
Kein Scherzfoto, sondern das offizielle Pressebild: Lloyd Riggins (vorne links), Nicolas Hartmann (rechts), Tobias Kratzer (hinten mittig) und Omer Meir Wellber (links hinten) auf dem Karussell der neuen Spielzeit. Foto: Hamburg Ballett / Hamburgische Staatsoper
Nicht „Die Kuppel“, sondern – für die wachsende Schar junger Analphabeten wohl eher fasslich – ganz schlicht ohne Artikel „Kuppel“: Dieser Hamburger Vergnügungsort im Stadtteil Bahrenfeld hat mit dem traditionsreichen Restaurant „La Coupole“ (übersetzt: „Die Kuppel“) in Paris nichts zu tun. Nur teuer essen kann man hier wie dort. Und: John Neumeier war auch schon da. In der „Kuppel Hamburg“ (der Firmenwebsite nach müsste es grammatisch falsch „in Kuppel“ heißen) hat der frühere Chef vom Hamburg Ballett unter seinem prominenten Namen bereits ein sündhaft teures Dinner mit fünf Gängen sowie mit steuersubventioniertem Tanz von 160 Darstellerinnen und Darstellern aus dem Hamburger Ballettzentrum als „Charity-Galaabend“ veranstaltet. Glamouröse Hochkultur – bald nur noch für die Reichen? Zumindest für die Mobilen, denn vom Hamburger Hauptbahnhof fährt man noch 30 bis 40 Minuten mit den Öffis, um in die „Kuppel“ zu gelangen. Die „Elphi der Offszene“ nennt sich das Etablissement selbst einschmeichelnd. Aber Offkultur heißt hier wohl eher, dass die Kultur frei hat und an ihrer statt das Spektakel floriert. Der Bauweise nach erinnert die „Kuppel“ übrigens an ein Zirkuszelt. Zirkus statt Zentrum, auch: Hamburger Zirkus statt Zentrum der Ballettwelt – so wird die Saison dann ausklingen. Denn im Sommer 2027 soll in Bahrenfeld eine spektakuläre Neuversion von John Neumeiers „Ein Sommernachtstraum“ auftanzen. Ansonsten geht es beim Hamburg Ballett in der kommenden Spielzeit eher bieder zu: mit immerhin elf verschiedenen Programmen plus der „Nijinsky-Gala“, die überraschenderweise noch nicht abgeschafft wurde, sondern – wegen der avisierten Bauarbeiten in der Hamburgischen Staatsoper – bereits am Ostermontag 2027 stattfindet.
Lloyd Riggins und Nicolas Hartmann, deren kommissarische Leitung vom Hamburg Ballett aktuell auf die Zeit bis zum Sommer 2027 begrenzt ist, haben sich nicht gerade das berühmte Bein ausgerissen, um ein aufregendes Programm zu machen. Die beiden Premieren der Spielzeit 2026/27, die sie anberaumen, klingen so banal, dass man ins Schaudern kommt.

Futaba Ishizaki, Matias Oberlin und das Ensemble vom Hamburg Ballett in „The Times Are Racing“ von Justin Peck. Foto: Kiran West
Am 5. Dezember 2026 soll sich Edvin Revazov mit Justin Peck messen. Das Premierenprogramm „Neue Welten“ fasst eine Uraufführung von Revazov mit den „Copland Dance Episodes“ von 2023 nach Musik von Aaron Copland und der Choreo von Peck zusammen. Revazov ist ja nun langjähriger Erster Solist vom Hamburg Ballett sowie seit einigen Jahren auch Künstlerischer Leiter vom Hamburger Kammerballett. Neu sind aber weder seine choreografische Handschrift in Hamburg noch diejenige von Justin Peck. Denn von Peck läuft in Hamburg schon ein Stück in „The Times are Racing“ („Rasende Zeiten“). Sein sportlich-moderner, turnerisch inspirierter Stil ist zwar kurzweilig, aber auch etwas oberflächlich. Warum muss davon nun Nachschub nach Hamburg kommen? Weil Justin Peck – wie Lloyd Riggins – US-Amerikaner ist?
Ein US-amerikanisch inspiriertes Musikstück namens „Letter from Lincoln“ will oder soll auch Edvin Revazov in seiner Uraufführung benutzen. Was den in Moskau ausgebildeten, gebürtigen Ukrainer Revazov nun so dringlich mit Abraham Lincoln, dem sechzehnten Präsidenten der USA, verbindet, ist noch nicht ganz klar. Aber vielleicht erklärt das dann der Titel des Stücks, der noch nicht fest steht. Hoffentlich wird das keine unfreiwillige Trump-Propaganda!
Der zweiten Premiere der Spielzeit bleibt man dann vielleicht sowieso besser fern. Denn sie verheißt ein derartiges Provinzniveau, wie man es beim einst weltweit renommierten Hamburg Ballett nie erleben wollte.
Schon der Titel reißt etwa fünf Kilometer in die Tiefe, wenn man Niveau als Landschaft fühlen will. In „MITTSU“ (Hauptsache, man fällt mit großen Buchstaben auf) dürfen sich am 13. März 27 drei choreografierende Damen austoben, darunter die ehemaligen Neumeier-Tänzerinnen Yuka Oishi (die wohl dringend mal wieder einen Job braucht) und Kristina Paulin, die mittlerweile als stellvertretende Ballettdirektorin und Hauschoreografin beim Staatsballett Karlsruhe engagiert ist. Von beiden waren auch beim Hamburg Ballett schon Stücke zu sehen.

