Ein letzter Kuss Das fabelhafte „Dornröschen“ von Aaron S. Watkin und Marcelo Gomes beim Semperoper Ballett

"Dornröschen" beim Semperoper Ballett

Strahlende Augen auf der Bühne und im Publikum nach „Dornröschen“ beim Semperoper Ballett im Dresdner Opernhaus am 19.04.26. Schlussapplausfoto: Gisela Sonnenburg

Glitzersteine auf knallbunten Tutus, Rosenzweige schier ohne Ende, ein geheimnisvoller Wald, Feen jedweder Art, graziös-spritziger Spitzentanz in verschiedensten Formationen, kraftvoll-männliche Sprünge en gros – man könnte ein klassisch inszeniertes „Dornröschen“-Ballett kitschig nennen. Man würde damit aber falsch liegen. Denn das Naive, das dieses Märchenballett zur traumhaften Musik von Peter I. Tschaikowsky auszeichnet, ist eine ästhetische  Kategorie für sich – und hat es faustdick hinter den Ohren. Das Semperoper Ballett in Dresden hat die an der Bolschoi-Version von Yuri Grigorovich orientierte, etwas abgespeckte und dadurch leichter gewordene Inszenierung von Aaron S. Watkin im Repertoire, die 2007 ihre Premiere hatte und später von Marcelo Gomes überarbeitet wurde. Die zu Grunde liegende unvergängliche Originalchoreo von Marius Petipa von 1890 sprengt dabei noch immer alle Rekorde, so liebenswert und doch rasant ist sie. Die weiteren Eckdaten: Bei knapp drei Stunden gesamter Spieldauer gibt es in Dresden zwei Pausen. Es werden alle drei Ouvertüren vor den drei Akten gespielt – und Charlotte Politi gab am letzten Sonntag am Pult alles und machte Lust auf mehr mit ihrem gekonnt pointierten Dirigat. Was die Inszenierung kennzeichnet: Einige Pfunde ballet d’action sind entfallen, damit sich Tanz und Handlung auf die Kernpunkte konzentieren: Das Vorspiel von der quälenden Kinderlosigkeit des Königspaares fehlt, der Kampf zwischen Gut und Böse ist reduziert, die Märchentänze vom Rotkäppchen und dem gestiefelten Kater sind eingespart – und dennoch strotzt das Ganze nur so vor Grazie, Fantasie und Charme.

"Dornröschen" beim Semperoper Ballett

Die Stars vorn: Hyo-Jung Kang, Svetlana Gileva, James Kirby Rogers mit dem Semperoper Ballett nach „Dornröschen“. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Die Solisten und das Corps de ballet bewiesen am gestrigen Sonntag denn auch, dass Perfektion eben nicht immer schon alles ist, sondern dass eine gute Aufführung mit sprühenden Funken und mit dem Schauspiel des Körpers  überzeugen muss. Svetlana Gileva in der Titelrolle und James Kirby Rogers als Prinz Florimund (er heißt hier nicht Désiré) begeisterten vollends, Hyo-Jung Kangwusste als Fliederfee hoheitsvoll zu repräsentieren, und mit Madoka Ishikawa als Prinzessin Florine und Filippo Mambelli als Blauer Vogel konnte man ein absolut talentiertes Nachwuchspaar erleben. Vor allem Madoka Ishikawa wünscht man sich in Hauptrollen – sie kam erst diese Saison als Solistin aus Leipzig, wurde zuvor in Japan und an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper ausgebildet. Präzision, Spielfreude, Sinnlichkeit prägen ihren Auftritt, der am Sonntag ein kleines Fest für sich war.

"Dornröschen" beim Semperoper Ballett

Madoka Ishikawa und Filippo Mambelli – Nachwuchstalente, die es zu entdecken lohnte. Foto vom Schlussapplaus nach „Dornröschen“ in Dresden: Gisela Sonnenburg

Aber Florine und ihr Partner, der Blaue Vogel, tanzen ihren virtuos-exotischen Pas de deux mit Variationen erst im dritten Akt, beim Hochzeitsfest, als all die Konflikte im Stück schon gelaufen und gelöst sind. Spulen wir also weiter vor.

Was erleben wir in diesem Märchenstück?

„Dornröschen“ handelt einerseits von einer Prinzessin, die an ihrem 16. Geburtstag verunfallt und danach alles im Schlafe lernt. Eine Utopie, ohne Zweifel, vielleicht sogar ein hammerharter Gegenentwurf zur Realität all jener hohen Damen, die zwar einen schicken Stammbaum und vielleicht auch ondulierte Locken unterm Diadem haben, die ansonsten aber außer Geld auszugeben irgendwie nichts so richtig können. Wobei es vielleicht ein Talent für sich ist, Geld gut auszugeben und nicht für Trash. Aber das ist hier nicht das Thema, sondern die wohl erzogene, dennoch etwas freche und eigensinnige Prinzessin, die sich hinter der Etikette ein Stück Wildheit bewahrt hat.

