
Viele Tiere, wie diese hübsche Ringeltaube auf einer Blutpflaume, brauchen Bäume, um zu überleben. Auch und gerade in der Stadt. Foto: Gisela Sonnenburg
Bäume sind bedroht. Von Abholzung, Waldbränden, Stürmen und Hitzestress. Allein in den deutschen Städten sind laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) in den letzten Jahren fast eine Million Bäume verschwunden. Zumeist sind an den Fällungen Bauvorhaben schuld. Diese wiederum haben oft mit Profitgier zu tun: An die gesundheitlichen Folgen für Menschen, wenn Bäume fehlen, wird von Bauherren meist zuletzt gedacht. Dabei verursacht Feinstaub in der Luft Schlaganfälle und Herzinfarkte, Bäume hingegen wirken als natürlicher Filter. Die DUH fordert daher sinnvollerweise ein Gesetz zum Schutz von Stadtbäumen und Parks.
Dem Kiezbündnis, das jeden Mittwoch ab 17 Uhr mit einer Demonstration die Torstraße in Berlin-Mitte abschreitet, an der Tucholskystraße beginnend, ist das nur recht. Die Initiative „Lebendige Torstraße“ versucht, einige Dutzend alter Bäume in der Straße zu retten. Ihnen droht ab dem 1. Oktober 2026, wenn gesetzlich die Fällzeit bis März beginnt, der Tod durch Abholzung. Die Linden dort sind nicht nur schön und gesund, sondern teilweise schon achtzig Jahre alt. Ihre Leistung für bessere Luft ist wie ein Wunder der Natur: durch die Filterung von Feinstaub, die Bindung von CO2 und die Produktion von Sauerstoff. Die Kreuzung der Tor- und der Chausseestraße ist dennoch von Feinstaub schwer belastet. Jetzt die Straße für noch mehr Verkehr zu verbreitern und die Bäume dort zu killen, würde eine Förderung der Luftverpestung bedeuten. Dennoch plant der Berliner Senat dort das Bauvorhaben.
Am wirksamsten wären wohl die Waffen der Justiz. So hat das Verwaltungsgericht Berlin im März 2026 entschieden, dass eine alte Waldkiefer nicht zugunsten einer Photovoltaikanlage gefällt werden dürfe. Als es jedoch um einen Schulerweiterungsbau ging, urteilte dasselbe Gericht gegen die Bäume auf einem Schulgelände in Berlin-Pankow. Dass sich Gerichte und Bürgerinitiativen mit solchen Fragen beschäftigen, ist wichtig. Und der Zusammenhalt, der sich bei Kundgebungen zu Gunsten von Bäumen ergeben kann, erinnert an den Spirit von Bürgerbewegungen. Außerdem aber können auch Einzelne viel tun, um Bäume zu erhalten.

