Die Geliebte der Nacht Unerreicht: Lucia Lacarra und Matthew Golding entführen mit ihrer neuen Show „In the Still of the Night” beim Ballett Dortmund in die künstlerische Ewigkeit – eine Weltsensation

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Liebe und Tod, Sehnsucht und Schmerz, aber auch Erinnerung ans Glück: Lucia Lacarra und Matthew Golding sind überwältigend in „In the Still of the Night“. Foto: Leszek Januszewski

Der Mond ist keine silberne Scheibe. Sondern ein runder, von Nebeln umwobener Ball. Aus der Ferne betrachtet, erinnert er sogar an den blauen Planeten, also an die Erde. Und doch scheint er zum Greifen nah. Zeit und Raum sind aufgehoben, die Schwerkraft ebenso wie der Glaube an den Tod. Wer sich im Bann des Monds befindet, kein Zweifel, kreist auf den Flügeln der Liebe um die Unendlichkeit. Liebe, so zeigt es „In the Still of the Night“, die neue Show von Lucia Lacarra und Matthew Golding, kann zwei Menschen so stark miteinander verbinden, dass alle anderen – wörtlich: alle anderen – Kräfte dagegen machtlos sind. Außer dem Tanz: Der Tanzkunst des Pas de deux mit vielen raffinierten Hebungen, mimisch begleiteten Ports de bras und exotischen Sprungkombinationen widmet das Künstlerpaar all sein Streben, all seine Leidenschaft. Superbe und von schier unfasslicher Leichtigkeit, zugleich aber auch von tiefen Emotionen beseelt, illustrieren die Weltballerina Lucia Lacarra und ihr kongenialer Partner Matthew Golding eine Liebesgeschichte, die fast real sein könnte. Nach der Uraufführung in Madrid erfolgte gestern die Premiere beim Ballett Dortmund: umjubelt und ergreifend, berauschend und ein wenig verstörend. Und dennoch so umarmend, dass man die Vorstellung sofort ein zweites und auch drittes Mal sehen möchte. Dass dabei Erinnerungen an den Film „Dirty Dancing“ wach werden, dessen Schmusemusik „In the Still of the Night“ nicht nur zitiert, sondern zur Rahmenhandlung auch abgespielt wird, erfreut alle, die nach 1987 dafür ins Kino pilgerten. Die Story, die jetzt erzählt wird, ist aber einzigartig und neu, und sie ist umso rührender, als sie indirekt an Ballette wie „Giselle“ und „Le jeune Homme et la Mort“ anknüpft.

 

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Das Label vom Teaser zu „In the Still of the Night“ zeigt das Künstlerpaar in symbolhafter Pose. Videostill von YouTube: Gisela Sonnenburg

Vorab muss gesagt werden, dass es dem Gespann Lacarra-Golding nunmehr zum zweiten Mal – nach „Fordlandia“ im letzten Jahr – gelang, das von ihm selbst kreierte Format eines Paartanzabends unter Einbeziehung der Tanzfilmkunst erfolgreich umzusetzen.

Brauchten sie 2020 noch choreografische Hilfe von außen, so zeichnet dieses Mal Matthew Golding allein für Konzept, Inszenierung, Choreografie und auch Filmregie verantwortlich.

Libretto, Bühnen-, Kostüm- und Lichtdesign sind da inklusive.

Und Golding beherrscht den Stil, den die beiden ausgeprägt haben, aus dem Effeff. Auch choreografisch. Es ist, als nehme er ein tänzerisches Surrogat aus den schönsten Stücken, die sie schon zusammen tanzten, zur Grundlage, um daraus Neues zu kreieren. Es ist absolut erstaunlich und überraschend, wie treffsicher er in der choreografischen Findung ist, wie genau er den Nerv der gemeinsamen Körpersprache trifft. Fantastisch!

Das Ergebnis ist überwältigend und verständlich zugleich.

