Trance im Opernhaus Das Staatsballett Berlin lädt mit „2 Chapters Love“ das Club-Publikum ein - und solche, die noch mal jung sein wollen

"2 Chapters Love" - "Stars like Moths"

„2 Chapters Love“ von Sharon Eyal bietet Danielle Muir viel Auftrittsmöglichkeit mit Posen, die von „La Bayadère“ angeregt sind. Ohrstöpsel aber bitte nicht vergessen! Foto vom Staatsballett Berlin: Carlos Quezada

Der neue Abend beim Staatsballett Berlin ist was für Freunde der Poesie einerseits und was für Hartgesottene andererseits. „2 Chapters Love“, der wirklich hübsche Titel, täuscht allerdings: Um die Liebe geht es in den beiden Uraufführungen nur am Rande. Aber es gibt ja noch so viel anderes im Leben… und gestern abend war die Premiere. Zunächst lieferte uns Sol León eine Fortsetzung ihrer jüngsten Münchner Arbeit: „Stars like Moths“ („Sterne wie Motten“) knüpft an „Butterfly“ („Schmetterling“) beim Bayerischen Staatsballett an. Anders als in München geht es bei den geschmeidig-flatterhaften Soli und sperrig-kantigen Pas de deux in Berlin aber nicht um konkrete Themen wie Leben und Sterben, sondern nur noch um das ganz allgemeine „Auf und Ab“ – so die Choreografin – im irdischen Dasein. Poesie trifft Sternenhimmel, Tanz mit Mantel im Ballettsaal trifft auf Sehnsucht: Sol León fällt nicht viel Neues ein, das zusammenhängenden Sinn ergeben würde, aber sie arrangiert die designten Klischees mit Stilempfinden und Gefühl. Die zweite Uraufführung des Abends stammt dann von der Dancehall-Ikone Sharon Eyal, die schon zum dritten Mal ein Werk in Berlin zeigt. Ihr Stück ist keine Überraschung, eher eine Mogelpackung, aber genau so das wollen ihre Fans wohl: „2 Chapters Love“ („2 Kapitel Liebe“) bietet keine zwei Kapitel, auch keine Liebe, aber konsequent reduziertes Schrittmaterial, das penetrant in minimalistischer Manier wiederholt wird.

Wichtig sind bei Eyal die gehaltenen Posen. Die Tänzerinnen stehen auf halber Spitze, trippeln, bewegen sich in kleinen Schritten, kommen kaum vom Platz – ein gutes Training für die Waden.

In Kombination mit Synthi-Musik soll es faszinieren: Der so genannte Trance-Sound, den Eyal aus dem Nachtleben von Tel Aviv in den Tanz implantiert, dröhnt so laut, dass Ohrenstöpsel angesagt sind. Da nervt der synthetische Herzschlag, der in keinem Eyal-Stück fehlt, und zu Beginn pulsieren schnelle, harte, fast schabende Metronom-Rhythmen.

Dazu mischen sich später, wie erwartet, Dancefloor- und Orchester-Klänge. Alles zusammen schwillt mächtig an und ab, wie ein Meer aus unsortierten Geräuschen und diktatorischen Rhythmen. Ori Lichtik zeichnet für diesen Mischmasch verantwortlich. Klangkrieg als Belustigung.

"2 Chapters Love" - "Stars like Moths"

Das Corps trägt indisch inspirierte Stirndiademe – in „2 Chapters Love“ von Sharon Eyal beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

Anders als die Akustik setzt die spärliche Choreografie auf Klassik. Das Trippeln – im Fachjargon „Bourrieren“ genannt – ist die Grundlage. Hier trippelt das Corps de ballet, angeführt vom Eyal-Liebling Danielle Muir, in fleischfarbenen Ganzkörperkondomen.

Dazu tragen die 26 Tänzerinnen und Tänzer funkelnde Stirndiademe. Dieser Kopfschmuck imitiert den indisch inspirierten Ballettklassiker „La Bayadère“. Aus diesem Ballett von Marius Petipa, 1877 in Sankt Petersburg uraufgeführt, stammt auch ein Großteil der Posen. Sie werden hier repetiert wie Übungen.

Zur Abwechslung gruppiert sich das Corps mitunter, als wolle es nun doch ein eher modernes Stück tanzen, etwa „Le sacre du printemps“. Große Gruppen, kleine Gruppen – das erinnert von ferne an die „Sacre“-Version von Maurice Béjart.

Ansonsten sind die Tänzerinnen und Tänzer mit eher banalen Figuren und Schritten beschäftigt. Oft schreiten sie wie arrogante Models synchron durch den Raum, was angesichts der Tatsache, dass sie im Nude-Outfit rumlaufen, a bisserl seltsam wirkt.

Am Ende tanzen zwei Individuen zwar nicht wirklich miteinander, aber immerhin nah beieinander. Eine Beziehung kann man das aber nicht nennen, große Liebe schon gar nicht. Liebe, Nähe, Freundschaft, Intimität sind auf diesen kurzen Kampftanz in Zeitlupe am Schluss des Stücks begrenzt.

