
Vollendetes Glück der beiden Liebenden im berühmten „Weißen Pas de deux“ von John Neumeier: Jakob Feyferlik als Armand, hier mit Laurretta Summerscales vom Bayerischen Staatsballett im weißen Flattergewand als „Kameliendame“. Foto: Miljana Bernal
Endlich sind sie allein! Die Liebenden auf dem Lande tollen in „Die Kameliendame“ von John Neumeier in sommerlicher Stimmung miteinander herum, sie sind erleichtert, den Alltag mal hinter sich zu lassen. Sie umarmen sich und scherzen miteinander, pressen ihre Körper fest aufeinander, er hebt und dreht sie zu raffinierten Formationen, schließlich liegt er auf ihr – und auch danach geht das frohlockende Liebesspiel mit tänzerischer Virtuosität und Zärtlichkeit füreinander weiter. Marguerite im weißen Kleid (Anna Laudere vom Hamburg Ballett in einer ihrer ganz großen Parade- und Glanzrollen) und Armand (Jakob Feyferlik – zu Gast vom Bayerischen Staatsballett – als erfrischend schwärmerischer Jungspund ebenfalls exzellent besetzt) bringen den Zuschauersaal der Hamburgischen Staatsoper zum Brodeln. Doch als sie erschöpft und glücklich vom intensiven Miteinander inne halten, kündigt sich in der Musik ein verhaltenes Grauen an. Die Klavierklänge von Frédéric Chopin tragen dunkle Noten in die helle Szenerie, lassen Unheil erahnen. Und tatsächlich bringt die treue Dienerin Nanina (stets ergeben: Ida Stempelmann) auf einem silbernen Tablett einen Brief…
Marguerite nimmt ihn an, liest ihn, während Armand abwesend ist. Es ist dessen Vater, der ohne Armands Wissen in diesem Brief seinen Besuch bei der Kameliendame, also bei Marguerite, ankündigt.

Sie ringt mit sich: Anna Laudere als „Die Kameliendame“ im ersten Akt, in dem sie Armand kennenlernt. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West
Marguerite wird nach den kapriziösen Kamelien, die im Frühling blühen, genannt, weil sie als berühmte Luxuskurtisane im Paris des 19. Jahrhunderts abwechselnd mal weiße und manchmal rote Kamelien am Dekolleté trägt. Die Farben signalisieren ihren Verehrern ihren biologischen Monatszyklus als Frau. Als sie Armand kennen und lieben lernt, trägt sie eine rote Kamelie. Die gibt sie ihm nach dem ersten Liebesgeflüster mit auf den Weg, mit der Anweisung, wiederzukommen, wenn sie verblüht sei. Dann sei sie liebesbereit.
Im Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas fils (1848) ist dieses eine Schlüsselszene, ebenso im Ballett von Neumeier, das 1978 mit dem Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde.
Verbunden damit ist der erste Liebestanz des Paares. Den ikonischen „Spiegel-Pas-de-deux“ (auch „Violetter“ oder „Blauer Pas de deux“, nach der jeweiligen Farbe des Kleides der Dame genannt) zelebrieren Laudere und Feyferlik mit umwerfend viel Charme von beiden Seiten: Er als stürmischer, rückhaltlos sein Herz und auch sich selbst ganz ihr zu Füßen legender Verehrer, sie als zunächst kühle, aber von tödlich tiefgreifendem Husten gequälte Diva, die über seine Offenheit und Verliebtheit gerührt allen Kummer vergisst.

Jakob Feyferlik als Armand in „Die Kameliendame“, erster Akt, beim Hamburg Ballett: ähnlich keck und stürmisch wie einst Kevin Haigen in der Partie. Foto: Miljana Bernal
Ein wenig erinnern die beiden an die Hamburger Urbesetzung des Stücks von 1981 mit Marcia Haydée in der Titelrolle und Kevin Haigen als Armand. Haigen coacht als Ballettmeister bis heute die Liebenden aus diesem Stück mit größtmöglicher Expertise. Und er schafft es, bei den Tänzerinnen und Tänzern individuell ganz verschiedene Nuancen aufleuchten zu lassen.

