Leben? Nur mit Liebe! Das Semperoper Ballett zeigt „Onegin“ von John Cranko in neuer, junger  Besetzung: mit dem fantastischen Richard House in der Titelrolle und der erfrischenden SeoHyeon Jeong als Tatjana

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Bravi! Standing ovations gab es für die Künstlerinnen und Künstler nach „Onegin“ von John Cranko beim Semperoper Ballett am 2. Oktober 2026 mit Dirigent Simon Hewett (rechts). Foto vom Schlussapplaus: Ballett-Journal

Oh, „Onegin“! Gemeint ist „Onegin“ von John Cranko, jenes berauschende Tanzstück, das in seiner Fassung von 1967 nach der Vorlage des romantisch-satirischen russischen Versromans von Alexander Puschkin von Deutschland aus weltweit berühmt wurde. Es handelt sich um eines der ganz großen, klassisch-modernen Ballette der Tanzgeschichte, und gerade darum sind hierin neue, junge, ungewöhnliche Besetzungen immer spannend zu erleben. Beim Semperoper Ballett in Dresden reüssiert nun seit gestern ein Bühnenpaar, das den beiden Hauptrollen dank famosem Einsatz der Protagonisten ganz neue Aspekte abgewinnt. Die Rollendebüts gerieten zum Triumph mit Standing ovations. Und wer während dieser Vorstellung keine feuchten Augen bekam, muss sich fragen lassen, ob er oder sie vielleicht kein Herz hat. Mal abgesehen von einem überwiegend hervorragend beprobten Ensemble mit viel sprühender Lust am Tanz und Spiel, begeisterte allen voran Richard House, Australier und derzeit Halbsolist beim Semperoper Ballett. Er ist ein Eugen Onegin wie aus dem Wunschbilderbuch der Ballettbesetzungen: Er gibt den megaeleganten Hagestolz und herablassenden Supermacho so, dass er nicht nur narzisstisch, sondern auch nachvollziehbar und leidensfähig rüberkommt. Er ist nun mal ein Mann, der schon aufgrund seines Naturells irre gefährlich für die Frauenwelt ist. Im dritten Akt, als Onegin sich in fortgeschrittenem Alter und mit angegrauten Schläfen endlich mal verliebt, ist Richard House dann so begeisterungsfähig und hingebungsvoll, dass man bemerkt: Dieser Mann sparte sich seine eigentliche, also emotionale Jugend für eine späte Liebe auf. Eine solche Interpretation ist tatsächlich neu, und es ist gut und richtig, dass Onegin hier eine innere Wandlung durch die Liebe durchmacht. Dass es Tatjana trifft, die er aus ihrer Mädchenzeit kennt, scheint fast zufällig. Und doch schicksalhaft. Denn  Houses Tatjana ist die erfrischende, temperamentvolle, bildhübsche SeoHyeon Jeong aus Südkorea, die von Beginn an alles gibt, um hoch ästhetisch und zugleich maximal leidenschaftlich zu sein.

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SeoHyeon Jeong als hier noch ungebrochen glückliche Tatjana zwischen zwei Männern: links Richard House als eifersüchtige Jugendliebe „Onegin“, im Pas de deux rechts kniet fürstlich erhaben Johannes Goldbach als Gatte Gremin. Wild und brav – nur selten in einem Mann allein zu finden… Foto vom Semperoper Ballett: Admill Kuyler

Da liegt sie zu Beginn des Stücks hingegossen mit gekreuzten Beinen bäuchlings auf der Bühne, die jetzt ein Garten ist, und liest. Tatjana ist mit Büchern bei Sonnenschein in ihrer Welt. Sie hätte sich wohl längst verloben sollen, und ihre jüngere Schwester Olga (ein Pirouettenwunder: Soomin Kim) ist es bereits: mit Lenski, dem heißblütigen Dichter, von Joseph Ducille mit Power und Poesie in den schönen Beinen getanzt. Doch Tatjana hat es nicht eilig mit der Liebe.

Bis sie Onegin, einen Freund von Lenski, erst kurz im Spiegel und dann höchstpersönlich erblickt. Sie erschrickt vor ihm, zuckt zusammen, verspürt instinktiv nicht nur Zuneigung, sondern auch Angst.

