Frühjahrsreise mit Tänzen in den Mai Vom avantgardistischen Experiment übers Märchenballett bis zur reinen Klassik: Im Mai tanzt quer durchs Land aufregend viel Ballett – mit einer weiteren Vorausschau

Ballett im Mai 2026

Yingyue Wang vom Ballett Dortmund tanzt hier die Sehnsucht in „get home safe“ als Teil des Programms „Tribute to Mozart“. Foto: Leszek Januszweski

News vom Ballett aus Dortmund, Detmold, Dresden, aber auch aus Berlin und Stuttgart und für kommende Saison aus Hamburg und Wien werden hier vermeldet. Klassik, Märchenballett, Moderne und Avantgarde sind dabei. Tief im Westen beginnt unsere Frühjahrsreise durch die Ballettwelt, und sie führt uns bis weit in den Osten. Aber sogleich erwartet uns etwas Unerwartetes. Eine kleine Warnung ist angebracht: Tänzerische Experimente können toll sein, aber auch ein wenig nerven. Das Ballett Dortmund riskiert ganz schön viel, wenn es im neuen Programm „Tribute to Mozart“ („Huldigung an Mozart“) zwei international erprobte Stücke von außerordentlich renommierten Choreografen – nämlich „Petite Mort“ („Kleiner Tod“) von Jiří Kylián und „Jeunehomme“ („Junger Mann“ in einem Wort) von Uwe Scholz – mit eher magerer Kost verbindet. Sei`s drum: Die choreographische Nachwuchskraft Tess Voelker kommt aus den USA und war einige Jahre Tänzerin, bevor sie zur Choreografie und zu Soloauftritten darin wechselte. Ihr für Dortmund kreiertes Stück „get home safe“ („komm gut heim“) lässt die Auftretenden mehr gehen und stehen als tanzen, manchmal auch posieren und improvisieren. Eine Choreo im eigentlichen Sinn ist es nicht. Musikalisch wurden fünf Minuten aus Mozarts „Requiem“ am Computer auf zwanzig Minuten gedehnt, was Mozart komplett entseelt. Vielleicht ist das eher eine Versuchsanordnung als absichtsvolle Kunst?

Wem das zuviel des Neuartigen ist, für den gibt es ab dem 8. Mai 26 in Dresden, also tief im Osten der Republik, die Möglichkeit, mit „Parts and Pieces“ („Teile und Stücke“) die jüngste Uraufführung vom Semperoper Ballett zu erleben. Allerdings nicht im Opernhaus, sondern im Kleinen Haus vom Staatsschauspiel. Ballettchef Kinsun Chan, der für ein exzellent gemischtes Programm seiner Truppe zeichnet, legte hier selbst Hand an – und entwarf eine tänzerische Reflexion der asiatischen Technik des Kintsugi.

Ballett im Mai 2026

Das neue Stück „Parts and Pieces“ von Kinsun Chan gibt es am dem 8. Mai 26 in Dresden zu sehen. Und zwar im Staatsschauspiel, nicht im Opernhaus! Symboldbild: Semperoper

Dabei wird zerbrochene Keramikware mit Goldlack repariert, um die Bruchstellen gleichsam zu vergolden. Individualität und Verletzlichkeit, Heilung und Mut zu neuer Ästhetik klingen hier an. Edvin Revazov in Hamburg und Sidi Larbi Cherkaoui in Genf kreierten auch schon zu dem thematischen Motiv: Porzellan ist eben in jeder Hinsicht für Tanz anregend.

Mut braucht aber speziell das Hamburg Ballett, und zwar im Hinblick auf seine kürzlich bekannt gegebene kommende Spielzeit. Denn 2027 wird es, wie schon berichtet, den berühmten „Sommernachtstraum“ von John Neumeier statt im Opernhaus in der „Kuppel“ tanzen, also in einem Vergnügungszelt im Stadtteil Bahrenfeld. Grund ist vorgeblich die Sanierung inklusive Umbau der Oper, wobei deren künftige Nutzung noch nicht klar ist. Immerhin lockt man mit der Neuinszenierung von „Ein Sommernachtstraum“, frei nach Shakespeare, ins Zelt. Es ist anzunehmen, dass es dort mehrere Plattformen statt nur einer Bühne gibt. Man muss halt nur noch ein Jahr warten.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier jetzt auch als DVD und BluRay

Hier tanzte Christopher Evans als Oberon: fabelhaft, anmutig, dennoch stark und souverän. Foto vom Hamburg Ballett aus „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier: Kiran West

Das Wiener Staatsballett steht 2026/27 weniger spektakulär, dafür vorausschaubar sicher und souverän da: Mit Stücken wie „Onegin“ von John Cranko (nach Puschkins russischem „Eugen Onegin“), mit „Nijinsky“ von John Neumeier über den Titelhelden zwischen Genie und Wahnsinn, mit „Woolf Works“ von Wayne McGregor über die britische Literatin Virginia Woolf sowie mit einer dem Topchoreographen Jerome Robbins gewidmeten Gala zeigt die Ballettchefin, die Starballerina Alessandra Ferri, dass sie ihr Fach beherrscht.

