Farewell, Chloé! Chloé Lopes Gomes hat das Staatsballett Berlin verlassen – Kultur- und Europasenator Klaus Lederer muss für postulierte Diversity wohl weiter Druck machen

Chloé Lopes Gomes berichtete Medien in aller Welt, sie sei von einer bestimmten Ballettmeisterin beim Staatsballett Berlin rassistisch diskriminiert worden. Videostill von arte: Gisela Sonnenburg

Kaum jemand hat es bisher bemerkt. Aber wenn man sich die aktuelle Auflistung der Tänzer:innen beim Staatsballett Berlin (SBB) für die kommende Saison anschaut, fällt auf: Der Name der dunkelhäutigen Französin Chloé Lopes Gomes fehlt darin. Das ist kein Fehler, sondern Absicht. Denn Lopes Gomes hat die Truppe, deren Ansehen sie weltweit beschädigt hat, kurzerhand für ein neues Engagement bei einer kleineren Company in Frankreich verlassen. Seit November 2020 hatte die Corps-de-ballet-Tänzerin allerdings Journalist:innen im In- und Ausland berichtet, sie sei von einer bestimmten Ballettmeisterin des SBB jahrelang immer wieder rassistisch diskriminiert worden. Die meisten medialen Kolleg:innen haben ihr das geglaubt und öffentlich Druck gemacht, ebenso wie der Berliner Europa- und Kultursenator Klaus Lederer. Das Ballett-Journal vermisste allerdings eine haltbare Beweislage und zweifelte an der Glaubwürdigkeit der Ballerina, zumal Lopes Gomes mit mangelhaften Leistungen beim klassischen Tanz auf der Bühne negativ aufgefallen war. Ihr Bruder Isaac Lopes Gomes, als Ballerino beim Ballett der Pariser Opéra beschäftigt, hatte zudem zuvor dort eine Debatte über Rassismus losgetreten, ohne seine Schwester in Berlin auch nur zu erwähnen. Aber Chloé Lopes Gomes bestand weiter darauf, diskriminiert worden zu sein. Im April diesen Jahres handelte ihr Anwalt unter dieser Vorgabe einen für sie günstigen Vergleich mit ihrem Arbeitgeber, der Stiftung Oper in Berlin, aus. Laut diesem Vertrag stehen der Ensembletänzerin 16.000 Euro als Entschädigung sowie ein Jahresgehalt zu. Auf einen Großteil dessen wird Lopes Gomes wohl auch jetzt nicht verzichten. Wichtig ist indes, dass sie von sich aus kurz vor Beginn der Saison darum bat, Berlin verlassen zu können. Sie wurde keineswegs rausgemobbt, sondern sie freut sich auf eine neue Chance jenseits der Querelen. Farewell, Chloé!

Eine Erleichterung bedeutet ihr Weggang wohl auch für die von ihr mutmaßlich falsch beschuldigte Ballettmeisterin vom SBB.

Nur in den Augen von Berlins Kultur- und Europasenator Klaus Lederer mag Chloés rascher Abgang nicht ganz so toll sein. Er konnte sich damit international profilieren, das angeblich rassistische Staatsballett Berlin umerziehen zu lassen.

Ergebnis dieser Politik: Jetzt hat das SBB keine schwarze Ballerina mehr.

Im Sinne der Diversity ist das natürlich nicht.

Soll man nun gezielt nach dunkelhäutigen Tänzer:innen Ausschau halten? Soll man sie bevorzugt engagieren? Wäre das gerecht?

"La Sylphide" ist echt dänisch

Chloé Lopes Gomes (ganz links) bei einer Bühnenprobe in der Deutschen Oper Berlin zu „La Sylphide“ mit Daniil Simkin (vorn) und dem Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Man könnte weitere Fragen stellen: Möchte man paritätisch besetzte Ensembles? Wo würde das anfangen und wo enden? Soll es Quoten für Nationalitäten, Hautfarben, Körpergrößen, Körpergewicht und Augenfarbe sowie für die sexuelle Ausrichtung geben?