Jakob Feyferlik mit Laurretta Summerscales im „Spiegel-Pas-de-deux“ im ersten Akt der „Kameliendame“ von John Neumeier. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Miljana Bernal
International, von New York über Wien bis Moskau, von Hamburg über Paris bis Mailand, wird dieses Ballett von John Neumeier aufgeführt, auf Tourneen auch bis Asien – mit absolutem Erfolg überall. Und das, obwohl die Handlung verworren und der Kern der Geschichte trivial bis kitschig ist. Dennoch gelingt hier große Weltkunst – ein Mysterium? Es liegt an der Genialität, mit der Neumeier die verschiedensten Versatzstücke hier zusammenfügte.
Die Tänzerinnen und Tänzer, von den Ersten Solisten und den Stargästen bis zum Ensemble, machen das in jeder Aufführung wieder neu erfahrbar.

Verliebt bis über beide Ohren: Jakob Feyferlik als Armand in „Die Kameliendame“von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Miljana Bernal
In der jüngsten Wiederaufnahme – gestern Abend in Hamburg – brilliert das Hamburg Ballett mit seinem Stargast Jakob Feyferlik zur Musik im hervorragenden Dirigat von Markus Lehtinen. Nur die Bläser fanden nicht immer zum gemeinsamen Einsatz. Die berührenden Pianoklänge teilten sich Michal Bialk und Ondrej Rudcenko.
Auch die Idee, den Erfolgsroman von der Kameliendame mit der poetisch-romantischen Musik von Chopin zu paaren, ist genial.
Die Ausstattung von Jürgen Rose – die Entwürfe stammen von 1978, aber die verwendeten Stoffe haben sich seither noch oftmals geändert – ist es nicht minder.
Und so sind die Weichen gestellt für eine rundum opulente, herzergreifende, den Horizont wahrhaft erweiternde Vorstellung.
Anna Laudere tanzt die Partie der glücklich und doch unglücklich Verliebten mit viel Modernität: Exaktheit in den Schritten und eine expressive Klarheit in der Gefühlswelt der Figur prägen ihre Interpretation. Diese Frau hier liebt – und weiß doch, dass sie die Welt bald verlassen muss.

Nach dem ersten von drei großen Pas de deux: Jakob Feyferlik mit roter Kamelie im Ballett „Die Kameliendame“ von John Neumeier. Foto: Miljana Bernal
Jakob Feyferlik entspricht dem: mit großer Präzision in den Bewegungen, auch in den Gesten, nicht nur in den Tanzschritten, sowie mit einem emotionalem Flair, das an Rudolf Nurejew oder eben an den jungen Kevin Haigen erinnert. Es ist fantastisch, die werdende Welt in einem liebenden Mann so fasslich präsentiert zu bekommen.
Dazu kommen Ball- und Festszenen, in denen das Ensemble sich oft, aber nicht immer paarweise zeigt und in neoklassischen Posen voll aufdreht.
Es ist oft von erschütternder Schönheit, was man sieht. Man wünscht sich nachgerade, die Zeit anhalten zu können, um diese Tänze noch mehr zu genießen. Zumal auch weitere Rollen hochkarätig besetzt sind.
Da ist Matias Oberlin als Gaston: ein Freund von Armand, der den jungen Liebeshelden überhaupt erst hineinbringt in diese Halbwelt des Luxus, in welcher Marguerite zugleich als Jägerin wie auch als Beute verlockend ist.

Hier springt der seinerzeit legendäre Münchner Ballerino Tigran Mikayelyan als Gaston durch die „Kameliendame“ von John Neumeier, und zwar beim Bayerisches Staatsballett. Das Foto stammt von Charles Tandy
Mit Schnauzbart und später im Reitkostüm mit in der Luft surrender Gerte verkörpert Oberlin den frivolen, lebenslustigen Lebemann so glaubhaft, als sei die Figur für ihn geschaffen.
Er ist fast mephistophelisch in seinem Treiben, verbindet Menschen und Wünsche miteinander, erscheint als ein Meister des Begehrens. Technische Finessen wie zahlreiche Pirouetten, exaltierte Sprünge und mehrfache Ronds de jambe en l’air absolviert er mit Schalk im Blick – und erntet nicht nur Lacher, sondern auch viel Beifall.
Sein Flirt ist die Kupplerin Prudence (von Futaba Ishizaki mit viel Witz, aber auch ein wenig naiv getanzt). Sie beschirmt die Kameliendame beim gemeinsamen Erscheinen in der Öffentlichkeit und ist darüberhinaus stets auch am eigenen materiellen Wohlergehen interessiert. Mit Gaston tanzt und küsst sie, aber als ein Juwelencollier der Kameliendame zu Boden fällt, steckt Prudence es flugs ein. Ein rasantes Spitzentanzsolo zeigt hingegen ihre besten Seiten.