Nicht alle Bäume haben grünes Laub. Die Blutpflaume ist für ihr rotes Sommerlaub bekannt. Aber ohne Wasser geht bei Bäumen nichts. Foto: Gisela Sonnenburg
Michael Barsig, promovierter Biologe, Baumgutachter und Lehrbeauftragter an der TU Berlin, weiß, dass hierbei das Gießen im Sommerhalbjahr das A und O ist: „Bäume brauchen Wasser, oft deutlich mehr, als es in unserer Zeit regnet.“ Dabei benötigen junge Bäume für ihr Wachstum ein Vielfaches mehr an Wasser als ältere Bäume. Obwohl sie weniger CO2 aufnehmen und weniger Sauerstoff produzieren. Dennoch „trinkt“ auch ein gestandener, bestandsgeschützter, einige Jahrzehnte alter Laubbaum im Sommer mindestens um die 120 bis 150 Liter pro Woche, bei Hitze etwa das Doppelte. Das Wasser verbraucht der Baum nicht, sondern gibt es über die Blätter wieder ab. Die Kühle, die so durch Bäume entsteht, hat keine Nebenwirkungen wie die heiße Abluft, die bei Klimaanlagen entsteht. Rund zwei bis fünf Grad Celsius Abkühlung bringen belaubte Bäume ihrer Umgebung bei Sommerhitze.
Im Boden, zwischen den Wurzeln der Bäume, leben derweil Lebewesen, die miteinander und mit den Bäumen symbiotisch existieren. Mikroorganismen benötigen ebenfalls Wasser, um sich darin feucht zu halten. Sie schlüsseln für den Baum die Nährstoffe auf. Die Vorbilder für die Weltenesche oder sonstige heilige Bäume funktionierten schon in mythischen Zeiten so. Gießen im Sommer ist mehr als ein Ritual: Es ist für die Natur im Boden wichtig. Man sollte Bäume viel auf einmal gießen, ein- bis zweimal pro Woche. Kindern kann man das auch schon beibringen: Mit dem Gartenschlauch benötigt man fünf bis fünfzehn Minuten pro Baum, je nach Alter und Größe. Auch in Gärten und Hinterhöfen sollte man das beherzigen und entsprechend fleißig gießen.
Denn der Hitzestress, also die dauerhafte Austrocknung, denen viele Bäume aufgrund des Klimawandels oder wegen einem abgesenkten Grundwasserspiegel unterliegen, hat Folgen. Bäume trocknen aus, verlieren ihr Blattwerk, treiben nicht voll aus, verkümmern und werden anfällig für Krankheiten und Parasiten. Besonders perfide sind solche, die man ohne Lupe kaum sieht: Spinnmilben können, wenn es ein aggressiver Stamm ist, einen ganzen Baum in wenigen Jahren umbringen.
Michael Barsig empfiehlt gegen Spinnmilben nicht etwa Mittel aus der Chemiefabrik, sondern Naturgifte wie das des Rainfarn. Rainfarn ist ein Kraut, das getrocknet im Handel und preiswert über das Internet zu beziehen ist. Man brüht davon einen Sud. Den kann man verdünnen und auf die befallenen Pflanzen aufsprühen. Zusätzlich kann man Rainfarnbrühe als Gießmittel ausbringen.

Sie sind für die Flora und Fauna ein wichtiger Bestandteil der hiesigen Waldkultur: Kiefern. Dennoch propagieren eilige Geschäftemacher den „Waldumbau“ zum Laubwald. Danach ist es im Winter dann nur noch kahl im Wald. Foto: Gisela Sonnenburg
Gegen die Wolllaus, die mal auf Buchen, mal auf Hortensien spezialisiert ist, hilft Schmierseifenlösung. Auch Rapsöl mit einem Tropfen Spüli in Wasser wird gegen Läuse- und Spinnmilbenbefall empfohlen. Ein anderes Problem sind Pilzerkrankungen wie Mehltau oder Rosenrost. Auch hier hilft ein Hausmittel: nicht homogenisierte Milch mit mittelhohem Fettanteil wird eins zu acht mit Wasser vermischt und auf beide Blattseiten aufgesprüht.
Wenn man Bäume pflegt, spenden sie außer Schatten und Luftfeuchte auch Freude an der erwünschten Tierwelt. Die Baumwurzeln halten zudem den Boden zusammen und schützen so vor Erosion. Der Schatten von belaubten Bäumen ist von Licht durchwirkt, was am Spiel des Windes mit den Blättern liegt. Für die meisten Lebewesen ist das besonders angenehm und gesund: Es kommt zu keinen Verbrennungen der Haut, aber die Sonnenwärme kurbelt die Hormonproduktion an.
Bäume sind auch ein Windschutz: Sie können bei entsprechender Größe und Dichte Boen bremsen und Stürme schwächen. Ein Baum, der sich unter dem Einfluss von Wind und Sonne neigt – meist nach dem Licht hin – ist denn auch ganz normal: Schiefe Bäume müssen nicht unbedingt gefällt werden. In Berlin-Zehlendorf hat eine Familie für einen bestandsgeschützten, sich neigenden Baum sogar den Grundstückszaun angepasst. Das ist genau das Richtige für das Zusammenleben mit einem Baumriesen.
Ob schief oder nicht: Zu starker Sturm ist eine Gefahr für Bäume, zumal wenn sie ausgetrocknet sind und die Wurzeln durch jahrelangen Durst nicht mehr richtig im Boden krallen. Baumbiologe Michael Barsig warnt indes davor, jeden Baum, der eine Hohlheit aufweist, vorsorglich zu fällen. Häufig heilen Bäume eine Höhle aus, indem sie oberhalb wieder zusammenwachsen. Sie sind dann so standfest wie Bäume ohne Höhle. Für Tiere wie den Marder, für Eulen oder Singvögel sind Baumhöhlen notwendige Lebensräume.