Würde es nicht viel eher Sinn machen, Diskriminierung generell ernst zu nehmen und zu bekämpfen, ob sie sich nun gegen Frauen, gegen Schwule, gegen Erkrankte oder gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe richtet?

Die Schlagworte „Diversity“ und „Rassismus“ werden derzeit allerdings international wie Brandmarken eines heißen Trends gehandelt.

In den USA – wo dieser Trend herkommt – gehören entsprechende Fortbildungen in den Ballettschulen mittlerweile zum guten Ton. Problematisch dabei ist, dass der Bezug zum kulturellen Gehalt der Ballettwelt dabei oft verfälscht doziert wird, weil die Aufklärer:innen schlicht über nicht genügend Fachkompetenz verfügen.

So wird ausgerechnet das sozialkritische Ballett „Giselle“, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und welches das Verhalten von sozial hochgestellten Männern gegenüber rangniedrigeren Frauen deutlich kritisiert, von der Aufklärerszene als angeblich „sexistisch“ denunziert.

Das ist ein bisschen so, als würde man Schmetterlingen die Flügel ausreißen und dann behaupten, man sei ein Tierfreund.

Beim Umgang mit tatsächlichem Rassismus regiert derweil oft Hilflosigkeit. Und auch die tatsächliche Beförderung der Vielfalt von Menschen unter Bewahrung der Chancengleichheit bleibt viel zu oft auf der Strecke.

Eine stärkere öffentliche Förderung von Balletttalenten in Deutschland wäre dazu ein erster Schritt.

Dass derweil auch in Europa und eben auch in Deutschland schwarze Ballerinen und Ballerinos sich bis an die Weltspitze des Tanzes getanzt haben, ist vielfach bewiesen.

Zur Erinnerung: Beim Hamburg Ballett gab es bereits seit 1978 mit Ronald Darden einen schwarzen Solisten. Und mit Carlos Acosta in London gab es ab 1989 den ersten schwarzen Superstar des Balletts in Europa.

Weil es in Europa damals – anders als in den USA – keinen großen Anteil Schwarzer an der Bevölkerung gab, stieg auch der Anteil Schwarzer im Ballett nur langsam.

Mit dem tollen Jonah Acosta und dem starken Osiel Gouneo  in München sowie dem aufregenden Jason Reilly in Stuttgart gibt es aber seit Jahren umjubelte, wunderbare, dunkelhäutige Ballettstars in Deutschland.

Viele nicht-weiße Lateinamerikaner:innen und Asiat:innen bestücken zudem als Solist:innen und Ensembletänzer:innen die deutschen Compagnien, auch in Berlin. Mit Gregor Glocke hat auch das Staatsballett Berlin seit Jahren einen begabten männlichen Schwarzen im Ensemble.

"Onegin" verabschiedet sich

Demnächst ist sie als furiose Tatjana in „Onegin“ von John Cranko wieder beim Staatsballett Berlin zu sehen: Elisa Carrillo Cabrera, hier mit Alexej Orlenco als Fürst Gremin. Foto: Carlos Quezada

Und mit Elisa Carrillo Cabrera hat gerade das Staatsballett Berlin eine wunderschöne,  karamellfarbene Erste Solistin, die zudem auch schon den „Prix Benois de la Danse“ in Moskau, somit den höchsten internationalen Preis im Ballett, erhielt.

Die internationale Medienwelt hätte mit weniger Hysterie in den Reaktionen und mit mehr Nachfragen bei Chloé Lopes Gomes, aber auch in der einschlägig bewanderten Fachwelt, Wahrheitsfindung betreiben können statt eine scheinbare Sensation als Skandal zu verkaufen. Das wäre ein fortschrittlicher Umgang mit den Vorwürfen gewesen.

Jetzt ist nicht nur beim Staatsballett Berlin angesagt, es in Zukunft besser zu machen.
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

 

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