Die letzte große Liebe Sensationell gut: Matias Oberlin als Aschenbach in „Tod in Venedig“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett

"Tod in Venedig" beim Hamburg Ballett in der Besetzung mit Matias Oberlin

Energetisch voll da: Matias Oberlin (links) als Gustav von Aschenbach mit seiner Kreation von Friedrich II. (Gabriel Barbosa) in „Tod in Venedig“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Er wurde bejubelt, er nahm die in Hamburg oft obligatorischen Blumensträuße, die aus dem Parkett auf die Bühne fliegen, strahlend entgegen – und es war dem Ballerino Matias Oberlin gestern Abend in der Hamburgischen Staatsoper anzusehen, dass er auch etwas erleichtert war. Denn seine Partie des Meisterchoreografen Gustav von Aschenbach in „Tod in Venedig“ von John Neumeier – frei nach der Novelle von Thomas Mann kreiert – erfordert eine starke schauspielerische Befähigung, zusätzlich zur tänzerischen. Typisch für Tanzstücke ist sie dabei keineswegs. Und Matias Oberlin bewältigte die Aufgabe mit Brillanz! Die Melancholie, die Müdigkeit, die Verbissenheit, aber auch die Sehnsucht und die frisch erwachte Begierde eines langsam alternden Mannes darzustellen, gelingt ihm auf den Punkt. Von Beginn des Stücks über die turbulenten Traum- und Erinnerungsszenen bis hin zum ergreifenden Schluss stimmt alles. Oberlin ist eine Sensation in dieser Partie, verleiht ihr eine nie zuvor gesehene Würze. Das war zudem ein wichtiges Rollendebüt, und nicht mal das erste von Oberlin in dieser Spielzeit: Als Erster Solist muss er – seit dem Abgang von vier anderen männlichen Ersten Solisten im letzten Sommer in Hamburg – so ziemlich alles tanzen, was auf der Tagesordnung steht. Aber der Aschenbach dürfte fortan zu den Lieblingspartien des Argentiniers gehören, der privat Katzen liebt und passionierter Mate-Teetrinker ist. Denn Oberlin, erst 29 Jahre jung, hat die Rolle förmlich aufgesogen – und durchdringt mit seinem intensiven Spiel den ganzen Abgesang auf eine Gesellschaft, wie er hier verkündet wird.

Die Novelle „Tod in Venedig“ erschien 1912 und schildert den Untergang des Schriftstellers Gustav von Aschenbach. Dieser verliebt sich bei einem Aufenthalt in Venedig in einen Jungen – aber er infiziert sich fahrlässig an der Cholera. Er stirbt mit den Gedanken an diese letzte große Liebe, die ihm manchmal so nah und doch so fern zugleich erschien.

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Man hat Mann unterstellt, eine Parodie auf den Komponisten Gustav Mahler, verquickt mit den Qualen seiner eigenen unterdrückten Pädophilie verfasst zu haben. John Neumeier trifft weder der eine noch der andere Vorwurf. Er schuf 2003 eine frei nach Mann erfundene Version der Geschichte, in der Tadzio, der Junge, in den Aschenbach sich verliebt, kein Kind mehr ist, sondern immerhin schon ein Teenager mit der Anmutung eines jungen Mannes. Und Aschenbach ist kein herumirrender Schriftsteller oder Komponist, sondern – wie Neumeier – ein gut organisierter Chefchoreograf.

Wir sehen ihn bei der Arbeit, flankiert und bedient von seiner stylischen Assistentin (Ida Praetorius wirkt hier mal streng, mal lieblich), die als Doppelrolle in Aschenbachs Kindheitserinnerungen auch dessen Mutter tanzt.

Doch Aschenbach befindet sich in einer Krise. Da sind seine fantastischen „Konzepte“, ein Tanzpaar im neoklassischen Stil eines George Balanchine, in dieser Besetzung von Futaba Ishizaki und Daniele Bonelli verkörpert. Legendär sind übrigens Silvia Azzoni und Alexandre Riabko als Musenteam, und in der Besetzung mit Edvin Revazov als Aschenbach tanzen sie diese Partien auch noch. Aber wie toll die Konzepte auch sind, für Aschenbach sind sie nicht mehr genügend Inspiration. Der Meister bleibt ratlos und allein mit sich, zwischen Zeitunglesen, Pressetermin und business as usual. Seine schleichende Depression, eine Art innere Vereinsamung, wird offenbar.