Hier wurde für einen Baum, der sich wachsend zum Licht neigt, die Umzäunung angepasst. Originell und zur Nachahmung empfohlen! Foto: Gisela Sonnenburg
Die Vielfalt der Natur fängt nicht mit Bäumen an. Aber sie wäre ohne Bäume, zumal in unseren Breitengraden, undenkbar. Optisch und olfaktorisch schenken Bäume gerade auch Menschen das pure Wohlbefinden. Man spricht nicht grundlos vom „Waldbaden“, einem Trend aus Japan, um in entspannter Atmosphäre die ätherischen Öle und Duftnoten des Waldes aufzunehmen. Der gute alte Waldspaziergang tut es auch – solange der Mensch dort mehr Natur als seinesgleichen um sich hat.
Waldbrände machen dieses Vergnügen zunichte und bringen zahllosen Organismen den Tod. Im vergangenen Jahr vernichteten 1.175 Brände rund 2.626 Hektar Waldfläche in Deutschland, ein Vielfaches des vorherigen Mittels von 844 Hektar. Ein Wert, der in diesem Jahr fast schon Ende Juni mit 777 Hektar erreicht wurde. Deutschland und ganz Europa sind allerdings viel zu wenig vorbereitet auf solche Katastrophen – und tun weder für die Prophylaxe noch für die Schadensbegrenzung genügend. Russland hat Amphibienflugzeuge mit großen Wassertanks, die optimal sind, um Waldbrände aus der Luft zu löschen. Deutschland hingegen steckt Millionengelder in die Entwicklung von Drohnen, die für Frühwarnsysteme sorgen sollen. Gelöscht sind Brände mitten im Wald damit noch nicht.
Bei all den Hiobsbotschaften tut sich die Stadt München mit einem Megaprojekt hervor: Im Mai 2026 gewann das Pariser Büro Michel Desvigne Paysagiste den Zuschlag für die Umgestaltung der historischen Ludwigstraße. Dort soll der Verkehr von sechs auf zwei Spuren reduziert werden, frei werdende Areale sollen mit 300 Bäumen, zu Bauminseln gesetzt, bestückt werden. Der Klassizismus der Architektur erhält dann eine Ergänzung, die vor allem die Stadtluft verbessern könnte.
Da am Viktualienmarkt in München die neu gepflanzten Platanen gerade eingehen – weil man zu viele Sträucher direkt unter sie platzierte, die den Jungbäumen das Wasser streitig machen – und da zudem Teile vom Münchner Stadtwald für Neubauten abgeholzt werden sollen, könnte eine Umgestaltung der Stadt in der Ludwigstraße vielleicht für einen ersten Ausgleich sorgen.

