Rudi, der Tatar Leidenschaft, Stolz und Schönheit: Rudolf Nurejew wurde vor 80 Jahren geboren. Eine DVD-Trilogie zeigt ihn als Tänzer und Choreografen

Rudi Nurejew würde 80

Rudolf Nurejew als Kind in Baschkirien – der Fotograf ist unbekannt. Aber die Unterhose ist wohl irgendwie zu groß. Das ist keine Angeberei des Jungen, sondern die pure Armut des Elternhauses spricht daraus.

Schon sein Gesicht hatte Glamour. Und dann erst sein Körper, wenn er durch die Luft flog, sich ins Cambré beugte, tollkühn Pirouetten sprang – oder auch ganz lässig einfach nur so da stand. Rudolf Nurejew, am 17. März 1938 in einem Zug auf der Höhe des Baikal-Sees geboren, war der Inbegriff des Balletttänzers seiner Zeit, mehr noch: Er machte, unterstützt von der Publicity durch die Klatschpresse, das Ballett an sich in der westlichen Hemisphäre wirklich bekannt. Als wandelnde Beute des Westens im Kalten Krieg zeigte der aus der Sowjetunion stammende Wundertänzer mit schier ungeheurem Einsatz, was Talent und Fleiß im Ballett künstlerisch vermögen – und seine Ausstrahlung, die auch genährt war von einem überbordenden Selbstbewusstsein, machte ihn sogar bei Menschen, die sich sonst nicht fürs Ballett interessieren, unvergesslich. Die Ballettomanen aber und alle, die Sinn für Leidenschaft, Stolz und Schönheit haben, liegen ihm noch heute zu Füßen…

Da kann man schon ins melancholische Grübeln kommen, ob er heute einen Nachfolger hat. Roberto Bolle? Alexandr Trusch? Alban Lendorf? Ivan Vasiliev? Artem Ovcharenko? Weitere Vorschläge?

Doch Rudi, wie er nicht nur im Ballettsaal, sondern allgemein genannt wurde, war auch ein Kind seiner Zeit. Das Glück war ihm auf seinem Karriereweg von Beginn an hold, und das, obwohl er sich als junger Mann respektlos über Vieles hinweg setzte, was erwartet wurde.

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Ein britisches Lexikon bezeichnet ihn übrigens als Tataren, denn er wuchs in der Nähe von Ufa auf, in einer dorfähnlichen Struktur im alten Baschkirien, unter nahezu primitiven Lebensverhältnissen.

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Das Grabtuch ist ein Mosaik aus Steinen und ahmt einen Kelimteppich nach: Rudis Grab in Paris. Foto: anonym

Rudi – in seiner Heimat „Rudik“ genannt – stammte aus ärmlichen Verhältnissen, musste als Kind die gebrauchten Kleider seiner Schwestern auftragen. Die Toilette lag auf der anderen Straßenseite seines Elternhauses, und an den Glanz und Reichtum, mit dem er sich später demonstrativ umgab, war zunächst nicht mal zu denken. Er und seine Geschwister sammelten altes Zeitungspapier, für das es in der Sowjetunion damals – wie heute beim Flaschenpfand – Sammelstellen mit der Ausgabe geringer Entgelte gab.

In einer Folkloregruppe für Kinder viel Rudi auf. Vor allem, weil es nur wenige Jungs dort gab – und die nicht besonders beliebt waren. Aber das Talent war natürlich unübersehbar, das aus diesem Bengel nur so hervorquoll.

Ein Besuch mit der Mutter eines typisch sowjetischen Ballettabends in Ufa entfachte seine Liebe für diese einzigartige Kunst.

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Rudolf „Rudi“ Nurejew – immer eine Arabeske wert! Hier auf der DVD „Don Quixote“, die 2013 bei Warner Classics erschien. Videostill: Gisela Sonnenburg

Er bekam später privaten Unterricht bei Ballerinen, hatte so auch Kontakt zur staatlichen Balletttruppe in Ufa – und wurde 1955, als Ausnahme von der Regel mit schon 17 Jahren, in Leningrad als Ballettschüler aufgenommen. Allerdings hatte er sich zuvor auch in Moskau beworben, und auch das Bolschoi wollte ihn zum Ballerino ausbilden. Er entschied sich indes für das Kirov Theater in Leningrad als Berufsziel.

Sein berühmter Lehrer Alexander Puschkin machte aus ihm das, was als Rudolf Nurejew in die Ballettgeschichte eindringen konnte. Mit Puschkins Frau, einer soeben von der Bühne abgetretenen Ballerina, hatte Rudi übrigens ein Liebesverhältnis – und das, obwohl oder weil er bei dem Ehepaar zeitweise wohnte.

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Ah, it is Spanish! Rudolf Nurejew und Lucette Aldous mit dem Australian Ballet auf der DVD von 2013 (Nureyev as Dancer & as Choreographer). Videostill: Gisela Sonnenburg

1958 begann er als Erster Solist beim Kirov, durch die Vermittlung der bereits berühmten Primaballerina Natalia Dudinskaja. Sie war, wie später Margot Fonteyn, auf der Suche nach einem jüngeren neuen Bühnenpartner, der ihr, na was wohl, mehr Glanz und Aufmerksamkeit verschaffen sollte.

Schnell wurde er zum Star. Egal, wer an seiner Seite tanzte!