Und so ist „In the Still of the Night“ eigentlich noch viel mehr als „eine Reise durch die Nacht“, wie der Untertiteltext verlockend verheißt. Es handelt sich wirklich um eine Reise auch ins Unbewusste, ins Gefüge aus Erinnerung, Traum, Wunsch und Angst – bis in die höchsten Verwicklungen von Glück und Unglück hinein.

All das als Zwei-Mensch-Show auf die Beine zu stellen, ist schon schier unglaublich gut. Wenn man dann noch die Qualität der Aufführung besieht, kann man nur sagen: wowwowowow! Hut ab! Kniefall! Einfach top!

Lediglich für die technische Umsetzung der Videos werden noch zwei Namen genannt: Valeria Rebeck und Craneo Media. Rebeck ist die auf Tanzvideos spezialisierte Gattin von Raimondo Rebeck, dem Leiter der beim Ballett Dortmund angesiedelten Junior Company NRW. Craneo Media ist eine hervorragend arbeitende Studio-Agentur aus Madrid, die vor allem Videoclips im Popmusikbereich kreiert. Schon die Filme für „Fordlandia“ entstanden hier in Kooperation.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Filmszene aus „In the Still of the Night“ von und mit Matthew Golding. Der rauchende Held in einsamer Landschaft – ein Topos der Filmliteratur. Videostill von YouTube: Gisela Sonnenburg

Man wird denn auch nicht enttäuscht. Es beginnt mit einer Filmaufnahme, die bereits die Stimmung des Abends wie ein filmisches Vorwort zusammenfasst: Matthew Golding sitzt traumverloren inmitten einer spanischer Berglandschaft auf dem Kühler eines Cabrios im Stil der Swinging Sixties. Er raucht eine Zigarette.

Es ist die Pose des melancholisch-hedonistischen modernen Menschen, eine Schlüsselpose für den Genuss des Moments. Dazu ertönt der ebenfalls aus den 60er-Jahren stammende Schubidu-Blues „In the Still of the Night” von Fred Parris.

„In der Stille der Nacht“ – so heißt der Titel auf deutsch – ist rhythmusstarker, kuscheliger Mainstream, der von den Five Satins mit kecker Miene vorgetragen wurde. Schubidu!

Die Szene auf der Bühne, die jetzt sichtbar wird, ist allerdings weniger von Einverständnis mit dem Weltgeschehen geprägt. Sie erinnert vielmehr an die Ausgangsposition von „Le jeune Homme et la Mort“, dem legendären Ballett nach Jean Cocteau von Roland Petit. Darin liegt ein junger, verarmter Mann quer überm Bett und raucht eine Zigarette, dem Rauch nachsinnierend und vom Ausdruck her unter Sinnleere und Lebensmüdigkeit leidend.

Rudolf Nurejew hat diese Partie weltberühmt gemacht.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Auch privat ein Team: Die beiden Weltkünstler Lucia Lacarra und Matthew Golding, hier nach der Premiere beim Ballett Dortmund am 16.10.21 von Franka Maria Selz fotografiert.

Matthew Golding ist ein ganz anderer Typ Tänzer, er ist weniger narzisstisch in sich selbst verliebt und weniger nur sich in den Mittelpunkt stellend als Nurejew. Vielmehr ist er ein dankbarer Partner, der zudem gern unterstützt, um etwas hervorzubringen. Seine schöpferischen Talente für Konzeption, Regie und Choreografie sind ausgeprägt, entwickeln sich aber erst seit seiner Partnerschaft mit Lucia Lacarra. Man kann also sagen, dass sie ihn entdeckt hat.

Dass er zudem außerordentlich gut aussehend ist und ein wenig an James Dean, vor allem aber an Brad Pitt erinnert, passt selbstredend vorzüglich zu den Posen in „In the Still of the Night“.

Dem rauchenden Melancholiker im Film mit dem Flair von Blues und Roadmovie steht nun der traurig sich Erinnernde auf der Bühne entgegen.

In seiner Hand hält er ein Foto – und man ahnt, dass eine tragische Liebe damit verbunden ist.

Dann erscheint sie.

