Das Leben neu denken „Onegin“ mit Jason Reilly und Agnes Su beim Stuttgarter Ballett, „Im 7. Himmel“ oder auch nicht mit dem Wiener Staatsballett und neue Erkenntnisse aus der Pandemie-Erfahrung

Das neue Dreamteam vom „Onegin“ beim Stuttgarter Ballett beim Schlussapplaus mit dem Ensemble: Agnes Su und Jason Reilly. Yeah, yeah, yeah! Foto: Boris Medvedski

Fangen wir mit dem unangenehmen Teil des Wochenendes an. Nein, nicht mit Marco Goecke. Der kommt erst später. Wichtiger ist: Die Corona-Infektionszahlen steigen unverdrossen, trotz oder wegen der 2-G-Regel, die zunehmend in Europa eingesetzt wird. Wieso das so ist? Weil Geimpfte glauben, sie seien immun gegen Covid-19. Das sind sie aber nicht. Sie werden nur fahrlässig. 40 bis 50 Prozent der Doppeltgeimpften, so ein Berliner Krankenhausarzt am Wochenende im rbb, seien erneut mit Corona infiziert. Manche erkranken selbst – leicht, mittelschwer, in seltenen Fällen schwer bis tödlich – und auch andere geben das Virus weiter, ohne selbst davon etwas zu wissen. Eigentlich ist das logisch, denn das Corona-Virus hinterlässt auch bei überlebenden Erkrankten keine dauerhafte Immunität. Wieso sollte dann ein Impfstoff das schaffen? – Fakt ist: Die Corona-Impfung ist keine richtige Impfung. Sie ist besser als nichts, aber: Bis es Medikamente gegen Covid-19 gibt, werden uns die Viren terrorisieren. Und wir werden alle Hände voll zu tun haben, uns zu schützen. Unterschätzt wurde in jüngerer Zeit dabei die Rolle der Tests. Ab heute sind sie in Deutschland wieder kostenlos, das ist wichtig. Allerdings fehlt vielen der Anreiz, sich testen zu lassen, solange hinter dem 2 G kein Plus steht und auch sonst keine Testpflicht besteht. Aber alle könnten es schon wissen: Nur ein aktuelles Negativtestergebnis besagt, dass diese Person tatsächlich nicht ansteckend ist. Dass die Pharmaindustrie darum ihre teuren PCR-Tests mit Hilfe der Politik verkaufen kann, ist hingegen skandalös, denn nichts spricht gegen die tagesaktuellen Schnelltests, die viel preiswerter und unkomplizierter sind. Frühere Grippeviren, die die Welt in tödlichem Atem hielten, machten übrigens nach rund zwei Jahren schlapp. Aber ob das auch für dieses neuartige Corona-Virus gilt, steht in den Sternen. Testen, testen, testen – das ist derzeit der Königsweg zur Sicherheit. Und nicht etwa die Fantasie, man könne durch Impfungen allein Herr der Lage werden. Das gilt auch für die Opernhäuser: Testergebnisse am Eingang zu kontrollieren, wäre weitaus wichtiger, als die Geimpften flott durchzuwinken. Nehmen wir an, die Politik merkt das auch noch. Bis dahin testen sich vernünftige Menschen bitte mindestens alle paar Tage. Dann können sie gern im Opernhaus direkt neben jemandem sitzen, der ebenfalls negativ getestet ist. Etwa, um dem Stuttgarter Ballett zuzusehen, das soeben eine Glanzvorstellung seines Cranko-Knüllers „Onegin“ erlebt hat. Wer nicht bis Stuttgart kam, saß vielleicht daheim vor dem Computer und beglotzte „Im 7. Himmel“ mit dem Wiener Staatsballett: einen disparaten  Dreiteiler, der die Welt und das Leben allzu leicht nimmt.

Onegin wird 50 Jahre

Jason Reilly, hier beim Applaus nach einem Gastspiel in Berlin nach einer „Onegin“-Aufführung, ist sicher einer der besten Darsteller dieser schwierigen Rolle. Foto: Gisela Sonnenburg

Jetzt aber erstmal nach Stuttgart, zumindest in der Erinnerung. Jason Reilly, der mutmaßlich beste lebende aktive „Onegin“-Darsteller, begeisterte am gestrigen Sonntag mit seiner detailreichen, rundum schlüssigen tänzerischen Darstellung in der Haupt- und Titelrolle.

Er ist ein Draufgänger als russischer Dandy und dennoch so charmant, dass niemand ihm widerstehen kann. Seine Arroganz scheint nur Teil dieses verführerischen Spiels zu sein.

Ach, man versteht die jungen Damen Tatjana und Olga nur zu gut!

Tatjana wurde erstmals von der Amerikanerin Agnes Su getanzt – und zwar so innig und expressiv, so klar und nachvollziehbar, technisch dabei so präzise, dass es nur logisch schien, dass sie nach der Vorstellung auf der Bühne zur Ersten Solistin ernannt wurde. Herzlichen Glückwunsch!

