

Die Musik von Frédéric Chopin wird von dem in Helsinki geborenen, versierten Ballettdirigenten Markus Lehtinen mit sanfter, doch sicherer Hand dirigiert: Über drei Stunden Stückdauer erstrecken sich liebliche, auch tragisch von  Unheil kündende Klänge. Am Klavier illustriert Michał Białk mit perlendem Anschlag die Gefühlswallungen. Den Pianisten auf der Bühne spielt Petar Kostov.

Es ist insgesamt mehr großes Kino, als Kino es je sein könnte.

Interessant auch die Neuinterpretation der Rivalin der „Kameliendame“: Die Edelprostituierte Olympia wird sonst mit katzenhaftem, animalisch-gierigem Charme ausgestattet. So hat das schon Gigi Hyatt, die heutige Leiterin der Hamburger Ballettschule, in den 80er-Jahren gemacht.

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Mit Eleanor Broughton (mittig) als Olympia kommt noch eine weitere Facette ins Stück. Links Ida Praetorius als „Die Kameliendame“, neben ihr der auch bemerkenswerte Moisés Romero als Graf N. und rechts Louis Musin als Armand. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Doch mit Eleanor Broughton kommt jetzt neuer Facettenreichtum in das Stück. Sie interpretiert die kokette Olympia mit runden, weichen Linien als anmutiges Walzermädchen, das dem Funkeln von Juwelen, dem Glitzer der schönen Scheinwelt ganz verfallen ist. Eine absolut schlüssige Neudeutung!

Damit wird die Sozialkritik im Stück nochmals deutlich: Frauen aus der Unterschicht hatten im 19. Jahrhundert nur diese eine Möglichkeit, gesellschaftlich aufzusteigen: Sie mussten sich dafür prostituieren. Die Männer bestimmten dann, wie diese Frauen starben. Als ehrbare Ehefrauen – denn manche der respektablen Nutten wurden geheiratet – oder in Armut nach sozialem Abstieg.

Für die „Kameliendame“ kommt es schlimm.

Sie ist tödlich an Lungentuberkulose erkrankt. Ida Praetorius hustet – soweit ich weiß, als einzige Darstellerin dieser Rolle weltweit – hörbar laut, nicht nur mit geschütteltem Oberkörper. Sehr ergreifend.

In ihrer Traumwelt tanzt sie dann mit dem wiederum stummen barocken Liebespaar Manon Lescaut und Des Grieux bis zum Tod. Es ist einer der innigsten Pas de trois der Ballettgeschichte. Des Grieux hat es hier  schließlich mit zwei sterbenden Kurtisanen zu tun…

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Daniele Bonelli als Des Grieux, Ida Praetorius als Kameliendame und Futaba Ishizaki als Manon – wunderschön und nur beim Hamburg Ballett zu sehen. Foto: Kiran West

Auch hier gibt es ein Rollendebüt: Futaba Ishizaki fasziniert als neue, lyrisch-leidenschaftliche Manon, und ihr Partner Daniele Bonelli glänzt als ihr Liebhaber mit aller Sinnlichkeit, die dieses geisterhafte Pärchen in violetten Kostümen haben muss.

Wer „Die Kameliendame“ in diesem Herbst nicht sehen kann oder konnte, ist nicht zu beneiden. Man kommt mit so viel Gefühlsgenuss wirklich besser in die dunkle Jahreszeit.

Das demnächst kommende Stück beim Hamburg Ballett ist nun ganz anders, nämlich viel klamaukiger. Es verspricht aber ebenfalls angenehme Überraschungen mit Neubesetzungen:

Kindheit. Traum. Fantasie. Erwachsenwerden. In „Wunderland“ von Alexei Ratmansky, das nach dem Kinderbuch von Lewis Carroll erst dieses Jahr uraufgeführt wurde, tanzt jetzt auch Charlotte Larzelere, 28, die Hauptrolle.

Larzelere ist weniger energisch als Olivia Betteridge in der Erstbesetzung.

"Wunderland" von Alexei Ratmansky

Am Ende muss Alice gehen… ins wahre Leben, raus aus der verrückten Traumwelt. Hier die energische Olivia Betteridge vorn als Alice in „Wunderland“ von Alexei Ratmansky beim Hamburg Ballett, fotografiert von Holger Badekow.

Dafür hat sie eine sanftmütige Beharrlichkeit, die sie schon unter Beweis stellte. Ihre Alice im Wunderland wird mehr verträumt als neugierig sein. Und man wird neugierig auf sie, die zusammen mit Betteridge als neue Erste Solistinnen beim Hamburg Ballett sich innerlich vielleicht auch schon darauf freut, eines Tages möglicherweise eine „Kameliendame“ zu werden. Denn die Hauptrollen darin sind nun mal die begehrtesten in einem modern-klassischen Ballett, davon kann man ausgehen.

Louis Musin, der neue Armand aus der „Kameliendame“, wird an der Seite von Charlotte Larzelere übrigens das Weiße Kaninchen (und den Löwen) in „Wunderland“ tanzen: mit spritzig-flippigen Sprüngen und reichlich Plüschkostüm.

Wandelbarkeit ist eben fast alles am Theater. Aber auch die Bereitschaft, nicht immer die erste Geige zu spielen, ist für Profis ein Muss. Wie sonst auch im Leben: Nur so sind Liebende in dieser Welt auch Dienende.
Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

Ida Praetorius und Louis Musin in "Die Kameliendame" von John Neumeier

Für immer mit ihrem Tanz in den Herzen der Zuschauer: Ida Praetorius als „Die Kameliendame“ und Louis Musin als ihr geliebter Armand. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

 

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