Das ultimative Weihnachtsgeschenk „Onegin“ von John Cranko mit Alicia Amatriain, Friedemann Vogel, Marcia Haydée und Jason Reilly sowie dem Stuttgarter Ballett kommt übermorgen als DVD heraus

Onegin - endlich als DVD

Alicia Amatriain und Friedemann Vogel im Schluss-Pas-de-deux von „Onegin“, so zu sehen auf der DVD, die jetzt mit dem Stuttgarter Ballett bei C Major erscheint. Foto/Still: Gisela Sonnenburg

Der Winter verliert seine Ödnis, denn jetzt kommt Onegin zu uns nachhause! Das Erscheinen dieser lang erwarteten DVD wurde bereits ein Mal verschoben, jetzt aber sehen wir sie kommen: Übermorgen soll sie auf dem Markt sein, die DVD mit dem Ballett „Onegin“ von John Cranko mit dem Stuttgarter Ballett in der Regie von Michael Beyer. Manche Ballettomanen kennen diese Arbeit bereits aus dem Kino, wo sie einmalig im vergangenen September gezeigt wurde. Aber im heimischen Puschenkino wird sie sich noch um Einiges besser machen, hat sie dort doch den Vorteil, gefühlt unendlich und grenzenlos verfügbar zu sein. Die technische Brillanz dieser Aufnahme ist unbestreitbar enorm, und dank eines vor allem hörenswerten „Bonus“-Programms erfährt man bislang kaum bekannte Hintergründe zu „Onegin“. Friedemann Vogel brilliert in der Titelrolle zudem mit seinem facettenreichen Tanztalent, Alicia Amatriain zeigt Herz und Leidenschaft als Tatjana, und der heißblütige, hier angemessen gebändigte Jason Reilly ist als Fürst Gremin der optimale Ehemann. Marcia Haydée, die Ikone der Uraufführung 1965/67, ist rührenderweise als Amme zu sehen! Und James Tuggle dirigiert die Partituren von Peter I. Tschaikowsky in der Bearbeitung von Kurt-Heinz Stolze souverän und zügig.

Und sollte jemand dieses weltbedeutende Tanzstück der modernen Ballettgeschichte noch nicht kennen, so ist dieses ein hervorragender Weg, sich damit anzufreunden.

Schließlich kommt die DVD als Nikolaus- oder Weihnachtsgeschenk natürlich wie gerufen, auch wenn die Aufzeichnung in der Nacht vom 30. Dezember 2018 auf den 31. Dezember auf arte läuft und danach dort online noch bis zum 28. Januar 2019 zu sehen sein wird.

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Besonders Vorsichtige können sie also solchermaßen vorab besehen, um sich dann für oder gegen den DVD-Kauf zu entscheiden. Dann wird es aber nix mehr mit der Pünktlichkeit des Weihnachtsmannes…

Die DVD versetzt einen wirkungsvoll ins Stuttgarter Opernhaus, und wer weiß, ob die silberne Scheibe, da das Haus renoviert werden wird, nicht schon deshalb nochmal eigenen Wert haben wird.

Onegin - endlich als DVD

Alicia Amatriain (als Tatjana, rechts) verlangt ihr Buch zurück: von Olga (Elisa Badenes, links). So zu sehen auf der DVD „Onegin“ von C Major Entertainment. Foto/Still: Gisela Sonnenburg

Wie ein liebenswert gemaltes Aquarell wirken die ersten Szenen, die auf dem Lande im russischen 19. Jahrhundert spielen. Tatjana, die älteste Tochter des Hauses, interessiert sich mehr für Bücher als für Jungs – bis sie auf den Dandy Onegin trifft, der ihre im übrigen vaterlose, also von Frauenpower geprägte Familie besucht. Ein von einem interessanten tänzerischen Gespräch begleiteter Spaziergang mit ihm, strotzend vor dramatischer Gestik, aber auch vor Flirt- und Hebefigur-Manövern, eröffnet der jungen Frau neue Welten.

Als Onegin ihr später im Traum erscheint, ist ihre Leidenschaft für ihn endgültig zementiert.