Ana Torrequebrada tanzte auch schon virtuos die nicht einfache Rolle der Prudence, hier beim scherzhaft-erotischen Tanz im ländlichen Idyll. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West
Weil Ballett im Unterschied zu seinem Klischee eine spirituelle Angelegenheit ist, tanzt hier auch das Geisterhafte mit: in Gestalt der Fantasiegestalten Manon (köstlich delikat: Charlotte Larzelere) und Des Grieux (souverän: Alexandre Riabko). Auch sie entstammen, wie die übrigen Charaktere, einem Stück Literatur: Der „Geschichte der Manon Lescaut“ von Abbé Prévost. Manon ist die barocke Vorläuferin von Marguerite, und statt ins Kloster zu gehen, macht Manon eine Karriere als Prostituierte. Der junge Adlige Des Grieux, der sich in sie verliebt, folgt ihr, als sie verhaftet wird, über die Strafkolonie in Übersee bis in die Sümpfe des Mississippi. Wo sie in seinen Armen an Entkräftung verstirbt.

Kenneth MacMillan at his best: Des Grieux und seine sterbende Geliebte Manon – Jiri Bubenicek und Melissa Hamilton lassen einen erschauern vor Rührung. So war es 2015 beim Bühnenabschied von Bubenicek – einem Ex-Hamburger Tanzstar – zu sehen beim Semperoper Ballett in Dresden. Foto: Ian Whalen
Auch hierzu gibt es übrigens ein großartiges Ballett aus den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts, und zwar von Kenneth MacMillan. Wer es noch diesen Monat sehen will, reist entweder nach London oder geht am Dienstag, dem 27. Oktober 2026 ins Kino: Das Royal Ballet überträgt dann live seine Aufführung mit Yasmine Naghdi in der Titelrolle als „Manon“ und William Bracewell als Des Grieux.
In Neumeiers „Kameliendame“ tanzt das Paar Manon und Des Grieux sowohl als Theater-im-Theater als auch als Fantasiegestalten von Armand und Marguerite. Vor allem Marguerite ergibt es immer stärker der Sogkraft dieser geisterhaften Figuren, die sie mal warnen, mal bedrängen, dann aber auch mitnehmen und sogar trösten.

Ein Pas de trois de luxe: Alexandre Riabko als Des Grieux mit den Damen Charlotte Larzelere als Manon und Anna Laudere als Marguerite. Zu sehen in „Die Kameliendame“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West
Im Pariser Theater auf der Bühne brillieren hingegen die beiden Männer in einem teils spiegelbildlich angelegten Duett: Jakob Feyferlik als romantischer Armand und Alexandre Riabko als barocker Des Grieux sind dabei eine Augenweide, weil sie mit ihrem Tanz zeigen, dass die Fragen von Selbstfindung und Verliebtheit in allen Jahrhunderten gleich sind.
Der Bezug der beiden Paare zueinander ist zwar keine Erfindung von John Neumeier, aber er hat aus einem Hinweis in der literarischen Vorlage eine ganze Motivreihe gemacht, die sich wie ein roter Faden durch sein Kameliendamenballett zieht. Ein großer Gewinn für die Tanzgeschichte, denn so lassen sich die Zusammenhänge von Träumen und Traditionen bei Liebesgeschichten verstehen.

