Der Schwanensee als Stuttgarter Legende Primaballerina Alicia Amatriain über den „Schwanensee“ von John Cranko, den sie ab Nikolaus 2017 beim Stuttgarter Ballett wieder tanzt

Der "Schwanensee" von John Cranko hat einen eigenen Schwerpunkt

Alicia Amatriain als weißer Schwan Odette in „Schwanensee“ von John Cranko beim Stuttgarter Ballett – ergreifend schön. Foto: Stuttgarter Ballett

John Cranko steht für Innovation im Ballett, vor allem für den Mut, schon in den 60er Jahren ganz neue Wege beim Thema Handlungsballett zu beschreiten. Doch der manchmal etwas exzentrische Chef vom Stuttgarter Ballett wollte nicht nur das Risiko des Neuen spielen, sondern er suchte auch die absolute Herausforderung der Klassik. So schuf er 1963 einen (1972 von ihm überarbeiteten) „Schwanensee“ für seine Compagnie, auf der Grundlage der traditionellen Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow – aber mit eigenem Schwerpunkt. Die Erfahrung der puristischen Strenge, der klassischen Linien, auch der kühnen Dramatik des Stücks wollte Cranko seinen Tänzerinnen und Tänzern nicht vorenthalten. Zugleich entwickelte er das Psychogramm eines jungen Mannes, der mit seiner Liebe eine junge Frau retten könnte. Wenn er dabei nicht versagen und auf ein betrügerisches Double, den schwarzen Schwan Odile, hereinfallen würde. Dabei pochte Cranko – für seine Zeit ungewöhnlich – darauf, dass die Musik von Peter I. Tschaikowsky ein Happy End für Prinz und Schwanenfrau nicht vorsehen könne. Die Liebe muss aus Crankos Sicht hier zwangsläufig tragisch enden, jedwede Erlösung galt ihm als unmöglich. Stuttgarts weltbekannte Primaballerina Alicia Amatriain tanzt ab morgen wieder die berühmte zweifache weibliche Hauptrolle im „Schwanensee“– und erklärt im Ballett-Journal, worum es ihr eigentlich dabei geht.

Ballett-Journal: Seit wann tanzen Sie diese – in jeder Hinsicht anstrengende – Doppelrolle der Odette / Odile in Stuttgart?

Alicia Amatriain: Mein Debüt habe ich am 25. Dezember 2002 gegeben.

Ballett-Journal: Und was hat sich seither für Sie daran verändert?

Alicia Amatriain: Die Rolle ändert sich für mich jedes Mal, wenn ich ihr erneut begegne. Das geht mir mit fast allen Rollen so, die ich glücklicherweise mehrfach tanzen darf. Schließlich bin ich heute ein anderer Mensch als vor fünfzehn Jahren! Ich habe Lebenserfahrung gesammelt, und sowohl mein Körper als auch meine technischen Fähigkeiten haben sich weiterentwickelt. Es ist fantastisch, immer wieder neue Nuancen in der Rolle und der Musik zu entdecken.

Der "Schwanensee" von John Cranko hat einen eigenen Schwerpunkt

Wie eine Schwanenkönigin sich in ihr Federkleid schmiegt, so bedenkt Odette ihre missliche Lage… Alicia Amatriain im passionierten „Schwanensee“ von John Cranko in Stuttgart. Foto: Stuttgarter Ballett

Ballett-Journal: Was fällt Ihnen relativ leicht, was ist besonders kompliziert am „Schwanensee“?

Alicia Amatriain: Leicht ist an diesen beiden Rollen absolut gar nichts! Weder die Technik noch die viel wichtigeren Charaktere des jeweiligen weißen und schwarzen Schwans. In jeglicher Hinsicht sind diese beiden Rollen – die hier vereint sind – eine Herausforderung.

Ballett-Journal: Mit wem haben Sie die Partien einstudiert?