Lucia Lacarra. Mehr denn je ist sie eine Bühnenerscheinung mit einer Ausdrucksstärke in den Bewegungen, wie man sie sonst einfach nicht finden kann. Wenn sie ein Bein vorstreckt, dann tanzen vermutlich die unsichtbaren Luftgeister mit, und wenn sie einen Arm anhebt, dann schwingen womöglich alle positiven Energien der Weltgeschichte dazu.

Lucia Lacarra ist ein Phänomen.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Lucia Lacarra und Matthew Golding in „In the Still of the Night“ beim Ballett Dortmund – faszinierend und hintergründig. Foto: Leszek Januszewski

Hier tanzt sie mit Pagenkopf-Frisur und Rock’n-Roll-Rock (im Film), aber auch im flatternd ihren Leib umschmeichelnden, rosafarbenen Top, teilweise mit, teilweise ohne passenden Rock.

Die Musik von Philip Glass verleiht der Atmosphäre bereits etwas Schwebendes.

Dann kommt sie näher: Wie ein Geist betritt sie die Szene, an den zweiten Akt von „Giselle“ erinnernd. Und tatsächlich kann der Träumer, dessen Erinnerung sie füllt, sie zunächst nicht fassen, ähnlich wie just Albrecht in „Giselle“ den Geist seiner verstorbenen Geliebten zunächst vergeblich zu erhaschen versucht.

Dieses Einander-nicht-fassen-Können hat in „In the Still of the Night“ aber eine tiefere Bedeutung. Es bezeichnet nicht nur den Moment einer surrealen Begegnung zwischen einem lebenden Menschen und einer Untoten.

Es geht hier auch symbolisch um die Nichtfasslichkeit des Anderen innerhalb einer Beziehung.

Das Streben nacheinander wird dennoch von Erfolg gekrönt:

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Wunderschön und dennoch surreal: Lucia Lacarra und Matthew Golding in „In the Still of the Night“ beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski

Fragile, unendlich schöne Pas-de-deux-Szenen entstehen, leicht wie eine Feder lässt sich Lucia Lacarra von Matthew Golding heben und lenken – gemeinsam versuchen sie, der Realität zu entfliehen und greifen nicht nur nacheinander, sondern auch nach dem unendlichen All da draußen, nach dem Mond in seiner nebelumsponnenen Rundung, nach den Sternen, die sich dahinter verbergen mögen.

Oftmals ertönen dazu Musiken von Max Richter, dem schier Unvermeidlichen, wenn es um zeitgenössisches Ballett geht: Die wimmernden Violinen des E-Komponisten (der nicht nur ernste Musik macht, sondern vor allem auch elektronisch verstärkte ernste Musik) gehen risikolos erst ins Ohr, dann ins Gemüt, wo sie auf bereitwillig durch Popmusik aufgestellte Gefühle treffen.

Sehnsucht, gepaart mit wohligem Glücksgefühl – das ist etwas, das die jüngere Gegenwart als musikalischen Sound bevorzugt und erwartet.

Dazu passt auch das Bett, das auf Rädern auf der Bühne steht und von Matthew Golding einfach an die Seite gezogen werden kann, wie ein Gefährt, das er hinter sich herzieht.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Bei der Probe: Lucia Lacarra und Matthew Golding proben für „In the Still of the Night“. Faksimile von Facebook: Gisela Sonnenburg

Das Bett ist auch ein wichtiges Hilfsmittel beim Pas de deux, bietet Anlass für akrobatische Ausdrucksmöglichkeiten der körperlichen Liebe (wie im wahren Leben und doch ganz anders).

Einmal sitzt Lucia Lacarra auf diesem Bett, während Golding es herumwirbelt. Trockeneisnebel und ein seltsames Licht kriechen unter dem Bett hervor, wie Grüße aus einer anderen Sphäre.

