
In „QUANTA“ von Stephanie Lake gibt es wechselnde Formationen, mal harmonisch, mal erotisch, mal kämpferisch. Zu sehen in „Different Grounds“ beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler
Das Motto des Abends ist so originell wie zu Toleranz aufrufend: „Stell dir vor, Unterschiede verbinden.“ Man erinnere sich: Berühmt wurden die ersten drei Wörter als pazifistischer Traum: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Beide Wunschträume haben es in der Realität nicht leicht. Und ob Unterschiede, vor allem die selbst gewählten, die Menschen nun wirklich verbinden können statt sie – was sie normalerweise tun – zu trennen, sei dahingestellt. Aber hier zählt die Chance, die Idee; es gilt der Versuch als ernstzunehmendes Experiment. In diesen Rahmen passt viel Kleinkram! Wie bei einer Collage können sich die kleineren Stückchen hier ergänzen. Heile Welt wird dabei nicht gespielt, im Gegenteil: Die kämpferischen Elemente sind oft ausschlaggebend. Und Kinsun Chan, Ballettdirektor vom Semperoper Ballett in Dresden, gelingt es, drei erkennbar verschiedene, junge, zeitgenössische Handschriften vorzustellen. Gestern Abend war die Premiere. Das Programm mit dem Titel „Different Grounds“ – „Unterschiedliche Gründe“, auch als „Verschiedene Böden“ zu übersetzen – vereint drei Stücke, die allerdings eines gemeinsam haben: Sie stellen kaum auf die klassische Absicht von Ballett ab, auch wenn technische Klassikelemente reichlich vorhanden sind. Doch Kunst als Utopie – dieser Gedanke fehlt in den nunmehr uraufgeführten Kreationen. Lobend muss die in Kanada geborene Australierin Stephanie Lake für ihre nun schon zweite Arbeit mit dem Semperoper Ballett erwähnt werden: Ihr Talent, mit den Tanzenden als Gruppe sowie für Soli äußerst vielseitig zu kreieren, begeistert durch „QUANTA“ einmal mehr.
Damit beginnt der Abend auf der Höhe der Zeit. Lake schuf ein Stück, zu dem sie zunächst kein Konzept hatte, nur die lose Inspiration durch Teilchenphysik – daher der Stücktitel. Doch während sich die aktuelle Quantenphysik auf die Entwicklung von abhörsicheren Kommunikationswegen, auf die Optimierung von Batterien wie auch logistischer Probleme und auch auf die Entwicklung neuer Materialien konzentriert, bleibt im Tanz weiterhin der menschliche Körper das Wesentliche. Gibt es etwas Aufregenderes?
Die Ausdrucksmöglichkeiten der schönen Tänzerkörper werden denn auch von Lake ausgereizt. Und ihr Thema wächst vom einfachen Mensch-und-Masse-Spiel zu einer abstahierten Urgeschichte der Menschheit.
Surrenden Geräuschen zu Beginn – der Sound stammt von Lakes Lebensgefährten Robin Fox – folgt leiser Computergesang ohne Text, der mit seinen langgezogenen „Aaaahs“ eine fast poetisch sanfte Atmosphäre erzeugt. Der zärtliche, durchaus erhebende Pas de deux dazu wirkt wie der Tanz von Adam und Eva – ein Motiv, das sich später am Abend wiederholt.

Ein schönes Paar – und ein aufregender Tanz. Zu sehen in „QUANTA“ von Stephanie Lake in „Different Grounds“ beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler
Dann kommt die Gruppe ins Spiel. Das Paar geht darin auf. Und die top trainierten Tänzerinnen und Tänzer vom Semperoper Ballett wirbeln umeinander, bleiben dabei homogen und harmonisch – und sie zeigen, dass Menschen als Masse eine schier unüberwindbare Bedeutung haben.
Doch schließlich kippt die Stimmung. Das Liebespaar beginnt, sich zu streiten, deutlich und heftig. Sie brauchen dazu keine Worte und kein eingespieltes Tonband mit Dialog. Ihre Körper, der Tanz, die Gesten sprechen für sich.
Und es ist ernst, es handelt sich um keinen kleinen Ehestreit. Hier steht Mensch gegen Mensch. Ob es um die Schlange und den Apfel – der ursprünglich eine Tomate war – geht oder um eine eher heutige Thematik? Wir müssen selbst eine schlüssige Antwort finden. Oft ist ja Eifersucht ein Thema bei Paaren.
Die Wut der einstmals Liebenden überträgt sich jedoch auch auf das Ensemble: Gruppenhysterie bricht aus. Synchron wird gezittert, und Dresdens Star James Kirby Rogers zelebriert ein irre furioses Solo: Es zeigt einen Menschen auf dem Weg in den Wahn, er steht kurz vorm völligen Kontrollverlust. Vielleicht ist das eine Nachwehe zu John Neumeiers „Nijinsky“, denn dessen Titelhelden, der über den Ersten Weltkrieg und auch über seine persönliche Misere verrückt wurde, tanzte Rogers letzte Spielzeit. Und Stephanie Lake erzählte, dass sie vieles aufgenommen hat, das als Improvisation von den Tanzenden kam.
Jetzt ist aber der Wahn pur, den das Solo zeigt, ohne Personalität mit Geschichte.
Ob Liebe oder Schmerz der Grund ist? „Different Grounds“, verschiedene Gründe, der Titel des Abends, passt hier besonders gut.
Liebe verwandelt sich hier in Hass, und der Kampf gegen die Mauern in dieser Welt wird schließlich erschöpft aufgegeben.

