Ein ewiges Versprechen Der Film „Nurejew – The White Crow“ („Nurejew – Die weiße Krähe“) von Ralph Fiennes übermannt mit Originalschauplätzen, akkuraten Tanzszenen von Johan Kobborg und dramatischem Kammerspiel

Nurejew kommt ins Kino

Oleg Ivenko als „Nurejew – The White Crow“: Tänzerisch und schauspielerisch nicht übertreibend, aber sehr überzeugend im Film von Ralph Finnies. Foto: Alamode Film

„Monsieur Nurejew muss sich jetzt entscheiden.“ Auf diesen Moment zielt der ganze Film ab. Der 23 Jahre junge Nurejew (glänzend gespielt und getanzt vom ukrainischen Ballettstar Oleg Ivenko) hält den Blick gesenkt, er sitzt in einem Büro der Polizei am Pariser Flughafen Le Bourget. Will er im Westen bleiben oder zurück in die Sowjetunion? Wird er im Westen seinen Weg machen, als Außenseiter und wandelnde Trophäe im Kalten Krieg? Oder wird er seine gewohnte Kultur zu sehr vermissen? Obwohl man weiß, wie sich Nurejews Schicksal entschied – er wurde nach seinem Wechsel in den Westen der berühmteste Ballerino seiner Zeit – bangt und zittert man hier mit Nurejew. Tatsächlich schleudert er den französischen Fotografen bald entgegen: „Vielleicht werde ich in Ihrem Land auch nie glücklich!“ Schon erscheint der kommende Superstar als bedauernswerter Getriebener, der nie Ruhe, niemals Zufriedenheit findet. Dennoch: Sein Lächeln ist und bleibt ein ewiges Versprechen. Der Film „Nurejew – The White Crow“ („Nurejew – Die weiße Krähe“) von und mit Ralph Fiennes – der Regisseur spielt den prägenden Ballettlehrer Alexander Puschkin – verlässt sich nicht auf altbekannte Klischees, sondern arbeitet mit großem emotionalen Gewinn den Mythos Nurejew ab. Die minutiöse Kameraführung von Mike Elay, das Drehbuch von David Hare und die Musik von Ilan Eshkeri bilden dabei ein wie aus einem Guss wirkendes Konglomerat: „Nurejew – The White Crow“ ist eine filmgewordene Liebeserklärung ans Ballett. Der Film erfasst sowohl den Zeitgeist der 60er-Jahre als auch die immer aktuelle Sehnsucht, die hinter dem Phänomen Tanz steht. Fazit: Wer da nicht den Weg ins Kino findet, ist nur zu bedauern!

Juni 1961. Das filmische Drama beginnt mit dem Verhör von Alexander Puschkin. Wusste er, dass Nurejew sich absetzen wollte? Fiennes spielt den nicht mehr jungen Ballettpädagogen wie vom Blatt. Er säuselt, spricht leise, will beruhigen und abwiegeln. Er muss ja auch sich schützen, der Verdacht und die Denunziation, er habe Nurejew decken wollen, liegen in der Luft. Aber er schafft es, glaubhaft zu machen, wie er „Rudik“ sah: „Er versteht nichts von Politik. Er ging in den Westen, weil er dort tanzen kann.“ Auf den Einwand, das habe er in der Sowjetunion auch, lächelt Puschkin fein und hintergründig: „Er war wohl etwas verärgert.“

Nurejew kommt ins Kino

Ralph Finnies als Ballettpädagoge Alexander Puschkin mit seinen Zöglingen: Disziplin und Sanftmut im damaligen Leningrad. Foto: Alamode Film

Und das war reichlich untertrieben. Letztlich trieb – am 16. Juni 1961 – die nackte Angst Rudolf Nurejew in den Westen, denn in der SU war er schon mehrfach mit Strafmaßnahmen belegt worden, und nachdem er in Paris beim Gastspiel des Kirow-Balletts erneut Absprachen nicht einhielt (so blieb er viel länger als erlaubt auf einer Feier mit französischen Künstlern), wollte man ihn unter Angabe von wechselnden Gründen allein nach Moskau zurück schicken. Nurejew kannte aber Geschichten von Tänzern, denen Ähnliches widerfahren war. Sie hatten keine Chance mehr.