Ballettintendant Tamas Detrich folgte damit einer guten alten Stuttgarter Tradition: Nach erfolgreichen Debüts in einer für die Company wesentlichen Hauptrolle – etwa in John Neumeiers „Kameliendame“ oder eben in John Crankos „Onegin“ – wird auch mitten in der Spielzeit eine Beförderung fällig.

"Onegin" in Stuttgart, "7. Himmel" in Wien

Agnes Su als Tatjana in „Onegin“ von John Cranko – hier tanzt die nächste Primaballerina vom Stuttgarter Ballett. Herzlichen Glückwunsch! Foto: Roman Novitzky

Die Tatjana von Agnes Su strahlte aber auch eine Intensität aus, wie sie sogar in dieser spannenden Rolle nur selten zu sehen ist. Die junge Landadlige, die lieber liest als zu flirten, verliebt sich im Stück in den schillernden, aber nihilistisch angehauchten Onegin. Der macht sie erst heiß, um sie dann stehen zu lassen. Aber in ihrem Traum ist er ihr ergeben – als bester aller Liebhaber.

Unglücklicherweise flirtet Onegin beim nächsten Mal lieber mit ihrer Schwester Olga. Obwohl die mit seinem Freund Lenski verlobt ist. Es kommt zum Duell der beiden Männer – und erst nach zehn Jahren zu einem Wiedersehen von Tatjana und Onegin.

Jetzt verliebt er sich in sie, während sie bemüht ist, ihre inzwischen geschlossene Ehe mit einem reichen Fürsten zu bewahren. Ein letzter großer Pas de deux beschwört die Utopie einer unmöglichen Liebe… und dann schickt Tatjana den Schwerenöter Onegin zum Teufel.

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Niemand zeigt die zerrissene Seele des dämonisch-erotischen Onegin so facettenreich wie Jason Reilly. Das Männlich-Drängende wechselt bei ihm mit dem Elegisch-Eleganten. Und beides nimmt man ihm ab, beides zeigt, dass er ein Held der Seelenkunst Tanz ist.

Seine neue Bühnenpartnerin Agnes Su weiß das aufzugreifen und zu erwidern: Auch sie wechselt zwischen zwei Verhaltensnuancen, und zwar zwischen großer Entschiedenheit und schmelzender Hingabe.

Hier wird das Leben neu gedacht!

Auf der Bühne wie in dem, was durch das Bühnengeschehen vermittelt wird. Übrigens auch mit einem akkurat tanzenden Ensemble und liebevollen Einzelheiten in den Nebenrollen.

Kein Wunder, dass das Publikum absolut begeistert war und die meisten Zuschauer:innen wohl noch Tage von diesem Erlebnis zehren werden.

Noch ein Blick auf den Applaus nach „Onegin“ am gestrigen Sonntag beim Stuttgarter Ballett. Yeah! Foto: Boris Medvedski

Weniger unter die Haut gehend dagegen die zeitgleich laufende Premiere in Wien beim Wiener Staatsballett. Es ist zwar absolut lobenswert, dass sie – zudem kostenfrei – im Internet als Live-Stream übertragen wurde, und zwar in einer ebenfalls sehr zu lobenden kameratechnischen und Bildregie-Qualität.

Aber die drei gezeigten Stücke von Martin Schläpfer, Marco Goecke und George Balanchine sind doch zu verschieden, als dass sie zusammen mehr als eine bunte Tüte ergeben könnten.

Mit Ausdruck getanzt, wenn auch ohne spannende Musikalität in der Choreografie: in „Marsch, Walzer, Polka“ von Martin Schläpfer beim Wiener Staatsballett. Huch! Videostill vom Live-Stream: Gisela Sonnenburg

Marsch, Walzer, Polka“ nennt Martin Schläpfer seine Sammlung kurzer Soli, Duette und Kleingruppentänze, die musikalisch das Wiener Blut beschwören. 2006 wurde sie uraufgeführt, jetzt hat Schläpfer sie überarbeitet. Die ungewöhnliche Wiener Ballerina Ketevan Papava macht den Anfang – und strahlt feminine Göttlichkeit aus, ganz ohne auf Sexiness setzen zu müssen. Ihr Kollege Marcos Menha begeistert später ebenfalls, mit einem mimischen Spiel zum Radetzky-Marsch. Aber insgesamt ist die Sache derart unmusikalisch und brüchig choreografiert, dass ungeahnte Langeweile auftritt.

Nur die Kostüme von Susanne Bisovsky retten das Stück: Sie lässt ihre Ideen nur so Funken sprühen, mit Spitzenmotiven, Glitzerbrokat und Rüschendetails. Die Folkloristik lässt dabei schön grüßen, und man jodelt gern im Stillen zurück. Juchei!

