
Tom Schilling (links) beim Ballett der Staatsoper Dresden (heute: Semperoper Ballett) in den Proben. Foto: E. Döring
Die ersten Nachrufzeilen auf Tom Schilling schrieb ich soeben auf einer sonnigen Bank im Berliner Tiergarten, ganz spontan, ich hatte gerade erst von seinem Tod gehört. Das hätte ihm gefallen. Er war ja als Person eher der vornehme, nicht der sportliche Typ, mit seiner schlaksig-schlanken Gestalt und dem feinen, verhalten spöttischen Lächeln. Dabei war Schilling – langjähriger Ballettchef der Komischen Oper Berlin und zuvor aufstrebender Chefchoreograf und Künstlerischer Leiter des Balletts an der damaligen Staatsoper Dresden – alles andere als ein Aristokrat. Er hätte auch niemals einer sein wollen. Er war nämlich gerade das Gegenteil, bis zu seinem Lebensende: ein überzeugter Sozialist. Das spielte während seiner Karriere in der DDR eine Rolle, das prägte aber auch seine Haltung zum Tanz und Ballett seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Seit 2023 verwaltet im übrigen Arila Siegert, die bei ihm getanzt hatte und dann selbst choreografierte, die Lizenzrechte der Schilling-Ballette. Allerdings hatte sie bisher strikt die Anordnung, Aufführungen zu untersagen. Ob sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird?
Berühmt wurde Tom Schilling mit Tanzstücken wie „Abraxas“ (mit Musik von Werner Egk), „Undine“ – mit der Musik von Hans Werner Henze – und den „Wahlverwandtschaften“, nach dem Goetheschen Roman; und das deutlich über die Grenzen der DDR hinaus.

Alle Bewegungen kommen von innen: Angela Reinhardt tanzt hier eine ihrer Paraderollen in „Wahlverwandtschaften“ von Tom Schilling, zu sehen auf YouTube. Videostill: Gisela Sonnenburg
Am 23. Januar 1928 im thüringischen Kyffhäuserkreis geboren, lernte der junge Tom während der Hitler-Diktatur die Grundlagen des Balletts und auch die des modernen Tanzes in der Ballettschule des Theaters in Dessau. Ebenfalls dort musste er eine Lehre zum Dreher in einer Rüstungsfabrik absolvieren. 1944 zog man ihn ein, erst zum so genannten Reichsarbeitsdienst, dann zur Wehrmacht. Die Schreckenserfahrungen des Krieges prägten ihn, ließen ihn zum leidenschaftlichen Antifaschisten und Antimilitaristen werden.
Kaum war der Krieg vorbei, tanzte Schilling schon auf der Bühne, wurde Solist im sächsischen Leipzig, dann in Dresden. Ab 1953 choreografierte er am Nationaltheater in Weimar, das sozusagen die erste Schilling-Bastion wurde.
1956 reüssierte er an der Staatsoper Dresden, wurde mit seinem choreografischen Profil von dort aus bekannt. Und er erfüllte den Auftrag, den er ab 1965 an der Komischen Oper in Berlin vom Intendanten Walter Felsenstein erhielt, mit Akribie und Nachdruck und, wenn man so will, über seinen Tod hinaus:
Er erschuf modernen Tanz für eine moderne Gesellschaft.
Sensibiliät und Ausdruck gehen hier Hand in Hand, psychologische Motive sind stets sichtbar – und der Raum ist zugleich der materielle Unterbau für den Tanz wie auch seine Sprungschanze in die Spiritualität.
Sein Werk schlug und schlägt in den Bann.
Schilling wurde somit nicht nur der bedeutendste Tanzschöpfer Ostdeutschlands, sondern auch der einzige, der aus der DDR heraus weltbekannt wurde. Gastspiele führten ihn mit seinen Tänzern bis ans Bolschoi in Moskau, aber die Ballettinteressenten aus dem Westen reisten, um seine Stücke zu sehen, in den Osten Berlins. Sein Stil war einmalig: elegant, ausdrucksvoll, nachvollziehbar. Oft eruptiv, dennoch voller Feingefühl.
„Jede Geste hatte Handlung zu sein“, sagte mir Schillings Meistertänzerin Angela Reinhardt (sie ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Kritikerin).
Denn Tom Schilling wollte es plastisch, sinnlich, nahbar haben, und: dennoch erhaben. Das gelang ihm in Vollendung. Seine Tänze sind packend, faszinierend, musikalisch, auch transzendierend.