Dann springt die filmische Erzählung zurück ins Jahr 1938. Atmosphärische Schwarz-weiß-Bilder zeigen eine Fahrt in der transsibirischen Eisenbahn. Das schwere Atmen einer gebärenden Frau mischt sich in die Geräusche Karten spielender Männer. Rudolf wird geboren, im Zug, auf der Höhe des Baikalsees. Aufgewachsen ist er in Ufa, der Hauptstadt von Baschkirien, und er fühlte sich nicht ohne Grund als Tatar.

Nach einer Ballettvorstellung, die er als Kind sah, besuchte er fleißig den Volkstanz- und erhielt auch ein wenig Ballettunterricht.

Der erwachsene Rudolf schaut aus dem Flugzeugfenster. Paris! Der Empfang am Flughafen ist festlich. Wunderbar übermittelt der Film die freudige Erregung der jungen Tänzerinnen und Tänzer aus Leningrad, die jetzt erstmals anlässlich ihrer Tournee im Pariser Sonnenschein flanieren. Doch statt dann mit den anderen ins Hotel zu gehen, macht Nurejew sich auf, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Zwei Stunden Zeit hat er, dann muss er zur Theaterprobe.

Nurejew kommt ins Kino

Oleg Ivenko übt das Cambré – als „Nurejew – The White Crow“ im gleichnamigen Kinofilm. Videostill aus dem Trailer von Alamode Film: Gisela Sonnenburg

Wieder dreht der Regisseur die Zeit zurück, zeigt, wie der jugendliche Nurejew mit 17 Jahren eine Woche zu früh in Leningrad zum Ausbildungsbeginn erscheint. Wo ihm dann der ihm zugeteilte Lehrer nicht genügt und er es nach einem Vorsprechen beim Schulrektorat nach nur wenigen Wochen in die Klasse von Alexander Puschkin schafft.

 Rudolf will und muss in drei Jahren schaffen, wozu andere sechs Jahre Zeit haben. Denn er ist kein Kind mehr und hat nur wenig Vorbildung im Ballett. Die Stimmung der strengen, aber zielgerichteten Erziehung übermittelt sich. Und Puschkin ist ein aufmerksamer Lehrer, der aber erst auf Verlangen seines Studenten eine hilfreiche Beurteilung abgibt. Und Rudolf arbeitet wie ein Berserker an sich und seinem Tanz – auch, als er schon längst ein Weltstar war, ließ sein Ehrgeiz hier keineswegs nach.

Er liebte es, sich zu verbessern und um jeden Zentimeter Schönheit mehr zu schuften – damit trug er einen durchaus wesentlichen Aspekt der Ballettarbeit tief in sich.

Dennoch nahm Rudolf in Leningrad auch privaten Englisch-Unterricht, was seinem weltläufig interessierten Naturell entsprach, aber auch eventuelle frühe Absichten, in den Westen zu wechseln, nahe legt. Er wollte wohl für alle Fälle gerüstet sein.

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Als „weiße Krähe“, also als Außenseiter, als Mensch mit Besonderheiten, profilierte sich Rudolf indes nicht erst in der Ballettschule. Schon als Kind wollte er andere Spiele als seine Altersgefährten. Und als sein Vater ihn in einer Szene im Winter mit in den Wald nimmt, hat man fast den Verdacht, er wolle den trotzigen Jungen dort aussetzen.

Im Russischen bedeutet dieser Begriff „weiße Krähe“ – белая ворона – zugleich einen Fluch und eine Auszeichnung.

Weniger der Egoismus eines Menschen, als vielmehr seine ihn auffallend machenden Talente sind damit gemeint. Aber es ist eben auch ein Stigma, per se nicht zur Gruppe der anderen zu gehören.