Onegin - endlich als DVD

Elisa Badenes und David Moore als Olga und Lenski – in der DVD-Aufzeichnung von John Crankos „Onegin“ durch C Major Entertainment. Foto/Still: Gisela Sonnenburg

Aber weder Onegin noch das Schicksal haben ein Einsehen: Er will sich nicht binden und gibt ihr ihren Liebesbrief auf äußerst verrohte Weise zurück. Sie mag immer noch nicht aufgeben und versucht, ihn mit einem entzückenden Solo für sich zu interessieren. Er explodiert fast vor Wut – und flirtet mir ihrer jüngeren Schwester Olga. Elisa Badenes tanzt diese Partie einer vorbildlich Leichtherzigen, deren Verlobter Lenski – vom edlen David Moore verkörpert – angesichts Onegins flotten Tänzen mit Olga vor Eifersucht rast.

Es kommt zum Duell der beiden einst befreundeten Männer, Lenski verliert dabei sein Leben. Damit sind die Bande zwischen Onegin und den beiden jungen Damen grundlegend zerrüttet.

Onegin - endlich als DVD

Es ist eine romantische Mondnacht, in der Schreckliches passiert: das Duell aus „Onegin“, zu sehen in der DVD von C Major. Foto/Still: Gisela Sonnenburg

Zehn Jahre später ist alles anders. Tatjana hat mit dem Fürsten Gremin den besten aller Ehemänner gefunden und durch die Heirat einen gesellschaftlichen Aufstieg vollzogen. Auf einmal ist sie für Onegin doch interessant – und er entflammt unvorhersehbar in heißer Liebe für sie.

Als es zum Showdown unter vier Augen kommt, gibt sie seinem verführerisch passionierten Drängen beinahe nach – aber eben nur beinahe.

Dieser Schluss-Pas-de-deux gehört zweifelsohne zum Besten, was je choreografiert wurde. Blicke, Griffe, Hebungen, gemeinsame und gegenläufige Bewegungen des Paares, welches keines wird, sind von ungeheuer faszinierender Kraft!

Alicia Amatriain und Friedemann Vogel kennen sich in dieser Klaviatur der Liebe künstlerisch bestens aus – und wirken in der Großaufnahme durch Michael Beyers Regie nochmals mitreißender.

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Aber Tatjana bleibt selbstverständlich Tatjana.

Letztlich besiegt sie ihr erotisches Verlangen nach Onegin und schickt den erschütterten Mann auf und davon.

Weinend und fast verrückt aus innerem Zwiespalt senkt Tatjana langsam die zu Fäusten geballten Hände: Sie hat ihre Begierde unterdrückt, aber die stille Sehnsucht nach einer Amour fou ist sie so schnell nicht los.

Es ist ein Manko der DVD, dass die Kamera hier nicht die berühmte Schlusspose in toto zeigt, also nicht ihre sich langsam ganz nach unten senkenden Unterarme mit den Fäusten, sondern sich auf Tatjanas, also auf Alicia Amatriains heulendes Gesicht konzentriert.

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Auch sonst gibt es, trotz aller Pluspunkte dieser Aufnahme, durchaus Gründe, ein wenig an der DVD zu mäkeln: Etwa, dass der Gazevorhang am Bühnenhorizont vor und während der Duell-Szene durch die Kameraugen wie Chiffon changiert. Er sollte aber eigentlich gar nicht als Vorhang erkennbar sein.

Ein weiteres Ungemach wurde nicht durch die Aufzeichnung, sondern durch die Stuttgarter Theaterwerkstätten verursacht: Die Farben der Stoffe für die Kostüme und Wandbespannungen sind teilweise deutlich zu grell gewählt – und gerade das Schlusskleid der Tatjana ist nicht uni, also einfarbig und wie aus einem Guss aussehend, was der Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose aber zwingend vorschreibt.

Man wird etwas stutzig beim ersten Anschauen der DVD, und das wirklich aufschlussreiche „Bonus“-Programm liefert dann die Bestätigung.

Onegin - endlich als DVD

Alicia Amatriain als Tatjana mit Jason Reilly als ihrem Gatten Gremin – wahre Liebe ohne tödliche Leidenschaft… zu genießen mit C Major auf der „Onegin“-DVD. Foto/Still: Gisela Sonnenburg

Jürgen Rose erzählt darin, wie es zu „Onegin“ kam, welche Anekdoten und Erfahrungen er damit verbindet, wie er selbst überhaupt dazu kam, Bühnen- und Kostümbildner zu werden, welche Rolle der Stuttgarter Ballettchef John Cranko dabei spielte – und wie sehr es ihm, also Rose, am Herzen liegt, dass die Stoffe, aus denen die Kostüme geschneidert werden, die richtigen Farbnuancen haben, wobei gerade die jeweilige Einfarbigkeit der Damenkleider von Bedeutung sei.