Eine typische Goecke-Szene, jetzt auch beim Wiener Staatsballett zu sehen, mit „Fly Paper Bird“ von Marco Goecke im Programm „Im 7. Himmel“. Videostill vom Live-Stream: Gisela Sonnenburg

Marco Goecke, der unverdient Hochgelobte, nahm sich dann für eine ziemlich banale Uraufführung mit Kostümen in Schwarz von Thomas Mika bedauernswerterweise Musik von Gustav Mahler vor – ohne auch nur irgendetwas Neues zu zeigen. Wie immer werden bei Goecke auch in „Fly Paper Bird“ („Flieg, Papiervogel“) äußerst gelenkfeindliche Zappeleien im Stakkato abgeleistet, und im Ausdruck ist all das ebenso zynisch und lustfeindlich wie die ganze Yuppie-Lebensweise, die Goeckes Werke spiegeln.

Das ist Ballett für Leute, die nichts fühlen – sei es, weil sie kaltherzig sind, sei es, weil sie sich mit Konsumwahn betäuben.

Hey, wacht mal auf! Die Welt da draußen braucht eine Energie, die aktiviert – und nichts, was die Ödnis des Alltags unreflektiert verteidigt.

Dirigent Patrick Lange ließ das Adagietto aus der 5. Sinfonie von Gustav Mahler dazu noch so hammerhart und ungeschmeidig spielen, dass man geneigt war, sich die Ohren zuzuhalten. Dabei gehören die Mahler-Klänge an sich mit zum Besten, was es an spätromantischer Musik überhaupt gibt. Aber eben nicht in dieser hanebüchenen Spielart!

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Es gibt ja viele Möglichkeiten, Mahler zu interpretieren, tänzerisch und interpretatorisch. Hier in Wien waren nun gleich zwei Wege zu erleben, die ins Nichts des hoch bezahlten Dilettantismus führen.

Entsprechend daneben ging auch die von Goecke wie zerfetzt eingespielte Lyrik von Ingeborg Bachmann, die von Gehechel statt von Musik ergänzt wurde. Tänzerin Rebecca Horner tat einem fast Leid, weil sie dazu im Goecke-Stil zappeln, also tanzen, musste.

Nur Deppen bejubeln solche Pseudokunst – aber bekanntlich gibt es derer nicht gerade wenige.

Beim Applaus gab Goecke himself übrigens mit Springerstiefeln an den Füßen und ganz ohne Lächeln im Gesicht rollengemäß den düsteren Millionär, Pardon, Visionär. Kunst ohne Kunst – offenbar ist das eine wichtige Herausforderung für das 21. Jahrhundert.

Schließlich kam, nach der zweiten Pause, das George-Balanchine-Stück. Beim Bayerischen Staatsballett und auch beim Staatsballett Berlin war die „Symphony in C“ („Sinfonie in C“),   nach einem Frühwerk von George Bizet getanzt, in den letzten Jahren schon oftmals himmelhochjauchzend großartig zu sehen.

Nicht schlecht, aber auch nicht brillant: Das Wiener Staatsballett mit Hyo-Jung Kang (rechts in der etwas verrutschten Pose einer Arabeske) in „Symphony in C“ von George Balanchine. Videostill vom Live-Steam: Gisela Sonnenburg

Das Wiener Staatsballett, wiewohl es über viele vorzügliche Tänzer:innen verfügt, muss sich hingegen vorwerfen lassen, den Esprit dieses Stücks nicht verstanden zu haben. Patricia Neary, die große alte Dame aus den USA, die es einstudierte, hatte vielleicht auch kein glückliches Händchen bei der Besetzung.

Jedenfalls sind die Primaballerinen Hyo-Jung Kang und Liudmila Konovalova hier zu wenig spritzig, zu wenig sprungfertig und, was Kang angeht, zu wenig gerade bei den Pirouetten, um wirklich mit Balanchine-Linien zu überzeugen. Bei den Pas de chats scheinen beide Damen am Boden zu kleben, statt die Füße blitzschnell durch den Sprung zu bewegen.

Das ist umso überraschender, als sowohl Kang als auch Konovalova schon oft hervorragende Leistungen auch in moderner Klassik gezeigt haben – in Wien, in Berlin und in Stuttgart.

Aber dieses Mal blieb es beim bemühten Mittelmaß, was für die ganze Darbietung der „Symphony in C“ gilt.

Dieses genial konstruierte, soghaft arbeitende Stück von George Balanchine, das seit seiner Uraufführung unter dem Titel „Palais du Cristal“ 1947 in Paris nichts von seiner süffisanten Knackigkeit verloren hat, ist also woanders definitiv besser zu sehen. Im übrigen auch auf YouTube.

Wer trotzdem den Weg in die Wiener Staatsoper findet, sollte Eines nicht vergessen: Testen, testen, testen ist auch hier der Königsweg, um der Gesundheit zu dienen.
Gisela Sonnenburg /Boris Medvedski

www.stuttgarter-ballett.de

www.wiener-staatsoper.at

 

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