Ein Romeo für alle Fälle Eine Sonntagssensation: Das Stuttgarter Ballett tanzt „Romeo und Julia“ von John Cranko auf arte

Das beliebteste Liebespaar aller Bühnenwelten im Ballett im Fernsehen: „Romeo und Julia“, hier von David Moore und Elisa Badenes verkörpert, tanzen in der Choreografie von John Cranko auf arte. Bravo! Foto / Faksimile von arte: Gisela Sonnenburg

Weltweit dürfte das keinen Ballettfan kalt lassen: Das Stuttgarter Ballett brilliert mit dem unverwüstlichen Shakespeare-Ballett „Romeo und Julia“ von John Cranko auf arte. Und zwar in einer sehr schön gemachten, einfühlsamen Bildregie von Michael Beyer – und nur die späte Uhrzeit, die die Nacht zum Tage macht, ist hier eine Bremse. Wer den Termin am Sonntag, 12. August 2018, um 23.45 Uhr verpasst, kann sich aber ans Internet (arte.tv) halten, wo die Aufzeichnung noch bis zum 10. September 2018 zu sehen sein wird. Oder man kauft sich die DVD, die schon 2017, im Jahr der Aufzeichnung, erschien. Elisa Badenes und David Moore tanzen die Titelrollen, und als special guests sind Reid Anderson als Vater Capulet, Egon Madsen als Pater Lorenzo und Marcia Haydée herself als Julias Amme zu bewundern!

Der Mond schwebt in violett angehauchtem Blau über der nächtlichen Szene. Die zarte Julia wandelt auf der einsamen Brücke voller Blumen, verzaubert vom Rausch der ersten Verliebtheit. Und wie es sich auf der Bühne gehört, naht ihr Galan auch schon, wie magnetisch angezogen von ihren guten Gedanken: Der schöne Romeo eilt mit wehendem Umgang heran, legt seinen rote Mantel ab und erstrahlt in unschuldigem Prinzenweiß vor ihr. Das Hemd hat er locker überm Bauchnabel verknotet, er ist ein moderner Liebhaber mit Latin flair – und er weiß sehr wohl um seine Wirkung.

Romeo und Julia auf arte

David Moore als Romeo, nachdenklich nach der Liebesnacht mit Julia auf der Bettkante. Foto / Faksimile von arte: Gisela Sonnenburg

David Moore ist ein Romeo für alle Fälle – mit Grazie und Sexappeal umgarnt er seine begehrte Julia, und die zahlreichen Hebungen dieses weltberühmten Pas de deux absolviert er mit der Freude eines heißen Jungen über seine wichtigste Eroberung. Seine Sprünge sind voller Inbrunst, seine Posen voller Ästhetik, seine Balancen streben in die Unendlichkeit, und sein burschenhaftes mimisches Spiel ist von der leichtfüßig-leichtsinnigen Lebensart des Shakespeare’schen Romeo geprägt.

Wer könnte da widerstehen? Elisa Badenes als Julia zeigt wunderbar, wie ein junges Mädchen dahin schmilzt. Von ihren schönen Füßen bis zu den feingliedrigen Händen, vom Kopf bis zur kleinen Zehe ist sie die Verliebte durch und durch. Nur in den Armen ihres Romeo scheint sie sich so richtig wohl zu fühlen; willig lässt sie sich führen, heben, drehen, werfen, umarmen, küssen.

Ihre saubere Beinarbeit und ihre sanften Ports de bras vor allem, wenn sie auf seinen Schultern oder Schenkeln sitzt, machen sie zu einer Königin der Nacht aus Liebe.

Kein Cambré einer Ballerina könnte edler ausfallen, kein Spagatsprung anmutiger. Elisa Badenes ist Julia, als sei das Stück für sie choreografiert – und dabei schuf Cranko seinen Dauerbrenner in Stuttgart schon 1962, es wurde sein Durchbruch in die große weite Welt des Ruhms.

Heißblütig und leidenschaftlich: „Carmen la Cubana“ reißt mit, bietet Tanz und Gesang vom Feinsten – und zeigt die Geschichte von Liebe und Tod mal ganz anders als in der Oper gewohnt. Das kann nur Musical! Und hier geht es flink zu den Tickets… Viel Vergnügen! Faksimile: Anzeige

Marcia Haydée war seine Muse, sie tanzte auch die Julia, und sie bezauberte 1969 bei einem Gastspiel in den USA auch das Publikum der neuen Welt. In Zeiten, in denen es noch keine Video- und Youtube-Möglichkeiten frei Haus gab, waren solche Auftritte jenseits der Heimat enorm wichtig. „Romeo und Julia“ machte das Stuttgarter Ballett zu einer Marke, und das geflügelte Wort vom „Stuttgarter Ballettwunder“ ist in jener Zeit begründet – und hält bis heute an.

Das beweist diese Aufzeichnung einmal mehr. Denn auch die Gruppenszenen sind voll Leben und dennoch Akkuratesse – der technische Standard erhöhte sich seit der Uraufführung ja immens, und Cranko wäre sicher sehr stolz zu sehen, was man heutzutage aus seinen Werken macht, gerade auch in dieser Verfilmung.