Dieses Dornröschen hingegen erwacht aus tiefem Schlaf und ist die perfekte Frau. Zum Glück wird sie von einem auf seine Weise ebenso perfekten Prinzen gefunden: Florimund lehnt die Jagd auf Tiere mit der Armbrust ab, er ist eher der verträumte Typ. Seine Freunde wollen ihn mit einer eitlen höfischen Schönheit verkuppeln – doch das behagt ihm gar nicht. Gut so, denn das Mädchen ist niemand anderes als die böse Fee Carabosse, die von Yazmin Verhage vorzüglich-dramatisch, fast ein wenig klamaukig, was hier gut passt, gegeben wird. Carabosse hat zu diesem Zeitpunkt Dornröschen und den Hofstaat schon schlafen gelegt – stehend und paarweise wie in der „Gartenlaube“, die Marius Petipa gern las, angeordnet, verfällt der Corps de ballet in den lieblichsten Schlafstatus, den man sich nur denken kann. Kopf auf Schulter, Rosenzweige in den Händen – so stellte man sich in der süßen Sphäre der Illusion so eine Verzauberung vor.

"Dornröschen" beim Semperoper Ballett

Temperamentvoll und lüstern: Carabosse, die böse Fee in „Dornröschen“, hier nicht en travestie, sondern von Yazmin Verhage getanzt. Wow! Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Sie ist im übrigen der Fliederfee zu danken, denn Carabosse hätte am liebsten allen den Tod gewünscht. Die Stärke der Fliederfee wandelte diesen Fluch aber  in den hundertjährigen Schlaf.

Als eben diese Fliederfee dem Prinzen in einer Vision erscheint und ihn mit den Waldnymphen und vor allem mit Aurora überrascht, ist er nicht mehr zu halten. Er will die schöne Prinzessin erwecken und mit ihr leben. Zuvor aber muss er die Bösewichte aus Carabosses Entourage überwinden und mit einem hingehauchten Kuss Dornröschen erwecken.

Halten wir kurz inne. Geht es hier tatsächlich um einen hundertjährigen Schlaf?

Tatsächlich: Es geht um einen Hofstaat, der, von einer bösen Fee verzaubert, hundert Jahre schlicht verpennt. Was muss das nur für eine Regierung sein, die im tatenlosen Schlummerschlaf abwartet, dass ein gut küssender Prinz die Thronfolgerin weckt? Und kann er überhaupt küssen? Ist dieser Kuss überhaupt sinnvoll?

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Um den Kuss an einer Schlafenden entbrannte in letzter Zeit mitunter Streit, da er als sexueller Übergriff gewertet wurde. Ob er daher noch vertretbar ist? Bühnengerechte Lösungen sind Küsse auf die Stirn statt auf den Mund oder, ganz elegant, der anmutige Handkuss.

Beim Semperoper Ballett darf noch auf den Mund geküsst werden, schnell und unspektakulär allerdings. Damit beginnt die große Liebe der beiden künftigen Monarchen, und für das Publikum ist der Weg zum großen, tanzfreudigen Hochzeitsfest geebnet.

Nicht erst hier rentiert sich, dass an den hübschen, geschmackvollen, aber eben auch opulenten Kostümen von Erik Västhed nicht gespart wird. Auch das Licht von Fabio Antoci nach Jan Seegerlässt keine Wünsche offen, ist weder jahrmarktsmäßig bunt noch zu dezent sprich düster. Das ist ja gerade im klassischen Ballett manchmal so ein Problem mit dem Licht – hier nicht.

"Dornröschen" beim Semperoper Ballett

Carola Schwab, dienstälteste Tänzerin in Dresden, als Königin mit Hannes-Detlef Vogel als Gatten. Aber Majestät! Foto vom Schlussapplaus nach „Dornröschen“: Gisela Sonnenburg

Eine Dresdner Besonderheit mit Lokalkolorit bot das Bühnenbild von Arne Walther bereits zuvor: Die höfische Gesellschaft, hier vor allem von blutjungen Studierenden der Palucca Hochschule für Tanz als Freundinnen von Aurora mit bester Laune tänzelnd dargestellt, bewegte sich der Kulisse nach im so genannten Römischen Bad von Schloss Albrechtsberg. Diese sächsische Sehenswürdigkeit darbt derzeit, weil es an Geld mangelt, um den altrömisch gestylten Pool mit Colonnadengang zu sanieren. Eine Spendenaktion soll Abhilfe schaffen.

Beifall spenden darf man auch, dem gekonnten, malerisch illusionistischen Bühnenbild ebenso wie den Protagonisten und der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

"Dornröschen" beim Semperoper Ballett

Die Feen und ihre Begleiter übernehmen einen großen Teil der Festtänze: im Dresdner „Dornröschen“ beim Semperoper Ballett. Foto vom Applaus am 19.04.26: Gisela Sonnenburg

Dass Tschaikowsky für Petipa passgenau komponieren musste und teilweise exakte Angaben erhielt, wieviele Takte ihm für welchen Pas d’action zugestanden wurden, ist eine wahre Legende. Dass der überragende Komponist dennoch zu so meisterhaften Melodien fand, dass für viele „Dornröschen“ ein absoluter musikalischer Geniestreich ist, zeigt seine hohe Kompetenz.

Tatsächlich möchte man keine Note des Abends missen. Außerdem keinen Schritt, kein Port de bras – und kein Lächeln.

Schade nur, dass es insofern ein letzter Kuss war, der Prinz Florimund dem Dornröschen gab, als das Stück nun erstmal vom Dresdner Spielplan verschwindet. Auf ein Wiedersehen!
Gisela Sonnenburg

www.semperoper.de

"Dornröschen" beim Semperoper Ballett

Vorzüglich: Der Corps de ballet vom Semperoper Ballett tanzte in „Dornröschen“. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

ballett journal