Stil und Stilkunde Alt und echt, authentisch und nicht blondiert: Der kostenlose Live-Stream mit „Paquita“ vom Bayerischen Staatsballett gibt Gelegenheit, Alexei Ratmanskys Stil als Ballettmeister zu studieren

Paquita in München

Das Ensemble in „Paquita“ hat Schwung, bietet Lebensfreude – und äußerst vornehme, wie gedrechselt wirkende Einzelposen. Typisch für Ratmanskys Staging: der schief gelegte Kopf der Tänzerinnen, der absichtlich einen Hauch zu schief liegt – und gerade dadurch in seiner Schönheit doppelböddig wirkt. Foto: Wilfried Hösl

Ballett setzt sich fort, von Generation zu Generation, von Tänzer zu Tänzer, von Ballettmeister zu Ballettmeister. Der Ausgangspunkt, das Echte und Alte, muss dabei bewahrt werden – und auch die neueren und neuen Stilarten gelten bereits bei ihrer Fertigstellung in gewissem Sinne als „historisch“. Da wird nicht einfach rumgemantscht oder schräg gestellt, nix wird einfach so mal eben umgebogen. Reinheit und Feinheit bis in die Details sind wichtig – je grandioser die jeweilige Choreografie, umso bedeutungsvoller ist die werkgetreue Art, wie sie tänzerisch darzubieten ist. Fuß vor ist eben nicht Fuß vor! In „Paquita“ von Marius Petipa in der brandneuen Rekonstruktion von Alexei Ratmansky gilt das einmal mehr.

Allen voran ist Petipa einer der Altmeister, der großen Klassiker. Es ist immer ein hübscher, auch erheiternder Anblick, wenn man Choreografien von Marius Petipa sauber ausgetanzt sieht. Sehr schön ist hier als Beispiel geeignet: das glasklar den tanzenden Körper in jeder Pose stets aufs Neue zur Linie zwingende „Dornröschen“. Die Petipa-Kennzeichen: Runde, dabei unbedingt stolz geradlinig gehaltene und keinesweg eingeknickt oder schwächlich wirkende Arme. Dazu auswärts gedrehte, nicht allzu lieblich positionierte Beine. Auch hier zählt die Geradheit der Linie. Dazu muss eine große Klarheit im Gesicht kommen, auch im oftmals möglichst aufrecht gehaltenen Leib.

Diese Linien des Marius Petipa sind bekannt und können als Essenz des klassischen Balletts gelten (auch im Gegensatz zur vorangegangenen Phase des romantischen klassischen Balletts, das von den Körperlinien her viel weicher, dabei „schiefer“ und „ausgebeulter“ agiert). George Balanchine, der mit den Petipa-Linien und ihrem Regelwerk in Sankt Petersburg als Kind und Jungtänzer bekannt gemacht wurde, radikalisierte diese Klarheit: Neoklassizismus nennt man seine Linien, die die großen simplen Bögen an den Bewegungen des Balletts sichtbar machen.

Alexei Ratmansky wiederum ist eine „Pflanze“ des Bolschoi-Theaters in Moskau. Aber auch er lernte Petipa von der Pike auf. Als Juri Grigorovich, der viele Jahrzehnte den Bolschoi-Stil als sein Direktor und Chefchoreograf geprägt hatte, sich vor allem aus Altersgründen zurückzog, wobei er nach wie vor als Erster Ballettmeister im Bolschoi geführt wird (und er wurde vor wenigen Tagen 88 Jahre alt, herzlichen Glückwunsch!), war Ratmansky für vier Jahre sein Nachfolger. Er ist, nach seiner damals relativ früh beendeten Karriere als Erster Solist, zwar eigentlich vor allem als Choreograf tätig, er gilt aber auch als benedeiter Ballettmeister, wenn er seine oder die Stücke anderer Tanzschöpfer einstudiert.

