
Sie sind jung und verliebt – aber ihre Geschichte ist dramatisch… So zu sehen und auch zu hören in „To Your Eternity“ vom Ballet Del’Art. Foto: Ballet Del’Art
Ein junges Paar, verliebt und glücklich – sollte das nicht ganz normal sein? Wenn nur die böse Mitwelt nicht wäre… Das im belgischen Antwerpen ansässige, international gefeierte Ballet Del’Art – der Name ist ein französisch-italienisches Kunstwort und bedeutet soviel wie „Ballett der Kunst“ – weiß, wie gruselig, aber auch rührend es ist, wenn Liebende nicht zueinander finden dürfen. In seinem geheimnisvollen Tanzstück „To Your Eternity“ („Für eure Ewigkeit“) zeigt das Ensemble eine freakige, dennoch hochedle Variante der tragischen Liebesgeschichte von „Romeo und Julia“. Aber: Vampire spielen hier eine bedeutsame Rolle! Getanzt wird in märchenhaften Kostümen, die den Stil einer Gothic Novel mit bühnenwirksamem Glitzer verbinden. Die schwarze Romantik entführt in eine Welt aus mitreißenden Emotionen, ästhetischen Bewegungen und leidenschaftlicher Musik. Die aktuelle Tournee führt das Ballet Del’Art durch Frankreich, Belgien und Dänemark – und am 27. Dezember 2026 auch für einen Tag nach Bremen.
Die Klangmagie, die original für diese Show entstand, stammt von Daniel Ciobanu, der über TikTok weltweit bei einem breiten Publikum bekannt wurde. Damit nicht genug: Die Choreografin Lara Paraschiv, zugleich die Künstlerische Direktorin vom Ballet Del’Art, lernte ihre Kunst an der Ballettakademie des Bolschoi in Moskau. In London verband sie dann die vitale russische Klassik mit dem eleganten Stil des Royal Ballet – und gründete 2022 in Belgien das Ballet del’Art, um für Tänzerinnen und Tänzer individuelle Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen: ohne Diskriminierung, dafür mit viel Spielraum für Sinnlichkeit.

Das Paar Annalise und Daniel lernt sich auf einem Maskenball kennen. Vampire spielen hier eine große Rolle! Foto: Ballet Del’Art
Vor allem auch das junge Publikum dürfte sich hier wiederfinden und gern faszinieren lassen. Das neue Programm von Ballet Del’Art widmet sich nämlich, nach dem Vorbild von Balletten wie „Romeo und Julia“, dem Kampf der Liebe mit ihren ärgsten Widersachern. Liebe ist hier nicht der lebenslange Zusammenhalt zweier gesellschaftlich gefestigter Persönlichkeiten, sondern es ist das naive, weil unvoreingenommene, unbedingte Gefühl des jugendlichen Überschwangs. Liebe als Verabsolutierung. Absolute Liebe.
Dabei gibt es auch eine ganz konkrete Handlung, geprägt von Fantasy, aber auch von theatergeschichtlich bekannten Elementen: Annelise, das hübscheste Mädchen, das man sich nur denken kann, ist zugleich das „Licht der Nacht“. Denn ihre Schönheit und auch ihre schöne Seele überstrahlen alles. Und sie leuchtet jedem, der Hilfe braucht, den Weg. Der Junge, den sie auf einem Maskenball ihrer Frau Mama, der Herzogin, trifft und in den Annelise sich ebenso verliebt wie er sich in sie, heißt Daniel.
Auf dem Fest tummeln sich jedoch auch jede Menge durstige Vampire. Und weil sie spitzenbesetzte Masken tragen, sind sie nicht leicht zu erkennen… Daniel aber ist – ein Vampir.
Die Grenzen zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen scheinen hier fließend, und ob die Vampire wirklich böse sind und die Menschheit wirklich gut ist, wird sich erst noch erweisen müssen.
Im zweiten Akt führt uns das Libretto in den dunklen Wald. Die Seelen der Toten finden hier ihren mystischen Reigen. Spektakulär ist dieser Zauberwald. Daniel trifft in diesem unheimlichen Gefilde seinen Erzfeind Jack, der ein Rudel Werwölfe anführt.
Ein Tanzduell der beiden Männer um Annalise findet statt, doch bevor es entschieden werden kann, stürmen allerhand seltsame Kreaturen die Bühne.
Annalise will den Kampf beenden, wird dabei aber selbst schwer verletzt. Daniel kann die Werwölfe zwar beherrschen und zurückdrängen, aber er ist verzweifelt, als er die sterbende Annelise in die Arme schließt.