Hierzu ertönt das apokalyptisch inspirierte, sinnlich-subtil die Zeitlosigkeit beschwörende, nach dem 56. Shakespeare-Sonett benannte „No earth, no boundless sea“ („Keine Erde, kein grenzenloses Meer“) von Max Richter. Im Hintergrund spielen bunte Nebel vor dem runden Mond, bis man glaubt, man werde suggestiv in diese Szene hineingezogen.

Das hat fast Geisterbahnqualität, ist aber auf der hochkarätig ausgeleuchteten Bühne mit viel Weihe präpariert.

Die Filmkulisse von „In the Still of the Night“ zeigt hingegen sehr lebendige Erinnerungen an eine spritzig-peppige Nacht der beiden Liebenden:

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Hebung vorm Mond „In the Still of the Night“ mit Lucia Lacarra und Matthew Golding beim Ballett Dortmund. So im Teaser / Trailer. Videostill von YouTube: Gisela Sonnenburg

Sie tanzen eng umschlungen in Bars und Clubs, prosten sich mit Champagner zu, lachen und flirten und scherzen, küssen sich – und erleben bei der nächtlichen Autofahrt durch das spanische Hinterland die spröde Schönheit unverfälschter Natur.

Bis der Morgen graut… auch hier erinnert man sich an „Giselle“, an dieses erste große romantische Ballett von 1841, das mit der Morgendämmerung endet.

Während es in „Giselle“ aber um die konkrete Reue des Liebhabers bei Nacht geht, der seine herzkranke Geliebte betrog und sich mit einer anderen verlobte, ist es in „In the Still of the Night“ die Erinnerung an den Verlust der Geliebten, die quälend wach gehalten wird und den Träumer quälend wach hält.

Da gibt es eine Szene im Film, in der sie ihm ihr Foto gibt. Es ist dasselbe, das er in der Hand hält, wenn der Tanz auf der Bühne zum Strudel der Erinnerung wird.

In einer weiteren Szene regnet es Dutzende von Fotos auf das Bett des Träumers herab – es ist immer dasselbe Foto, in der Erinnerung unendlich vervielfacht.

Aber warum ist sie nur noch als Geist anwesend?

„Non, je ne regrette rien“ – ausgerechnet dieses berühmte Bekenntnis zum prallen Lebensgenuss („Nein, ich bereue nichts“) von Edith Piaf erklingt, wenn es im Film um die Trennung von Tod und Leben geht.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Edith Piaf, auch auf YouTube ein Star. Videostill von Youtube: Gisela Sonnenburg

Das Chanson, stolz und hehr genölt, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Tödlichkeit eines vorbei fahrenden Autos hart und ungerecht ist. Unsere femme fatale im Rock’n-Roll-Rock steigt gerade aus dem Cabrio, als ein zweiter Wagen – vermutlich mit weit überhöhter Geschwindigkeit – sie erfasst. Sie hat keine Chance zu überleben.

Bremsen quietschen, es knallt und kracht. Grelles Licht fällt auf die Figur der Tänzerin – sie erstarrt. Das ist der Tod.

Und: Ihr Geliebter war daran wohl nicht unschuldig.

Im Film sieht man, dass er den Wagen in der menschenleeren Landschaft am linken Straßenrand geparkt hat. Sein rechtes Scheinwerferlicht vorn ist defekt. Sie will einsteigen, sich auf den Beifahrersitz setzen. Es herrscht aber Rechtsverkehr. Da kommt ihr das zweite Auto entgegen.

Unmittelbar zuvor gab sie ihrem Geliebten ihr Foto: lachend, tändelnd. Um zu sterben. Der zweite Wagen hätte sich rechts halten müssen. Der Fahrer ist schuldig, aber der Geliebte hätte dort nicht links parken dürfen. Er ist mitschuldig.

Darum träumt er nun von ihr wie von einer Obsession, klammert er sich an ihr Foto, ihn lässt die Erinnerung nicht los. Er kann ihren Tod nicht überwinden. Er ist in einen Bann geschlagen, depressiv und hilflos. Er hat Schuldgefühle.

In einer Szene rutscht er meterweit mit einem einzigen Schwung auf den Knien zu ihr heran. Um sie zu umklammern wie ein Ertrinkender seine Rettung. So eine Liebe!