Der ausgezeichnet und mit viel Herz gecoachte Lilientanz der Mädchen an Julias morgendlichem Bett ist sogar allein schon das Anschauen der ganzen Aufzeichnung wert! So viel geballte Lieblichkeit…

Richard Cragun tanzte bei der Uraufführung den männlichen Titelpart, und an seine starke dynamische Energie ist so schnell nicht heranzukommen. Aber David Moore kreiert einen eigenen

Romeo-Typus, und warum sollte dieser nicht so lyrisch-poetisch und zugleich sympathisch-burschikos sein?!

Romeo und Julia auf arte

Sie fliegen dahin, die Verliebten: Romeo und Julia alias David Moore und Elisa Badenes vom Stuttgarter Ballett. Foto: Stuttgarter Ballett

La Haydée schließlich sprühte als Julia nur so vor Lebenslust lauter Funken in die Sphäre – dagegen ist Badenes ein braves Mädchen. Aber so ist das nun mal, das Ballett spiegelt auch den Zeitgeist. Und wenn man, wie die heutige Ballettwelt, ein Höchstmaß an technisch-akrobatischem Können sehen will, muss man Abstriche beim Charakterspiel und beim Temperament machen.

Insofern ist auch diese virtuose Show ein willkommener Anlass, eine zweite Ballettszene zu fordern, in der es weniger um Technik und dafür stärker um Natürlichkeit geht.

Das soll das Vergnügen am jüngsten Stuttgarter Wunderwerk aber nicht schmälern. Reid Anderson (der soeben verabschiedete Ex-Intendant vom Stuttgarter Ballett) als Julias Vater, der immer noch ausdrucksstarke Egon Madsen als Pater Lorenzo und die hier ultrakomische Marcia Haydée als Amme steigern den Genuss, gerade für Kenner, nochmals um einige Grade.

Anderson ist denn auch ein köstlich präsenter Akteur, und Marcia, ach, Marcia, diese lebende Legende, wünscht man sich sowieso immerzu herbei.

Der Krieg der beiden Clans, der Capulets – also Julias Familie – und der Montagues – also Romeos Verbund – ist mit energischen Kampfszenen dennoch auch spielerisch gezeichnet: Cranko erzählt vom Alltagstreiben, nicht von den Ausnahmesituationen, wenn er das öffentliche Leben beschreibt.

Romeo und Julia auf arte

Das Ensemble vom Stuttgarter Ballett begeistert – mit Gruppenszenen wie dieser in „Romeo und Julia“ von John Cranko. Foto / Faksimile von arte: Gisela Sonnenburg

So gibt es viel zu schmunzeln und zu lachen, einiges zu bestaunen – wie etwa die häufigen, rasanten Fechtszenen – und vor allem hemmungslos mitzulieben.

Jürgen Rose, der bis heute in seinem Gesamtwerk fürs Ballett unerreicht ist, schuf hiermit als junger Mann eine seiner ersten Ausstattungen mit Ewigkeitswert.

Interessant ist übrigens der Vergleich dieser Inszenierung mit der des Stücks durch John Neumeier von 1971/74, für den Rose ebenfalls in nicht zu steigernder Weise Kostüme und Bühnenbild erschuf.

Einige Trailer aus dem Internet können hierbei helfen:

https://www.youtube.com/watch?v=mIoGfKlwZZ4

https://www.youtube.com/watch?v=5Xl3GkM625Y

https://www.youtube.com/watch?v=mIoGfKlwZZ4&start_radio=1&list=RDmIoGfKlwZZ4

https://www.youtube.com/watch?v=vb6wNsyziak

Man sieht: Die Neumeier-Inszenierung ist weniger grell, weniger knallig, weniger bunt, dafür heller, charismatischer, psychologischer, moderner.

Zu einem Vergleich gehören aber zwei, und das Cranko-Werk mit seinen grotesken Narren im wilden Straßentanz und seinen hinreißenden Pas de deux hat selbstredend auch seinen Eigenwert.

Das letztlich tödliche Geschehen belehrt dann einmal mehr, dass die wahre Liebe in einer Warenwelt nicht wirklich überleben kann. Geld oder Liebe – diese Frage ist stets existenziell.

Und: Worüber streiten sich die Capulets und Montagues eigentlich? Shakespeare gibt keinen eindeutigen Hinweis, aber bestimmt geht es dabei auch um Geld und Macht…

Romeo und Julia auf arte

Julia (Elisa Badenes) in der Schlussszene: kurz vor ihrem Tod aus Liebe. Foto / Faksimile von arte: Gisela Sonnenburg

Dramaturgische Fehler im Ballett, die das Theaterstück nicht aufweist – etwa, dass ohne reitenden Boten kein sinnvoller Plan für Romeo und Julia erkennbar ist, der dann durchkreuzt werden könnte, oder dass die Gruft für Romeo heimlich und problemlos zugänglich ist, für Julia aber keinen Ausgang bietet – muss man gnädig übersehen.

Die Wucht der Choreografie, die bewegende Musik von Sergej Prokofjew (im bewährten Dirigat von James Tuggle) und das geschmackvolle Dekor lassen einen aber ohnehin den Handlungsablauf nahezu vergessen.

Das hier ist so richtig was zum Schmachten, es weckt die Lebensgeister und den Glauben an das Gute. Gerade wegen des traurigen Endes!
Gisela Sonnenburg

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Weitere, auch längere Texte zu diversen Inszenierungen von „Romeo und Julia“ – auch zu der von Cranko – gibt es hier im Ballett-Journal, bitte googeln!

www.arte.tv

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