Der sportive Jack ist der Anführer der Werwölfe – und zum großen Kummer von Daniel auch in Annalise verliebt. Foto: Ballet Del’Art
Im dritten Akt geht es vor allem um Jack, der außerhalb von Daniels Einfluss Asyl gefunden hat, den seine Eifersucht aber schier tödlich plagt. Jack wird von einem flexiblen Universum aus lauter tanzenden Schatten begleitet, das ihn immer wieder an die schöne Annelise erinnert.
Als Daniel erscheint, prallen die beiden seltsamen Welten aufeinander. Jack will die Seele von Annalise ins Reich der ewigen Verdammnis holen, aber Daniel will sie frei wissen und voller Licht weiterhin strahlen sehen.
Die Vampire warnen den Verliebten. Bei Sonnenaufgang dann opfert sich Daniel, damit Annalise dem Bösen für immer entkommen kann.
Der große Walzer der Untoten, in dem Licht und Schatten sich vermengen und alle miteinander tanzen, beschließt das Stück.
Hat die Liebe nun gesiegt?
Oder wird sie das erst tun, wenn jede und jeder Einzelne von uns für sie bereit ist und sie in sich über alles andere siegen lässt?

Wie Romeo und Julia vergessen die beiden Liebenden beim Tanz alles um sich herum… In „To Your Eternity“. Foto: Ballet Del’Art
Lara Paraschiv kreierte ihr Ballett absichtlich nicht zu eindeutig. Junge Leute können die fantasievollen Vorgänge auf der Bühne daher besonders gut nachvollziehen. Aber letztlich stellen sich Fragen, die man vor allem als heranwachsende Person für sich selbst beantworten muss. Die role models auf der Bühne taugen da nur begrenzt zur Identifikation; allein schon die Definition von „Liebe“ ist heute ja nicht mehr ganz so einfach wie vielleicht noch zu Shakespeares Zeiten.
Und das mag, scherzhaft gesagt, auch daran liegen, dass es heute deutlich mehr Vampire gibt als früher.
Ballettfans erkennen in „To Your Eternity“ zudem einige Motive aus berühmten modernen, romantischen und klassischen Balletten: Den Maskenball aus „Romeo und Julia“, den nächtlichen Zauberwald aus „Giselle“, die tanzenden Schatten aus „La Bayadère“, den bösen Magier aus „Schwanensee“.

Die anmutigen Mädchen erinnern an Julias Freundinnen in „Romeo und Julia“. Aber bei Shakespeare gab es keine Vampire… Foto: Ballet Del’Art
Für Lara Paraschiv ist Tanz mehr als nur irgendeine Show. Sie kam später als die meisten späteren Profis ins Ballett, war schon fast in der Pubertät. Aber sie fühlt seitdem eine soviel stärkere Verbundenheit mit der Welt, dass es ihr nie in den Sinn kam, auf das Tanzen zu verzichten. Obwohl man bekanntlich einiges opfern und auf vieles verzichten muss, um zum Beispiel in der Ballettakademie vom Bolschoi oder auch woanders Erfolg mit Ballett zu haben.
Andere Dinge im Leben werden dann zwangsläufig zweitrangig, denn es zählt bei den angehenden Profis – immer wieder und immer nur – die körperliche und seelische Entwicklung als tanzender Mensch.
Aber auch die Verbindung zwischen der eigenen Seele und dem eigenen Körper, so Lara Paraschiv im Interview, kulminierte für sie immer beim Balletttanzen.
Darum ist der klassische Tanz so empfehlenswert, zum Anschauen wie zum Aktivtanz: Die Musikalität und Harmonie, die den Körper beim Ballett durchflutet, ist einzigartig.

So harmonisch und glücklich sind Annalise und Daniel. Ihr Schicksal in „For Your Eternity“ sieht aber Kampf vor. Foto: Ballet Del’Art
Für Lara ging es genau von diesem Punkt aus weiter hinein in die Welt der Kunst, weshalb sie ihr Ensemble eben auch „Ballet Del’Art“ genannt hat: „Komposition, Schauspiel, Singen, Instrumente spielen, Malen, Design, Kreieren – all das kann mit Tanz verbunden sein und sogar im Tanz seinen Anfang nehmen“, so Lara Paraschiv.
Die Bühnenbilder von Riccardo Massirioni, die Kostüme von Tatiana Cogut und Galina Krasovskaya, die Lichtshow und eben die Musik von Daniel Ciobanu verschmelzen denn auch in „To Your Eternity“ mit dem Tanz, für den sie gemacht wurden.
Versprochen wird eine rundum betörende, jugendgerechte, dennoch zeitlose Inszenierung voll tänzerischer Schönheit und mysteriöser Atmosphäre. Nicht verpassen!
Gisela Sonnenburg
https://www.balletdelartproductions.com/
