Der geliebte Schelm Das Ballett Dortmund probt für die erste große Premiere 2023: „Peer Gynt“ von Edward Clug mit Javier Cacheiro Alemán in der Titelrolle

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Alexander Kalouti (links) und Edward Clug (rechts) im Gespräch während der „Matinee: Peer Gynt“ beim Ballett Dortmund. Videostill vom Livestream: Gisela Sonnenburg

Bald ist es soweit. Am Samstag, den 4. Februar 23, steigt beim Ballett Dortmund die nächste Ballettpremiere, und es ist die erste bedeutende in diesem jungen Kalenderjahr überhaupt im deutschen Sprachraum. „Peer Gynt“, ein ambitioniertes Frühwerk von Edward Clug, steht auf dem Spielplan – und mit Javier Cacheiro Alemán in der Hauptrolle verspricht der Abend ein erhebend-hintergründiger, frivol-satirischer, aber auch ernsthaft-tiefsinniger Genuss zu werden. Schon 2015 kreierte Clug, aus Rumänien kommend und dort zum Tänzer ausgebildet, das Stück in Maribor beim Slowenischen Nationalballett. Das Wiener Staatsballett und das Ballett Zürich haben es mittlerweile im Repertoire. Und weil es weder langweilig noch eindimensional noch zwanghaft originell ist, sondern schlüssig, brillant und vital, ist es schon fast sowas wie ein moderner Klassiker. Jetzt interpretiert das Ballett Dortmund mit seinen hervorragend trainierten, am exquisiten choreografischen Stil seines Direktors Xin Peng Wang geschulten Tänzern das Stück. Und es ist richtig und wichtig, das Juwel von Clug auch in Deutschland zu zeigen, zumal mit diesen Solisten und diesem Ensemble. Seit Jahren ist das Ballett Dortmund nicht nur mit dem Zuspruch durch das Publikum auf der Erfolgsspur, sondern es legt auch künstlerisch immer wieder bemerkenswerte Überraschungen hin.

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Edward Clug (rechts) im Live-Gespräch mit Alexander Kalouti (links) auf der Matinee im Ballettzentrum Dortmund. Videostill: Gisela Sonnenburg

Heute um 11.15 Uhr begann im Ballettzentrum in Dortmund die „Matinee: Peer Gynt“, und der Leiter der Abteilung Presse- und Kommunikation, Alexander Kalouti, führte charmant und geistreich durch das Programm.

Via Livestream konnte und kann – bis zum 29. Januar 23 – diese lehrreiche, anregende Veranstaltung online kostenfrei angesehen und gehört werden. Erhört, möchte man dazu sagen – denn wer sich an Clugs jüngster Arbeit, seinem ziemlich missratenen „Nussknacker“ beim Stuttgarter Ballett, orientiert, hält diesen produktiven Choreografen womöglich für einen Scharlatan, hingegen sein „Peer Gynt“ mit spritzig-witzigen, konzeptionell sinnstiftenden Pointen aufwartet.

Einleitend erklärt Alexander Kalouti den Stellenwert des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen, nach dessen theatraler Vorlage „Peer Gynt“ das gleichnamige Ballett entstand. Ibsen zählt zu den Naturalisten und ist dafür bekannt, „schonungslos die Realität auf die Bühne zu bringen“ – allerdings nach ästhetisch-dramaturgischen Regeln, die die Auseinandersetzung mit seriösen Themen zugleich erleichtern und ihre Intensivierung ermöglichen.

„Peer Gynt“ von Edward Clug, fertig auf der Bühne und hier im Foto vom Wiener Staatsballett getanzt, sucht sich Rettung. Foto: ORF / Wiener Staatsballett

Trolle und Naturgeister mit parodistischem Revuecharakter kommen allerdings nur im „Peer Gynt“ vor – ansonsten hielt Ibsen sich an die Regeln des Realismus.

„Doppelmoral, Heuchelei, Verlogenheit“ prangern die Stücke von Ibsen an, sagt Kalouti richtig. Und gerade der Titelheld Peer Gynt ist ein wandelndes Sinnbild für einen chimärenhaften Charakter, der lieber lügt und betrügt, als sich der Wahrheit zu stellen. Allerdings hat Peer auch das Liebenswerte eines Luftikus und den Charme eines Abenteurers, wenn er bedenkenlos andere Menschen ins Unglück stürzt, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.

