
Arila Siegert – Tänzerin, Choreografin, Muse und Vertraute von Tom Schilling – wird es erlauben, dass seine Werke wieder einstudiert und getanzt werden. Was für eine Sensation! Hoffentlich wird das genutzt. Foto: Promo
Wenn ein Künstler verstirbt, gibt das normalerweise Anlass zu großer Trauer. Im Fall von Tom Schilling, dem im Januar verstorbenen Choreografen, der mit Recht als der mit Abstand bedeutendster Tanzschöpfer gilt, den die DDR hervorgebracht hat, ist es so: Es gibt Traurigkeit und doch auch Licht am Ende eines langen Tunnels. Denn wie ich im Gespräch mit Arila Siegert – Tänzerin, Choreografin und Vertraute von Schilling – auf Nachfrage erfuhr, gibt es berechtigte Hoffnung, dass Schillings Werke wieder aufgeführt werden. Das ist eine Sensation – und dürfte die Spielpläne der Zukunft so einiger Staatsballette verändern. Konkret sind das Staatsballett Berlin und das Semperoper Ballett jetzt gefordert, weil Schilling bei ihnen die meisten Premieren hatte. Allerdings ist die Komische Oper Berlin, an der er seine größten Triumphe feierte, derzeit wegen ihrer Sanierung geschlossen. Und ob die heutigen Staatsballette überhaupt willens sind, in der Neueinstudierung der Werke von Tom Schilling etwas anderes als Ostalgie zu sehen? Bis jetzt, so Arila Siegert, hat sich noch niemand bei ihr gemeldet, um eine Anfrage zu starten. Dabei war unter Insidern wohl bekannt, dass Schillings Vermächtnis nach seinem Tod wieder zugänglich sein würde. Jetzt ist es offiziell: Tom Schilling darf wieder getanzt werden!
Schilling, der von 1965 bis 1993 das Tanztheater der Komischen Oper Berlin leitete, hatte in den 90er-Jahren verfügt, dass keine Vorstellungen seiner Stücke mehr stattfinden dürfen. Für ihn waren es Stücke für ein ganz bestimmtes Publikum, für das der DDR – und nichts für eine Welt, in der Kunst mehr und mehr zu Konsumismus verkommt. Nur eine Ausnahme hatte er erlaubt: Die Dresdner Erstaufführung seines Meisterwerks „Wahlverwandtschaften“ 1997 die er selbst einstudierte und bis zur Premiere betreute.
Seit 2023 nun hat Arila Siegert die Lizenzrechte für seine Stücke inne. Und allein ihrem Verhandlungsgeschick ist es zu verdanken, dass seine Kreationen posthum wieder aufgeführt werden dürfen.
Am 16. Januar 2026 verstarb Tom Schilling mit fast 98 Jahren in Berlin, was auf seinen Wunsch hin erst nach seiner Beisetzung im Osten der Stadt bekannt gemacht wurde. Schilling hatte Siegert bei Abtretung seiner Lizenzen angewiesen, zu seinen Lebzeiten jede Aufführung zu unterbinden. Für die Zeit nach seinem Ableben ist sie – mit seinem Einverständnis – frei in ihrer Entscheidung.
Wird jetzt mit einem Schilling-Boom zu rechnen sein? Angesichts einer Entwicklung im Ballett, die auf grobschlächtige Abstraktion und auf Musik aus dem Computer abstellt statt auf zarte Gefühle und verständliche Gesten, hofft man das, weiß aber zugleich, dass das kommerzielle Interesse anderen Dingen gilt.

Tom Schilling (links) beim Ballett der Staatsoper Dresden (heute: Semperoper Ballett) in den Proben. Foto: E. Döring
Dabei könnte das Handlungsballett, das konkrete Situationen und Personen zeigt, das aber im aktuellen Trend in der Tanzszene immer mehr ins Hintertreffen gerät, mit Schilling endlich wieder Aufschwung erhalten.
„Abraxas“, „Gajaneh“, Schillings Version vom „Schwanensee“, seine „Undine“, die „Cinderella“, „Romeo und Julia“, „Der Mohr von Venedig“ (dessen Titel original ist und niemanden beleidigen soll, würde dennoch vermutlich in „Othello“ umbenannt), „Impulse“, „La mer“, die „Wahlverwandtschaften“, „Hoffmanns Erzählungen“: Das Gesamtwerk Schillings umfasst lyrische Märchenstoffe ebenso wie anspruchsvolle Literaturballette.
Er liebte es, den Stücken Tiefgang zu verleihen und sie mit fasslichen Persönlichkeiten zu füllen. Schillings Ballette stehen für Stil und Ausdruck ebenso wie für starke Interpreten. Technische Perfektion war nicht sein Ziel, eher ein Nebeneffekt: um psychologische Situationen auszudrücken, erschuf Schilling auch technische Raffinesse.
„Er war in der Arbeit hart, aber er ließ den Interpretinnen und Interpreten auch ihren Freiraum“, erinnert sich Arila Siegert. Tänzerinnen wie sie und Angela Reinhardt stehen jetzt bereit, um der Nachwelt durch das Einstudieren der Werke zu zeigen, was ein Tom Schilling mit seinen Kreationen ganz ohne Worte zu sagen hat.
Gisela Sonnenburg

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