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Seine Choreo verlieh quasi jeder Szene eine innere Handlung, eine sichtbare Entwicklung der tanzenden Figur, die zudem oft auch eine äußere Handlung verfolgte, die wiedererkennbar war und die ihr Vorbild nicht selten in der Literatur hatte. Tanz hatte für Schilling seine Tradition nicht nur im Ballett, sondern vor allem im gesamten Kunst- und Kulturgefüge.
Er dachte nicht wie ein Fachidiot, sondern wie ein gebildeter Kosmopolit.
Bis 1993 wirkte Schilling an der Komischen Oper in Berlin. Er schuf, wie seine Primaballerina Angela Reinhardt noch heute auf YouTube zeigt, vielleicht als beste Kreation eine quirlige, dennoch umsichtige Julia in „Romeo und Julia“, welche sich in ihrer tragischen Grandezza und ihrer weitreichenden, stürmischen Liebeshaltung mit den Julien von John Cranko, Kenneth MacMillan, John Neumeier und Maurice Béjart messen kann.
Von Cranko aus Stuttgart holte Schilling denn auch ein Stück an die Komische Oper, in die DDR, fast ein Skandalon damals: „Jeux“, das Kartenspiel mit dem wie verrückt springenden Joker, war natürlich hüben wie drüben ein großer Erfolg.
Aber auch Schillings Stücke reisten, auch sie gingen gen Osten. Wenn sie nicht sogar dort kreiert wurden. Wie das „Match“, das Tennismatch, das vom Superdreamteam der Ballettwelt, von Ekaterina Maximova und Ivan Vasiliev, getanzt wurde. Auf YouTube ist es noch heute zu bewundern: maßgeschneidert für die tänzerischen Fähigkeiten, avanciert Tennis hier zum amüsant anzusehenden Geschlechterkampf.
Tom Schilling kostete die Möglichkeiten, die er für sein modernes Ballett sah (die Bezeichnung „Tanztheater“ trifft es im Grunde nicht ganz), vollends aus.

Angela Reinhardt als Julia von Tom Schilling, sie ist auch online auf YouTube unsterblich geworden. Videostill: Gisela Sonnenburg
Doch nach 1993 erlaubte er im neuen Staat, in der BRD, nur noch einmal, nämlich in Dresden 1997, eine Aufführung eines seiner Stücke. Es war eine lokale Erstaufführung: die der „Wahlverwandtschaften“, die Schilling 1983 in Berlin mit Angela Reinhardt in der Hauptrolle kreiert hatte. Es passte so gut nach Sachsen, in diese Kurfürstenwelt mit nostalgischem Architekturambiente.
Und auch dieses Ballett wirkt in jeder Sekunde perfekt und vollendet, obwohl es gerade auf die technische Perfektion bei Schilling nicht wirklich als Zielgerade ankam. Sie entstand eher wie ein Nebenprodukt, von innen heraus, um das, was mitgeteilt werden sollte, mitzuteilen.
Schilling aber wollte mehr als fabelhafte Kunststückchen: Kunst, die verstanden wird und die in einer Gesellschaft, die Gerechtigkeit verlangt, dieses auch spürbar werden lässt.
Sein Tanz war für den real existierenden Sozialismus gemacht, für eine dem Nazigeld und den Waffen entgegen gerichtete Welt. Für eine Welt, die für die Menschen war, die in ihr leben und von ihr geprägt sind. Nur so fühlte ein Tom Schilling sich richtig verstanden.
Mit Preisen und Ehrungen überhäuften ihn sowohl die DDR als auch die BRD, vom Kunstpreis der DDR bis zum Deutschen Kritikerpreis 1994.

Ivan Vasiliev in „Match“ von Tom Schilling, einem humorvoll-grotesken Tennistanz als Geschlechterkampf. Videostill von YouTube: Gisela Sonnenburg
Ansonsten beschied Schilling, seine Kunst sei für den Westen gar nicht passend. Er untersagte deshalb jegliche Aufführungen (mit Ausnahme der Dresdner „Wahlverwandtschaften“) nach 1993, obwohl er als stiller Beobachter häufig in Ballettpremieren in Berlin und Dresden anwesend war. Öffentlich wollte er sich nicht zu den neuen Geschmäckern des Tanzes äußern – seine innere Vornehmheit oder auch seine Klugheit verbat ihm das wohl.
Wie erst jetzt, nach seiner Beisetzung, bekannt wurde (er selbst hatte es so gewünscht), verstarb Tom Schilling bereits am 16. Januar 2026, im Alter von 97 Jahren. In der irdischen Tanzwelt gibt es einen genialen Geist weniger.
Gisela Sonnenburg
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