In Details variieren die Versionen der „Kameliendame“ von John Neumeier je nach Ensemble. In München trägt das barocke Liebespaar Manon mit Des Grieux zum Beispiel ein spezielles Make-up: kreisrund auf der Gesichtsfläche abgegrenzt, was die Figuren clownesk und puppenhaft wirken lässt. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Katja Lotter
Im Roman „Die Kameliendame“ ist es so: Die Titelfigur liest den Roman „Manon“, denn es handelt sich ja um ein ähnliches Schicksal, wie auch das reale Vorbild für Marguerite – eine gewisse Alphonsine Duplessis, die sich Marie Duplessis nannte – die barocke Geschichte im Bücherschrank zu stehen hatte. Man fand in ihrem Nachlass die Buchausgabe mit Randanmerkungen.
Dumas wiederum schuf seine Marguerite nach dem Vorbild der Duplessis, die ein ähnlich ergreifendes Schicksal hatte wie Manon:

Auch Bayern hat schon eine große „Kameliendamen“-Tradition. Hier Lucia Lacarra und Marlon Dino nach der „Kameliendame“ am 3.6.16 in München. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg
Als Kind der Armut vom Lande in die Stadt gekommen, war die Prostitution für sie die einzige Möglichkeit, zu Reichtum und Lebensart, auch zur Kultur zu kommen. Beide, Marie wie Marguerite, sind tödlich an TBC (Tuberkulose, früher auch „Schwindsucht“ genannt) erkrankt – und beide sterben einsam und verarmt.
Zuvor aber gehen beide fleißig ins Theater, das sie lieben – und wo Marguerite und Armand sich auch, vermittelt von Gaston, kennenlernen.
Tatsächlich war der Schriftsteller Dumas fils zeitweise ein (zahlender) Liebhaber der sanftäugigen, zarten Duplessis, genau wie Franz Liszt, der schon zu Lebzeiten berühmte Klaviervirtuose und Komponist. Der britische Choreograf Frederick Ashton hat darum sein Ballett „Marguerite and Armand“, das als Vorläufer für Neumeiers „Kameliendame“ begriffen werden muss, mit ziemlich wuchtiger Musik von Liszt bestückt.

Lesen Sie hier, was nicht in BILD und SPIEGEL steht! Und spenden Sie! Journalismus ist harte Arbeit, und das BALLETT-JOURNAL ist ein Projekt ohne regelmäßige Einnahmen. Wir danken es Ihnen von Herzen, wenn Sie spenden, und versprechen, weiterhin tüchtig zu sein!
John Neumeier wählte einen anderen Zeitgenossen der Kurtisane Marie Duplessis als Komponisten für sein Ballett: Frédéric Chopin, der genau wie Duplessis an TBC litt und ebenfalls qualvoll daran starb. Das Programmheft vom Hamburg Ballett, das seit dieser Saison mit neuen Fotos bestückt ist, ist hier unbedingt zu empfehlen, da man diese Zusammenhänge aus dem Paris des 19. Jahrhunderts dort nachlesen kann.
Die Umsetzung von Literatur in Ballett – da hat Vivien Arnold, derzeit Dramaturgin vom Hamburg Ballett, in ihrer Einführung vor der Aufführung ganz recht – ist in „Die Kameliendame“ mustergültig und dennoch hoch kreativ gelungen. Neumeier, der das Libretto selbst schuf, geht von der Ankunft Armands in den sich leerenden Räumen der luxuriösen Wohnung der Kameliendame nach ihrem Tod aus.

In Shanghai tanzte zuletzt das Stuttgarter Ballett auf einem Gastspiel auch „Die Kameliendame“ von Neumeier – hier Rocio Aleman im „Schwarzen Pas de deux“, fotografiert von Roman Novitzky.
Armand wird dort von seinem Vater (von Florian Pohl mit schier unglaublicher Empathie getanzt) überrascht. Der will verhindern, dass sich sein Sohn lebenslang von ihm abwendet, wenn er erfährt, warum er, Armand, nicht bei Marguerite, bis zu ihrem Lebensende, bleiben durfte.
Im Roman gibt es zu Beginn noch eine spektakuläre Graböffnung – und die Berichterstattung von Armand findet an den Icherzähler statt, der die Geschichte wiederum uns erzählt.
Im Ballett sehen wir hingegen Ausschnitte der Handlungsstränge und Traumwelten, die sich zu einem Konglomerat aus plastischen und symbolischen Szenen vermengen. Der Untergang Marguerites steht dabei auch exemplarisch für den Untergang einer Gesellschaft, in der Verdorbenheit über Reinheit, Neid über Liebe, Verachtung über Respekt siegt.