EIN ZAUBERMEISTER IM STAGING

Videoaufnahmen aus Russland zeigen, dass Ratmansky sich mit den Bolschoi-Tänzern ungeheuer gut verständigen konnte und kann. Da scheint er während einer Probe zu „Die Flammen von Paris“ als Coach eine unsichtbare Wand pantomimisch beiseite zu schieben – und jeder im Ballettsaal sieht diese Wand, deren Wegschieben dem Aufbrechen von Barrikaden gleichkommt. Die Anstrengung des Beiseiteschiebens ist notwendig, um eine bestimmte Spannung im Körper, ausgehend vom Rücken und den Armen, zu erzeugen. Mit dieser Spannung sind dann die klassisch-ziselierten Bewegungen schwungvoll auszuführen – phänomenal ist die Wirkung. Die Ballerinen und Ballerinos verströmen auf einmal das schwerelose Flair der rustikal-folkloristisch inspirierten Bolschoi-Klassik. Und das auch noch mit einem Hauch Esprit Parisien. Große Kunst entsteht, wie nebenbei, auf einer Allerweltsprobe im Ballettsaal.

Solche Zauberer wie Alexei Ratmansky sind nicht allzu häufig anzutreffen. Bertrand d’At, der in der Blüte seiner Jahre an Herzversagen starb, war ein solcher Meister, ein ganz zarter, sensibler, der auf dem Höhepunkt einer Probe gern vor Rührung ob der gesehenen Schönheit leise weinte. Neben der Einstudierung seiner eigenen Choreografien war er auf die Handschrift von Maurice Béjart spezialisiert. Kevin Haigen in Hamburg ist ganz sicher auch ein solcher Magier, auf seine Art vielleicht noch ergreifender als Ratmansky – zumal er viele Stile und diese auch noch in verschiedenen Neuinterpretationen beherrscht. Und auch Nacho Duato, der derzeit in Berlin wirkt, hat diese spielerische Unerbittlichkeit, ohne die ein Tänzerkörper nicht wirklich in überzeugende Linien gebracht werden kann.

Comic Paquita

Drive bis zum Slapstick: Ratmansky machte aus einem alten Petipa einen peppigen Comic. Foto: Wilfried Hösl

Aber Ratmansky ist der wandelnde heilige Gral der Bolschoi-Technik und auch ihrer dynamischen Belebung, ihres posenreichen Ausdrucks. Auch wenn es in Moskau viele sehr gute Ballettmeisterinnen und -meister gibt, eine solche überwältigende Übermittlungskunst wie bei Ratmansky habe ich nie wieder sehen dürfen. In Berlin hatte ich die Ehre, ihn bei einer Probe mit dem Staatsballett Berlin zu sehen, dabei bestätigte sich dieser Eindruck von ihm. Es war zwar augenfällig, dass bei er sich bei den westlichen Compagnien trotz jahrelanger Tätigkeit in den USA tief innen immer noch etwas fremd und eigentlich als Russe fühlt. Die russische Seele formiert sich im Ballett eben doch am besten vor Ort, in Moskau oder Sankt Petersburg – und eben nicht in New York (wo Ratmansky lebt und auch viel arbeitet, so beim American Ballet Theatre).

Wir in Europa bekommen aber immerhin reichlich viel Glanz und Glamour seiner Kunst und Handwerkertricks mit ab. Das sieht man in im Endeffekt auch bei den Ergebnissen in Berlin, Dresden und München, wo Ratmansky Stücke einstudiert beziehungsweise sogar kreiert hat. Auch lange nach der Premiere stimmen hier die Ecken und Kanten, die Rundungen und Raffinessen, wenn die Ballettmeisterteams vor Ort nur kräftig daran arbeiten. Und kein Tänzer, keine Tänzerin, der oder die bei Ratmansky nicht noch so Manches für sich dazulernen konnte! Er ist bekannt dafür, gern bis über die Grenzen zu gehen, bei sich selbst ebenso wie bei den ihm anvertrauten Tänzern. Es ist ein großes Verdient vom Bayerischen Ballettdirektor Ivan Liska, dass er diesen Mann der Echtheit in sein Theater holte.

Beim kostenlosen Live-Stream, den das Bayerische Staatsballett am Sonntag auf seiner Homepage anbietet, ist all das nun genauestens zu eruieren. Dabei handelt es sich aber um keine Choreo von Ratmansky, sondern um eine echt alte in Ratmanskys Einstudierung.

Die Version des Zigeunermärchens „Paquita“ von 1847 verbindet das romantisch-wilde Libretto im ersten Teil mit dem klassisch-strengen Festakt des Tanzes im zweiten Teil. Man sieht hier also quasi die Geburt von Marius Petipa als stilbildender Choreograf, als bedeutendster des 19. Jahrhundert, im übrigen.