Dass der Film auf Russisch läuft, mit deutschen Untertiteln, ist ihm nicht nur nachzusehen, sondern der Regisseur ist dafür sogar zu bedanken. Da strömt viel Authentizität von der Leinwand in den Zuschauerraum. Das für meine Ohren sehr gute Russisch im Film erstaunt, zumal es sich um keine russische, nicht mal co-russische Produktion handelt. Wie auch immer:

Schnitt.Wir sind wieder in Paris, im Mai 1961, denn vom ständigen Hin und Her in den Gezeiten dieses jungen Tänzerlebens lebt der Film. Dabei werden die Tage und Nächte des  wochenlangen Gastspiels in Paris so minutiös ausgekostet, wie man besondere Tage im Leben eben auskostet, und die Rückblenden werden nicht selten als Erinnerungen von Nurejew organisch eingefügt.

Nurejew kommt ins Kino

Junge Männer unter sich über den Dächern von Paris: Oleg Ivenko und Raphael Personnaz in „Nurejew – The White Crow“ auf dem Dach der Opéra. Videostill aus dem Trailer von Alamode Film: Gisela Sonnenburg

Sergej Polunin, quietschblond gefärbt, verschläft da als Zimmergenosse von Rudi im Hotel in Paris den Morgen, während Oleg Ivenko als Nurejew sich zum Louvre aufmacht.

Der Louvre indes hat frühmorgens noch nicht geöffnet, und Rudi steht allein zwischen den Statuen am Eingang.

Damals gab es noch keinen Quotendruck bei den Museen und keine organisierte Füllung kultureller Einrichtungen mit mehr oder weniger desinteressierten Massen. Es gab also auch noch keine täglichen Warteschlangen, sondern man hatte Ruhe und Muße, sich einzelne Bilder genau anzusehen. Genau das genießt Nurejew, nicht für sein privates Seelenheil, sondern, um sich zu bilden, um die Gemälde zu erforschen und ihre Botschaften direkt zu empfangen.

Später gibt es Polunin, der in dieser Nebenrolle nicht weiter stört, übrigens auch mal schön und nackt wie Adonis bäuchlings auf dem Bett liegend zu sehen. Und er hat eine Tanzszene mit hohen Sprüngen, die im Vergleich zu den filmischen Dokumenten, die es von Nurejew gibt, indes gebührend mau ausfallen. Da nützt alle Höhe nichts – Technik allein ist langweilig.

Was war es nur, was bis heute am Balletttänzer Rudolf Nurejew so faszinierend ist?

Für Ralph Fiennes steht richtigerweise fest: Seine Ausstrahlung, seine Willenskraft, sein Flair, seine Präsenz sind die Gründe für seinen kometenhaften Aufstieg, den er trotz eines mehr als nur irgendwie schwierigen und durchaus verachtenswerten Charakters leistete. Inspiriert wurde Fiennes schon vor vielen Jahren zu diesem Film, denn als naher Freund der Schriftstellerin Julie Kavanagh las er deren erste sechs Kapitel ihrer Nurejew-Biografie, bevor sie in die Drucklegung gingen.

Aber auch die hervorragende BBC-Dokumentation „Nurejev: From Russia with Love“ von John Bridcut ist ganz offenkundig mit eingeflossen. Fiennes hat seine Hausaufgaben halt gemacht.

Nurejew kommt ins Kino

Regisseur Ralph Finnies als Alexander Puschkin, der legendäre Ballettlehrer von Rudolf Nurejew im damaligen Leningrad: Strenge, Loyalität, Geschicklichkeit bilden bei ihm ein Trio der Tugenden. Foto: Alamode Film

Lassen wir den Filmemacher selbst sagen, was er mit seiner intensiven, Kunst und Leben packend miteinander verwebenden Verfilmung beabsichtigt:

„Es ist das Porträt des Künstlers als junger Mann mit all seinen rauen Kanten, seiner Einsamkeit, seiner Fantasie und seinen Dummheiten“, sagt Regisseur Ralph Fiennes. Er verschweigt nicht, dass Rudolf ein maßloses Ego hatte und unter dem eigenen Ehrgeiz und der eigenen Selbstsucht regelrecht litt. Dank seiner charmanten Art fand er aber immer wieder willige Unterstützerinnen und Unterstützer, die bereit waren, viel für ihn zu tun – auch ohne Gegenleistung.