Kristina Paulin ist Raimondo Rebecks Stellvertreterin am Staatsballett Karlsruhe und zudem dort Hauschoreografin. Foto: Arno Kohlem
Bloß nichts Neues in Hamburg zeigen, wie? Zudem soll die britische Schriftstellerin und frühe Feministin Virginia Woolf stille Patin des Abends sein. Warum ausgerechnet sie? Und warum so ruhig? Man hat den Verdacht, dass sie die einzige weibliche Autorin ist, die Lloyd Riggins, der bisher nicht gerade durch hohe Bildung auffiel, so kennt.
Neshama Nashman, die dritte Schöpferin des Abends, kommt dann – wie schon der unselige Demis Volpi – wieder vom Ballett am Rhein. Ursprünglich stammt sie aber aus Kanada. Sie läuft unter „Nachwuchstalent“, wie so viele, die heute mal kurz hochgejubelt werden, obwohl oder weil sie nicht viel können, aber reiche Gönner haben.
Als Kostproben von Nashman seien die Titel von zwei ihrer bisherigen Arbeiten genannt: „And my beloved“ („Und meine Geliebte“) und „And so am I“ („Und so bin ich auch“). „Narzissmus, wir hören Dir trapsen“, sagt die Berliner Kodderschnauze dazu.
Mit dieser Ladies‘ Night werden wohlgemerkt die 52. Hamburger Ballett-Tage eröffnet. Deren absolutes Mega-Highlight: Die „Matthäus-Passion“ von John Neumeier, die generell und traditionell in Hamburg über Ostern gezeigt wird (nur dieses Jahr nicht).
Und was wäre das Hamburg Ballett ohne solche fantastischen Überreste aus der Neumeier-Ära?!
Das Gastspiel der 52. Hamburger Ballett-Tage gehört jedenfalls nicht zu den Magneten für wahrhaft die Kunst Liebende. Die Company „WINNDance“ (auch hier heischen die Großbuchstaben nach Aufmerksamkeit) wird offenbar von Privatgeld finanziert. Hier mischen manchmal einige Superstars mit, aber nicht immer. Die Buchstaben aus dem Namen stehen jedenfalls für „when if not now“ („wann, wenn nicht jetzt“), und man will mit dem etwas notgeil klingenden Aufruf Tänzerinnen und Tänzern, die deutlich jenseits der 40 Lebenslenze stehen, nochmal ordentlich zum Absahnen verhelfen.

So kannte und mochte man Marijn Rademaker, Toptänzer einst beim Stuttgarter Ballett, dann bei Het Nationale Ballett in Amsterdam. Hier mit Igone de Jongh in der „Kameliendame“ von John Neumeier. Als Choreograf und Künstlerischer Leiter aber scheint er minderbegabt. Videostill aus einer Online-Matinee: Gisela Sonnenburg
Der abgehalfterte ehemalige Tanzstar Marijn Rademaker zeichnet dabei als einer von zwei Künstlerischen Leitern verantwortlich, und dank seiner guten beruflichen wie privaten Beziehungen wird er formal schon irgendwelchen Budenzauber auffahren können. Aber ob man darauf in künstlerischer Hinsicht neugierig sein sollte?
Die Dekadenz des Glanzes ohne Gehalt tanzt hier wohl doch ordentlich mit.
Redliche Kunst sieht nun mal anders aus als das, was Rademaker etwa auch schon beim Ballett Dortmund präsentierte, wo er seinen aus Sankt Petersburg kommenden Co-Leiter Slava Tutukin aufgabelte. Rademakers einst hübsches Gesicht, das mittlerweile ziemlich verkommen aussieht, vermarktet er derzeit übrigens auch auf der Homepage vom Festspielhaus Baden-Baden, wo er im Oktober 2026 im Rahmen von John Neumeiers Festival „The World of John Neumeier“ auftritt.
Vielleicht möchte sich jemand dort schon jene Prise Angeberei anschauen, die dann im Sommer 2027 in Hamburg bestimmt nicht weniger aufdringlich sein wird.
Die restlichen kommenden Hamburger Programme stimmen gnädiger: „A Cinderella Story“ von John Neumeier kehrt zurück, leider ohne die in die USA abgewanderte Brillanzballerina Madoka Sugai, die dem famosen Stück vor wenigen Jahren ihren Stempel verlieh.
Dann tanzt, wie schon eingangs berichtet, „Ein Sommernachtstraum“ von Neumeier in der „Kuppel“, womit ein Publikumsrenner festgelegt sein dürfte. Zudem läuft in der kommenden Spielzeit das erst im Sommer 2026 als Uraufführung in Hamburg vorgesehene Stück „Wunderland“ von Alexei Ratmansky. Es wird als besonders familienfreundlich bezeichnet.