Gleich drei Stile sind an den Münchner Aufführungen zu erforschen: das noch romantisch inspirierte Märchenleben im ersten Teil, das Petipa nach Pariser Vorbild schuf. Dann sein eigener Stil, der mit dem zweiten Teil von „Paquita“ erstmals in dieser Klarheit in Sankt Petersburg zu sehen war. Und – und das betrifft nun uns neugierige Ballettfans von heute – es gibt den ballettmeisterlichen Stil von Alexei Ratmansky zu genießen, denn er hat die alte Choreografie zusammen mit dem Tanzhistoriker Doug Fullington rekonstruiert und „gestaged“, also auf die Bühne gebracht.

Edelmut

Schönheit, adlig und edelmütig und dennoch zu hinterfragen… bei Ratmansky und Petipa in München. Foto: Wilfried Hösl

Welche Dynamik! Bei Ratmansky, der außerordentlich musikalisch ist und sein Musiktalent auch an seinen Sohn weitergab, gibt es keine Leerstellen, keine kaputten Momente, keine noch so winzigen Stockens- oder Stottersekunden, noch deren Bruchteile. Alles ist im Körperfluss befindlich, wirkt ungeheuer leicht und dennoch mächtig, denn extragroße Sprungkraft ist eine der Voraussetzungen, die Ratmansky mit seinen Tänzern ausstellt.

An den Posen, die die Solisten wie das Ensemble zwischen den einzelnen Bewegungsphrasen einnehmen, sind Ratmanskys Sinn für Präzision, aber auch sein stets latent vorhandener Humor zu erkennen. Es geht nicht nur um Sauberkeit, es geht auch um die Ausstellung dieser Sauberkeit. Das ist das Moderne an Ratmanskys Stil. Stets wirken die pointierenden Haltungen wie leicht überdreht, das Understatement, das sonst das klassische Ballett verdaulich macht, ist hier einer demonstrativen, mitunter sogar leicht überzogenen Gestik gewichen. Da gibt es das typische Ratmansky-Lächeln, die typische Ratmansky-Armhaltung, das typische Ratmansky-Demonstrieren dessen, was man macht.

Keckheit, Munterkeit, Satire, sogar Ironie im Ausdruck begleiten die dennoch zugleich auch ernsthaft zu entziffernde Urchoreografie. Die Doppelbödigkeit des Ratmansky-Stils beim Staging ist einzigartig und von anderen unerreicht. Jeder spürt das, ohne zu wissen, woran es liegt: Im Publikum wird geschmunzelt und gelächelt, sich gefreut und manchmal auch laut aufgelacht. Ist das Leben nicht ein köstliches Spiel? Ist es nicht vielschichtig? Egal, wie grauenvoll und platt uns die Werbeindustrie ihre plumpe Ästhetik aufs Auge drückt, sodass wir kaum noch ohne eklig nach Peroxid stinkendes, wie Babyflaum ausgedünntes, blondiertes Haar mit fett herabhängenden angeklebten Extensions sowie mit einer anti-individuell aufgespritzten Facelift-Visage aus dem Haus gehen mögen. Botox macht uns dann noch sichtlich dumm und hartherzig. Sind das eigentlich noch wir? Das Fatale: Man kann es nicht mehr rückgängig machen. Das betrifft mittlerweile Männer ebenso wie Frauen: Das eigene Gesicht verschwindet zugunsten eines aufgepfropften billigen Einheitsideals. Damit hat Alexei Ratmansky nix am Hut!

Paquita beim Bayerischen Staatsballett

Einfach nur bildschön – und dennoch auch leicht satirisch in der Schräglage des Oberkörpers und der Armdiagonale… Das sind Linien, die es sonst so nirgends gibt! Sondern nur bei Ratmansky. Foto: Wilfried Hösl

Natürlich verzichten Profis, also die Film- und Bühnenstars auch des Balletts, ebenso wenig auf künstliche Verjüngung wie viele andere Reiche. Speed-Fit statt Sport, Gymn oder Tanz macht die Muskeln lang und die Gliedmaßen kinderzierlich dünn. Mit 50 oder 60 endlich so aussehen, wie man mit 30 oder 40 auch schon immer aussehen wollte, ohne dass die Natur dieses gestattet hätte! Wow, die Aufgespritzten und Gelaserten bewundern sich gegenseitig, schätzen sich von Jahr zu Jahr gegenseitig jünger ein, was, du bist schon weit über 50, ach nee, das hätte ich ja nicht gedacht.