Alicia Amatriain: Im Moment mit unseren Ballettmeistern – und natürlich mit Reid Anderson, unserem Intendanten.

Der "Schwanensee" von John Cranko hat einen eigenen Schwerpunkt

Die vierundzwanzig weißen Schwäne, die John Cranko in seinem „Schwanensee“ auf die Bühne stellt, sind tanzende Symbole für gefangene Schönheit. Foto: Stuttgarter Ballett

Ballett-Journal: Hand aufs Herz: Welche Partie ist Ihnen lieber – die lyrische, sanftmütige Odette oder der spritzige weibliche Teufel Odile?

Alicia Amatriain: Ich liebe beide! Sie sind so unterschiedlich, aber sie gehören zusammen. Nur eine von beiden zu tanzen, würde für mich den Reiz dieses Ballettes zerstören.

Ballett-Journal: Die Beziehung zum Traumprinzen Siegfried müssen Sie ebenfalls doppelt tanzen. Als weißer Schwan Odette ist er Ihre letzte Hoffnung, als schwarzer Schwan Odile bemächtigen Sie sich seiner Seele. Hat der weiße Schwan durch seinen Tanz dennoch die Möglichkeit, aus dem Opferstatus heraus zu kommen?

Alicia Amatriain: Der weiße Schwan kann nur durch eine Liebe, die treu ist, erlöst werden. Am Ende des Stückes verstehen wir, dass Odette warten muss, bis sie diese Liebe findet.

Hier vergisst man dann aber auch alles andere: Wenn das „Ballet Revolución“ sein Temperament in Tanz umwandelt, gibt es kein Halten mehr. Da sind Leidenschaft und Schönheit zu heißen Rhythmen vereint, und das neue Programm verspricht, noch fetziger zu sein als jedes andere zuvor. Unbedingt rechtzeitig hier hier Tickets sichern unter: www.bb-promotion.com – und richtig Spaß haben! (Das Foto stammt von BB Promotion / Anzeige)

Ballett-Journal: Die Macht des Bösen, personifiziert vom Zauberer Rotbart, gewinnt. Bedauern Sie es manchmal, dass der „Schwanensee“ von John Cranko seriöserweise tragisch endet? Es gibt ja auch Happy-End-Versionen wie die von Ivanov Burmeister aus dem Jahr 1953.

Alicia Amatriain: Nein, überhaupt nicht. Ich liebe die Fassung von John Cranko, insbesondere den vierten Akt. Dieser Akt ist zum Weinen schön! Von allen Fassungen, die ich bisher gesehen habe, ist dieser vierte Akt der schönste! Cranko hat einmal gesagt: „Ich glaube, dass Tschaikowsky die Absicht hatte, ein tragisches Ballett zu schreiben. Der Grundton der Musik – insbesondere im vierten Akt – ist tragisch.“ Ich finde, er hatte damit Recht.

Ballett-Journal: Bereiten Sie sich speziell auf eine „Schwanensee“-Aufführung vor?

Alicia Amatriain: Vor jeder Vorstellung habe ich meine Routine, die ändert sich nicht, egal welches Stück ich an dem Abend tanze. Sie ist mir wichtig.

Der "Schwanensee" von John Cranko hat einen eigenen Schwerpunkt

Arabesken in jede Richtung – wie Hilferufe aus der Zaubersphäre – kennzeichnen den Tanz des weißen Schwans, besonders edel von Alicia Amatriain beim Stuttgarter Ballett verkörpert. Foto: Stuttgarter Ballett

Ballett-Journal: Was ist der große Vorteil einer Aufführung des ganzen Stücks im Vergleich zu Gala-Auszügen?

 Alicia Amatriain: Bei einer Gala wird die ganze Geschichte ja nur in Auszügen erzählt und man kann sich nicht hundertprozentig in diesen Schwan verwandeln. Man kann sich nicht so entfalten wie bei dem ganzen Stück.

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Interview: Gisela Sonnenburg

 Termine: siehe „Spielplan“

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