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Hier ist Basil ein richtiger Barbier, mit dem Rasiermesser in der am Rücken aufgestützten Hand: Rudolf Nurejew in seiner Inszenierung beim Australian Ballet und auf der DVD von 2013, die bei Warner Classics erschien. Videostill: Gisela Sonnenburg

Auf einer Tournee setzte sich Nurejew unter dramatischen Umständen in Paris ab, folgte dem neu gewonnenen Freund Pierre Lacotte an die Pariser Opéra. Was kam, war für ihn nicht immer einfach, aber: Der Rest ist Legende.

Nurejew wurde Weltstar, tanzte und choreografierte weltweit, nahm 1982 die österreichische Staatsbürgerschaft an, wurde Ballettdirektor in Wien und Paris, besuchte heimlich die angesagtesten Schwulenclubs der Metropolen – und gönnte sich seltsame Versuche, als Filmstar („The King and I“) noch höher in der Rangordnung des internationalen Jetset aufzusteigen.

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Wie eine Leuchtsäule: Rudolf Nurejew war immer unübersehbar auf der Bühne – auch im Film, hier in „Don Quixote“ von 2013 bei Warner Classics. Videostill: Gisela Sonnenburg

Sein Lebenspartner wurde der dänische Starballerino Erik Bruhn, der exaltiert, raffiniert und elegant tanzte, während Rudi einen starken und explosiven Tanzstil pflegte. Lebenslang hielt diese Liebe nicht. Aber Rudolfs Liebe zur Ästhetik und Sinnstiftung gerade von Hochkultur hielt an und überdauerte ihn sogar.

In jeder Stadt, in die er kam, besuchte er die Museen, interessierte sich schon als Ballettstudent für Kulturgeschichte allgemein – und besonders für die Fragen des guten Geschmacks. Die exquisite Gestaltung seines Grabes in Paris durch den Ausstatter Ezio Frigerio – die drei Jahre nach Rudis Tod fertig gestellt wurde – legt davon als letztes auch ein Zeugnis ab.

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Tadellose Linien – Rudi als Partner im Grand pas de deux in „Don Quixote“ mit Lucette Aldous. Die DVD erschien 2013 bei Warner Classics. Videostill: Gisela Sonnenburg

Rudi schenkte dem Westen Stücke wie „Le Corsaire“ und „Don Quixote“, die zuvor außerhalb des so genannten Ostblocks vergessen waren. In seinen Choreografien plünderte er die sowjetische Ballettgeschichte und trieb ihr eine eigene Linie ein; oftmals psychologisierte und symbolisierte er, kreierte die Hauptpersonen zu neuen Modellen von Lebendigkeit im Ballett – und erneuerte hintergründige Details.

Eine DVD, die 2013 bei Warner erschien, fasst drei seiner Ballette zusammen: „Don Quixote“, „La Bayadère“, „Romeo und Julia“. Besonders die „Don Quixote“-Aufnahme, in der er selbst den Basil tanzt, ist heiß zu empfehlen. Sie wurde 1970 mit dem Australian Ballet in einem Studio aufgenommen. Es gibt echte Hühner darin (in der Marktplatzszene, die hier an den Beginn gesetzt wurde) und jede Menge Spaß und Komik – sowie das allfällige Temperament, das Rudi seinem Publikum stets zu geben wusste.

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Oh! Wie schön! Nurejew und Aldous im Grand pas de deux in „Don Quixote“ auf der DVD von 2013. Videostill: Gisela Sonnenburg

„Man tanzte vor und nach Rudolf nicht auf dieselbe Weise“ , sagt die Pariser Ballettkoryphäe Laurent Hilaire über Nurejew – und will im selben Atemzug dessen tatarische Abstammung betont wissen. Tatsächlich wusste Nurejew, was der Orient ist – und wieviel von ihm im Okzident steckt.

Dass Rudi noch todkrank 1993 in Paris arbeitete und „La Bayadère“ choreografisch zur Premiere auf die Bühne brachte, rechnete man ihm nicht nur hoch an. Sondern es zeigt auch, dass er ein Workaholic erster Güte war.

Noch durch sein qualvolles Sterben bewirkte er etwas: Die Krankheit AIDS wurde mit ihm ein Stück bekannter, was das Eintreiben von Spendengeldern für die Forschung zur Entwicklung von wirksamen Medikamenten unterstützte.

Es ist zwar in Deutschland noch ungewöhnlich, für journalistische Projekte zu spenden, aber wenn man die Medienlandschaft um das Ballett-Journal ergänzt sehen möchte, bleibt keine andere Möglichkeit. Im Impressum erfahren Sie mehr. Danke.

Aber vor allem die zahllosen Fotos und Filmaufnahmen, die Rudolf Nurejew zeigen, auch seine romanhafte Autobiografie und natürlich seine virtuosen, erotomanen Choreografien lassen ihn für uns allgegenwärtig bleiben. Vor allem Manuel Legris pflegt als Noch-Ballettchef vom Wiener Staatsballett dieses tänzerische hochkarätige Erbe – und studierte den „Don Quixote“ beim Hamburg Ballett mit dem authentischen Geschmack, ganz wie im Namen Nurejews, ein.

Rudi Nurejew würde 80

Im Hintergrund sieht man Kelimteppiche, die als Tischdecken genutzt werden. Rudolf Nurejews Grab ist also sehr nach seinem Geschmack. Hier tanzt er – lustvoll wandelnd – mit Lucette Aldous auf der „Don Quixote“-DVD von 2013, die bei Warner Classics erschien. Videostill: Gisela Sonnenburg

Rudi, bis bald mal wieder!
Gisela Sonnenburg

Die DVD „Nurejev as Dancer & as Choreographer“ erschien 2013 bei Warner Classics – und Manuel Legris tanzt hierin den Romeo!

ballett journal