Callum Linnane in John Neumeiers „Nijinsky“ beim Australian Ballet. Er kommt nach Hamburg, um die Ersten Solisten zu unterstützen. Foto: Australian Ballet / Instagram
Einen einzigen neuen Ersten Solisten von außerhalb wird es außerdem geben: Callum Linnane, der seit 2015 beim Australian Ballet in Sidney tanzt, welches seit 2021 sehr erfolgreich vom Starballerino David Hallberg geleitet wird. Linnane hat 2016 die Titelrolle in Neumeiers „Nijinsky“ getanzt und soll ganz sicher dafür sorgen, dass Louis Musin und Matias Oberlin beim Hamburg Ballett nicht mehr ständig alle Hauptrollen tanzen müssen, ob sie nun vom Typ her passen oder nicht.
Die Lücke, die der Weggang von vier männlichen und einem weiblichen Zugpferd vor einem Jahr in die Company gerissen hat, dürfte damit allerdings noch nicht aufgefüllt sein. Lloyd Riggins scheint auch da kein glückliches Händchen zu haben.
Ferner aber kommt, wie schon gesagt, Neumeiers „Matthäus-Passion“ wieder zur Osterzeit auf den Spielplan, ebenso Neumeiers „Der Nussknacker“ zur Weihnachtszeit. Außerdem wird „Die Kameliendame“, ein weiterer Neumeier-Knüller, höchstwahrscheinlich wieder für enorme Begeisterungsstürme sorgen.
Der Abend „Romantic Evolution/s“ darf das Publikum dann vor allem mit seiner zweiten Hälfte weiterhin penetrant langweilen, bevor, im Januar 2027, „Die Möwe“, Neumeiers grandioses Tschechow-Ballett, die Zuschauenden rühren wird.

Flucht in die weiße Box: Der Dichter muss die Meerjungfrau erlösen… so zu sehen in „Die kleine Meerjungfrau“ von John Neumeier. Foto: Kiran West
„Fast Forward“, der überwiegend missratene vierteilige Mix, der in dieser Spielzeit für Furore sorgte (oder auch nicht), darf jedoch offenbar noch nicht fehlen, bis dann im April 2027 „Die kleine Meerjungfrau“ von John Neumeier noch einmal das wunderbare große Haus der tollen Hamburgischen Staatsoper in seiner jetzigen Form zum Leuchten bringen wird.
Bevor es geschlossen und für eine teils noch unbekannte Nutzung umgebaut und saniert wird.
„Ballett-Werkstätte“ und „Junge Choreograph:innen“ gehören derweil zum Standard beim Hamburg Ballett – und bleiben das auch. An Gastspielen aus Hamburg wird derzeit allerdings nur „Der Nussknacker“, der in Baden-Baden gastieren soll, angeboten.
Außer John Neumeier, George Balanchine (dessen „Serenade“ die einzige Rettung im Programm „Fast Forward“ ist) und Justin Peck steht somit kein hochkarätiger Choreograf im Spielplan, und es gibt auch keinen fetzigen Klassikabend, nicht mal als Wiederaufnahme. Das ist für eine einst weltweit mit führende Company eher mager.
Das Hamburger Publikum hat also genügend Zeit und Muße, zum Semperoper Ballett nach Dresden, zum Bayerischen Staatsballett nach München, zum Ballett Dortmund oder auch – mit wärmster Empfehlung vom Ballett-Journal – zum Ballett des Landestheater Detmold zu fahren, um frische Kunst, die es womöglich noch nicht von der Alster her kennt, auf hohem Niveau zu sehen.

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Denn was Lloyd Riggins und Nicolas Hartmann außer den bekannten Neumeier-Meisterwerken servieren, grenzt an fahrlässige Steuergeldverschwendung: so einfallslos und wenig prickelnd ist die Speisekarte.
Kompetenz? Fehlanzeige.
Da hätte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda – das ist dieser leicht korpulente Mensch mit der lauten Ich-quatsch-euch-alle-tot-Rhethorik – wirklich gleich selbst das Programm zurechtschustern können. Das wäre für die Stadt Hamburg noch etwas billiger gewesen. Und darauf kommt es wohl vor allem an.
Gisela Sonnenburg