„QUANTA“! Zur Wut des Ensembles am Ende des Stücks passt der Titel lautmalerisch besonders gut. Zu sehen in „Different Grounds“ beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler
Am Ende steht ein Bildersturm besonderer Art: In einer seltsamen Orgie werden Papierseiten zerrissen, auch gegessen, andere hochgeworfen. Sind es Flugblätter? Verträge? Gebrauchsanweisungen? Buchseiten? Zeichnungen? Technische Zeichnungen? Letztlich steht das Papier wohl für all das Wissen, das die überdrehte, durchgeknallte Menschheit, die aufgrund ihrer Überbevölkerung unter starkem Dichtestress steht, in fehlgeleitetem Zorn vorsätzlich vernichtet.
Zivilisation? In Lakes düsterer Zukunftsvision, die sie hier abliefert, geht es damit bald bergab. Das hat sie rasant mit Tanz dargestellt. Das Publikum ist ergriffen und fasziniert, der Premierenapplaus stürmisch.
Nicht ganz so stringent und abwechslungsreich, dafür wohl auf die eigene Kindheit Bezug nehmend, ist das womöglich ironisch betitelte Werk „A Quiet Collision“ („Ein stiller Zusammenprall“) von Julian Nicosia. 1989 in der französischen Provinz geboren, begann er als akrobatischer Tänzer und absolvierte dann eine Ausbildung in Lyon. An der Lyoner Oper tanzte Nicosia Stücke von William Forsythe und Trisha Brown, um dann zu Jacopo Godani nach Frankfurt zu wechseln. Seit 2019 wird er als Choreograf kleinerer Stücke international herumgereicht.
Julian Nicosia ist als Choreograf aber keineswegs von der französischen Balletttradition geprägt, wie die aktuelle Dramaturgie vom Semperoper Ballett verkündet, sondern eher von der französischen Non-Danse-Bewegung, also von der Gegenrichtung zum Ballett.
Nicosia gastiert dennoch (nach der Saison 2024/25) schon zum zweiten Mal mit seinem schöpferischen Tun beim Semperoper Ballett. Und um es gleich zu sagen: Wer keine Lust hat, sich von monotonen Technoklängen im Tempo von Maschinengewehrsalven abnerven zu lassen, zumal hier tänzerisch nun auch nicht gerade irgendetwas neu erfunden wird, der gehe besser im Mittelteil des Abends essen oder spazieren und kehre dann für das letzte Stück zurück.
Denn Nicosia serviert uns schamlos eine Geschichte auf Kindergartenniveau, die vielleicht genau richtig ist für schwer Pisa-geschädigte Jugendliche. Für ein normal bildungswilliges Publikum aber ist das nix.

Kind und Instinkt oder auch eine Lieblingsfantasy von Julian Nicosia: „A Quiet Collision“, zu sehen in „Different Grounds“ beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler
Im Einzelnen: Ein männliches Kind tritt als Hauptrollenstatist auf – tanzen darf der Junge aber nicht. Ihm zur Seite steht ein wie ein Roboter kostümierter, dunkler Jedi-Ritter. Er heißt „Der Instinkt“ auf dem Programmzettel, was schlichtweg unpassend ist. Vielmehr tut einem der Protagonist Calin Garaiacu unter seiner Rüstung ziemlich Leid. Das Kind heißt übrigens „Das Kind“. Was passt, aber nicht so sehr einfallsreich ist.
Diese beiden bilden hier die Welt der Kindheit. Motto: Ich und mein Lieblingsritter aus meinem Lieblingsfilm, das genügt schon, das ist mein Universum.
Der weiße Ball des Jungen aber symbolisiert ganz sicher die Unschuld des Choreografen, welcher Nicosia wohl noch sein ganzes Leben lang nachtrauern wird.
Das ist auch schon die ganze Geschichte. Das Kind (dargestellt von Bruno Darge) und mit ihm das Publikum werden von grausam harten, kalten, hämmernden Computerklängen eingeschüchtert. Zudem ist es recht dunkel auf der Bühne. Damit in die Düsternis ein wenig Leben kommt, darf eine Linie von Tanzenden revueartig die Beine schwingen. Sie wirken dabei wie Außerirdische, die in der traurigen Kinderwelt von Nicosia den berühmten Funken Hoffnung repräsentieren könnten. Womöglich aber hat das Kind einfach nur kurzzeitig das Fernsehprogramm gewechselt.
Dann gibt es auch hier, wie in „QUANTA“, ein Adam-und-Eva-Pärchen. Die aufkommende Erotik kann sich dabei aber leider nicht durchsetzen.
Pseudonackig (in hautfarbenen Kostümen) hampelt dann der Rest vom Ensemble hin und her – das Ganze soll wohl die Kindheit von heute mit der Urgeschichte der Menschheit verbinden. Das ist wirklich etwas unausgegoren.
Am Ende wirft das nicht tanzende Kind (warum nur darf es nicht tanzen?) den weißen Ball ins Licht. Tschüs und ade! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Man ist erleichtert, dass der Horror ein Ende hat. Der Applaus bei der Premiere würdigte vor allem die tänzerischen Leistungen.