Ein Wutsprung erster Güte: Jakob Feyferlik als Armand in „Die Kameliendame“ von John Neumeier im „Wutsolo“, als Armand per Brief von Marguerite verlassen wurde. Foto: Miljana Bernal
Am Ende liest Armand – so auch im Ballett – im Tagebuch der Verstorbenen nach, warum sie ihn gleich nach dem Glückstanz im weißen Kleid auf dem Lande urplötzlich verließ:
Sein eigener Vater erklärte Marguerite bei seinem Besuch, dass sie sich von ihm trennen müsse, um erstens das Glück von Armand selbst und zweitens das Glück von dessen Schwester nicht zu gefährden. Denn eine Prostituierte komme weder als Schwiegertochter noch als geduldete Langzeitliebschaft in Frage. Die bigotte Moral jener Zeit – die sicher nicht allzu weit von den Ausgrenzungen in heutigen Gesellschaften entfernt ist – wurde von Dumas fils so auf den Punkt gebracht.

Auch von Hamburg nach München wurden die Tanzstars schon geschickt: Anna Laudere in den Armen von Edvin Revazov – im Schwarzen Pas de deux in der „Kameliendame“ beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Wilfried Hösl
Das erneute Treffen der beiden Liebenden, nicht nur öffentlich und schmerzhaft, sondern auch für einen letzten großen Pas de deux – den Anna Laudere und Jakob Feyferlik bravourös mit bittersüßen Gefühlen aufladen – hat Rückbindung an den Roman, aber nicht an eine reale Geschichte.
Nur die Eckdaten vor allem der Titelfigur sind der Realität entnommen, aber schon das Skelett der Handlung ist von Alexandre Dumas fils erfunden.
Die große Geschichte vom Verzicht auf die Liebe aus Liebe ist – Fiktion. Sie soll das Vorbild und die Moral von der Geschichte hier sein, aber reell ist sie nicht.
In der Realität hat die Kameliendame, also Marie Duplessis, sogar einen Grafen geheiratet, diesen dann aber wieder verlassen, als er pleite war.
Diese Seite von ihr ist im Roman und im Ballett von einer weiteren Figur verkörpert: von Olympia (hervorragend katzenhaft getanzt von Olivia Betteridge). Sie ist das Sinnbild einer teuren Hure hier, die niemals – wie Marguerite – ohne Bezahlung und ohne materielle Vorteile lieben würde.

Madoka Sugai als Prudence und Jacopo Bellussi als Gaston – ein brillantes Paar in der „Kameliendame“ 2018. Am 9. Oktober 2026 hingegen gastierte Jacopo Bellussi als Armand beim Bayerischen Staatsballett. Dieses Foto hier stammt aber vom Hamburg Ballett, von Kiran West
Liebe hat hier zwei Gesichter. Das der gegenseitigen Vorteilsnahme und das der immateriellen Sehnsucht. Zum Einen gibt es die Verehrer, die sich (ganz real) finanziell für ihre Liebe ruinieren. Zurzeit der großen Kurtisanen in Paris war das tatsächlich ein existierendes soziales Problem in der Oberschicht. Nicht nur mit dem Glücksspiel oder mit schlechten Geschäften, mit Ernteausfall oder durch Krankheit, sondern auch durch die Liebessucht nach einer teuren Nutte konnte Mann insolvent werden und gesellschaftlich ganz tief absteigen.
Andererseits war die Liebe, die eine Frau erweckte, ob als Hure oder ehrbare Jungfrau, eine Möglichkeit, sozial aufzusteigen: durch gute Bezahlung oder durch Verheiratung mit einem begüterten Partner. Liebe mit Sprengkraft der Klassenunterschiede ist hingegen selten. Und je mehr bezahlbare Huren es gibt, umso seltener wird es diese „wahre Liebe“, die auch große Widerstände überwindet, geben.
Die Gefahren der Liebe, also solche, in die sie bringen kann und die von ihr ausgehen, aber auch diejenigen, in denen sie selbst schwebt, sind hingegen durchaus bestehend. Denn: Liebe ist immer in Gefahr, von materiellen Interessen oder Mängeln, von Intrigen, von Neid und Eifersucht, auch von anderer Liebe zerstört zu werden.
„Die Kameliendame“ zeigt das auf die schönstmögliche Weise.
Gisela Sonnenburg

Jakob Feyferlik im ersten Akt der „Kameliendame“, beseelt vom ersten Tanz mit seiner großen Liebe. Foto: Miljana Bernal