John Neumeier, Johan Inger und auch Heinz Spoerli haben schon bedeutende abendfüllende Ballette mit „Peer Gynt“ kreiert. Spoerli hat ihn mit einem Schauspielsprecher auf der Bühne garniert, ähnlich wie es Maurice Béjart in „Ring um den Ring“ tat. Johan Inger hat wiederum Peer ganz grotesk-skurril als Satire auf das eigene Künstler-Ich inszeniert. John Neumeier hingegen weckt mit einer ausgedehnten metaphysischen Beziehung zur jahrzehntelang auf Peer wartenden Solveig die Illusion unvergänglicher Liebe.

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Peer Gynt (Javier Cacheiro Alemán, vorn) mischt eine Hochzeitsgesellschaft auf – und die Jungs zeigen, was die Ehe bedeuten kann: eine Hinrichtung der persönlichen Freiheit. Videostill vom Livestream „Matinee: Peer Gynt“ vom Ballett Dortmund: Gisela Sonnenburg

Edward Clug aber findet zurück zu den Wurzeln von Peer Gynt: Für ihn war die Arbeit daran „wie eine Reise“, während welcher er „Lösungen, die erfahrbar sind“, finden wollte und fand.

Das Libretto folgt dem Drama, das in Norwegen übrigens als das eines Nationalhelden oder auch Anti-Nationalhelden gesehen wird: Peer schwadroniert und schwindelt schon als ganz junger Mensch, und als er zu Beginn zur Mutter nach Hause kommt, behauptet er mal eben, er habe einen Hirsch erlegt. Faktisch war der Zweikampf mit dem Tier zu Gunsten des Hirschs ausgegangen, der die Flucht ergriff. Peers Mutter Aase, erst gewillt, ihrem Sohn zu glauben und ihn zu loben, muss konstatieren, dass es keinen Hirsch, keine Beute, gibt. Peer, so liebenswert er ist, ist die Wahrheit halt nicht gut genug. Aase verzweifelt.

Auch die Braut, die Peer von einer Hochzeitsfeier entführt, hat keine Chance, an Peers wahres Ich heranzukommen und ihn zu rühren. Er lässt sie sitzen, ebenso die Tochter eines mythischen Königs, die er zuvor noch schwängert.

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Peer Gynt (Javier Cacheiro Alemán) und seine Mutter Aase (Giulia Gemma Manfrotto) in innigem tänzerischen Dialog. Videostill vom Ballett Dortmund: Gisela Sonnenburg

Peer Gynt verließ seine Mutter, während sie im Sterben lag, und weder die Trolle noch das Volk des Bergkönigs, bei denen er einkehrt, machte er glücklich. Als unsteter Wanderer und Glücksritter schwindelt er sich durch die große weite Welt.

Zuhause aber wartet seine Jugendliebe Solveig auf ihn – mit unendlicher Geduld und Bereitschaft zur Aufopferung.

Peer wird schließlich mit Sklavenhandel reicht und will sich, dem Größenwahn anheim gefallen, zum Kaiser krönen lassen. Doch er erleidet Schiffbruch, verarmt und landet im Irrenhaus, wo er sich absurderweise zum König einer Fantasiewelt machen lässt.

Als er endlich heim kommt, nach Norwegen, in sein Dorf, findet er Solveig immer noch in großer Liebe für ihn vor. Er ergibt sich ihr. Doch sein Innerstes ist, wie ein Gleichnis es sagt, leer wie das Innere einer Zwiebel unter all ihren Schalen und Häuten.

Peers großer Gegenspieler ist sein Leben lang der Tod, dem er in verschiedenen Gestalten begegnet. Als „Der Krumme“ oder als „Knopfgießer“, der in Peer nur Material sieht, aus dem Neues durch „Umgießen“ entstehen soll.

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Peer Gynt trifft seinen Tod, den Maler – und entwischt ihm erstmal. Videostill vom Livestream vom Ballett Dortmund: Gisela Sonnenburg

Diesen eigentlich modernen Gevatter Tod tanzt Guillem Rojo i Gallego mit viel stilsicherer Grandezza – und Edward Clug hat ihn als Maler inszeniert, dem Peer zum ersten Mal gerade nochmal entkommt, bevor das Bild fertig ist.

Das ist in seiner Jugend, als er Solveig begegnet. Ihre Sanftmut, von Daria Suzi musterhaft in einer Probenszene gezeigt, steht für Spiritualität, für nachgerade überirdische Liebe.

