Brillanz im zweifachen Sehnsuchtsformat Das Bayerische Staatsballett zeigt am Sonntag zwei Mal „Onegin“ – eine Doppelvorstellung zum Überleben des Sommers

Von "Onegin" bekommen echte Fans niemals genug!

Weltschmerz, späte Liebe und große Geste! Er kann den „Onegin“, das ist sicher: Cyril Pierre, der in Marseile einst ein „Étoile“ war, kennt die Rolle gut und seit Jahren. Aber immer wieder ist es für ihn und sein Publikum aufregend, ihn in der Titelrolle zu sehen! Foto: Charles Tandy

Was wäre unsere heutige Ballettwelt ohne „Onegin“! Der Dandy, dem John Cranko sein stärkstes Meisterwerk widmete, gehört zum Überlebenselixier der nach Brillanz im Sehnsuchtsformat süchtigen Ballettomanen unserer Tage – denn je spannungsgeladener eine Liebesgeschichte ist, umso besser, und die Geschichte von Tatjana und Onegin birst geradezu vor Spannung. Das Bayerische Staatsballett gönnt den Kennern unter uns Fans eine Doppelvorstellung „Onegin“: eine am Nachmittag und eine am Abend, beide am kommenden Sonntag. Wenigstens eine der beiden Aufführungen sollte man als richtiger „Onegin“-Freak besuchen – und ordentlich damit auftanken! Denn es sind die vorletzten Vorstellungen des beliebten Dreiakters in Deutschland in dieser Saison.

Das Stück hat soviel zu bieten: berauschende Fest- und Ballszenen, psychologisch interessante Zerwürfnisse, familiäre Bindungen und Konflikte, auch komisch angelegte Zwiste und Versöhnungen, schließlich ein Duell – all das ist jedes für sich schon ein Grund, das abendfüllende Ballett nach dem Versroman von Alexander Puschkin immer wieder zu sehen. Denn dem Choreografen John Cranko gelang es in langwieriger Feinarbeit, hier alles auf den Punkt zu bringen.

Er war seiner Zeit weit voraus, schuf mit dem Ballett, dessen heute getanzte Version von 1969 ist, ein Szenario der Gefühle und emotionalen Machtverhältnisse, wie sie erst heute, im 21. Jahrhundert, vollauf nachvollzogen und verstanden werden. Dass das Stück im 19. Jahrhundert spielt, erleichtert es, die Sache mit Distanz und dennoch romantischem Schmelz zu betrachten. Schließlich tun Wahrheiten mitunter auch weh – und der „Onegin“ bietet wohl den meisten Menschen insgeheim auch Gelegenheit zur Selbsterkenntnis.

Von "Onegin" bekommen echte Fans niemals genug!

Im Solo zeigt Onegin Tatjana, wie er die Welt sieht: Auf dem Foto tanzt noch einmal der berückende Cyril Pierre die Titelrolle. Foto: Charles Tandy

Die üppigen Kostüme und das Bühnenbild – beides von der lebenden Ausstattungslegende Jürgen Rose – tun ein übriges, um einen den Kosmos einer unerfüllten Liebe sinnenhaft begreifen zu lassen. Die Musik – die aus ausgewählten Stücken von Peter I. Tschaikowski besteht, welche durch Neuorchestrierung und Collagierung nachgerade cineastisch überhöht wurden – hat ohnehin die Sogwirkung eines akustischen Strudels: melodisch und mit aufwühlenden tragischen Akkorden durchsetzt, ist sie von hypnotisierender Vereinnahmung.

Die Nachmittagsvorstellung bietet mit Cyril Pierre in der Titelpartie und Daria Sukhorukova als seiner Tatjana ein Paar, bei dem sich Charme und Grazie auf hohem Niveau treffen. Cyril Pierre tanzt den Onegin bereits seit 2002; damals kam er mit seiner damaligen Lebensgefährtin Lucia Lacarra zum Bayerischen Staatsballett. Für ihn war und blieb es eine Traumrolle – er kann sich mit Onegin hervorragend identifizieren und hat große Lust daran, dessen psychologische Befindlichkeit nach allen Regeln der Kunst dem Publikum zu vermitteln.

„Onegin ist ein Aristokrat“, sagt Cyril Pierre mit energiegeladener Stimme. „Er ist nicht einfach nur arrogant, sondern er glaubt zunächst wirklich, den anderen Menschen in seiner Umgebung überlegen zu sein.“ Schließlich habe er Geld und alles, was er sich wünsche – kurz: Onegin, der Lebemann, ist verwöhnt.

Von "Onegin" bekommen echte Fans niemals genug!