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Immerhin wird eine Attitude en avant, die vom hinteren Partner um den Körper des vor ihm stehenden Menschen herum ausgeführt wird, wie ein Ritus zelebriert. Um dann mit der Ausstreckung des Spielbeines als Absage an eine Umarmung vollendet zu werden.

Eine Verklammerung der Körper findet nicht statt, die Personen meiden zudem den Blickkontakt. Liebe? Nein, danke! Nicht mal zu notgeilem Sex reicht es hier. Zu geistiger Nähe oder seelischer Verschmelzung schon gar nicht.

Lasch ist die Jugend von heute demnach, an Emotionen nicht wirklich interessiert. Hauptsache, man findet Schutz in der Gruppe – dann wurschtelt man sich durch. Menschen wie Automaten, den Computerspielen entlehnt, scheinen das neue Ideal in der Kunst.

Sharon Eyal veräppelt ihr Publikum damit erfolgreich: fünf- bis sechsstellige Summen Staatsknete als Entgelt für so ein kleines Stück sowie stehende Ovationen der anwesenden Kiffer sowie der unvermeidlichen Mitläufer sind eine wahre Bescherung.

Tatsächlich riechen hier manche Besucher so streng nach Haschisch, dass man sich in einem Club und nicht im Opernhaus wähnt.

Aber das drogenaffine Club-Publikum soll ja auch kulturell bedient werden. Und da stehen die Stücke von Sharon Eyal international ganz oben auf der Liste.

Volle Dröhnung statt diffizile Kunst, simple Posen statt Kontexte – es ist im Grunde fraglich, ob man das noch Kunst nennen soll. Denn wo bleibt die Intention? In Abstumpfung?

Doch Politik und Wirtschaft wünschen es sich so, und ein Teil des Publikums geht da wirklich gern mit. Kunstkonsumismus, sozusagen. Da kommt niemand auf regierungskritische Gedanken, sondern lässt sich gern vom Alltag ablenken.

Ein Stück also für Club-Besucher und solche, die sich auf Biegen und Brechen nochmal jung fühlen wollen.

„Die Bajadere“ von Vladimir Malakhov beim Staatsballett Berlin: noch mehr Liebesgefühle als sonst mit Bayaderen…

Ekaterina Krysanova als Bajadere, also als Tempeltänzerin, Titelfigur in „Die Bajadere“ in der Version von Vladimir Malakhov. Der Bolschoi-Star tanzte das Stück als Gast in Berlin. Foto: Elena Fetisova

Der an Tanz mit Inhalt, an Virtuosität und Rührung interessierte Ballettfan guckt allerdings in die Röhre – ihm wären eine klassische Bajadere, wie sie Vladimir Malakhov einst in Wien und Berlin inszenierte, oder auch der „Sacre“ von Béjart sicher sehr viel lieber.

Dafür kann man sich im ersten Teil des Abends in ästhetischer Hinsicht genüsslich delektieren.

Die Kreation „Stars like Moths“ („Sterne wie Motten“) von Sol León, die beim Nederlands Dans Theater in Den Haag als Tänzerin und Co-Choreografin Karriere machte, strotzt nur so vor Raffinesse und Gediegenheit. Das Problem: Es gibt keine Entwicklung, keinen Sinnzusammenhang.

Es gibt zwar einen szenischen Rahmen, aber keine Handlung, auch keine innere Handlung, die umschlossen wird.

Anfang und Ende bilden ein Paar, dessen Beziehung ausschließlich daraus besteht, dass der Mann der Frau Wassermelonenhäppchen zuschiebt. Ob das nun schon Liebe ist?

"2 Chapters Love" - "Stars like Moths"

Alles, aber kein Blickkontakt: Danielle Muir und Martin ten Kortenaar in „Stars like Moths“ von Sol León beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

Auch hier wird der Blickkontakt der Protagonisten untereinander vermieden. Verheimlichen sie etwas voreinander? Vielleicht interessiert sich die Ballerina mehr für die Pumps, die sie vorab an- und wieder auszieht, nachdem sie langsam in der Stille dorthin wandelt, wo sich sonst der Orchestergraben befindet.

Später kommt die Musik dazu, schöne Musik – aber eben auch nur vom Band.

Obwohl die schwelgerischen Streicher von Max Richter und die kühle Erhabenheit von Bach’schen Klängen durchaus Live-Charakter haben sollten. Auch die Rameau-Arien eines Countertenors und eine Alt-Frauenstimme, die Sol León einbaut, hätte man gern live gehört.

Vielleicht ist dieses Werk mehr als Tourneestück gedacht als für ein großes Opernhaus. Immerhin spart man ja an zu bezahlenden Proben und Geldern für die Musiker, wenn man sie entfallen lässt. Aber ob das der richtige Weg ist, Kultur der Zukunft zu machen, ist doch fraglich. Wo, wenn nicht hier, in einem der führenden Opernhäuser der Welt, ist Live-Musik angesagt?

Irgendwie scheint die Bereitschaft der Choreografinnen, sich auf ein großes Haus und seine Möglichkeiten voll einzulassen, nicht vorhanden. Und prompt werden die Tänzerinnen und Tänzer – bei Sol Léon sind es im ganzen Stück nur elf an der Zahl – auch hier enorm unterfordert.