Kollektives Denken sprich Tanzen in „Body Suit“ von Shahar Binyamini, zu sehen in „Different Grounds“ beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler
Viel bessere Laune macht dann das hoch ästhetische Stück „Body Suites“ („Körperanzüge“) von Shahar Binyamini. Die Tanzenden bilden hier zunächst einen Berg aus Körpern, der sich wie ein Organismus atmet und bewegt. Das Cello steht mit auf der Bühne – und wenn Norbert Anger mit all seiner Feinheit beginnt, aus den Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach zu spielen, so zaubert das bereits eine ganz bestimmte Atmosphäre.
Langsam schälen sich die Tanzenden aus dem Berg. Wieder erleben wir die Verschiedenheiten der Masse und der Individuen, aus denen sie besteht.
Als sich ein großes schwarzes Tuch mit der Anmutung eines Leinentuchs über die Tänzerinnen und Tänzer erstreckt, ergibt sich eine lebendige Landschaft. Sehr beeindruckend. Der Tänzer, der es mit dieser Formation aufnimmt, geht in Leidenspositionen und erinnert manchmal an den Gekreuzigten – es ist ein edles, erhabenes Leiden an der Welt, das hier inszeniert wird.
Insofern handelt es sich um einen Metatext eines Balletts. Der tänzerische Kommentar könnte zu Opern- und Tanzaufführungen allgemein gültig sein: Man agiert auch im Publikum in der Gruppe wie auch als Individuum. Und man fühlt mit – Empathie wird im Theater, im Tanz, im Musiktheater ja regelrecht trainiert.
Das Spiel der Gruppe mit dem Einzelnen erreicht einen weiteren Höhepunkt, wenn eine Tänzerin hochgeworfen wird – so wie Tänzer es mit einem oder einer der ihren nach dessen oder deren letzter Vorstellung machen, wenn sein oder ihr Bühnenabschied ansteht.

In Leidensposition vor der Gruppe unterm Tuch: Leiden am Tod, am Schmerz, an der Welt? An der Liebe gar? Muss man sich selbst entscheiden. Zu sehen in „Body Suits“ von Shahar Binyamini in „Different Grounds“ beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler
Dass hier auch tanzende Männer in Spitzenschuhen tanzen, wirkt organisch und natürlich. So trippelt eine Schar wie eine Vervielfachung von Anna Pavlovas „Sterbendem Schwan“ von links nach rechts, mit dem Rücken zu uns, über die Bühne.
Doch bei aller Androgynität gibt es auch hier liebende Pärchen: in hetero- wie in homosexueller Ausrichtung. Da wird es auch mal sexy im Umgang miteinander, wenn auch insgesamt die Metaphern der Gleichschaltung der Menschheit überwiegen. So formieren die Tanzenden im Corps mit ihren Armen köstlich harmonisch Wellen- und Schwingbewegungen. In gewisser Hinsicht sehen wir also auch hier eine Urhorde der Menschheit: Mann und Frau probieren sich aus, flüchten aber immer wieder in die Anonymität der Gruppe.
Aus dem Miteinander mit der Musik wird indes oft ein Gegeneinander. Absichtlich wird dann nicht geschmeidig und im Takt getanzt, sondern eckig, zackig, heftig und zerrissen – und es wird gegen die Metren regelrecht angeturnt. Seine tänzerische Herkunft aus der Batsheva Dance Company in Tel Aviv ist Binyamini also durchaus anzumerken. Ebenso arbeitet er mit der von Ohad Naharin „Gaga“ genannten Methode, um aufeinander folgende Schritte aus dem Bewegungsfluss zu entwickeln.

Der Tanz überlebt hier die Musik: Das Semperoper Ballett in „Body Suits“ von Shahar Binyamini, zu sehen in der Triple Bill „Different Grounds“. Foto: Admill Kuyler
Der Tanz überlebt hier die Musik. Wenn das Cello am Ende schweigt, gibt es tänzerisch noch ein stilvolles Zucken. Und Schluss!
Das Publikum goutierte auch diesen dritten Teil des Abends, wobei der Applaus für Stephanie Lake nicht zu toppen war. Von ihr werden wir hoffentlich bald mehr sehen.
Gisela Sonnenburg / Anonymous

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