Aber gerade das will der hochmütige, „coole“ Typ, der immer Schwarz trägt, denn das befriedigt sein nicht eben kleines Ego. Zum Dank macht er ihr jetzt erst mal nonchalant den Hof. Ihr erster Pas de deux bei einem Spaziergang ist denn auch mehr eine Belehrung und eine Offenbarung als ein Dialog: Onegin zeigt Tatjana, wie ernst und bitter das Leben ist, selbst wenn man keine materiellen Sorgen hat. Seine berühmte Weltschmerzgeste, nämlich den Handrücken leicht auf die erhobene Stirn zu legen, zeigt Richard House mit allem Gefühl. Hier ist ein vom Schicksal Verwöhnter mit allem im Grunde unzufrieden, und die Sehnsucht nach Unbekanntem quält ihn, als fehle ihm substanziell etwas fürs große Glück. Melancholie und Weltverdrossenheit paaren sich darin, Klugheit mit Selbstverblendung. Mit großen, staunenden  Augen trippelt Tatjana SeoHyeon Jeong ihm zu. So ein toller Kerl ist er! Für die Liebe wirkt er allerdings nicht so tauglich. Nur übersieht das die junge Tatjana.

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Ein erstes Pärchen in „Onegin“ von John Cranko nach „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin: Olga (Soomin Kim) und Lenski (vorn, zu ihren Füßen: Joseph Ducille) sind glücklich verliebt – und scheitern dennoch. Die Freundinnen im Hintergrund leiden hingegen weniger. Foto vom Semperoper Ballett: Admill Kuyler

Da scheinen es Olga und Lenski doch leichter zu haben. Soomin Kim und Joseph Ducille absolvieren ihren ersten Pas de deux mit einer so vorzüglichen Leichtigkeit und Grandezza, dass der große Szenenapplaus für sie unvermeidlich ist. Hebungen, Drehungen, Blicke – alles stimmt bis aufs i-Tüpfelchen. Und trotzdem geht dieses Modell der naiven, heiteren Liebe hier später ganz böse schief, schon laut Puschkins Dramatik.

Doch zunächst ist alles nur aufregend. Die Jungs und Mädchen, die sich auf dem Grundstück der Frau Mama von Tatjana und Olga eingefunden haben, zelebrieren mit die schönsten stilisierten Folkloretänze, die es im Ballett gibt. Choreograf John Cranko, aus Südafrika stammend, in London ausgebildet und  in Stuttgart zum „Ballettwundermacher“ ausgerufen, mischte hier Elemente aus dem russischen, italienischen und griechischen Folkloregut – und brachte es mit sehr viel Pep ins ballettöse Linienformat. Spritzig, grandios, lieblich und vital wirken die Tänzerinnen und Tänzer, sodass man kaum genug von ihnen bekommt.

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Das Ensemble brilliert mit folkloristischen Elementen: Das Semperoper Ballett tanzt „Onegin“ von John Cranko. Foto: Admill Kuyler

Wenn dann das Ensemble paarweise synchron und auf gleicher Höhe die Damenspagatsprünge an den Händen der Kavaliere absolviert, wähnt man sich im Himmel des einfach genial komponierten Gruppentanzes. Glücksgefühle, Utopie und der Wunsch, dieses Glück festzuhalten, mischen sich. Wenn Menschen so ausgelassen und doch diszipliniert sind, wie können sie dann Dinge wie Krieg und Zerstörung erfinden?

Aber auch die Liebe hat ihre Tücken und Macken. Tatjana, beflügelt von ihrem eigenen Traumtanz mit Onegin, der in ihrer Fantasie aus dem Wandspiegel direkt in ihr Boudoir steigt, schreibt ihm einen Liebesbrief. Welch Fehler.

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Fröhliche Stimmung im adretten Blumenkleid – ein Muss im Ballett! So auch beim Feiern in „Onegin“ von John Cranko, hier zu sehen beim Semperoper Ballett. Foto: Admill Kuyler

Bei Tatjanas Geburtstagsfeier – bei Puschkin ist es die Namenstagsfeier – treffen sie sich dann wieder alle. Und sie tanzen, inklusive der großelterlichen Generation, so munter und lustig miteinander, dass man sich auf einem gut gelaunten Familienfest wähnt. Doch Onegin, der Tatjana erst antanzt, was ihre Hoffnung nährt, ihr Brief sei gut angekommen, plant Fieses. Nicht etwa behutsam oder höflich teilt er ihr mit, dass sie nicht als Partnerin für ihn in Frage kommt. Übrigens schon deshalb nicht, weil er gar nicht heiraten will, so steht es bei Puschkin.