Das Staatsballett Berlin kann viel mehr – und darf es nur nicht zeigen.

"2 Chapters Love" - "Stars like Moths"

Sie machen Faxen, finden aber nicht zusammen: Matthew Knight und Théo Just in „Stars like Moths“ von Sol León beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

Im Hinterkopf hat die gewiefte Choreografin dabei vielleicht, dass sie ein Stück umso eher mehrfach in alle westlich orientierte Welt verkaufen kann, wenn sie an die Tänzer keine zu hohen Ansprüche stellt.

Außerdem hat Sol León – wie auch Sharon Eyal – zwei Assistenten benötigt, um ihr neues Werk choreografisch auf die Beine zu stellen.

Man weiß nicht, ob es hier darum geht, dass gute Freunde auch Gelder mit  abgreifen sollen oder ob die einzelnen Schöpferinnen es wirklich nicht alleine schaffen.

Aber bei derart kurzen Stücken ohne konkrete Konzepte ist es schon merkwürdig, einen Rattenschwanz an Mitarbeitern mitzubringen. Früher nannte man das Korruption.

Sol León, gebürtige Spanierin, choreografiert übrigens erst seit kurzem beinahe  allein, nämlich ohne ihren bisherigen Partner Paul Lightfoot.

Dieser half ihr für „Stars like Moths“ allerdings beim Bühnenbild. Wobei man da auch wieder nicht weiß, ob er als kreative Kraft wirklich gebraucht wurde oder ob er nur an den Tantiemen beteiligt werden sollte.

Das Ergebnis des Bühnenbilds überzeugt jedenfalls:

Vor schwarzem Grund, vor Sternenhimmel, auch in einem stilisierten Ballettsaal mit Altbau-Fassade oberhalb der Spielebene wird hier in modernen Kostümen und auch mal mit Mantel getanzt. Nur leider in beliebig zusammengewürfelten Szenen.

Ein stilisierter Baum ist erst tot und blattlos und erhält dann mittels Lichtprojektion ein volles Blattwerk. Wunderschön.

Ob das die Hoffnung ist, dass manche Bäume durchhalten, obwohl der Mensch ihnen die Lebensgrundlagen raubt und viel zu viele Bäume fällt?

Der Hitzestress der Bäume, der zu ihrem Absterben führt, ist ein wichtiges aktuelles Thema in dieser Gesellschaft. Ob Sol León das überhaupt weiß?

Das Stück ist nicht der Realität gewidmet, sondern der Schwelgerei.

"2 Chapters Love" - "Stars like Moths"

Haruka Sassa und Jan Casier in „Stars like Moths“ von Sol León – kurzzeitig tanzen sie ein Pärchen. Foto vom Staatsballett Berlin: Carlos Quezada

Menschen sitzen auf der Bühne und träumen, schauen versonnen in den Nachthimmel oder wälzen sich vor Liebessehnsucht am Boden. Manchmal finden sich Paare für einzelne Tänze zusammen, aber nichts ist hier von Dauer. Es geht mehr um die Stimmungen als um die Beziehungen. Faxen machen, das geht – aber inneren Halt geben sich die Partner offenkundig gegenseitig nicht.

Trotzdem: All das wird elegant und formvollendet dargeboten.

Die Stars Polina Semionova, Haruka Sassa und Alexei Orlenco werten das Ganze mit ihren wohlgeformten Körpern auf.

Semionova wird in einer Szene mit weißem Pulver überschüttet, was sowohl an ein Stück von Nacho Duato als auch an eines von Christian Spuck erinnert, die beide in Berlin im Repertoire sind. Ob es Kokain sein soll, Heroin oder auch Arsen – die Dusche in Weiß wird hier von der Ballerina genossen, als handle es sich um Puderzucker.

"2 Chapters Love" - "Stars like Moths"

Polina Semionova liebt hier weißes Pulver – und ihre Pumps. So zu sehen in „Stars like Moths“ von Sol León beim Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada

Am Ende steht wieder das ein Paar vom Anfang vor uns, wie eine ironische Pointe, die uns sagen will: Mehr als Wassermelone gibt es nicht. Daran ändert sich nichts, und wenn wir noch so träumen.

Wenigstens ist es Melone und kein Glucose-Sirup oder gar ein blutiges Steak. Eine Möhre wäre vielleicht noch gesünder und auch viel nachhaltiger.

Also, Leute: Esst Wassermelone und Möhren, um so schön und schlank wie die Tänzer zu werden!

Und sucht euch eine Kunst, die euch berührt.

Auf große Gefühle, großes Kino, rührende Szenen, einfühlsame Momente verzichten in „2 Chapters Love“ beide Choreografinnen gekonnt.

Fragt sich nur, wohin es uns führt, wenn die Kunst nichts anderes bietet als schöne, aber beinahe sinnlose Bilder.
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

"2 Chapters Love" - "Stars like Moths"

Noch einmal Danielle Muir, hier in „2 Chapters Love“ von Sharon Eyal. Schön oder nur schön? Foto vom Staatsballett Berlin: Carlos Quezada

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