Als sie sich kennen lernen, ist die junge Tatjana gleich in den welterfahrenen Dandy Onegin verknallt. Kein Wunder, dass das so einfach nicht ist… Foto: Charles Tandy

Tatjana hingegen ist jung und ziemlich unerfahren, als sie Onegin trifft und sich Knall auf Fall in ihn verliebt. Aus dieser Gegensätzlichkeit entwickelt sich rasch eine starke Anziehungskraft, die dann vermutlich ein Leben lang hält, auch wenn sie niemals eingelöst wird. Eine komplizierte und darum umso intensivere Liebesgeschichte!

Cyril hat viel mit Daria gearbeitet, die diese Rolle erst seit dieser Saison tanzt. Er kommt ursprünglich aus Frankreich, sie aus Russland. Er begann, schon bei Roland Petit, früh ein Star – ein Étoile – zu werden; sie hatte ihr erstes Engagement nach der Ausbildung an der Waganova-Akademie am Mariinsky Theater in Sankt Petersburg. Eine schöne internationale Mischung – die Hochkarätigkeit dieses Tanzpaares dürfte jedem einleuchten!

Daria Sukhorukova tanzt die Tatjana zudem mit munterer, aber auch tiefsinniger Miene: als nachdenkliche, etwas frühreife Persönlichkeit. Graziös und akkurat und mit zauberhaften Arabesken und Attitüden gesegnet, vermag sie das tiefsinnige Temperament der schönen jungen Frau mit besonderer Anmut darzustellen.

Doch erst, wenn Onegin am Ende erkennt, dass diese auf ihn zunächst so unbedarft wirkende junge Frau sein Lebensglück hätte werden können, erreicht die Beziehung zwischen Tatjana und Onegin ihren Höhepunkt.

Aber dann ist es zu spät, als dass Onegin und Tatjana noch ein glückliches Paar werden könnten. Als sie sich ihm stürmisch schon im ersten Akt des Stücks offenbarte, schickte er sie weg – und bemerkt erst zehn Jahre später ihre großen emotionalen Qualitäten. Doch da ist sie bereits glücklich mit einem anderen verheiratet, und auch wenn sie Onegin noch immer liebt, so will sie ihre Ehe und auch ihre Ehre keineswegs opfern.

Cyril Pierre sieht darin eine philosophische Botschaft: „So wie Onegin ergeht es vielen Menschen. Sie suchen das Glück – aber wenn sie es haben, dann bemerken sie es nicht.“ Für Cyril ist „Onegin“ darum „ein Drama übers Glück und die Glückssuche“. Und ein Cyril Pierre weiß genau, wie er das tänzerisch und darstellerisch fein ausfüllen kann!

Von "Onegin" bekommen echte Fans niemals genug!

Und auch er kennt die schwierige gefühlige Lage des Onegin ganz genau: Marlon Dino, der mit Partnerin und Gattin Lucia Lacarra eine ganz besondere Bühnenbeziehung entwickelt hat. Foto: Wilfried Hösl

In der Abendvorstellung dann werden vor allem die heißblütigen Fans des weltberühmten Ballettpaares Lucia Lacarra und Marlon Dino sitzen. Die beiden kommen gerade aus der Babypause – und Lucia hat zwar schon kleinere Auftritte in jüngster Zeit absolviert, aber die Tatjana ist jetzt ihre erste abendfüllende Rolle nach der Geburt ihrer Tochter.

Die zarte, bildschöne Spanierin, die das Stück früher mit Cyril Pierre tanzte – was eine bezaubernde Sache war – hat mit ihrem heutigen Ehemann, dem jüngeren Marlon Dino, der in Albanien geboren wurde, eine ganz besondere Bühnenpartnerschaft aufgebaut. Es ist schwer zu beschreiben, was da abgeht, wenn die zwei zusammen tanzen – aber ich kann mir kein Publikum in der ganzen Welt vorstellen, dass da nicht einfach nur dahin schmilzt vor Beglückung und tiefster Empfindung.

„Onegin“ war das erste große Ballett, dass Lucia, die damals schon zu Recht ein Weltstar war, mit Marlon Dino als Partner tanzte. Und – die beiden verliebten sich während der Proben ineinander!

Da möchte man fast das Drehbuch, also das Libretto geändert sehen. Aber nur fast, denn Leben und Kunst dürfen sich im Handlungsablauf gern voneinander unterscheiden, und wenn es so ist wie hier, ist es ohnehin optimal.

Wie ist denn Lucias Auffassung von ihrer Rolle? „Ich denke, Tatjana ist innerlich noch sehr jung, wenn sie Onegin zum ersten Mal begegnet“, sagt mir die tolle Lacarra im Interview: „Sie ist romantisch durch und durch, sie liest romantische Bücher, und sie hat romantische Vorstellungen von der Liebe. Aber dann verliebt sie sich in einen Mann, den sie überhaupt nicht kennt.“

Von "Onegin" bekommen echte Fans niemals genug!