Was für ein schönes Paar sie auf der Bühne sind, sie und Javier Cacheiro Alemán, haben sie schon manches Mal sehen lassen. Aber auch jetzt stimmt jede emotionale Regung mit jeder Bewegung und auch mit jedem zu sehenden Gedanken vollauf überein. Superbe!

Ergreifend ist auch der Pas de deux von Peer mit seiner Mutter. Giulia Gemma Manfrotto möchte als Aase so gern an die Redlichkeit ihres Sohnes glauben. Aber sie hat einen zwar reuigen, dennoch immer wieder abtrünnigen Schelm geboren – und sollte sich besser damit abfinden. Aber wie es so ist: Das Mutterherz hadert und gibt die Hoffnung nicht auf.

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Peer Gynt (links) im Kampftanz mit dem Hirsch (rechts): Edward Clug dachte sich Krücken als Vorderläufe des Tieres aus. Sehr tanzwirksam, wenn man hervorragend trainierter Balletttänzer ist. Videostill vom Livestream: Gisela Sonnenburg

Der Kampftanz Peers mit dem Hirschen schließlich ist ein virtuoser Männer-Pas-de-deux. Mit der Idee, dem Hirschen Krücken in Form von Hirsch-Vorderbeinen mitzugeben, hat Clug sich selbst übertroffen: Elegant und doch stocksteif kann sich der Hirsch damit bewegen.

Javier Cacheiro Alemán ist ihm ein würdiger Gegner, und tatsächlich begreift man aus seinem Tanz heraus das beschwingte, auch bezaubernde Wesen von Peer, der dennoch ein Lügner bleibt.

Aber die Vitalität, auch die Leidenschaft, die er ausstrahlt, macht aus Peer einen scheins zurecht geliebten Schelm.

Dass der Vater von Peer jung an Alkoholismus zu Grunde ging, zeigt seinen Erfinder Ibsen als hellwachen Zeitgenossen. Tatsächlich ahnte der Dramatiker aber wohl nicht nur, was an Konsumproblemen auf uns zukommen wird, sondern auch sein eigenes Elternhaus litt unter der Zerrüttung der Beziehungen durch das väterliche Suffproblem.

Henrik Ibsen war also ein gebrandtes Kind.

Deutlich einfacher hatte es schon in früher Jugend der norwegische Komponist Edvard Grieg, der mit seiner romantischen Bühnenmusik zu „Peer Gynt“ bis heute weltberühmt ist. Uraufgeführt wurden seine Melodien mit Ohrwurm-Qualität zusammen mit Ibsens Theaterstück 1876.

Weil Edward Clug mehr Szenen vertanzen ließ, als Grieg sich das dachte, nahm er Musiken von Grieg hinzu: Streicher und zwei Sätze Klavierkonzert schwelgen in melancholisch-dramatischem Sound.

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Dass Edward Clug von seinem Vater, der Geologe war, aber gern Künstler gewesen wäre, erst zum Malen, dann zum Violinenspiel und schließlich ins Ballett gebracht wurde, macht ihn eher zu einem Grieg als zu einem Ibsen.

Bezeichnenderweise lässt er den Tod in „Peer Gynt“ ja als Maler auftreten – als sei es für Menschen tödlich, portraitiert zu werden. Möglicherweise spielt hier der in Afrika verbreitete Mythos eine Rolle, das Fotografiertwerden würde die Seele rauben.

Die Seele im Tanz findet man beim Ballett Dortmund zweifelsohne.

Ansonsten aber hat Clug Recht, wenn er feststellt, dass in den letzten Jahren der Tänzerberuf immer stärker der eines Sportlers wurde. „Heute sind die Tänzer Athleten geworden“, sagt er: „Alles wird auf das eigene Bild im Spiegel und auf dem Display mit den Videos ausgerichtet.“ Sehr fordernd sei das: Die physische Vervollkommnung frisst da alle Kraft.

Faktisch haben zahlreiche gymnastische und Fitness-Übungen das tänzerische Training ergänzt, in manchen Compagnien vielleicht sogar überformt. Das ist eine Entwicklung, die viel öfter und viel stärker hinterfragt und auch geändert werden sollte, wenn man das Ballett als Kunst der Anmut und der Grazie erhalten will.