"Tod in Venedig" von John Neumeier mit Atti Kilpinen und Christopher Evans beim Hamburg Ballett

Sie bringen Ordnung und Symmetrie in die Szene in Aschenbachs Welt: Silvia Azzoni und Alexandre Riabko als „Konzepte“ in Neumeiers „Tod in Venedig“. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Oberlin zeigt sehr schön, wie Aschenbach versucht, sich in Routine und organisierte Arbeitsabläufe zu flüchten. Er will ein Ballett über den komponierenden König Friedrich II. von Preußen kreieren – und in seiner Fantasie tanzt Friedrich (sehr präzise: Gabriel Barbosa) mit und für ihn, ganz menschlich, ganz nahbar.

Auch seine „Skizzen“, also der Corps de ballet, illustrieren die Ästhetik und Visionen dieses stark an Formen orientierten Choreografen.

Dennoch findet der Meisterchoreograf nichts mehr befriedigend. Melancholie und Griesgram erfassen ihn, er reist nach Venedig – und findet am Strand den vor Vitalität nur so sprühenden Jungen Tadzio mit seinen Gefährten.

"Tod in Venedig" beim Hamburg Ballett in der Besetzung mit Matias Oberlin

Lennard Giesenberg als Tadzio mit Matias Oberlin als Aschenbach: „Tod in Venedig“, eine einzige großartige Fantasie von John Neumeier, frei nach Thomas Mann, beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Lennard Giesenberg tanzt nicht zum ersten Mal die Rolle des Tadzio. Mit Vorgängern wie Edvin Revazov (bei der Uraufführung), Alexandr Trusch, Aljoscha Lenz, Atte Kilpinen und Caspar Sasse gibt es da allerdings ziemlich hohe Steilvorlagen, an die Giesenberg denn auch nicht ganz heran kommt. Das liegt weniger an seinen tänzerischen Fähigkeiten – er tanzt die Partie sehr gut – als daran, dass er einfach zu wenig Ausstrahlung für eine so exponierte Rolle mit Sexiness hat. Dafür verkörpert er die unschuldig wirkende Unnahbarkeit der Rolle mit Perfektion.

Und so muss Matias Oberlin das Zeigen des Zwischenmenschlichen, das ihn mit Tadzio verbindet, fast allein leisten. Nun passt das insofern ins Script, als seine Liebe vor allem fantasieinspiriert ist. Dass er Tadzio anhimmelt wie eine übermenschliche Statue, gehört ebenso dazu wie feuchte Träume von einer Orgie.

"Tod in Venedig" beim Hamburg Ballett in der Besetzung mit Matias Oberlin

Tolle Ausstrahlung: Francesco Cortese fängt hier den Ball – als Freund von Tadzio mit der Jungsclique am Lido in „Tod in Venedig“ von John Neumeier. Foto: Kiran West / Hamburg Ballett

Da hätte Francesco Cortese, der den Freund von Tadzio tanzt, viel eher ein „saftiges“ Abbild der Freudenfantasien von Aschenbach darstellen können. Ohnehin könnte man sich Cortese als aufrückenden Star sehr gut vorstellen.

Rudolf Nurejew besetzte ja für die Version vom „Tod in Venedig“ in der Choreografie von Flemming Flindt 1990 den Tadzio zielsicher mit dem später weltberühmten und zur Mode- und Sex-Ikone avancierenden Roberto Bolle. Das zeigt, wie weit man hier gehen könnte.