Die Duellsituation bringt Tatjana (Lucia Lacarra) und Onegin (Marlon Dino) auseinander – denn Onegin erschießt den Verlobten von Tatjanas Schwester. Foto: Charles Tandy

Es ist eine Schocksituation, so eine Liebe. Und erst, nachdem Onegin in einem Duell seinen Freund Lenski erschießt, so Lucia, könne Tatjana realisieren, dass die Fantasiegestalt, die sie so liebt, nicht der Onegin aus dem wahren Leben ist.

Als er zehn Jahre später erneut in Tatjanas Leben auftaucht, ist sie eine gereifte Frau, die eine harmonische Ehe führt und so Einiges vom Leben mitbekommen hat. Dennoch: Als Onegin Tatjana unter vier Augen trifft und dramatisch um sie wirbt, gleichen manche seiner Bewegungen und Hebungen dem Fantasie-Onegin aus ihrem Jung-Mädchen-Schlafzimmer.

Damals träumte Tatjana den „Spiegel-Pas-deux“ mit Onegin als wörtlichem Traumpartner – und fühlte sich damit erstmals als Frau erotisch beglückt. Dann, im dritten Akt, fällt ihr dieser Mann in ähnlicher Manier zu Füßen – aber es ist zu spät für sie, um ihn zu erhören.

Marlon Dino hat eine sehr schöne Interpretation des Traumes der jungen Tatjana: „Ich denke, es ist eine Als-ob-Situation. Die beiden tanzen, was sein könnte!“ Ein Pas de deux im Konjunktiv also – wunderbar. Darum wirkt er so interessant und berauschend, so faszinierend und surreal zugleich.

Und darin gibt es folgende Passage: Onegin hebt Tatjana, von hinten kommend, ganz hoch, sie bleibt dabei stehen, ein Bein durchgestreckt, das andere gebeugt. – Eine ähnliche Figur bilden übrigens Titania und Oberon in John Neumeiers Ballett „Ein Sommernachtstraum“, und auch dieses Stück haben Lucia Lacarra und Marlon schon zusammen getanzt. Die höchste Liebe, die ein Mensch im Traum nur fühlen kann, wird so auf ballettöse Art rezitiert.

„John Cranko war sehr intelligent, als er Onegin am Ende tatsächlich einen Teil des Traumes choreografisch wahr werden ließ“, sagt Marlon Dino, der sich ebenso wie Lucia, Cyril und Daria eingehend mit dem Ballett „Onegin“ und seiner Figurenentwicklung beschäftigt hat. „Eine Menge eindrucksvoller Paare haben schon Onegin und Tatjana getanzt“, sagt Marlon: „Das Faszinierende an ihrer Liebesgeschichte ist, dass jeder seine eigene Sicht darauf haben kann.“

Marlon Dino war 26 Jahre jung, als er 2007 erstmals den „Onegin“ tanzte. Er habe damals nicht so viel Lebenserfahrung gehabt wie ein typischer Onegin eigentlich hat, sagt er heute. Aber er hatte schon die Erfahrung eines radikalen Wechsels der Lebensverhältnisse, weil er als ganz junger Mensch aus Albanien nach Europa kam: „Was ich damals in kurzer Zeit lernen und verstehen musste, war viel – und diese Erfahrung half mir beim Gestalten des Onegin.“

Von "Onegin" bekommen echte Fans niemals genug!

Hier tanzen Lucia Lacarra und Marlon Dino im ersten Akt von „Onegin“: Sie ist noch etwas unreif, was er zunächst nicht allzu reizvoll findet… Foto: Thomas Kirchgraber

„Immerhin muss Onegin“, so Marlon, „gegen all seine Gewohnheiten, ja sogar gegen sein eigenes Weltbild verstoßen, als er zu Tatjana kommt, um um sie zu werben.“ Dieser Dandy dachte ja immer, er hätte alles gehabt, was er wollte. Dass keine der vielen Damen, die ihn interessierten, wirklich zu ihm passte, erkennt Onegin viel zu spät – und muss am Ende auch dieses einsehen: dass es zu spät ist.

Die entsprechend diffizilen Gefühle und Gedanken in sich zu entdecken, sagt Marlon, habe Lucia ihm geholfen. Abschließend gibt er die Maxime preis, nach der er generell arbeitet: „Man sollte gar nicht erst versuchen, die Rolle zu spielen. Man sollte sie sein!“

Ob Onegin und Tatjana einander je werden vergessen können, will ich noch wissen. Das sei nicht der entscheidende Punkt, werde ich von Lucia und Marlon belehrt: „Es geht darum, jemanden mehr zu lieben als sich selbst.“ Das ist mindestens eine Sonntagsvorstellung wert!
Gisela Sonnenburg

Am Sonntag, 14.6., um 15 Uhr (mit Cyril Pierre und Daria Sukhorukova) und um 19.30 Uhr (mit Marlon Dino und Lucia Lacarra) im Nationaltheater, München

Und noch einmal am 1. Juli abends – mit Lucia Lacarra und Marlon Dino, Nationaltheater München 

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