Rose ließ sich damals nämlich von Christian Dior und der Pariser Mode der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts inspirieren. Im Video-„Bonus“ schwärmt er von der beeindruckenden Eleganz, die nur dadurch zu erreichen sei, dass das Mieder und der gebauschte Rock dieselbe Farbe hätten. Alles andere wirke „bürgerlich“. Tatjana aber wurde durch ihre Heirat eine Fürstin.

Ob man dem nun zustimmt oder nicht: Es ist schon komisch, wenn Rose auf der DVD erklärt, das Mieder müsse aus Gründen der Eleganz exakt denselben Farbton haben wie der Rock – und dann tanzt Alicia Amatriain praktisch in einem Zweiteiler, was die Farbgebung angeht: ihr Mieder glänzt in einem satten Vollmilchschokoladenbraun, ihr Rock hingegen hat ein stumpfes, gebrochenes Graubraun zur Farbe.

Schön und gut angezogen wirkt sie darin dennoch – und entgegen Roses Empfinden wirkt sie in meinem auch nicht „bürgerlich“, sondern höchst gediegen in der Robe.

Anders verhält es sich mit den knallgelben Hängerchen des Mädchen-Corps im ersten Akt: Hier wird man fast geblendet von zwei quietschigen Gelbtönen, die vom Jahrmarkt oder aus dem Zirkus stammen könnten. Das zarte und feine Zitronenfaltergelb, das Rose aber wohl eigentlich haben wollte, wäre da eine Wohltat für die Augen.

Für journalistische Projekte wie das Ballett-Journal, das Sie gerade lesen, gibt es keinerlei staatliche Förderung in Deutschland. Wenn Sie das Ballett-Journal gut finden, bitte ich Sie hiermit um einen freiwilligen Bonus. Damit es weiter gehen kann! Im Impressum erfahren Sie mehr über dieses einzigartige Projekt, das über 500 Beiträge für Sie bereit hält. Danke! Aber nur, falls Sie Ihren Geiz besiegen…

Ansonsten wird furios und rasant getanzt und gewirbelt, vom Corps de ballet ebenso wie von den Solisten: wie es sich für „Onegin“ gehört.

Und: Man kann das Spiel der Akteure untereinander bestens durch die nah herangehende Kamera beobachten; die psychologischen Seiten der Inszenierung werden durch die Aufzeichnung betont.

Das ultimative Weihnachtsgeschenk ist die DVD in jedem Fall für Ballettfans: Man hat lange genug darauf gewartet.

Onegin - endlich als DVD

Noch ein Blick auf die Schluss-Szene von „Onegin“, auf der DVD von C Major. Alicia Amatriain und Friedemann Vogel reißen mit. Aaaaaaah! Foto/Still: Gisela Sonnenburg

Nur das dünne DVD-Booklet enttäuscht noch ein wenig, denn die Stuttgarter Ballettrezensentin Angela Reinhardt bleibt in ihrem Kurztext unter ihrem bekannten Niveau. Vielleicht hätte man besser ihre Kollegin Andrea Kachelrieß um einen solchen Beitrag bitten sollen: Kachelrieß bewies in letzter Zeit deutlich mehr Gespür für Ballett und Sprache als Reinhardt.

Jetzt aber ranhalten und eine „Onegin“-DVD erwischen, bevor sie womöglich vergriffen ist! Schließlich befindet Marcia Haydée, der man da nicht widersprechen möchte: „’Onegin’ ist das perfekte Ballett.“

P.S. Weitere Beiträge zum Stück gibt es bitte hier und hier und hier und hier and here und hier und hier  und hier  and here und hier und hier und hier  sowieso!
Gisela Sonnenburg

„Onegin“, gefilmt in Ultra High Definition mit dem Stuttgarter Ballett, erscheint am 23.11.2018 bei dem Berliner Label C Major

www.c-majorentertainment.com

Und hier startet „Onegin“ im Fernsehen: in der Nacht vom 30. auf den 31.12.2018 bei arte um 0.40 Uhr

www.arte.tv

ballett journal