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Matthew Golding hält Lucia Lacarra in „In the Still of the Night“ beim Ballett Dortmund. So berührend! Foto: Leszek Januszewski

Nur seine Erinnerung hält ihn überhaupt noch am Leben.

Dieser tragische Hintergrund macht den Tanzabend nachgerade zu einem Psychogramm des Liebenden.

Und schließlich kehren sich darin die Welten um:

Während er sie immer stärker begehrt und auch sinnlich immer stärker wahrnimmt, entfernt sie bzw. ihr Geist sich innerlich von ihm – und kann ihn bald zunehmend nicht mehr fassen, nicht mehr sehen.

Wie sie ihm hier entgleitet, aus seinen Armen, aus seinem Sinn, wie sie aus seiner Wahrnehmungszone entschwindet, ihn allein lässt und dennoch nach ihm ruft, mit ihrer künstlerischen Körpersprache, das ist unnachahmlich und war so noch nie im Tanz zu sehen.

Eine Trennung, sei sie durch einen Unfall oder durch etwas anderes verursacht, ist also keine Trennung im endgültigen Sinn. Die Beziehung flackert immer wieder auf, verfestigt sich sogar nach ihrem eigentlichen Ende, und umso grausamer ist jeder erneute Trennungsschub, der das Erleben der Realität anpasst.

Jede und jeder, die oder der schon mal ein geliebtes Wesen verloren hat, kann hier mitfühlen und fühlt sich erkannt.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Eine geisterhafte Begegnung: Lucia Lacarra und Matthew Golding in „In the Still of the Night“. Videostill vom Teaser / YouTube: Gisela Sonnenburg

Anders als in „Giselle“ ist die Trennung hier aber auch nicht endgültig. Dass die Liebende ihren Partner am Ende nicht mehr fassen kann – wie es umgekehrt zu Beginn der gemeinsamen Nacht der Fall war – verleiht der Beziehung eine reziproke, stetig im Wandel begriffene Auf-und-Ab-Nuancierung.

In den atemberaubenden Filmsentenzen ist die Geliebte denn auch als weiße Silhouette zu sehen, die ohne unterstützende Hilfe tänzerisch in der Luft schwebt, während live dazu das Liebespaar auf der Bühne eben dieselbe Hebung im Rahmen des Pas de deux vollzieht.

Die Beziehung ist vielschichtig – und die Videokunst hilft, das zu zeigen.

Allein schon die Videoarbeiten hätten vielleicht einen Preis verdient. Vor allem aber prädestinieren sich Lacarra-Golding hiermit für den ersten Prix Benois de la Danse, der einem Duo, also einem Team, verliehen werden sollte.

2003 erhielt Lucia Lacarra ihren ersten „Ballett-Oskar“, eben den Prix Benois de la Danse, der jährlich im Mai in Moskau verliehen wird.

Ein Jahr zuvor, 2002, gewann Matthew Golding den Youth American Grand Prix und ein Stipendium beim Prix de Lausanne. Fast eine Tänzergeneration liegt zwischen ihm und Lacarra, was der Ausgewogenheit ihres gemeinsamen tänzerischen Vortrags absolut zuträglich ist.

Glamourös: die Gala vom ersten YGP Germany

Superstar Lucia Lacarra und Matthew Golding in „After the Rain“ von Christopher Wheeldon – unvergesslich auf der ersten YGP-Gala in Berlin am 3.10.21. Foto: Gisela Sonnenburg

Und beide Künstler haben furiose Tänzerkarrieren hinter sich, haben an den großen Häusern dieser Welt getanzt, wobei Lucia Lacarra als Primaballerina insgesamt unzweifelhaft als Weltbeste zu reüssieren vermag. Und das nicht aufgrund hochgezüchteter Technik oder exaltierter Drill-Maßnahmen, sondern tatsächlich wegen ihres Ausdrucks.