Verloren geht bei diesem Schickimicki-Massensyndrom die Authentizität, die Echtheit, also jene Schönheit, die auch in alten Gesichtern von innen kommt und mindestens ebenso sexy ist wie „blondierte Fressen“. Solange man sich nicht von den idiotischen MacDonald’s-Idealen verrückt machen lässt. Man muss allerdings Mut zur Eigenheit und auch einen Sinn für tiefes Sehen haben. Mit oberflächlichem Geglotze ist einem echten Gesicht oder Körper nicht gedient.

Ratmansky ist nicht geliftet und nicht aufgespritzt. Als ich ihn bei einer Probe sah, trug er etwas zu heiß gewaschene Klamotten (oder er war schlicht aus ihnen rausgewachsen), und er hatte einen süßen, speckigen Waschbärenbauch im unteren abdominalen Bereich, der sich samt haarumkränzten Bauchnabel stets dann wabbelig frei legte, wenn Ratmansky voller Elan für seine Tänzer eine Figur mit Rückenbeugung rückwärts vormachte. Was heißt „vormachen“. Das klingt so langatmig. Vorturnen, das machte er, er turnte, als ginge es um eine Medaille! Voller Spirit, voller Ungeduld, urlebendig! Ratmansky, das ist also kein Schönling, kein Schnösel, dachte ich damals, sondern ein echt harter Arbeiter, und er zeigte sich in Berlin solchermaßen auch ungeschönt bei Probenbesuchen, ohne Angst zu haben, durch scheinbare Hässlichkeit an Autorität zu verlieren. Das war großartig und passte zur Grandezza, mit der er ungeheuer exakt und streng mit den Tänzern arbeitete. Seine dunkle Behaarung auf diesem subkutanen Fettgewebeball an Bäuchlein war übrigens auch superecht naturbelassen, da war nix gewaxt oder rasiert – offen gesagt, er war mir schon dafür verdammt sympathisch.

In Berlin war er mit dem Authentizitätsstil denn auch genau richtig und antitzipierte im letzten Frühjahr gewissermaßen die seit letzten September viel bestaunte und reüssierende PR-Strategie des neuen Ballettintendanten Nacho Duato. Er lässt seine Tänzer in verschwitzten Probenoutfits zur Identifizierung auf die Website setzen, statt in gelackt-geölten Mainstream-Passfotos. Great.

Ratmansky bringt Deutlichkeit

Auch in Standposen zu sehen: Die leichte Übertreibung, die Ratmanskys Stil vom normalen Petipa unterscheidet. Petipa, überspitzt: Das hintergründige Lächeln der Dame ist typisch für Alexei Ratmansky sanfte Ironie.  Foto: Wilfried Hösl

Also: Hochhackige, ungesunde, aus Frauen doofe Puppen machende High Heels jener vorgestrigen Schlampen à la „Sex and the City“– ade! Ade! Ade. Zumindest am Sonntag, da geht es mal nicht ins Theater, sondern nur vor den heimischen Computer. Hier kommt dann der geniale und genial echte Marius Petipa, in der ebenfalls genialen und genial echten Machart von Alexei Ratmansky.

Probieren Sie vorher mal eine dunkle Henna-Tönung! Schon das ist ein guter Grund, sich „Paquita“ als Live-Stream anzuschauen und die so gar nicht nachlässige Stilart dieser Aufführung genauestens zu studieren und zu genießen. Denn auf der Bühne darf es schrecklich viele Perücken und urst harsches Make-up, dazu knallbunte Volants und fingerdicke Wimpernanklebungen geben. Aber eben nur da – oder im Karneval. Ole!

P.S. Das ungeschminkte Ansehen von Balletten kann man daheim bekanntlich am allerbesten üben…
Gisela Sonnenburg

Aktueller Termin: 25. April 2015 im Nationaltheater München

„Paquita“: Live-Stream ab 18 Uhr am Sonntag, 11.1.2014, auf:

www.staatsballett.de

Weitere Texte zu „Paquita“ bitte hier:

www.ballett-journal.de/der-kluge-berserker/

www.ballett-journal.de/loblied-der-weiblichkeit/

www.ballett-journal.de/manchmal-muss-ich-allein-eine-entscheidung-faellen/

UND BITTE SEHEN SIE AUCH HIERHIN: www.ballett-journal.de/impresssum/

 

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