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Das Stuttgarter Ballett begeistert derweil schon ab dem 25. April 26 mit einer lang ersehnten Show: mit „Tribute to Tetley“, der „Huldigung an Tetley“. So wird das sonst zu selten getanzte Werk von Glen Tetley geehrt. Er, der dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern würde, wäre er nicht 2007 verstorben, war vorübergehend Ballettboss in Stuttgart, wirkte aber vor allem als Tanzschöpfer nachhaltig. Drei Stücke, darunter Tetleys berührende Version von „Le sacre du printemps“ („Das Frühlingsopfer“) zur erschütternden Musik von Igor Strawinsky, stehen auf dem Plan. Ein Highlight, zweifelsohne.

Ballett im Mai 2026

Friedemann Vogel probt Glen Tetley beim Stuttgarter Ballett. Foto: Roman Novitzky

Das Staatsballett Berlin hat indes ein stetig ausverkauftes Haus mit „Nurejew“ von Kirill Serebrennikov und Yuri Possokhov (wie berichtet). Es ist derzeit wirklich schwer, hierfür Tickets zu kommen. Aber es gibt eine willkommene Konkurrenz, diese wird im Berliner Admiralspalastzu sehen sein, ab dem 9. Mai 26: Der rundum traditionelle „Schwanensee“ von Franceconcert, der aus Frankreich anreist, bietet pure Klassik, zudem ein hervorragendes, mit viel Herz live spielendes Orchester.

"Schwanensee" in rein klassischer Form

Die Geliebte ist in höchster Gefahr – kann Prinz Siegfried sie retten? Szene aus „Schwanensee“, ganz klassisch inszeniert. Foto: Promo

Vor einigen Jahren gastierte diese Truppe schon mal in Deutschland – und rührte alle, die sich dem Zauber des historischen Balletts nicht verschließen. Wer dieses Mal ganz schnell dabei sein will, kann die Truppe schon am 1. Mai 26 in Duisburg in der Mercatohalle sehen, danach in Dortmund und Hannover. Wetzlar, Frankfurt (am Main) und Stuttgart folgen als Spielorte. Wer in der Lage dazu ist, sollte keine Hemmungen haben, diesen Künstlern hinterherzureisen, um den „Schwanensee“ öfter zu genießen und gleichzeitig verschiedene Städte zu besuchen. Das wäre dann eine Frühjahrsreise mit Tanz im wörtlichen Sinn.

Ballett im Mai 2026

Der wdr hat für sein Format „Westart“ eine tolle Rezension als Clip gedreht: „Vom Fischer und seiner Frau“ erzählt das bekannte Grimmsche Märchen  – das von den Folgen der Habgier handelt – als Ballett von Katharina Torwesten. Videostill vom wdr: Gisela Sonnenburg

Wieder im Westen gelandet, gibt es ein kürzlich uraufgeführtes Märchenballett, das fast ein Geheimtipp ist, sich aber zunehmend als richtig toller Coup erweist: „Vom Fischer und seiner Frau“ von Katharina Torwesten wird zur impressionistisch geprägten, poetischen Musik von Robert Lillinger vom Ballett am Landestheater Detmold getanzt. Fantasievolle Kostüme und Torwestens expressive Handschrift machen das Stück zu einem Hochgenuss für die ganze Familie, wie es der „Schwanensee“ übrigens auch ist. Kunst, die generationenübergreifend wirkt, hat eben auch im Frühling einen besonderen Nimbus.

Das Ballett "Vom Fischer und seiner Frau" am Landestheater Detmold

Für „Vom Fischer und seiner Frau“ gibt es dabei noch ein gutes, gewichtiges Argument, möglichst bald die Tickets zu buchen: Weil in Detmold die Ballettdirektion wechselt und Katharina Torwestens Nachfolger Ivan Alboresi möglicherweise Angst vor weiblicher Konkurrenz auf dem Spielplan hat, wird die nagelneue, erfolgreiche Detmolder Eigenproduktion nicht in die kommende Spielzeit übernommen. Aber bis zum 5. Juli 26 ist sie immer mal wieder in Detmold zu sehen, und am 22. Mai 26 auch als Gastspiel in Neumünster in Schleswig-Holstein. Also nichts wie hin, aber schnell!
Gisela Sonnenburg

www.theaterdo.de

www.semperoper.de

www.hamburgballett.de

www.wiener-staatsoper.at

www.stuttgarter-ballett.de

www.staatsballett-berlin.de

https://www.franceconcert.fr/en/

https://www.landestheater-detmold.de/de/

 

 

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