Edward Clug, 49, zählt sich noch zu einer älteren Generation. Er träumte mal davon, mit Maurice Béjart oder Jiri Kylián zu arbeiten, sagt er. Umsonst. Und seine ersten eigenen Shows waren sogar Misserfolge.

Aber dann traf er mit dem – 2016 relativ jung verstorbenen – Theaterregisseur Tomaz Pandur seinen Förderer. Pandur ließ ihn in Slowenien choreografieren, und Clug emanzipierte sich bald vom Sprechtheater und ging zum Ballett in Westeuropa: mit den Erfahrungen, die er mit Pandurs Truppe gemacht hatte.

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Der Choreograf spricht: Edward Clug auf der „Matinee: Peer Gynt“ beim Ballett Dortmund. Videostill: Gisela Sonnenburg

Er habe immer in den Westen gewollt, sagt Clug. Und er merkt gar nicht, dass man sich mit solchen Sprüchen heutzutage, da die Kulturwelt – und gerade das Ballett – unter der Abtrennung Russlands leidet, als Propagandist hinstellt.

Sollte Clug noch immer von den USA träumen, empfehle ich ihm, mit dem Zug von Washington D.C. nach New York City zu fahren. Man fährt dort die Stadtgrenzen entlang, die ineinander übergehen: Washington, Baltimore und New York. Und diese ganze Zone entlang der Bahnschienen ist ein einziger, fast ausschließlich von Schwarzen bewohnter Slum, den man stundenlang sieht und zumindest bei Tageslicht nicht ignorieren kann. Ein Lehrstück über Amerika.

Die Heuchelei und Verlogenheit, die Ibsen in seiner Gesellschaft sah und aufdeckte, ist noch längst nicht passé. Darum sind auch seine Stücke noch immer brandaktuell. Aber viele wollen das nicht sehen. Sollte sich das Wort von der konstruktiven Kritik auch der Kunst noch nicht herumgesprochen haben? Oder wird es unterdrückt? Und das im freien Westen, der durch Geldverteilung  zensiert und maßregelt statt durch Vorgaben und Verbote? Die Debattenkultur hat stark nachgelassen; Beleidigungen kommen oft schneller als sachliche Argumente.

Aber wo kommt eine Gesellschaft hin, die ihre Kritiker unterdrückt und nurmehr im eigenen Saft schmort? Dorthin, wohin niemand will: ins Gefängnis der Eitelkeit und des Narzissmus.

"Peer Gynt" mit Javier Cacheiro Alemán beim Ballett Dortmund

Viel Applaus ernten die Tanzkünstler vom Ballett Dortmund – in der Mitte Daria Suzi, links Guillem Rojo i Gallego und rechts Javier Cacheiro Alemán – schon bei der sonntäglichen „Matinee: Peer Gynt“. Videostill: Gisela Sonnenburg

Ist Peer Gynt auch ein Narziss? Oder eher ein Lebenskünstler, ein Überlebenskünstler, gar ein Künstler ohne Kunst? Man wird neugierig auf Edward Clugs Peer Gynt.

Die Liebeskonzeption, die er lebt, geht jedenfalls zu Lasten seiner Solveig. Sie kämpft nicht um ihn, denn sie weiß, dass sie in ihrer Gesellschaft als Frau keine Chance hat, Ansprüche zu stellen. Aber sie wartet. Und wartet. Und erst im Alter erfüllt sich ihr bisschen Glück, mit Peers Heimkehr.

Das ist nur in der Illusion schön und hinter der Fassade grausam. Henrik Ibsen hat aber genau gewusst, was er sich da ausgedacht hat. Für seine Zeit waren seine Dramen gerade mit solchen Überzeichnungen auch sehr provokant.

Jetzt wird man das getanzt beim Ballett Dortmund im Opernhaus erleben. Bei der Einstudierung behilflich waren übrigens der erste Peer von Edward Clug, Milos Isailovic, sowie die beiden Dortmunder Ballettmeister Alysson Rocha (Erster Ballettmeister) und Cyril Pierre. Großer Dank gilt auch ihnen!

Der Choreograf Clug fragt sich derweil immer wieder gern, wenn er sich mit Peer Gynt beschäftigt: „Wann beginnt Leben?“ Vielleicht dann, wenn der Vorhang sich hebt.
Gisela Sonnenburg

Link zum Livestream (bis 29.01.23): https://www.theaterdo.de/medien/mediathek/detail/m-matinee-peer-gynt/

www.theaterdo.de

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