Die Affäre mit der Gattin von Puschkin wird im Film allerdings als eine Art Prostitution dargestellt, mit der sich Rudolf bei der erst nur fürsorglichen, dann ihn verführenden Frau bedankt. Es gibt Schilderungen von Zeitzeugen, nach denen die Sache wohl noch etwas anders war – aber es sei der künstlerischen Freiheit des filmischen Werks überlassen, in erotischen Szenen die Details so auszugestalten, dass nichts verschenkt wird.

Ohnehin war die Liebe zu Frauen bei Rudi eher selten. Als Nurejew mit Teja Kremke, einem Gaststudenten aus der DDR, seine erste große Liebe trifft – und mithilfe von dessen Filmaufnahmen seine Technik und seinen Stil verbessert – wird Nurejew endgültig homosexuell. Inwieweit das später in seinem Leben ein Problem war, erfahren wir aus dem Film nicht; Rudolfs Exzesse in Schwulenclubs und Sexsaunen fanden sozusagen nach Drehschluss statt, nachdem er sich in Paris eingelebt hatte.

So ist es zwar von allem nur der Kern, den wir hier sehen – aber dennoch gelingt ein umfassendes Panorama der Psyche und auch der äußeren Entwicklung des tänzerischen Genies. Rudolf Nurejew– er hätte selbst wohl herzlich bei manchen Szenen gelacht und dem Film seine Zustimmung nicht verweigert.

Eine generalstabsmäßige Planung kam Ralph Fiennes zugute, sodass man kaum glauben kann, dass sein Budget nur für eine Drehwoche reichte: Immerhin konnte er auch an Originalschauplätzen drehen, im Louvre und sogar in der Eremitage in Sankt Petersburg.

Nurejew kommt ins Kino

Erster Ballettunterricht in der Provinz: „Nurejew – The White Crow“ als Kind mit der Ballettlehrerin in Ufa an der Barre. Früh übt sich… was ein Genie werden will! Videostill aus dem Trailer von Alamode Film: Gisela Sonnenburg

Erstaunlich ist, dass er praktisch ohne Originalaufnahmen mit Nurejew und seiner Bühnenpräsenz auskommt. Tatsächlich hätte das den in sich geschlossenen, melancholisch-weichen Stil des Films wohl gebrochen. Und so sieht man Rudi persönlich erst im Abspann auftanzen, mit seinem berühmten Sklavensolo aus „Le Corsaire“, in einer selten gezeigten Schwarz-weiß-Aufnahme, die von oben auf den Tanzenden blickt und ihn seltsam entrückt, fast geschrumpft wirken lässt.

Die Musik dazu ist nicht die mit dem Humtata-Effekt von Adolphe Adam, sondern eine Melodie aus „Schwanensee“ von Peter I. Tschaikowsky in einer Solo-Instrumentalisierung, die von Lisa Batiashvili mit sehr viel Gefühl gespielt wird. Schließlich entwickelt der Komponist Ilan Eshkeri eine moderne, zarte Filmmusik aus dem Motiv, die dazu einlädt, die Namen im Abspann sinnierend abzulesen (statt hektisch aus dem Kino zu rennen).

Als „Rausschmeißer“ ertönen dann doch noch ein paar Takte Adam– aber da ist man bereits ganz übermannt von der Fülle der emotionalen Eindrücke, die der Film abliefert.

Nurejew kommt ins Kino

Der junge Nurejew mit Clara Saint in Paris: So zu sehen in „Nurejew – The White Crow“ von Ralph Fiennes. Foto: Alamode Film

Das liegt auch an der Besetzung, sie ist superbe: Oleg Ivenko hat sich als Titelfigur jenen manischen Zug im Gesicht antrainiert, der Nurejew als Alphatier kennzeichnet, ihn aber zugleich in seiner Erscheinung ambivalent wirken lässt: sympathisch und manisch, offen und geheimnisvoll, entgegen kommend und arrogant, flirtend und drohend zugleich.