In dieser Hinsicht hat sie sich auch in den letzten Jahren noch stetig weiter entwickelt und gesteigert. Man fragt sich wirklich, wie das überhaupt zu schaffen ist. Nur körperliche Eignung, nur körperliche Arbeit ist mit Sicherheit nicht die Ursache, auch wenn es ohne den  Körper im Tanz auch nicht geht.

Aber Lucia Lacarra ist das beste Beispiel dafür, dass Tanz im Kopf beginnt und mit der körperlichen Ausführung an sich noch lange nicht endet. Da flirrt etwas und schwirrt um sie herum, da geht eine Kraft, eine Magie, von ihr aus – das ist eine hochgeistige, künstlerische Wirkungsweise, die sehr persönlichkeitsgebunden ist und insofern unwiederholbar.

Auf der Bühne begreift ihre Figur schließlich, dass der Morgen kommt, der neue Tag, der die Nacht beendet – und dass es darum an der Zeit ist, den Geliebten auf Erden einstweilen zu verlassen. Es ist, als ende jetzt ein Kontakt aus dem Jenseits mit dem Diesseits – freilich ohne endgültiges Finish.

Dafür wird noch einmal der Film vom Beginn eingespielt. Wieder sitzt Matthew Golding cool und schön und dennoch irgendwie melancholisch versonnen auf dem Cabrio-Kühler. Wieder raucht er seine Zigarette zu Ende, drückt sie aus.

Langsam erwacht der Liebende, mit ihrem Foto in der Hand…

Doch dann steht plötzlich sie im grellen Licht da – im Tageslicht. Oder ist es das Licht des Todes?

Ist es die starke Erinnerung, die die Geliebte hier für einen Moment so real werden lässt? Oder war alles nur ein Alptraum, ein Alp aus Verlustangst?

Tatsächlich ist das Deutungssache, denn das Ballett von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding lässt hier Gedankenfreiheit.

Fakt ist: Sie trägt in dieser letzten kurzen Szene das Kostüm aus dem Roadmovie-Video, also den Rock der Swinging Sixties, den sie auch in der Todesszene trägt.

Wer stark mitgefühlt hat und sich dennoch nicht an den tragischen Tod der jungen Liebe gewöhnen mochte, kann jetzt hoffen und sich sagen: Es war zum Glück nur ein Traum.

Wer es aber realistisch fand, wie Matthew Golding die Depression tänzerisch gestaltet hat, kann nicht glauben, dass all das nur ein Traum gewesen sein soll.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Eine Frau und die Liebe des Universums: Lucia Lacarra, von Matthew Golding in „In the Still of the Night“ emporgehoben. Foto vom Ballett Dortmund: Leszek Januszewski

Dann bedeutet das Schlussbild, dass die Erinnerung, die bei Nacht auftaucht, auch den Tag dominieren wird – und in einer der nächsten schlaflosen Nächte erneut die übermächtige Liebe gegen die Banalität des Alleinseins beleben wird.

Aber ist es nur Erinnerung? Ist es nicht vielmehr eine spirituelle Verbindung zweier Seelen?

Darüber könnte man nun sicher diskutieren, auch darüber, wie weit eine solche Verbindung gehen kann.

Das Publikum der Dortmunder Ballettpremiere war jedenfalls dankbar und beglückt, und auch Ballettdirektor Xin Peng Wang, der sich übrigens eine neue Kurzhaarfrisur zugelegt hat, lächelte beseelt und mit Blumen im Arm, die er überreichte.

"In the Still of the Night" ist ein Weltballett mit Lucia Lacarra und Matthew Golding

Glücksgefühle auf der Bühne und im Publikum: Lucia Lacarra beim Applaus nach „In the Still of the Night“ beim Ballett Dortmund. Foto: Franka Maria Selz

Dortmund darf sich glücklich schätzen, diese deutsche Erstaufführung zu beherbergen. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als eine Weltsensation.
Franka Maria Selz / Gisela Sonnenburg

Mit freundlicher Unterstützung von Herrn Christian Sutter.

www.theaterdo.de

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