
Krzysztof Pastor kreierte „Draculą“ in Australien, jetzt kommt das Ballett mit Blut und Geist zum Ballett Dortmund. Es tanzen: Javier Cacheiro Alemán und Guillem Rojo i Gallego als junger und alter Dracula. Symbolbild: Ballett Dortmund
Wundersam vermehren sich gerade die Vampire in der Ballettwelt. Während das Ballet Del’Art mit der Liebesgeschichte „To Your Eternity“ („Für eure Ewigkeit“) auf Europatournee geht und am 27. Dezember 26 für einen Tag damit in Deutschland – in Bremen – gastiert, zelebriert das Ballett Dortmund ab dem kommenden Samstag, den 17. Oktober 26, die Deutschlandpremiere des 2018 in Australien entstandenen Handlungsballetts „Dracula“ von Krzysztof Pastor. Kreiert wurde das tiefschürfende Tanzgrusical nach der Romanvorlage von „Dracula“-Erfinder Bram Stoker. Viel Kostüm, viel Maske, viele expressive Soli der Hauptfiguren, viel szenische Musical-Anmutung (allerdings ohne Gesang), viele Ballszenen mit Gruppentanz – Pastor dreht hier richtig auf, um ein cineastisches Ballett zu kreieren, das es vielleicht in den ersten Rang der großen Handlungsballette schaffen könnte. Die stilechte Musik, für die er sich entschied, stammt denn auch von dem Komponisten Wojciech Kilar, der schon den Film „Bram Stoker’s Dracula“ von Francis Ford Coppola (1992) begleitete. Dieser Horrorfilm mit Anthony Hopkins, der Pastor zu seinem Ballett inspirierte, ist ebenso ein Klassiker in der Vampirismus-Mythologie wie die hintergründige Komödie „Tanz der Vampire“ von Roman Polanski (1967). Bei Krzysztof Pastor im Ballett hingegen liegt der Schwerpunkt – sehr tanzgemäß – auf der Liebe. Graf Dracula ist hier nämlich nicht nur ein heimtückischer Blutsauger, sondern vor allem ein großer Liebender, der den Selbstmord seiner Gattin vor Hunderten von Jahren nicht verwinden kann. Bis ein Mädchen auftaucht, dass der Verblichenen aufs Haar gleicht…

„Dracula“ als KI-Bildnis aus den Gesichtern beider Protagonisten: Javier Cacheiro Alemán und Guillem Rojo i Gallego. Symbolbild: Ballett Dortmund
Faszinierend dürfte das Tanzdrama in der hervorragenden Doppelbesetzung der Titelpartie mit Javier Cacheiro Alemán als jungem Dracula und mit Guillem Rojo i Gallego als altem Dracula sein. Denn das eher verspielt-sinnliche Naturell der Jugend wird somit ergänzt vom glaubhaft gesetzt-gestrengen Stil des Alters. Die großen Gesten und ausdrucksstarken Tänze eines aus seinem inneren Leid heraus verführerischen Wesens sind dabei für die beiden Startänzer wie gemacht. Und: Sie tanzten schon Xin Peng Wangs „Petruschka“ alternierend, und in dessen Rolle vereint sich die melancholische Tragik eines Schicksals ebenso wie in Draculas Part mit der Größe ungestillter Liebe.
Auf den emotionalen und geistigen Hintergrund der Geschichte, die einige Jahrhunderte umspannt, angesprochen, sagte mir Choreograf Krzysztof Pastor:
„Die Schaffung einer spirituellen Atmosphäre war mir bei der Konzeption von ‚Dracula‘ sehr wichtig. In diesem Ballett geht es für mich weniger um Vampirzähne oder das Trinken von Blut, sondern vielmehr um eine Liebe, die Jahrhunderte überdauert hat.“

Gleich doppelt brilliert Dracula leidend wie hoffend im Ballett „Dracula“ von Krzysztof Pastor beim Ballett Dortmund. Symbolbild: Ballett Dortmund
Mehr noch: Auch um „die Dualität der menschlichen Natur, um die Dunkelheit und das Gute, wie sie in uns allen stecken“, geht es Pastor. Zur Dualität und zu „heiligen“ Geschichten hat er vielleicht auch darum eine innige Beziehung, weil er 1956 im polnischen Danzig geboren wurde. In Polen – allerdings vor allem auf dem Land – sind Christentum und Heidentum viel stärker verschränkt als im restlichen Europa. Spukhafte Geschichten, die mit christlichen Werten einherkommen, sind dort traditionell keine Seltenheit.
Und schließlich hat Krzysztof Pastor ein Ziel mit der Aufführung: „Ich möchte eine dichte, geheimnisvolle Atmosphäre erschaffen – voller Rätsel, Sinnlichkeit und Sehnsucht –, in der die Grenzen zwischen Liebe und Besessenheit, Gut und Böse, Leben und Tod verschwimmen. Letztlich ist ‚Dracula‘ für mich eine zutiefst menschliche Geschichte, die weit über das Übernatürliche hinausreicht.“
Gisela Sonnenburg
P.S. Bildhafte vorausschauende Einblicke gibt es zudem noch bis zum kommenden Sonntag (18.10.26) mit dem bis dann online stehenden Livestream der „Matinee“ vom Ballett Dortmund: https://www.theaterdo.de/medien/mediathek/detail/m-matinee-dracula/