Fiennes hat ein ganz bestimmtes Bild von Nurejew  getroffen, er selbst beschreibt es so:

„Es ist immer, als ob dich eine Katze scheel ansieht – und dann plötzlich flirtend. Nurejew hatte etwas Quirliges, Erotisches, Gefährliches, wirkte immer, als ob er kurz davor wäre, arrogant, ungehalten und aggressiv zu werden – diese Art von Stimmung hat er vermittelt. Und ich fühlte: Oleg könnte das unter meiner Anleitung spielen.“

In der Tat: Ivenko spielt einen Mann, der Nurejew sein könnte, und mehr will und darf man hier nicht verlangen.

Als seine Verführerin brilliert mit Chulpan Khamatova eine der bekanntesten Schauspielerinnen des heutigen Russlands. Sie spielt Ksenija, die ehemalige Ballerina und Gattin des Ballettpädagogen Puschkin, mit entschlossen femininer Energie.

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Fiennes selbst hat sich fantastisch mit Puschkin identifiziert, spielt den zurückhaltenden, dennoch den Dingen stets auf den Grund gehenden Lehrer, der stets mit gebügeltem Oberhemd und Krawatte im Ballettsaal stand.

In einer Szene fragt er Rudolf, was der Sinn des Tanzens sei. Als Ballettpädagoge könne er nur die Schönheit des Tanzes lehren, aber den Sinn dessen für das Publikum habe er damit noch nicht vermittelt.

Die Frage nach dem Sinn des Tanzes – die Puschkin sich letztlich mit „Inhalt!“ selbst beantwortet – ist ein brennender Punkt bis heute: Sie wird solange lebendig bleiben, wie es das Tanzen gibt. Und vielleicht muss jede Generation eine eigene Antwort finden.

Die junge Adèle Exarchopoulos hat eine weitere wichtige Rolle im Film inne: Sie spielt Clara Saint, die Nurejew vor den bösen KGB-Leuten zu retten vermag.

Obwohl der angehende Startänzer ihr auch seine diktatorische, divenhaft-arrogante Seite zeigt, sieht sie ihm nach, dass er, wie sie es sagt, der egoistischste Mensch ist, den sie je kennen lernte. Ihr Verlobter war der Sohn des populären Schriftstellers und Kulturministers André Malraux, er kam aber wenige Tage, bevor Clara auf Nurejew trifft, bei einem Autounfall ums Leben. Nurejew ist für sie Trost und auch ein wenig falsche Hoffnung – vor allem aber erkennt sie sein Potenzial als Künstler, als öffentliche Person, die auch jenseits des persönlichen Kontakts Menschen zu beglücken, zu bereichern weiß.

Als sich die Situation um Nurejew am Flughafen zuspitzt, lässt Pierre Lacotte telefonisch Clara benachrichtigen, die sofort herbei eilt. Sie, die dank guter privater Kontakte zur französischen Regierung Autorität hat, meldet dann bei der Gendarmerie am Flughafen, dass ein russischer Künstler bleiben möchte. Zwei Zivilbeamte werden in Rudolfs Nähe abgestellt, um ihm zu helfen, wenn er das will.

Der Spielfilm weicht hier etwas von der historischen Überlieferung durch Pierre Lacotte ab. Laut Lacotte flüsterte er selbst Nurejew ins Ohr, er solle nach der Verabschiedung von Clara am Flughafen zu den hinter ihr stehenden französischen Zivilbeamten gehen und „I want to be free“ sagen. Was er dann auch herausgebrüllt habe.

Im Film ist es Clara selbst, die Rudi das zuraunt, während sie ihn umarmt. Jedenfalls läuft Rudolf eine Stunde vor dem Abflug nach Moskau zu zwei französischen Beamten, die dann erstmal in einem Handgemenge die beiden Bewacher vom KGB, die Nurejew nach Moskau bringen sollen, abwehren müssen.