"Tod in Venedig" beim Hamburg Ballett in der Besetzung mit Matias Oberlin

Expressiv auch im schlichten Stil: Charlotte Larzelere (mittig) im Spagatsprung als „La Barbarina“ in „Tod in Venedig“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Eine hervorragende Besetzung hingegen ist Charlotte Larzelere als „La Barberina“, also als eine weitere Muse von Gustav von Aschenbach. Bei der Gelegenheit sollte darauf hingewiesen werden, dass das Potenzial von Larzelere beim Hamburg Ballett derzeit längst nicht ausgeschöpft wird. Sie ist eine derjenigen jungen Damen, die man gern öfter und in großen Rollen sehen möchte.

Ein weiteres Highlight: Florian Pohl und Emiliano Torres als der „Wanderer”, der kostümmäßig als homogenes Zwillingspaar angelegt ist. Mal in Jeans, mal mit Kiss-Make-up und E-Gitarren, mal als Frisöre – sie geistern durch das Stück und sind stets hilfreich zur Hand, wenn Aschenbach eine Veränderung braucht. In der jetzigen Besetzung sind sie – dank der wirklich mächtigen, großen und sehr muskulösen Gestalt von Pohl – als scheinbare Zwillinge nicht mehr haltbar und unterscheiden sich also deutlich, trotz identischer Kostüme. Das kommt fast einer neuen Interpretation gleich.

"Tod in Venedig" beim Hamburg Ballett in der Besetzung mit Matias Oberlin

Immer ein Hingucker: Florian Pohl (links) und Emiliano Torres (rechts) als „Wanderer“ in John Neumeiers „Tod in Venedig“ beim Hamburg Ballett. Ganz links: maskierte Party-Gäste. Foto: Kiran West

Apropos: Eine Neuerung aus dem Corona-Zeitalter, nämlich die Masken in den Gesichtern auf der Totentanz-Party der höheren Gesellschaft, könnte man mittlerweile auch wieder rückgängig machen. Es werden ja Tote in weißen Leichensäcken durch die Reihen der Tanzenden gezogen, sodass klar und deutlich ist, dass hier eine tödliche Krankheit umgeht. Die Anspielung auf Corona, die damals eine Aktualisierung war, wirkt heute altbacken und gar nicht zeitlos, eben weil die Pandemie in den Hintergrund gerückt ist.

Ob Corona oder Cholera oder noch eine andere Infektion: Aschenbach versinkt in seinen Träumen, er gibt sich in einer merkwürdigen Art Sehnsucht, die Eros und Thanatos vereint, ganz seinem Schicksal hin. Er kann nicht mehr haben, was oder wen er begehrt, und er sieht in seinem Leben außer der Träumerei immer weniger Sinn.

"Tod in Venedig" beim Hamburg Ballett in der Besetzung mit Matias Oberlin

Die Liebe, so verrückt sie auch manchmal ist, beflügelt: Matias Oberlin als Aschenbach springt in „Tod in Venedig“ von John Neumeier über seinen Traumjungen Tadzio (Lennard Giesenberg). Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Am Ende sinkt er in sich zusammen, kauert zu Füßen des verehrten Sinnbilds von Jugend und Kraft, also von Tadzio. Und während der ungerührt seine Hände zum Fernglas formt und ins Publikum, also in die große weite Welt, schaut, vergeht und stirbt jener Mann, dessen Fantasien und Gefühle für zweieinhalb Stunden ein spannendes Kaleidoskop des langsamen Untergangs boten.

Mit Klängen, die meistens vom Tonband kommen und von Bach über Webern und Wagner bis zu Jethro Tull reichen, ergibt sich eine Collage, die der szenischen Dramatik Rechnung trägt.

Musikalisch live begeistert die hier auch neue Pianistin, ein einstiges Wunderkind: Mari Kodama. Sie kann mit viel Gespür für Tiefgang als eine würdige Nachfolge auf die Pianistin der Uraufführung, also auf Élizabeth Cooper, gelten  – und so öffnet sich ein weiterer Weg, dieses Meisterwerk von John Neumeier zu verstehen und zu genießen.
Gisela Sonnenburg / Anonymous

Der „Wanderer“ als Doppelfantasie: Florian Pohl und Emiliano Torres in „Tod in Venedig“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

www.die-hamburgische-staatsoper.de

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