
Alessandro Frola als „Nijinsky“ in John Neumeiers Jahrhundertballett: modern und opulent zugleich. Foto vom Wiener Staatsballett: Ashley Taylor
Der Art-déco-Deckenleuchter kippt, die anderen Kulissen sind fahrbar, und der bedeutendste Ballerino und Choreograf seiner Zeit, Vaslaw Nijinsky, tanzt aus seelischem Chaos heraus vor einer Handvoll geladener Gäste um sein Leben: Nijinskys letzter annoncierter öffentlicher Auftritt fand am 19. Januar 1919 im Suvretta House in St. Moritz statt. Der Starchoreograf des Gegenwartsballetts John Neumeier nimmt dieses rührende, poetische und ergreifende Solo in seinem Jahrhundertballett „Nijinsky“ als Anfang und Ende seines Stücks. Dieses Solo ist der Anlass, um aus dem Moment des Abschieds von der Kunst einen Rückblick auf den Werdegang des Tanzkünstlers zu gestalten. In Rückblenden und ineinander verschränkten Szenerien erleben wir einen Kampf um künstlerische Qualität mit Zitaten aus der Ballettgeschichte, aber wir sehen auch einen Kampf um geistig-seelische Gesundheit, wie ihn wohl nur Nijinsky mit sich ausfocht. Nach vielen anderen Ensembles in der Welt tanzt jetzt das Wiener Staatsballett dieses epochale Werk, das voll tänzerischer Vitalität und doch auch eine spritzige Abrechnung mit der Menschheit ist. Gegeben wird die heutige Wiener Premiere auch als kostenfreier Livestream ab 19 Uhr: in absolut hochkarätiger Besetzung.

Die Liebe als Schlittenfahrt: Alessandro Frola als „Nijinsky“ mit Romola (Ketevan Papava). Foto vom Wiener Staatsballett: Ashley Taylor
Alessandro Frola, einst beim Hamburg Ballett Erster Solist, debütiert in der Titelrolle, an seiner Seite als Partnerin tanzt Ketevan Papava, und António Casalinho brilliert als Nijinskys schon von Kindheit an geistig kranker Bruder Stanislaw. In der Alternativbesetzung wird er übrigens die Titelrolle übernehmen. Zurück zum Premierencast: Madison Young stellt die zarte Bühnengenossin Tamara Karsavina dar, und Olga Esina, die im Sommer 2027 ihren Bühnenabschied in Wien nehmen will, tanzt als Nijinskys Mutter in den Erinnerungen des Starballerinos.

Eno Peci als Serge Diaghilev und Alessandro Frola als „Nijinsky“ in John Neumeiers Jahrhundertballett. Foto vom Wiener Staatsballett: Ashley Taylor
Eno Peci, für solche Rollen seit Jahren prädestiniert, verkörpert Serge Diaghilew, den in Nijinsky verliebten Impresario der „Ballets Russes“. Victor Caixeta ist als megageschmeidiger „Goldener Sklave“ zu sehen sowie als „Faun“, und Davide Dato tanzt die Nijinsky-Partien des Harlequin und des Spectre de la rose. Rinaldo Venuti schließlich ist der tragische Petruschka.
In gewisser Weise bedeutet die Aufführung heute eine Rückkehr von Vaslaw Nijinsky nach Wien. Denn 1945 hat er hier gelebt – und wäre als psychiatrischer Patient beinahe von den Nazis in den letzten Tages des Zweiten Weltkrieges ermordet worden. Doch sein polnischer Pfleger wusste von den geplanten Verbrechen an den Kranken und schickte Nijinsky (der gebürtiger Pole war) am Tag zuvor heim zu seiner Ehefrau Romola.
Als bald darauf die Soldaten der Sowjetarmee Wien befreiten, tanzte Vaslaw Nijinsky noch einmal spontan öffentlich: aus Freude, Dank und Erleichterung, zusammen mit den Russen in den Straßen Wiens.

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Diese Szene muss man allerdings nachlesen, zum Beispiel im Programmheft vom Hamburg Ballett zu „Nijinsky“, denn in Neumeiers Ballett, das 1919 endet, fand sie keinen Platz. Dafür viele andere Konstellationen aus Wirklichkeit und Traum, die mustergültig stehen für ein modern collagiertes Handlungsballett.
Da stürzt die Ehe Nijinskys ab und wird nur noch durch die Stärke, Liebe und tätige Beharrlichkeit von Romola aufgefangen. Der legendäre „Schlitten-Pas-de-deux“ im Stück legt davon Zeugnis ab.
Da tanzt der Starballerino eine Superrolle nach der anderen, prägt damit die gesamte Zukunft des Balletts – und verfällt doch nach seinem Rauswurf aus den „Ballets Russes“ in seelische Dunkelheit.

Victor Caixeta als „Goldener Sklave“, Nijinskys Paraderolle in „Sheherazade“. Zu sehen beim Wiener Staatsballett. Foto: Ashley Taylor
Warum er die Erfolgstruppe, deren tänzerisches Zugpferd und auch wichtigster neuer Choreograf er war, verlassen musste? Weil er eine Frau geheiratet hat, obwohl doch Serge Diaghilev, der Impresario und Chef der „Ballets Russes“, in ihn verliebt war und mit ihm ein Verhältnis hatte. Nijinsky, ein frühes Opfer von „me, too“.
Sein Leben war gesegnet und doch immer wieder von schier unfasslichen Rückschlägen geprägt. Er erlebt größte Triumphe als Tänzer, wird auch als Choreograf bewundert und bestaunt, besorgt aber 1913 mit der Uraufführung von „Le sacre du printemps“ auch einen der größten Skandale der Tanz- und Musikgeschichte.
Neumeier wiederum interessiert in seinem Stück gerade die Verquickungen von Zeitgeschichte und Nijinskys persönlichem Schicksal.

António Casalinho (der in der Alternativbesetzung die Titelrolle tanzt) als Stanislaw, also als Bruder von „Nijinsky“. Zu sehen beim Wiener Staatsballett. Foto: Ashley Taylor
Denn nicht nur der Zweite, auch der Erste Weltkrieg, dessen Herannahen Nijinsky spürt, stellen im Leben dieses sensiblen Künstlers einen massiven Störfaktor dar. In seiner Fantasie – und somit auf der Bühne – verschmelzen die Rhythmen des Sacre-Tanzes mit dem Stampfen der Soldateska und auch mit den Klängen der Musik von Dmitri Schostakowitsch.
Es dirigiert Nathan Brock, am Piano spielt unter anderem der illustre Igor Zapravdin, und die Ausstattung von John Neumeier ist so überwältigend ausdrucksstark wie immer, passend zur Choreografie dieses wahrscheinlich besten aller Ballette überhaupt. Darum: Nicht verpassen!
Gisela Sonnenburg
Bis zum 23.10.26 zu sehen auf:
https://play.wiener-staatsoper.at
https://www.wiener-staatsoper.at/staatsballett/ueber-uns/

Petruschka (Rinaldo Venuti) im Sprung in „Nijinsky“. Zu sehen beim Wiener Staatsballett. Foto: Ashley Taylor