Bis zu dieser Szene steigt die Spannung im Film, als handle es sich um ein dramatisches Kammerspiel in mehreren collagierten Akten.

Immer wieder sieht man den jungen Rudolf an der Ballettstange allein an sich arbeiten – und alternierend kommen auch immer wieder Kindheitserinnerungen an die von Armut und Wildnis geprägte Jugend Nurejews in ihm hoch.

Nahaufnahmen beim Schminken, auch vom Tanz auf der Bühne, die den erwachsenen Rudi als Solor in „La Bayadère“ oder als Prinz Siegfried in „Schwanensee“ zeigen, runden diese  Collage ab.

Nurejew kommt ins Kino

Johan Kobborg – hier auf youtube im „Interviu Johan Kobborg“ zu sehen – arrangierte die tänzerischen Szenen in „Nurejew – The White Crow“. So lässig er hier sitzt, so präzise arbeitet er! Videostill von youtube: Gisela Sonnenburg

Hier kommt die glückselige Hand von Johan Kobborg ins Spiel. Der dänische Tänzer und Choreograf – im privaten Leben übrigens Partner von Alina Cojocaru und auch Vater von deren kleinem Kind – wurde von Fiennes geschickt gewählt, um die ballettösen Passagen ohne viel Aufwand, aber mit dem nötigen Spürsinn für die Kunst einzurichten.

Die männlichen Soli, von Oleg Ivenko mit viel Expression, aber niemals übertrieben oder gar Nurejew kopierend, getanzt, sind zusätzlich zu vielen ergreifenden Filmszenen mitreißende Highlights.

Natürlich wäre Artem Ovcharenko vom Bolschoi-Theater, der in einer TV-Doku Rudolf Nurejew verkörpert, hier auch eine erste Wahl gewesen. Ob er allerdings schauspielerisch so versiert und natürlich, so unkompliziert und authentisch überzeugen könnte wie Ivenko, ist nicht sicher.

Kobborg hat jedenfalls Sorge getragen, dass keine Zirkuselemente, sondern die Liebe zu den Grundlagen des Balletts den Film prägen.

Das ist wichtig: Immerhin vermittelt so ein Film sein Bild vom Ballett auch an Menschen, die sich bis dahin nur wenig mit der Bühnentanzform beschäftigt haben.

Schauspieler wie Raphael Personnaz als Pierre Lacotte (der als damaliger Ballerino der Pariser Opéra Nurejew kollegial und auch materiell auf die Sprünge half) runden den Film ab.

Der junge „Nurejew – The White Crow“ (toll gespielt und getanzt von Oleg Ivenko) im Mai 1961 in einem Lokal in Paris. Foto: Alamode Film

Unbedingt erwähnenswert ist da auch die bezaubernde Anna Polikarpova – die einst in Leningrad tanzte, dann beim Hamburg Ballett, und die heute unter ihrem Ehenamen Anna Urban bei John Neumeier in Hamburg in der Ballettschule unterrichtet. Sie spielt  Natalia Dudinskaya, jene Starballerina, die den blutjungen Nurejew in der UdSSR vor einer Strafversetzung in die Provinz rettete und als ihren Bühnenpartner ins Kirow-Ensemble holte.

Einige Jahre später sollte sich die Konstellation von Nurejew als jungem Partner einer älteren Primaballerina in London wiederholen: mit Margot Fonteyn.

Solche Petitessen fallen einem ein, wenn man „Nurejew – The White Crow“ aufmerksam anschaut.

Es handelt sich um ein wahrhaft vitales, dennoch auch sensibles filmisches Ereignis eines wichtigen Stücks Kultur- und Ballettgeschichte.
Gisela Sonnenburg

Nurejew – The White Crow“, UK/Frankreich/Serbien 2018, 122 Min., Alamode Film Verleih, Kinostart in Deutschland: 26. September 2019

Weitere Lektüre zum Thema bitte hier:

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