Aber weil Tatjana ihren Brief nicht zurücknehmen will, frustriert Onegin sie total. Er bröselt ihr ihren eigenen Liebesbrief eiskalt in die Hände, und das, obwohl sie ohnehin schon ganz verwirrt am Schluchzen und Weinen ist.

Er ist ein Monster, ohne Frage. Leider ein charmantes. Und um Tatjana doppeldeutig zu zeigen, dass er jedes Mädchen haben kann, flirtet er nun auch noch tanzenderweise mit Olga. Was wiederum Lenski fuchsteufelswild werden lässt – und er fordert Onegin zum Duell, allen getanzten Bemühungen der jungen Frauen, ihn davon abzubringen, zum Trotz.

Das Drama nimmt seinen Lauf. Lenski fällt. Onegin ist so unglücklich wie nie zuvor, muss die Bühne aber erstmal verlassen. Legal waren Duelle nämlich nie.

Zehn Jahre Spielzeit vergehen in der zweiten Pause zwischen zweitem und drittem Akt. Onegin wuchsen ein Schnauzbart und ein paar graue Haare, Tatjana aber fand ihr Glück in der Ehe mit Fürst Gremin (stark: Johannes Goldbach). Ihn hatte sie als junges Ding noch abgewiesen. Zu gesetzt, zu gut erzogen, zu bescheiden war er ihr beim Handkuss.

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Ein Blick auf den „Roten Pas de deux“ mit SeoHyeon Jeong und Johannes Goldbach: Die wahre eheliche Liebe erstrahlt makellos und dennoch warmherzig in „Onegin“ in Tatjanas Ehe. Trotzdem hat die wilde Jugendliebe auch noch Chancen… Foto: Admill Kuyler

Aber das ist Vergangenheit. Im „Roten Pas de deux“, benannt nach ihrem lachsroten Kleid, triumphiert die gefestigte Liebe zweier Menschen, die aus Vertrauen und Halt, aus Freundschaft und dennoch auch aus Leidenschaft besteht. Beide Partner verehren einander – auch, wenn es keine hochfliegenden Träume von Weltverbesserung oder Bruch mit allen Konventionen gibt.

SeoHyeon Jeong und Johannes Goldbach tanzen diesen Paartanz einer Ehe mit so viel Inbrunst und nachgerade akribischer Zuneigung, dass man sie dazu beglückwünschen möchte. Das Leben könnte so schön sein!

Wäre da nicht diese biestige Wildheit der Sexualität, die Mann und Frau erfassen kann wie ein Sturm die Natur.

Onegin wird von Eifersucht ergriffen, als er die Harmonie zwischen Gremin und Tatjana sieht. Und auf einmal entflammt Begehren in ihm auf. Jetzt, ja, jetzt will er Tatjana besitzen, diese redliche Dame, deren stürmische, ungelenke  Leidenschaft er einst zurückgewiesen hat.

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Richard House als „Onegin“ und SeoHyeon Jeong als Tatjana im ersten Akt beim Semperoper Ballett. Foto (Ausschnitt): Admill Kuyler

Er schreibt ihr einen Brief und kündigt seinen Besuch an. Sie zittert vor ihm. Bittet den Ehemann, an diesem Tag nicht aus dem Haus zu gehen. Doch Gremin, ahnungslos, wer da erscheinen wird, vertraut ihr blind. Und geht.

Dann stürmt Onegin herein. Siegessicher. Richard House spielt den Onegin hier sehr entschieden. Er lässt ihn gar nicht unsicher sein mit seinen neuen Gefühlen. Dieser Onegin von House weiß, wie immer, genau, was er will. Jetzt wird Tatjana die nächste Beute sein, am besten brennt er mit ihr durch, finanziell unabhängig ist er ja – also her mit dieser tollen Frau, die sich, seit er sie als träumenden Bücherwurm kennenlernte, so sehr zum Weiblichen hin entwickelt hat.

