Tränensee 3sat sendet den Klassiker „Schwanensee“ in Nurejews Inszenierung: von 2014 aus Wien

Deckblatt Schwanensee

Das Deckblatt des Programmhefts zu „Schwanensee“ von 2014 in der Wiener Nurejew-Inszenierung. Leider kann Fernsehen das noch nicht leisten: Programmhefte mitliefern. Vielleicht aber in Zukunft – zum Runterladen online im PDF-Format? Faksimile: Gisela Sonnenburg

Es handelt sich um eine ganz besonders düstere, dennoch auch vor allem feierliche „Schwanensee“-Version. Der erst 26 Jahre alte Rudolf Nurejew schuf drei Jahre nach seinem Wechsel aus der Sowjetunion in den Westen ein stark stilisiertes, insgesamt wie ein geschönter Alptraum anmutendes Werk. Natur ist hier Makulatur; Unglück und Depression kennzeichnen die höfische Welt. Nur die Oberfläche ist wie eingezuckert, also lieblich, elegant, charmant. Es herrschen allerdings, daran lässt Nurejews Inszenierung keinen Zweifel, dubiose dunkle Mächte – in der Welt der Menschen wie am Schwanensee.

Nurejew im Programmheft

Aus dem „Schwanensee“-Programmheft von 2014 vom Wiener Staatsballett: Nurejew in Prinzenkluft ziert einen der ergiebigen dramaturgischen Essays. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Der könnte denn auch „Tränensee“ hier heißen. Denn die Pantomime, mit der die verzauberte Schwanenprinzessin zur wogenden Musik von Peter I. Tschaikowski ihr trauriges Schicksal erzählt, ist in sauberer klassischer Pantomime im Stück erhalten. Ihre Mutter habe so viel geweint, als der Zauberer Rotbart die Tochter als Geisel nahm, dass aus den mütterlichen Tränen ein ganzer See geworden sei, so lautet die Überlieferung des Prinzessinnentextes. Und das ist keineswegs als Übertreibung gemeint. Sondern als märchenhafte, surrealistisch anmutende Verflechtung von Traum-, Symbol- und Realwelten.

Der heutige Ballettdirektor in Wien, Manuel Legris – der in dieser gelungenen Fernsehaufzeichnung fachmännisch die Regie übernahm – lässt mit dem Wiener Staatsballett die Fassung des Stücks von 1964 wieder auferstehen. In neuen Gewändern allerdings, die von Luisa Spinatelli stammen. Olga Esina, gebürtig in Sankt Petersburg und an der Waganowa-Akademie ausgebildet, tanzte die Doppelrolle der Odette/Odile, also des weißen und des schwarzen Schwans, bereits am Mariinsky-Theater in ihrer Heimat. Und dann in Wien – sowie durch die Ausstrahlung der Aufzeichnung von 2014 im ganzen Sendegebiet von 3sat.

Rotbart probt in Wien

Rotbart probt – auf den Seiten des Wiener „Schwanensee“-Programmhefts, redaktionell betreut vom Dramaturgen Oliver Peter Graber. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Vladimir Shishov, der ihr Prinz Siegfried ist, stammt ebenfalls aus Petersburg und besuchte ebenfalls die hoch renommierte Waganowa-Akademie. Allerdings tanzte er am Mariinsky nicht den tragisch scheiternden Helden, sondern den bösen Zauberer Rotbart. Auch eine Karriere! Zumal der Prinz bei Nurejew die zentrale Figur ist: Auch die Schwäne inklusive Prinzessinnen sind hier als Ausgeburten der jungmännlichen Fantasie zu verstehen.

Am Ende geht der in ein Phantom verliebte Held schrecklich schön zu Grunde: Rotbart lässt den See über die Ufer treten, der Prinz ertrinkt darin. Was für ein Sinnbild für den Untergang des Edlen in einer Welt aus Lug und Trug!

Schwanensee Prinzenpaar

Das hoheitliche Paar vom „Schwanensee“: aus dem Programmheft des Wiener Staatsballetts von 2014. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Bleibt anzumerken, dass es eigentlich auch interessant wäre, eine Aufzeichnung der 200. Vorstellung dieser Inszenierung in der Wiener Staatsoper zu sehen. Die fand am 26. Oktober 2009 statt. Ausnahmsweise gab es darin vier verschiedene Tänzer des Siegfrieds, in jedem der vier Akte also einen neuen. Einer davon war Vladimir Shishov. Ein anderer Vladimir Malakhov, noch ein anderer Denys Cherevychko sowie Andrian Fadeyev. An Odetten gab es zwei: Polina Semionova und Maria Yakovleva. Die einzige Odile war Olga Esina, die heuer den ganzen weiblichen Hauptpart darbietet.

Historisch und zudem an Glamour kaum zu überbieten war aber auch die Urbesetzung. Bei der Uraufführung 1964 – in der Nurejew als Siegfried mit der englischen Supraballerina Margot Fonteyn tanzte – gab es nämlich rekordverdächtige 89 Schlussvorhänge. Rudis Charisma ist ohnehin bis heute unerreicht – hier ist wenigstens sein choreografischer Esprit wieder zu genießen.

Probenszenen Schwanensee

Aus dem Progammheft des Wiener Staatsballetts von 2014: Probenszenen zu Nurejews „Schwanensee“. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Im Anschluss sendet 3sat großzügigerweise gleich noch ein Portrait: „Rudolf Nurejew“ ist eine Doku von Sonia Paramo aus dem Jahr 2008. Darin zeigt sich Rudolf, der Kosmopolit, wie er mit Miss Piggy fleißig den „Schweinesee“ hoppelt… auch solch derber Spaß muss manchmal erlaubt sein. Ernsthafte Konkurrenz zum unerreicht gut recherchierten, dazu herzhaft-herzlichen arte-Film „Nurejew – From Russia with Love“ von John Bridcut ist der ORF-Portraitfilm von Paramo allerdings nicht: Er nimmt sich dagegen zu brav und bürgerlich aus. Lautet doch mein Lieblingszitat von Nurejew: „Wir Tänzer sind immer nackt auf der Bühne.“
Gisela Sonnenburg

Erstsendung: 3sat, Samstag, 10.1., 20.15 Uhr („Schwanensee“) und 22.25 Uhr („Rudolf Nurejew“)

In der Wiener Staatsoper läuft der „Schwanensee“ wieder im Februar und März

www.wiener-staatsoper.at

UND SEHEN SIE BITTE INS IMPRESSUM: www.ballett-journal.de/impresssum/

Und noch was:

Schwanensee in Wien

„Schwanensee“, 2014 in der Wiener Staatsoper: Nurejews Inszenierung betont das Unheimliche, fast Psychedelische der Geschichte. Foto: Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Das ist die Atmosphäre in Nurejews Wiener „Schwanensee“: surreal, manchmal asymmetrisch, irgendwie an den Genfer See erinnernd, vielleicht aber auch an einen modifizierten Baikal-See. Auf dessen Höhe wurde Rudolf Nurejew 1938 geboren – während einer Eisenbahnreise seiner Mutter.  

Jedenfalls gibt es hier eine Aussichtsplattform mit Stufen, die nach Beton aussehen, während schmiedeeiserne Schnörkel die Gitterabsperrungen attraktiv machen. Die Romantik hier ist nahezu einschüchternd, durch die Betontreppe auch großstädtisch – und dennoch grandios in ihrer Einzigartigkeit.
Gisela Sonnenburg

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