Viele Jahre wuchs ein Blauglockenbaum in einem Hinterhof in Berlin-Mitte sehr beengt und wurde im Herbst stets auch noch sehr stark runtergestutzt. Hier liegt im Februar noch Schnee. Foto: Gisela Sonnenburg
Baumpflege in Städten geht aber auch ein paar Nummern kleiner und handlicher. Wichtig sind zum Beispiel die Baumscheiben. So nennt man die direkte Umgebung eines Straßenbaumes, das „Beet“, wo der Baum steht. Lockeres Erdreich, passende Pflanzen wie Bodenkriecher und Stockrosen sowie pflegende Zuwendung durch Anwohner haben sich hier bewährt. Kies, Beton und Metallgitter führen hingegen zu schädlicher Bodenverdichtung, sie lassen das Wasser nicht optimal zu den Wurzeln. Und allein schon mit richtigem Wässern kann man einen Kiez sichtlich aufhübschen.
In der Fritschestraße in Berlin-Charlottenburg wurden, in Absprache mit dem Bezirksamt, daher Regentonnen aufgestellt. Und im „Romantischen Viertel“ in Berlin-Mitte sorgen Anwohner für die Versorgung von Bäumen und Rosen, duftendem Lavendel, wehenden Gräsern und essbarem Rhabarber. Ein Anwohner, der sich den Spitznamen „Rosenheld“ verdiente, deponierte sogar einen Eimer mit einem Fahrradschloss an einem solchen Beet: damit Vorbeigehende ohne Schwierigkeiten zu Baumpflegenden werden. Denn in der Nähe befinden sich historische Wasserpumpen auf den Bürgersteigen. Im Winter werden die niedrigen Pflanzen dann mit trockenem Laub und Mulch versorgt, damit Kälte und Trockenheit ihnen nicht zuviel anhaben können.

Hier steht der horizontal gewachsene, zwei Meter lange Wurzelstock des Blauglockenbaums aus dem Berliner Hinterhof senkrecht und kopfüber in einem geschützten Raum, um auf auf die Einpflanzung an seinem neuen Standort zu warten. Die „Fussel“ sind Feinwurzeln, wichtig für den Baum zum Wassersaugen. Foto: Gisela Sonnenburg
Insgesamt werden in Berlin aber mehr Bäume gefällt, als dass welche gepflanzt werden. Kritiker wie der „BaumEntscheid“-Vorstand Heinrich Strößenreuther prangern das an, zumal es dem Berliner Klimaanpassungsgesetz widerspricht. Und: Junge Bäume verbrauchen beim Wachstum wirklich viel Wasser, sodass Großstädte im Sommer Tanks zum Bewässern durch die Straßen fahren lassen. Nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Und bis die Sauerstoffleistung eines „erwachsenen“ Baumes erreicht ist, dauert es je nach Baumart Jahre bis Jahrzehnte.
Wenn, wie bald in Berlin-Charlottenburg, für temporäre Baustellen an einem Heizkraftwerk zehn gesunde Rosskastanienbäume geopfert werden sollen, regt sich im politischen Sommerloch auch mal ein Bezirksstadtrat auf. Oliver Schruoffeneger von den Grünen mischte sich ein und legte sich mit dem rasch das Fallbeil schwingenden Senat an. Der Stadtrat unterlag im August 2026 aber vor dem Berliner Oberverwaltungsgericht. Denn er kam zu spät; amtlich war die Sache bereits wasserdicht.

Das ist der mit Hilfe der Hausverwaltung Covivio gerettete Blauglockenbaum an seinem neuen Standort in einer Berliner Grünanlage: umgeben von Röschen und vielfach bestaunt von den dortigen Anwohnern. Foto: Gisela Sonnenburg
Immerhin vier Bäume konnten ohne die Politik, nur auf Betreiben von Anwohnern, gerettet werden, als ein Hinterhof in der Chausseestraße in Berlin-Mitte saniert wurde. Eine mittelgroße Linde von dort wurde einem Friedhof als Baumspende übereignet. Eine kleine Glyzinie landete auf einer Terrasse. Und zwei Blauglockenbäume – einer davon mit einem zwei Meter langen Wurzelstock – wurden dank der Hausverwaltung Covivio, die die Baumrettung unterstützte, im Februar aufwändig ausgegraben und dem Bezirk Tiergarten geschenkt. Die Gärtner pflanzten die beiden Bäume in eine Grünanlage, wo sie zwischen Rosen eine Attraktion darstellen. Wenn der Wind die Baumblätter auf halber Höhe zum Flattern bringt, haben sie optisch einen Effekt wie ein Springbrunnen. Solche Baumrettungen beglücken.
Pech hatte hingegen die berühmte Robin-Hood-Eiche in Großbritannien. Sie starb ab, weil die Massen von Besuchern den Boden um ihren Baumfuß zu stark verdichteten. Wo kein Wasser mehr eindringen kann, stirbt die Natur. Robin Hood hätte es geahnt.
Gisela Sonnenburg

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