Doch Onegin muss schnell erkennen, dass Tatjana einen gewissen Stolz dazugewonnen hat. Und es bedarf all seiner Verführungskünste, ihr einen Pas de deux voll erotischer Spannung abzuringen. Das ist indes kein Problem für einen Könner der Raffinesse wie Onegin.

Hier ein Kuss von hinten auf die Schulter, dort ein Griff, um die Lady an sich heranzuziehen: Bald sind sie eine Einheit im Gefühl, und wer sie sieht, muss glauben, sie seien für ihre ungezähmten Sehnsüchte füreinander wie geschaffen.

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Noch eine weitere Besetzung tanzte in Dresden als John Crankos Hauptpaar: Elena Karpuhina und Jun Xia als „Onegin“. Hier im leidenschaftlichen Schluss-Pas-de-deux. Foto: Admill Kuyler

Andere Paare knutschen hier mitunter fast, House und Jeong aber schaffen es auch ohne diesen Realismus, eine unerhörte Anziehungskraft zu kreieren. Sie fliegt in seine Arme, er hebt sie, als sei sie federleicht, er wendet sie und legt sie schließlich nieder, aber nur, um ihr zu einem kecken „Hexensprung“, hier einem diagonal in der Luft liegenden Spagatsprung zu verhelfen. Was für ein Dreamteam!

Dieser Schluss-Pas-de-deux gehört ohnehin mit zum Besten, was je choreografiert wurde. Und obwohl unzählige Stars und Sternchen diesem Stück schon ihren Stempel aufdrückten, erfreuen House und Jeong mit ihren Erweiterungen des Möglichen.

Doch dann kommt die Wende. Sie besinnt sich, was sie aufgeben würde, gäbe sie seinem brennenden Drängen nach. Sie erinnert sich auch, was für ein gemeiner Schuft er in ihrer frühen Jugend war. Und sie geht zum Schreibtisch, holt seinen Brief – und zerreißt ihn vor seinen Augen, demütigt ihn genau so, wie er sie einst vor zehn Jahren.

Sie weist ihm die Tür. Entsetzt flieht er. Kommt er zurück? Wann?

Man weiß es nicht. Aber SeoHyeon Jeong macht nun etwas, das neu ist: Sie krümmt sich, läuft ganz nach vorn gebeugt und verwirrt-zappelig wie ein verletztes Tier hin und her. Es scheint, dass sie sich das Innerste aus dem schönen Leib riss, als sie Onegin zum Teufel schickte.

Wird sie selbst daran zugrunde gehen? Oder heimlich nochmals auf ihn warten? Wird sie die Wunde Onegin überwinden? Wird das Leben für sie je wieder so schön und sorglos wie noch kürzlich im „Roten Pas de deux“ mit ihrem Gatten Gremin? Wird sie weiter leben können? Lieben können?

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Tatjana stellt sich auf, zeigt uns ihr Gesicht, es ist im Ausnahmezustand. Aber sie ist voller Kraft. Langsam senkt sie die erhobenen Hände, die zu Fäusten geballt sind. Ganz langsam. Tatjana besiegt sich selbst. Nicht die Liebe. Leben? Nur mit der Liebe ist das möglich, ob erfüllt oder unerfüllt, ob zu einem Menschen oder zu mehreren.

Und die Musik tost und tobt, wie in einem glänzenden Hollywoodfilm oder auch – dieses Mal im Dirigat von Simon Hewett mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden besonders opulent aufgebrezelt – wie in einem Musical. Kurt-Heinz Stolze hat die „Onegin“-Partitur aus von ihm neu arrangierten Tschaikowsky-Stücken für Cranko und das Stuttgarter Ballett vor über 60 Jahren  zusammengestellt. Bis heute aber berauscht dieser spezielle Sound – und illustriert mit kräftigen Klängen ein sinnliches, dabei auch moralisch wertvolles Stück Weltkunst. Bravo!
Gisela Sonnenburg

"Onegin" beim Semperoper Ballett

Noch ein weiterer stürmischer Applaus für „Onegin“ beim Schlussapplaus vom 2. Oktober 2026. Foto: Ballett-Journal

www.semperoperballett.de

Zur Dresdner Premierenbesetzung: https://ballett-journal.de/semperoper-ballett-onegin-john-cranko/

 

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